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Huch, wer kommt da von draußen rein? Christkind-Umzug im Elsass, 19. Jahrhundert.
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Huch, wer kommt da von draußen rein? Christkind-Umzug im Elsass, 19. Jahrhundert.

Brauchtum

„Ein wohlmeinender Schwindel“

Wie kam es dazu, dass vor allem in Süddeutschland der gestrenge Nikolaus vom liebreizenden Christkind abgelöst wurde? Und welche Rolle spielten dabei Kirche, Adel und andere Obrigkeiten?

Am Anfang war die Umdatierung: Die frühe christliche katholische Kirche in Rom verlegte im Jahr 432 die Feier der Geburt Christi vom 6. Januar auf den 25. Dezember. Damit war ihr Hauptfest auf Weihnachten festgelegt, aber noch nicht die Beschenksitte mit dem Weihnachtsfest verbunden. Denn noch über 1000 Jahre später wurde der Brauch des Beschenkens der Kinder an Weihnachten von Luther seit etwa 1535 als Alternative zur bisherigen Beschenksitte am Nikolaustag propagiert. Mit diesem reformatorischen Ansatz sollte das Kinderherz auf die Gestalt Jesu fokussiert werden: Der Herr und Heiland, Christus selbst, als Quell aller irdischen Freude und Beschenker der Kinder.

Die Idee vom „Christkind“ als Gabenspender war geboren und es trat als engelhafte Gestalt anstelle der Verehrung des Heiligen. Den Kindern machte man weiß, das Christkind komme durchs Fenster vom Himmel geflogen und brächte die Geschenke. (...)

Einem Tatsachenbericht eines Straßburger Bürgers um 1625 zufolge, handeln die Eltern als heimliche Gabenspender ihrer Kinder. Der erste Beleg für den Schenkbrauch der zu Weihnachten Christkind-spielenden Eltern lautet: „Uff Nicolay und zu Weinnachten pflegt das Christkindlein umb zu fahren (es seindt aber nur der Kinder ihre Eltern), die dann allerley specerey und andere sachen einkauffen, und es dann bey nacht, so die kinder im schlaff seindt, in die körb, schüsseln und schuch und in andere sachen legen, die kinder damit zu erfreyen.“

Christkind-Umzug in der Pfalz, Holzstich 19. Jahrhundert.

Der wohlmeinende Schwindel der Erwachsenen scheint bei den Kindern schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts perfekt zu funktionieren, wie diese anmutige Schilderung zeigt. Zwar ist dies für den Straßburger Münsterprediger Johann Konrad Dannhauer ein Betrug, doch kein verbotener, da die Kinder noch nicht über den vollen Gebrauch des Verstandes verfügen. (...)

Allmählich ersetzte schließlich ein persönlich auftretendes Christkind, das von einem Esel begleitet wird, die bisher im Verborgenen tätigen Eltern. Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans (1652 – 1722), bekannt als Liselotte von der Pfalz, erinnert sich in einem Brief vom 11. Dezember 1708 an das weihnachtliche Brauchtum, wie sie es auch am Hof‘ zu Heidelberg kennengelernt hatte: „Ich weiß recht gut, was St. Nikolaus in ganz Deutschland bedeutet... ‘ aber ich weiß nicht, ob Ihr ein anderes Spiel habt, das jetzt noch in Deutschland üblich ist; man nennt es Christkindel, das bedeutet: L’Enfant-Christ.“

Liselotte von der Pfalz liefert damit ein Zeugnis für die allgemeine Verbreitung des neuen Weihnachtsbrauchtums und dafür, dass Nikolaus und Christkind gleichzeitig nebeneinander als Gabenspender bestehen. Die Christkindbescherung ist um 1700 in der Pfalz zwar schon in Übung, aber trotzdem ist die herkömmliche Nikolausbescherung nicht vollständig verschwunden.

Erst mit der Reformation spaltete sich das bis dahin weltanschaulich und kulturell einheitliche Abendland in zwei Teile. Damit beginnt auch für das Nikolausbrauchtum ein neuer Entwicklungsabschnitt. Seither bietet sich ein buntes Bild nebeneinander stehender Brauchtumsformen, in denen mal der Nikolaus, mal das Christkind, jeder allein oder auch beide gemeinsam, mit oder ohne andere Begleiter, ihre verschiedenen Akzente setzen.

Einige Jahrzehnte zuvor wurde das Christkind noch als Gabenbringer und Nikolausersatz propagiert, jetzt wurde es selbst zum Gegenstand der Kritik und zum Anlass für obrigkeitliche Verbote. In den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts schlägt die Kritik des Straßburger Predigers Johann Konrad Dannhauer um in offene Feindseligkeit gegen den Volksbrauch. Er verurteilt die Bescherung durch das Christkind mit harschen Worten „als Phantasey, ja Abgötterey“. (...)

Was war vorgefallen? Wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass des Sittenpredigers Kampf gegen den Christkindbrauch siegreich endete, wie der Ratsbeschluss der Stadt Straßburg auf Begehren des Kirchenkonvents zeigt: „Mit der Unordnung, so mit dem sogenannten Christkind vorgeht“, soll es ein Ende haben. Die Pfarrer hatten dies ex cathedra, von der Kanzel herab, zu verkünden. Auch im reformierten Mühlhausen fiel das Christkind gegen Ende des Jahrhunderts sogar unter Androhung einer Strafe der Geistlichkeit zum Opfer. (...) Doch die meisten Volksbräuche waren selbst unter Androhung von drastischen Strafen nicht abzuschaffen, das Christkindbrauchtum sollte dabei keine Ausnahme sein.

Helmut Seebach: Kleine Kulturgeschichte Europas. Das Erbe der Schweizer Reformation. Bachstelz Verlag 2020, 282 S., 30 Euro

Dem kindlichen Gemüt kann vielleicht noch der Widerspruch zugemutet werden, dass das Jesuskind an dem Tag geboren wird, an dem die Kinder gleichzeitig von ihm Geschenke empfangen. Die Grundfeste der kirchlichen Glaubenslehre musste es aber kräftig ins Wanken bringen, wenn das Gaben bringende Christkind mit dem Christuskind gleichgesetzt wurde. Ein wichtiger Grund für die obrigkeitlichen Verbote des Christkindes mag gewesen sein, dass diese Vermummungen und nächtlichen Umzüge nicht den Sittenvorstellungen der Zeit entsprachen. Man befürchtete wohl eine Gefährdung der Jugend, wenn nächtens Jungen und Mädchen zusammenkamen. (...)

Es war immer die Obrigkeit, die bestimmte, was als unchristlicher Schabernack und was als frommer christlicher Brauch zu gelten hatte. Die Menschen blieben in ihrem religiösen und brauchtümlichen Verhalten davon zumeist unbeeindruckt. (...) Allerdings hatte die revolutionäre Umwälzung infolge der Reformation im Elsass zur Folge, dass der „katholische“ Nikolaus amtlich verboten wurde und durch das „protestantische“ Christkind ersetzt werden sollte.

Im Volk blieb aber der Nikolaus als Geschenkeüberbringer ebenfalls populär. So schlug der verordnete Austausch fehl und führte zum heute üblichen Einkehrbrauch mit zwei Figuren. Mit der Folge: als erstes „ökumenisches Paar“ in der Kulturgeschichte treten beide gemeinsam auf, wenngleich sie dabei arbeitsteilig vorgehen: es lobt und beschenkt – er tadelt und straft. Seither gehören Christkind und Nikolaus oder einer seiner zahlreichen Stellvertreter wie der Pelznickel und Konsorten zu den traditionellen weihnachtlichen Maskenfiguren, mit denen sich die Beschenksitte in brauchtümlicher Inszenierung abspielt. (...)

Das Zusammenwirken verschiedener Faktoren ließ das Weihnachtsfest zu einem intimen Fest der Familie werden, zu dem sie sich unter dem Weihnachtsbaum an Heiligabend versammelt: die gefühlsbetonte Naturverbundenheit der Romantik, die Pflege des Familienlebens im Biedermeier und das politisch und wirtschaftlich erstarkende Bürgertum im 19. Jahrhundert.

Das „Hochfest“ des Familienlebens im Jahreslauf bedarf in der heutigen Zeit nicht des performatorischen Spiels eines Einkehr- und Beschenkbrauches mit Maskengestalten, ein Ereignis, das damit aus dem öffentlichen Raum in die private Stube getragen würde. Die Familienweihnachtsfeier wäre wohl gestört, man würde sich belästigt fühlen. Wer würde heute an Heiligabend die Haustür öffnen, wenn es schellt, und das personifizierte Christkind und seinen Begleiter hereinbitten? Was wäre das für eine Bescherung! Nein, das Christkind und seine Begleiter gehen heute nicht mehr an Heiligabend um. Auch sie bleiben zuhause und feiern dort – Weihnachten.

Dieser Text ist ein Auszug aus Seebachs „Kleiner Kulturgeschichte Europas“, in der er auch Weihnachtsbaum- und Weihnachtsmann-Bräuche vorstellt.

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