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Hoffnung mit Tücken: Ein teuflisch guter Baum gegen den Hunger

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Knochentrockener Boden: Die Prosopis gedeiht auch dort, wo sonst nichts mehr wächst.
Knochentrockener Boden: Die Prosopis gedeiht auch dort, wo sonst nichts mehr wächst. © Klaus Petrus

Im ostafrikanischen Somaliland herrscht Dürre, Menschen und Tiere verhungern und der Ukraine-Krieg verschlimmert die Lage. Eine invasive Pflanze weckt nun Hoffnung.

Hargeisa – „Früher wurde aus dem Sommer Regen und aus dem Regen wurde unsere Ernte, Tomaten, Gurken, Weizen. Doch das ist lange her.“ Abdirahman Ahmed schreitet über ein ausgetrocknetes Feld, er scheucht sich die Fliegen aus dem Gesicht, bleibt stehen, zeigt auf ein totes Schaf vor seinen Füßen, der Körper ein abgenagtes Skelett. Der 35-jährige Viehhirte lebt in der Togdheer-Region 150 Kilometer östlich von Somalilands Hauptstadt Hargeisa. Seit Jahren schon herrscht Dürre im Land. Die Tiere von Abdirahman Ahmed stehen dicht beieinander im Schatten der Bäume, bewegen sich kaum, sie keuchen schwer, magern ab. Drei Dutzend Schafe und Ziegen, sie sind alles, was der Mann noch hat.

Schon bald wird er sie auf den Märkten in Hargeisa unter Wert verkaufen müssen. Seit Generationen leben die Mitglieder seines Clans als Hirten und Bauern in Togdheer, doch so schlimm wie jetzt war es noch nie, das sagen auch die Ältesten. Vielleicht wird Abdirahman Ahmed seine Zelte abbrechen und in die Städte ziehen müssen, um nach Arbeit zu suchen. Er ist in Sorge um seine drei Kinder. Ein glückliches Leben will Abdirahman Ahmed ihnen bieten, genug zu essen, Kleidung, ein wenig Geld für das Nötigste und manchmal für etwas, das sie gar nicht brauchen. Seine Frau Saeda fragt ihn oft, ob all das die Strafe Gottes sei. Dann sagt er bloß: „Es ist der Hunger.“

Hungerkrise in Somaliland: Schwieriges Überleben in Zeiten der Dürre

Der Hunger. Als sei er etwas Abstraktes und nicht der Hunger derer, die an ihm zugrundegehen. Als gehöre er zu niemandem, eine Naturgewalt, die von außen hereinbricht, die man fürchtet, bekämpft und in Zahlen zwängt: 193 Millionen Menschen waren es laut UN-Angaben 2021; im Jahr 2015 waren es noch 80 Millionen. Sie sind akut unter- oder chronisch mangelernährt, es fehlt ihnen an Vitaminen, an Eiweiß, Jod und Zink. Viele sind Kleinkinder, auch hierzu gibt es Zahlen: Auf fünf Hungernde kommt ein Kind unter fünf Jahren, 2,5 Millionen sind daran gestorben. Alle 13 Sekunden ein totes Kind.

Auch Abdirahman Ahmed hat eine Tochter verloren, das war vor vier Jahren. Kaum auf der Welt, hatte die kleine Shukri ständig Durchfall, sie musste viel erbrechen. Fast zwei Jahre ging das so. „Sie konnte kaum schlucken, sie wimmerte Tag und Nacht, ihre dürren Arme zuckten und zappelten, irgendwann sagte meine Frau: Es ist kein Leben mehr in ihren Augen.“ Ein Arzt meinte, das Kind sei einseitig ernährt worden, weswegen es nicht wachsen und zu Kräften kommen konnte.

Abdirahman Ahmed mit seiner Familie.
Abdirahman Ahmed mit seiner Familie. © Klaus Petrus

Krisenzeiten in Ostafrika: Der „Krieg, irgendwo in Europa“ ist „Schuld an allem“

„Damals begannen unsere Felder zu verdorren, wir hatten kaum Gemüse, kein Obst, die Ziegen gaben wenig Milch.“ Die Hälfte des Geldes habe er für sauberes Trinkwasser ausgegeben, das mit Tankwagen in die Region gebracht wurde, erzählt Abdirahman Ahmed. „Dann kamen, dem Erbarmer und Barmherzigen sei Dank, bessere Zeiten, ich hatte Arbeit bei einer Hilfsorganisation, verdiente ein paar Dollar am Tag, und meine Frau brachte ein weiteres Kind zur Welt.“ Bis vor ein paar Monaten die Preise für Lebensmittel in die Höhe schnellten, wie von einem Tag auf den anderen, und das Geld nicht mehr ausreichte. Auch die Laster mit Wasser kamen seltener, denn das Benzin wurde teurer. „Die Leute redeten von einem Krieg, irgendwo in Europa, der Schuld an allem sei.“

In all den Jahren der Dürre musste Somaliland zahlreiche Nahrungsmittel importieren, darunter Weizen, der zu 90 Prozent aus der Ukraine stammt. Seit dort aber Krieg ist und der Hafen von Odessa blockiert, kommt kaum noch Ware am Horn von Afrika an. Dabei ist der Krieg in der Ukraine nicht der Auslöser der derzeitigen Lage, sondern allenfalls ein Katalysator.

Hungerkrise am Horn von Afrika: Sieben Millionen Menschen in Somaliland und Somalia leiden Hunger

Tatsächlich standen Somaliland und Somalia schon vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges im Februar auf dem globalen Hungerindex ganz zuoberst; sieben Millionen Menschen sind akut von Hunger betroffen, das ist fast die Hälfte der Bevölkerung in dieser Region. Hinzu kommt die unsichere politische Lage. Somaliland spaltete sich 1991 nach einem blutigen Bürgerkrieg und dem Sturz des Diktators Siad Barre vom übrigen Somalia ab, wird bis heute aber von der internationalen Gemeinschaft nicht als unabhängiger Staat anerkannt.

„Alle denken, bei uns herrschen Zustände wie in Mogadischu: Diktatur, Bürgerkrieg ohne Ende, islamistischer Terror. Das Gegenteil ist der Fall, wir haben Frieden und Demokratie. Doch niemand glaubt uns. Es gibt kaum Investoren und nur wenige Hilfsorganisationen“, sagt Guuleed Ahmad und schnippt mit den Fingern durch die Luft. Der 38-jährige Somaliländer, der seine Jugend in Deutschland verbrachte, ist ein „Großmaul mit Visionen“, wie er selbst sagt. Er will sein Land retten, vor Armut, Hunger und Elend. Und er kennt die Lösung, die zwar kompliziert klingt, aber angeblich ganz simpel ist: Prosopis juliflora.

Der Welternährungstag

828 Millionen Menschen weltweit haben nicht genug zu essen – etwa jeder Zehnte, 193 Millionen Menschen sind von akutem Hunger bedroht. Angesichts dieser erschreckenden Zahlen will der Welternährungstag auf ihre Notlage aufmerksam machen. Dieser Tag wurde 1979 eingeführt und wird seitdem jährlich am 16. Oktober begangen. Das Datum erinnert an die Gründung der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, am 16. Oktober 1945.

Die Covid-Pandemie und ihre Folgen haben nach Angaben der UN die weltweite Ernährungsunsicherheit noch verschärft, auch der Klimawandel und gewaltsame Konflikte verschlimmern die Lage. Für fragile Staaten wie die Länder der Sahel-Zone oder in Ostafrika ist dies besonders einschneidend. Menschen können Felder nicht mehr bestellen, Ernten fallen aus. Eine Welt ohne Hunger – dieses Ziel hatte sich die Weltgemeinschaft vor 22 Jahren gesetzt. Es bis 2030 noch zu erreichen, wird zunehmend schwieriger. (osk)

Ernährungskrise im Osten Afrikas: Ein Baum aus Mexiko ist Hoffnung und Gefahr

Der lateinische Name steht für ein tropisches Mimosengewächs, auch Mesquite genannt, das ursprünglich aus Mexiko stammt. Der holzige, mit Dornen besetzte Strauch wächst rasch zu einem stattlichen Baum von bis zu zwölf Metern Höhe heran. Weil sich die schnellwachsenden Wurzeln 30 und mehr Meter in die Tiefe graben, kommt er auch in unwirtlichen Gebieten und während Dürrezeiten noch zu Grundwasser, während andere Pflanzen längst verdorren. Derart anspruchslos und dürreresistent, wurde die Prosopis bewusst auch in anderen Teilen der Welt angepflanzt, so vor allem in Trockengebieten, die 40 Prozent der Erdoberfläche ausmachen. In Somaliland tauchte sie spätestens während der Hungerkatastrophe am Horn von Afrika Mitte der 1980er-Jahre auf.

Der neue Baum, von den Einheimischen „Granwaa“ genannt, der Unbekannte, sollte Schatten spenden, Wüstenwinde brechen, Versteppung und Erosion aufhalten, Brennholz liefern, vor allem aber: Schafe, Ziegen und Kamele ernähren.

Doch anders als vor 40 Jahren ist die Prosopis inzwischen zur Bürde geworden. Weil die Tiere deren Samen nicht verdauen können und mit dem Kot ausscheiden, hat sich die invasive Pflanze in rasantem Tempo ausgebreitet, sie überwuchert Weideflächen, saugt Wasser ab, verdrängt einheimische Arten. Allein in Somaliland nimmt die Prosopis nach Angaben der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, inzwischen etwa 550.000 Hektar Land ein; der jährliche Zuwachs an Fläche liegt zwischen fünf und 15 Prozent. Die Pflanze taucht in der Liste der hundert weltweit gefährlichsten invasiven Arten auf; seit 2019 ist es verboten, sie nach Europa zu importieren oder im EU-Raum zu kultivieren.

Prosopis juliflora, ein Mimosengewächs, stammt ursprünglich aus Mexiko. Ein Strauch kann zu einem meterhohen Baum werden.
Prosopis juliflora, ein Mimosengewächs, stammt ursprünglich aus Mexiko. Ein Strauch kann zu einem meterhohen Baum werden. © Klaus Petrus

Hunger in Somaliland: Investor setzt auf Tierfutterzusatz aus invasivem Baum

Als Guuleed Ahmad 2017 aus Deutschland nach Hargeisa zurückkehrte, begegnete ihm die Prosopis an allen Ecken und Enden, und er fragte sich: „Was zum Teufel hat es mit dieser Pflanze auf sich? Damals gab es einiges an Forschung über den Nutzen der Prosopis, aber kaum jemanden, der das in die Praxis umsetzte. Also packte ich die Chance.“

Guuleed Ahmad, der seinen vielen Ideen und Projekten immer schon einen Schritt voraus ist, verkaufte sein Auto und investierte das Geld in die Gründung der Firma „LanderProsopis“. Aus den reifen, gelben, zu einem Halbmond gerundeten, etwa 20 Zentimeter langen Schoten der Prosopis produzierte er Mehl, das er zu einem protein- und zuckerreichen Tierfutter mischte. Die Nachfrage war bald da. „Somaliland lebt von der Viehwirtschaft. Haben unsere Tiere nichts zu essen, sterben auch wir. Die Prosopis kann uns retten. So einfach ist das.“

Wie zum Beweis zitiert Guuleed Ahmad Organisationen wie Tierärzte ohne Grenzen oder die Welthungerhilfe, die seit Jahren in Somaliland tätig sind und eng mit Viehhirten zusammenarbeiten. Ihre Feldstudien zeigen, dass mit Prosopismehl gefütterte Tiere schon innerhalb eines Monats deutlich an Gewicht zunehmen, auch die Milchproduktion steigt an.

Investor Guuleed Ahmad.
Investor Guuleed Ahmad. © Klaus Petrus

Prosopis juliflora als Lösung für die Hungerkrise: Viehhirten in Somaliland sind skeptisch

Doch das ist nur die eine Seite der Geschichte, die andere heißt: „Geed jinni“, der teuflische Baum. So nennt Abdirahman Ahmed, der Viehhirte und Familienvater aus Togdheer, die Prosopis. „Sie wächst auch dann noch, wenn alles andere schon tot ist, und richtet doch nur Schaden an.“ Seine Tiere würden von den grünen, bitteren Blättern krank, wegen des Zuckers der reifen Schoten fielen ihnen alle Zähne aus, die Dornen des Baums durchbohrten ihre Hufe oder blieben im Magen stecken, wenn sie von den Ästen fressen. Qualvoll gestorben seien schon viele seiner Schafe und Ziegen. Das Schlimmste aber sei die Gier der Prosopis, sagt Abdirahman Ahmed. „Sie nimmt uns alles Wasser, verdrängt jedes Gras und jeden Strauch.“ Dass die Prosopis ein schlimmes Übel sei, diese Meinung teilen viele Viehhirten, die immerhin die Hälfte der 4,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner von Somaliland ausmachen.

Studien aus der nahegelegenen Afar-Region in Äthiopien, wo die Prosopis innerhalb von 35 Jahren 1,2 Millionen Hektar Land befallen hat, haben gezeigt, dass 84 Prozent der Viehhirten den Baum als schädlich erachten. Für Nick Pasiecznik, Umweltwissenschaftler an der Universität Lyon und einer der weltweit führenden Prosopis-Expert:innen, ist das nicht erstaunlich. „Da es sich um eine vergleichsweise neue und invasive Art handelt, fehlt es an überliefertem Wissen, wie die Pflanze genutzt werden kann. Das Misstrauen ist groß, es zu überwinden braucht Zeit.“

Im Jahr 2016 startete das „Pastoral and Environmental Network in the Horn of Africa“, kurz PENHA, für das auch Pasiecznik arbeitet, mit Unterstützung der FAO in der Togdheer-Region ein Pionierprojekt, das die Viehhirten für das ökonomische Potenzial der Prosopis sensibilisieren sollte. Doch der gute Wille allein reicht nicht aus. Um die Prosopis gewinnbringend zu nutzen, braucht es Äxte und Motorsägen für das Schneiden der harten Stämme, Öfen für die Holzkohle, Hammermühlen fürs Mahlen der Schoten und Lastwagen für den Transport der Säcke.

Die scharfen Dornen sind für äsende Tiere gefährlich.
Die scharfen Dornen sind für äsende Tiere gefährlich. © Klaus Petrus

Hunger in Afrika: Industrielle Verarbeitung von problematischem Baum verspricht Besserung

Die Verarbeitung der Prosopis zu Mehl wird immer wieder als Beispiel genannt, wie die gezielte Nutzung der Pflanze nicht bloß dazu beitragen kann, dass Tiere und Menschen weniger hungern müssen, sondern auch, dass sich der Baum nicht dermaßen rasch ausbreitet. Denn Untersuchungen haben ergeben: Mit einem Sack à 25 Kilogramm Prosopismehl können bis zu 50.000 Samen zerstört werden; hochgerechnet auf eine Tonne Mehl sind das zwei Millionen Sträucher, die nicht zu einem Dickicht auswuchern werden.

Ob die Prosopis durch Nutzung nachhaltig reguliert werden kann, ist allerdings umstritten. Urs Schaffner vom Centre for Agriculture and Bioscience International CABI mit Sitz in der Schweiz ist auf invasive Arten spezialisiert und hat selbst Studien zur Prosopis durchgeführt. „Es gibt keine fundierte Studie, die zeigt, dass die Nutzung effektiv eine Kontrolle der Prosopis zur Folge hat.“ So lasse sich die Ausbreitung der Prosopis nur dann vermindern, wenn flächendeckend mehr als 90 Prozent der Samen eingesammelt oder zerstört werden, was bisher aber nirgendwo der Fall gewesen sei, so Schaffner.

Grundsätzlich müsse man unterscheiden zwischen dem ökonomischen Begriff des Nutzens und dem ökologischen Konzept der Kontrolle. Im Falle der Prosopis stehe jedoch der Nutzen oft im Konflikt mit der Kontrolle. Als Beispiel nennt Schaffner das Abschneiden der Äste. Das führe zum Wiederaustrieb der Wurzelstöcke und zu weiterer Verbuschung, da auf diese Weise weniger dicke, dafür aber mehr Stämme austreiben würden. „Mit anderen Worten verdichtet die Nutzung die bestehenden Bestände und vergrößert damit das Problem.“

Die Schoten werden zu Mehl verarbeitet, das protein- und zuckerreich ist.
Die Schoten werden zu Mehl verarbeitet, das protein- und zuckerreich ist. © Klaus Petrus

Hungerkrise in Somaliland: Das Horn von Afrika wird die Prosopis nicht wieder los

Für Schaffner braucht es einen integrativen Ansatz: Neben der umsichtigen Nutzung müsse die Prosopis mit chemischen, biologischen und maschinellen Methoden bekämpft werden – Letztere umfasst die Entfernung der Bäume samt Wurzelwerk –, zudem sei die Wiederaufforstung von zentraler Bedeutung. „So oder so“, ist Schaffner überzeugt, „wird man die Prosopis am Horn von Afrika nicht wieder los, zu rasch verbreitet sie sich.“

Die Frage also bleibt: Wie einer Hoffnung begegnen, die zur Plage geworden ist? Die Antwort darauf wird auch darüber entscheiden, ob die Prosopis zum Heilmittel gegen den Hunger wird – oder doch eher ein Übel am Horn von Afrika bleibt.

Endlich den Durst löschen: Kamele werden an einer der wenigen Wasserstellen getränkt.
Endlich den Durst löschen: Kamele werden an einer der wenigen Wasserstellen getränkt. © Klaus Petrus

Guuleed Ahmad hat keinen Zweifel: Wenn er in seinem weißen Hybrid durch Hargeisa fährt, sieht er Millionen Dollars, die hier überall herumliegen, am Straßenrand, entlang den Mauern, zwischen den Häusern und auf dem Markt, unter den Brücken und in den Innenhöfen der Restaurants. „Wir werden sie nicht mehr los, diese Prosopis. Doch wir können lernen, sie für uns zu nutzen.“ (Klaus Petrus)

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