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Mit wehenden Fahnen: Protestmarsch gegen den Kohleabbau in Lützerath.
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Mit wehenden Fahnen: Protestmarsch gegen den Kohleabbau in Lützerath.

Tagebau in NRW

„Ein Sinnbild mangelnder Wertschätzung“

  • VonBarbara Schnell
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Ein Landwirt beklagt, dass dem Tagebau Garzweiler die fruchtbarsten Böden geopfert werden.

Bernd Schmitz ist Milchbauer in Hennef und versorgt mit solidarischer Landwirtschaft etliche Verbraucher:innen mit Gemüse. Damit nutzt er die schwierigen Böden seines Hofes, so gut und verantwortungsvoll er kann – und muss doch hilflos zusehen, wie der Klimawandel seinem Lebenswerk zu schaffen macht. „Wir haben drei Dürresommer hinter uns, in denen meine Kühe fast verhungert wären und ich teures Futter zukaufen musste; dieses Jahr konnten die Böden die Wassermassen nicht mehr aufnehmen.“

Am vorigen Sonntag war Bernd Schmitz in Lützerath zu Besuch. Der NRW-Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ war als Funktionär an den Rand des Tagebaus Garzweiler gereist. Im Namen seines Verbandes unterstützt er den Landwirt Eckhardt Heukamp, dem Anfang November die Vorzeitige Besitzeinweisung – eine durch das Bergrecht ermöglichte De-facto-Enteignung trotz laufender Gerichtsverfahren – durch den Energiekonzern RWE droht.

Als der 55-Jährige am Rande des Protestmarsches eine Handvoll Lützerather Ackerboden in die Hand nimmt, kommt der Bauer in ihm durch, und seine Augen leuchten: „Das hier sind die fruchtbarsten Böden, die wir haben“, sagt Schmitz. „Die Lössschichten sind hier bis zu neun Meter dick; es sind Ökosysteme, die über Jahrtausende gewachsen sind. Dieser Boden ist ein Universalgenie; hier wächst alles von der Möhre bis zum Feldsalat. Dieses Potenzial gerade in der Klimakrise nicht zu nutzen, können wir uns überhaupt nicht leisten.“

Umschichten reicht nicht

Das sagt Schmitz, während hinter ihm ein Erkelenzer Landwirt seine Möhrenernte einfährt – und sich vor ihm der Schaufelradbagger des Tagebaus in die kostbare Krume frisst. Denn nicht nur Dörfer und Denkmäler fallen hier dem Braunkohleabbau zum Opfer, sondern mit ihnen auch die umliegenden Ackerflächen. „Für mich ist das ein Sinnbild der mangelnden Wertschätzung für das, was uns ernährt. Letztes Jahr brach überall plötzlich Panik aus, weil das Toilettenpapier knapp wurde. Corona hat gezeigt, wie schnell Elemente der Versorgung kippen können. Aber hat schon einmal jemand im Supermarkt gemerkt, dass hier die Lössböden weggenommen werden? Wollen wir darauf warten?“

Die Wertschätzung, die das Bundeslandwirtschaftsministerium den Lössböden entgegenbringt, empfindet Schmitz höchstens als Ironie: „Sie haben den Lössboden zum ‚Boden des Jahres 2021‘ gekürt. Gleichzeitig tun sie so, als könnte man diese gewachsenen Böden, die schon in der Steinzeit genutzt und besiedelt wurden, hier wegschaffen und einfach als dünne Schicht anderswo wieder hinkippen. Wir kratzen doch beim Ackerbau nur an der Oberfläche; genauso wichtig ist, was darunter liegt.“

Auf der Website des Ministeriums heißt es dazu: „In den Braunkohlerevieren Mittel- und Westdeutschlands werden Lösse bei der Anlage von Tagebauen getrennt abgegraben und zwischengelagert. Bei der abschließenden Rekultivierung wird das Lössmaterial als oberste, mindestens zwei Meter mächtige Schicht wieder angedeckt. Auch hier entwickeln sich rasch Pararendzinen aus Kipp-Löss. Bei schonender Bodennutzung und -bearbeitung in den ersten zehn Jahren entwickeln sich ertragreiche Ackerstandorte.“ Tatsächlich erhält RWE für diese Ruhezeit zunächst zerstörter und dann weniger wertig rekultivierter Flächen sogar EU-Subventionen.

„Was man am anderen Ende des Tagebaus hinkippt, ist nie wieder dasselbe“, kritisiert Schmitz. „Für mich ist es Hybris zu glauben, man könnte ein solches gewachsenes Bodensystem in seine Bestandteile zerlegen und meinen, das klappt schon.“

Gleichzeitig sieht Bernd Schmitz mit den Böden der Erkelenzer Börde eine große Chance schwinden: „Alle wollen ‚regional einkaufen‘, aber Fakt ist, dass wir in Deutschland nur 40 Prozent unseres Gemüses selbst produzieren. Um der Klimakrise zu begegnen, brauchen wir mehr Ernährungssouveränität – und graben uns doch vor der eigenen Haustür das Wasser und den Boden dafür ab.“

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