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Das sechste Türchen kann geöffnet werden.
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Das sechste Türchen kann geöffnet werden.

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Ein Nikolaus-Gehilfe wird sentimental

Nikolaus in einer Polizeikontrolle, Knecht Ruprecht im freien Fall und 40 Kinder, die über korrigierte Schulhefte als Nikolaus-Präsent so gar nicht glücklich waren.

Das stellt nur einen kleinen Teil der Erinnerungen dar, die der Autor an die Zeit von 1975 bis 1979 hat, in der er als Knecht Ruprecht zwangsverpflichtet mit dem Nikolaus alias dem eigenen Vater in der schwäbischen Heimat von Altenheimen zu Kindergärten und Waisenhäusern zog – vor, am und nach dem 6. Dezember. Denn der Tourenplan der im Haus „Erscheinungstournee“ genannten Besuche war eng getaktet.

Mit seinem weißen Haar und seiner tiefen Stimme war der Schulleiter vom Gemeinderat als Nikolaus zwangs-nominiert worden – wobei die dürftigen Auswahlkriterien lediglich aus der Vorgabe bestand, dass ihm das Priestergewand nebst Mitra passen mussten, lesen und schreiben war von Vorteil. Und Buchstaben-Unkenntnis war auf dem Dorf wahrlich keine Seltenheit.

Mit seinen 1,90 Größe und unterlegt von der elterlichen Autorität gab sich der Sohn dem Schicksal hin, ließ sich von Muttern das selbst geschneiderte Sack-Kostüm anpassen und bastelte sich aus Weidenruten seine Hiebwaffe.

Mehr als vier Auftritt am Abend waren nicht machbar, denn allüberall gab’s selbst gebrannten Schnaps als Dankeschön. Eine Ablehnung wäre beleidigend gewesen, und so wurden die Auftritte mit zunehmender Uhrzeit, sagen wir, ungezwungener.

An einem Abend geriet das Duo nach 23 Uhr in eine Polizeikontrolle, just am 6. Dezember. Der Bischofsstab ragte aus dem hinteren Benz-Fenster, der angeblich heilige Mann am Steuer leicht schief sitzend, da die Mitra zu hoch war – und Ruprecht mit dem Zottelbart. Und auf dem Rücksitz sechs Flaschen Zwetschgen-Schnaps. Die Beamten wagten kaum, den „heiligen Mann“ nach dem Führerschein zu fragen, der bereits zwecks Atemprüfung die zweite Zigarette durch den Bart paffte. Die Sache ging gut aus, nicht wegen der verschenkten Schokolade, sondern weil einer der beiden Polizisten ein ehemaliger Schüler war. Künftig gab’s familienintern gelöst einen Fahrdienst.

In einem Seniorenheim löste Ruprecht Feueralarm aus, weil er durch wildes Wedeln mit der Rute den Brandmelder erlegte. Ein Jahr später stolperte er bei einem Kindergarten-Besuch über den Geschenkesack – und riss diesen ein Stockwerk mit in die Tiefe. Die familiäre Abhängigkeit war generell für Ruprecht nachteilig – seine Proteste, es gebe keine schriftlichen Nachweise, dass Ruprecht Sherpa des Nikolaus‘ sein müsse, verhallten.

Dagegen schaffte es der heilige Mann, sein „Goldenes Buch“ mit den guten und schlechten Taten in einer Kirche so am Altar zu platzieren, dass es Feuer fing. Da war wohl die Bibelstelle mit dem brennenden Busch zum Buch mutiert. Aber es waren Auftritte, die im Gedächtnis blieben.

Ältere Menschen, die nur in der Vergangenheit lebten und die Hände der Besucher lange drückten, Tränen beim Abschied in den Augen hatten. Kinder, die andächtig und oft mit kleinen Tränen ihren Taten lauschten, vorab heimlich von Eltern oder Kita-Leitungen dem Nikolaus als Zettelchen zugesteckt. Und die auf dem Schoß sitzend glücklich strahlten und sich beim Singen überbieten wollten. Die sich zitternd hinter der Mutter versteckten, wenn Ruprecht von Nikolaus ins Spiel gebracht wurde. Dessen Rute zwar nie in Einsatz kam, die aber dennoch selbst bei „Ungläubigen“ gemischte Gefühle hervorrief.

Es gab aber auch die Eltern, die den Nikolaus als Erziehungshilfe nutzen wollten und auf dem Zettel vermerkten: „Muss öfter den Stall ausmisten.“ Oder „Ist zu jung für eine Freundin.“ Nikolaus fiel nie darauf rein, improvisierte jedoch spontan die guten und schlechten Taten der Eltern. Was Tage später Besuche beim „Schullehrer“ nach sich zog, weil der Gescholtene sich nicht die Wirtshausbesuche vom Nikolaus verbieten lassen wollte.

Am schwierigsten gestaltete sich jährlich der Auftritt in der nikolauseigenen Dorfschule, in der er Kindern sehr bekannt vorkam. Nachdem aber in einem Jahr die Rollen gewechselt wurden und der Herr Lehrer während des Nikolaus-Besuchs durch die Tür kam, beendete er so alle Diskussion – Ruprecht hatte angeblich Bauchschmerzen. Von den vielen Süßigkeiten. Dass der Herr Lehrer improvisierend die Chance nutzte ein korrigiertes Diktat den Kindern zurückzugeben – nebenbei: es saßen acht Klassen in einem Raum nach Tischen geordnet – machte fürs Nikolaus-Double die Sache nicht gerade einfacher, musste er mahnende Worte finden. Bei den eigenen Schulleistungen – so etwas wie Steine im Glashaus werfen.

In all den vielen Jahren blieb ein Auftritt unvergessen. Ausgerechnet kurz vor dem entsprechenden Auftritts-Tag hatte ein junges Paar die Genehmigung für die Adoption eines Vierjährigen erhalten und nutzte nach Absprache mit der Heimleitung und dem Duo dessen Auftritt – Nikolaus schenkte dem Kind sozusagen an dem Abend ein neues Zuhause. Die Augen des Kindes und das Lachen der Eltern haben sich ins Gedächtnis eingebrannt.

Das alles war vor über 40 Jahren. Als sich Kinder über ein Stück Schokolade freuten oder ein kleines Buch. Mit einer Mischung aus Spannung und Respekt den Auftritt erwarteten – um dann ihrem „Schullehrer“ am nächsten Tag im Klassenzimmer aufgeregt zu erklären, dass der Nikolaus im Haus war.

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