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Jana Gallus beim Los Angeles Marathon im März 2020 - das Coronavirus lief bereits mit.
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Jana Gallus beim Los Angeles Marathon im März 2020 - das Coronavirus lief bereits mit.

Marathon

Ein Lauf um die Welt

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Und es geht mal nicht ums Geld: Wie die Motivations-Expertin Jana Gallus mit ihrem „Run the World“-Marathon sich und andere aus der sozialen Isolation befreien will

Die Bedingungen waren günstig an jenem 8. März 2020 für die laufende Masse, die sich vom Dodgers Stadium auf den Weg über Hollywood und die anderen Attraktionen am Streckenrand zum Ziel in der Nähe der Piers von Santa Monica machen wollte. Zehn Grad und geringe Luftfeuchte, die in Kalifornien eher selten ist. Gleichwohl begleitete die 35. Ausgabe des Los Angeles Marathon bereits ein Klima der Angst, erinnert sich Jana Gallus. „Wir wussten, dass Covid-19 im Anmarsch war. Wir ahnten aber nicht, was passiert.“ Als eine unter knapp 24 000 Läuferinnen und Läufer machte sich die heute 33-Jährige mit gemischten Gefühlen auf, die 42,195 Kilometer zu absolvieren.

Für Jana Gallus war der Los Angeles Marathon 2020 traumatisch

Die Ausbreitung des Coronavirus in den Vereinigten Staaten war beim Startschuss an jenem Sonntag vor gut einem Jahr längst vorangeschritten. Ein Krisengipfel der Marathon-Organisatoren hatte im Vorlauf den nächsten gejagt. Sollte die Jubiläumsausgabe stattfinden, für die Elitekoordinator Mathew Turnbull viel Geld für die Verpflichtung von Topathleten in die Hand genommen hatte? Letztlich untersagten die Veranstalter zwar einigen Läufern aus Risikogebieten den Start, aber das Rennen fand statt. Jana Gallus, in ihrer Wahlheimat Kalifornien seit längerem als Professorin der Strategie und Verhaltensforschung an der Business School der University of California, Los Angeles (UCLA) arbeitet, erinnert sich noch gut, wie sie zur Risikominimierung bereits versuchte, Abstand zu halten. Und: „Ich bin mein eigenes Rennen gelaufen, ich habe keine Banane, kein Wasser angenommen.“

Als sie ins Ziel kam, war sie erschöpft, glücklich, aber auch nachdenklich, zweifelnd. Und so verließ sie sofort den Veranstaltungsort. Das Virus sollte sich die nächsten Tage in der Großstadt wie ein Buschfeuer verbreiten. Für ihre Familie mit Ehemann Gregor Martynus und den drei Kindern Ada, Nico und Kian hatte der Vormarsch von Covid-19 einschneidende Folgen: „Wir haben die Stadt drei Tage nach dem Rennen verlassen. Ich bin seitdem nicht mehr zurückgekehrt.“

Jana Gallus ist 2018 Mutter von Drillingen geworden

Denn 2018 war sie Mutter von Drillingen geworden, die als Frühchen auf die Welt kamen. Zu Beginn war deren Lungenfunktion geschwächt – und so könnte eine Infektion mit dem Sars-CoV-2-Erreger sofort tödlich enden. Zunächst zog die fünfköpfige Familie in Airbnb-Unterkünfte. Seit Juli wohnt sie nun vier Autostunden nördlich von L.A., in Cambria, in der Provinz. „Wir gehören zur Hochrisikogruppe. Für uns ist die Situation immer noch unglaublich bedenklich. Wir befinden uns seit einem Jahr in der Isolation.“ Seitdem führen alle ein völlig anderes Leben. Hinter der Familie liege ein „extremes Jahr“, sagt Jana Gallus. Ihre Vorlesungen, Forschungsarbeit – all das geschieht bei ihr nur digital. Vor der Pandemie war ihr Terminkalender so voll wie das Meilenkonto: Chicago, Zürich, Barcelona, Frankfurt, New York, München, Los Angeles – das war eine typische Reiseroute für drei Wochen. Ihr Mann war als Software-Entwickler schon vorher örtlich ungebunden, und so reiste das Paar häufig zusammen.

Nun ist genau getaktet, wer die Kinder betreut, die den ganzen Tag daheim sind. Raus geht’s oft nur zum Laufen auf einer Drei-Kilometer-Runde vor der Haustür. Irgendwann beim Joggen entstand die Idee, ein Jahr nach dem fast schon traumatischen Marathon in Los Angeles selbst ein Rennen zu initiieren, das sich an die Pandemie anpasst. Und am besten gleich Menschen in allen Erdteilen zum Mitmachen anspricht – auch, weil sich eben die Menschen auf allen Kontinenten nach einem Stück Normalität sehnen. Jana Gallus hat deshalb unter dem Hashtag #RunTheWorld eine Initiative gegründet, die über die gleichnamige Website (www.runtheworld.community) zum Mitlaufen ermuntern soll. „Am liebsten wäre mir, wenn wir einen laufenden Fußabdruck auf allen Kontinenten hinterlassen. Das haben wir in weniger als drei Wochen nun auch schon fast erreicht. Fehlt nur noch die Antarktis.“

Der Termin für den RunTheWorld-Marathon liegt bewusst auf Frühlingsanfang

Den Termin hat Jana Gallus bewusst auf den 20. März gelegt. Frühlingsanfang: Das Datum soll einen Aufbruch markieren, für einen Hoffnungsschimmer sorgen. So wie diese Jahreszeit in der nördlichen Hemisphäre für sprießende Knospen, blühende Wiesen und die ersten Sonnenstrahlen steht, soll ihr weltumspannendes Lauferlebnis eine gemeinsame Glückseligkeit schenken. „Wenn wir alle am selben Tag einen Marathon laufen oder uns diese Strecke mit Freunden teilen, kann uns das etwas von dem geben, was wir alle wegen Corona so vermissen: ein bisschen Freiheit, Kontrolle über wichtige Teile unseres Lebens und ein Gemeinschaftsgefühl.“ Das Grundprinzip sei schließlich „total einfach“: gleicher Tag, gleiche Entfernung. Nur gibt es keine vorgegebene Strecke, sondern die, die mitmachen, suchen sich den Parcours selbst aus. Und es gibt auch kein Preisschild: Die Veranstaltung ist kostenlos und offen für alle.

Natürlich hätte sie nichts dagegen, wenn sich ihr Angebot in den nächsten Tagen noch im Schneeballeffekt auch außerhalb von akademischen Kreisen verbreitet. Aber ihr geht es weder um eine Rekordteilnehmerzahl noch um Rekordzeiten, sondern wichtiger ist die Botschaft, sich mit einem Marathonlauf wieder in einen Zustand der Zufriedenheit zu versetzen. Und das geht am besten in einer verknüpften Community, die bereits fleißig dabei ist, Trainingstipps und Laufrouten, Lieblingslieder und Podcasts austauschen. Ihrem Aufruf in den sozialen Medien – „Join us for the first #RunTheWorld marathon, incl. half-marathon and relay teams! All virtual. All on March 20, 2021“ – sind bisher knapp 200 Gleichgesinnte gefolgt, darunter viele amerikanische und europäische Professoren von Universitäten wie Harvard, MIT, Columbia, NYU, Chicago, Stanford, Berkeley, und der London School of Economics; sowie auch Bekannte in Regierungskreisen und Lauffreunde aus Bruchköbel, die wieder einen Marathon laufen wollen.

Ihr Vater Peter Piesche-Gallus ist begeisterter Anhänger von Eintracht Frankfurt

Genau wie ihr Mann ist Jana Gallus in Bruchköbel aufgewachsen, in Hanau zur Schule gegangen. Die Hessin legte eine Laufbahn hin, die man wohl als Bilderbuchkarriere bezeichnen würde. Abitur an der Karl-Rehbein-Schule in Hanau mit 1,0, Bachelor in Paris und Santa Barbara, ein Master an der Pariser Eliteschule Sciences Po und an der Universität St. Gallen. Ihre Promotion an der Universität in Zürich schaffte sie mit summa cum laude. Sie bekam eine Postdoc-Forschungsstelle an der Harvard-Universität, wurde bereits mit 29 Jahren Professorin an der UCLA. Früh unterrichtete die Überfliegerin Studenten in ihrem Alter. Wenn sie als Persönlichkeit nicht kraft ihrer Vorträge überzeugt hätte, wäre es schwierig gewesen, denn zum amerikanischen Leistungsprinzip gehört es, dass die Lehrkraft von den Studierenden bewertet wird.

Das Faible für den Sport wurde der Vorzeige-Akademikerin, die sich zur Ablenkung auch schon beim Modeln verwirklicht hat, in die Wege gelegt: Über ihren fußballbegeisterten Vater, Peter Piesche-Gallus, kam sie zwangsläufig mit Eintracht Frankfurt in Berührung. Er stand in Zeiten, als die Trainingseinheiten noch öffentlich waren, mitunter fast täglich als Kiebitz an der Absperrung. Sie folgte ihm oft genug ins Waldstadion. Selbst betrieb sie aktiv Tanzen und Handball, doch die Teamsportarten waren bald mit den ständigen Ortswechseln und dem vielen Lernstoff kaum noch zu vereinbaren. Das Laufen allerdings passte in die individuelle Freizeitgestaltung und steigerte die persönliche Belastbarkeit. „Ich habe gemerkt, dass mir dabei oft die besten Ideen kamen.“

Jana Gallus: Der erste Marathon war 2011 in San Francisco

Die richtige Leidenschaft fürs Laufen kam dank der Mutter, Hedwig Gallus, die selbst früher Läuferin war. Sie brachte Jana Gallus mit zu den Lauftreffs im Bruchköbeler Wald. Und sie begleitet die Tochter auch heute noch beim Laufen, wenn die Familie in der Heimat vereint ist.

Ihre erste Marathonteilnahme entstand 2011 aber eher zufällig. Fast über Nacht setzte sie sich in San Francisco in den Kopf, sich über die klassischen 42,195 Kilometer auszuprobieren, obwohl sie eigentlich gar keinen Startplatz hatte. „Ich habe eine Lücke im Reglement bemerkt, bin zur Anmeldung gegangen und konnte mitlaufen.“ Sie kam ohne Gehpause unter vier Stunden ins Ziel – der Schallmauer für jeden Hobbyläufer. Danach lief sie jedes Jahr einen Marathon, auch in Frankfurt oder Zürich. Ihre Bestzeit: respektable 3:37 Stunden. In fünf Tagen wird sie nun ihren zehnten Marathon laufen, der anders sein wird als alle anderen vorher.

Jana Gallus hat bei der Konzeption der Initiative ihr Forschungsinteresse und auch ihre Lehre der Plattformstrategie angewendet, um eine Alternative zu professionellen Veranstaltungen zu schaffen. „Jeder und jede kreiert ihre eigene Strecke und sorgt für die eigene Verpflegung. Wir treten uns auch nicht gegenseitig auf die Füße, weil wir überall auf der Welt laufen. Gleichzeitig steigt aber die Freude an der Teilnahme mit jedem Freund, der auch dabei ist. Es gibt also starke direkte Netzwerkeffekte. Teilnehmer laden ihre eigenen Freunde, Bekannten und Kollegen ein. Und wir können die Veranstaltung völlig kostenlos und offen lassen.“

Was motiviert Menschen in der Corona-Krise?

Das steht im Unterschied zu professionellen Veranstaltern, die ihre Läufe teils durch virtuelle Teilnahme retten konnten, die aber weiterhin Startgelder verlangen. Die Teilnahme an #RunTheWorld ist nur mit der Aufforderung verbunden, nach dem Lauf ein Dokument, einen Screenshot der Strecke samt Datum, bei den Veranstaltern einzureichen. Auch die Motivation ist eine andere: Es gibt keine Bestenliste und erst recht keine Preisgelder. An die Stelle von Wettbewerb treten Teilnahmeanreize und Gruppenziele. Zum Beispiel, wie viele Kilometer die Gemeinschaft zusammen erlaufen kann und in wie vielen Ländern sie vertreten ist.

Dass die Menschen stark durch nichtmonetäre Anreize motiviert sind, war schon vor Ausbruch der Corona-Krise ein Forschungsschwerpunkt ihrer Arbeit. „Mich interessiert seit langem die Frage, was die Menschen motiviert.“ Und die extrinsische Motivation, beispielsweise monetäre Belohnung, sei bei Weitem nicht alles. Die Folgen der Pandemie, die in voller Kraft bei den ärmeren Bevölkerungsschichten durchschlagen, verstärkt diesen Wunsch. „Gerade jetzt spürt der Mensch, wie wichtig soziale Anerkennung, soziale Kontakte sind.“

Professorin Jana Gallus: Die eigene Forschung wird bestätigt

Ihr weltumspannender Marathon läuft daher aus zwei Gründen ab: selbst wieder einen Marathon mit anderen zu laufen und dabei die eigene Forschung voranzutreiben und anzuwenden. Jana Gallus hat bei Oxford University Press ein Buch mit dem Titel „Honours versus Money“ (Ehre gegen Geld) veröffentlicht, das sie mit ihrem Doktorvater, dem Ökonomieprofessor Bruno S. Frey, verfasst hat. Stark vereinfacht ließe sich die These so zusammenfassen: Geld ist bei Weitem nicht alles, was Menschen antreibt. Die beständigere Triebfeder könnte die soziale Anerkennung sein.

Zum Thema soziale Anerkennung hat Jana Gallus Feldexperimente mit verschiedenen Organisationen durchgeführt, um die kausalen Effekte von Anerkennung auf menschliches Verhalten zu untersuchen. Zu ihren Partnern gehören Organisationen wie die Nasa (National Aeronautics and Space Administration), Wikipedia, das Rote Kreuz, Schulen, Krankenhäuser und Privatunternehmen. Ihre Ergebnisse deuten daraufhin, dass nichtmonetäre Anreize einen starken Effekt haben. Nicht immer muss das Geld locken.

Auch für Wikipedia hat Jana Gallus gearbeitet

So führte sie mit Autoren der Online-Enzyklopädie Wikipedia ein Auszeichnungssystem für neue Autoren ein, die in ihrer Freizeit unentgeltlich Artikel bearbeiten. Das einfache Lob genügte, um neue Schreiber zu motivieren und bei der Stange zu halten. Bei all dem Interesse, das Organisationen an ihrer Forschung haben, betont Jana Gallus aber, dass Anerkennung nicht anstelle von Bezahlung kommen solle. „Das wäre gerade ein Affront“, sagt sie.

Aber wenn die Corona-Krise eines bewirken kann, dann eine Selbstreflexion der eigenen Werte und Motivationsgründe. Sich treffen, sich begegnen, sich austauschen, miteinander lachen. Es sei lohnend, darüber mal nachzudenken, was das einem letztlich doch bedeutet, sagt Jana Gallus. Und hat gleich noch einen Tipp parat: „Wo bekommt man besser den Kopf frei als beim Laufen?“

Jana Gallus mit Ehemann Gregor Martynus und ihren Kindern. privat

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