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Bei dem Beben fällt die Glocke des mittelalterlichen Turmes zu Boden, die Turmuhr bleibt auf 3:38 Uhr stehen.
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Bei dem Beben fällt die Glocke des mittelalterlichen Turmes zu Boden, die Turmuhr bleibt auf 3:38 Uhr stehen.

Naturkatastrophe

Ein Engel für Amatrice

Vor fünf Jahren bebt in der italienischen Stadt die Erde, zerstört Häuser, Kirchen, Existenzen. Zur selben Zeit reist ein gläsernes Kunstwerk von Deutschland aus dorthin – die Geschichte eines kleinen Wunders

Rückblick. Ein Abend bei Freunden im Mai 2014. Alle sitzen um den Tisch, die Terrassentür steht weit offen, die Luft ist frühlingswarm, die Gespräche drehen sich um den bevorstehenden Urlaub. Um Erlebnisse, Eindrücke, Erinnerungen, um Fernweh und Sehnsuchtsziele, um ein Stück Freiheit im Alltag. Schon seit geraumer Zeit treffen sich die Paare regelmäßig einmal im Monat und erzählen von Reisen, zeigen Fotos, Tagebücher, Videos. So sah man kürzlich Britta und Paul im Cadillac, wie sie den legendären Highway 1 dahingleiten, vier Wochen zuvor umsegelten Thomas und Birgit griechische Inseln und machten einen Stopp auf Mykonos.

Heute ist Jochen an der Reihe. Es geht um seine Wandertour in den italienischen Abruzzen und im Nationalpark Gran Sasso, nordöstlich von Rom. Er schildert die atemberaubende Natur in dem wilden Hochgebirge mit den Saumpfaden, Schluchten und den einsamen Bergdörfern, er beschreibt die Flüsse und Wasserfälle, die glasklaren sprudelnden Quellen und die geheimnisvollen Einsiedeleien, an denen er vorbeigekommen ist, seine Begegnung mit Hirten, ihren Hunden und Schafherden auf abgelegenen Almwiesen. Einmal stieß er in der Dämmerung sogar auf einen Wolf – der stand einfach nur so da, zwischen uralten Kastanienbäumen, unbeweglich, und blickte ihn ruhig an.

Schließlich erzählt Jochen vom Stausee Lago di Campotosto im Nationalpark und dass mitten in seinem Zentrum einer der schönsten Orte in Italien liege. Betörend sei diese ganze Gegend um die Stadt mit den terrakottafarbenen Häusern und den moosgrünen Fensterläden: Amatrice.

Vor dem Beben

Amatrice, am Gipfel des Monte Gorzano gelegen, 2000 Meter hoch, der höchste Berg der Region Latium, wurde bereits im elften Jahrhundert erwähnt. Seine unvergleichliche Lage auf einem Felsplateau, sein geschlossener historischer Ortskern mit Stadtmauer und sechs Toren, darunter Porta Carbonara, machten Amatrice weithin bekannt und berühmt. Kunstinteressierte waren fasziniert von den alten Kirchen mit den freigelegten Fresken, dem Reichtum der vielen Kunstschätze und dem Kloster San Francesco; meist gehörte der Besuch von Amatrice bei einer Romreise zwingend dazu. Auch die regionalen Köstlichkeiten waren begehrt: der Schafskäse mit dem würzigen Kräuteraroma der Bergweiden und natürlich die Spaghetti all’ Amatriciana, eine geschätzte, wenngleich etwas speckig-fette Spezialität.

Seit jeher galt die Stadt als Erdbebenzone und stark gefährdet. Die Chroniken des Mittelalters verzeichnen gewaltige Erdstöße, wobei es bei den Beben von 1639, 1672, 1703 und 1737 die größten Zerstörungen gab.

Zeitsprung, zwei Jahre später in Deutschland, ein heißes Wochenende im August 2016. Die Vögel verstummen plötzlich, kein Blättchen regt sich mehr im Windhauch. Dann ziehen Wolken auf, ein leises Donnergrollen, das näher kommt, und erste Tropfen, die fallen. Katrin freut sich auf die Abkühlung. Sie handelt mit Antiquitäten, Raritäten und Kunstwerken und hatte vor einigen Tagen ein prachtvolles antikes Hinterglasbild mit einem Motiv, das den Erzengel Michael zeigt, bei Ebay zur Versteigerung angeboten. Kurz darauf kam die Anfrage eines Dottore aus Italien: Er habe sich in den Engel verliebt, teilte er ihr mit, und wolle ihn unbedingt adoptieren. Das Gemälde sei für die Basilika San Francesco in seinem Heimatort bestimmt, als Dankesgabe an seinen Schutzpatron, den Heiligen Franziskus.

Katrin hatte bei ihrem Angebot darauf hingewiesen, dass nur eine Abholung infrage komme, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie sie das fragile, höchst zerbrechliche große Glaskunstwerk verpacken und verschicken könnte. Sie schlug deshalb vor, dass der Käufer bei seinem nächsten Besuch in Deutschland bei ihr vorbeischaut und das Gemälde persönlich entgegennimmt. Er aber lehnt ab. „Nein, bitte schicken Sie es mir.“ Die Kaufsumme hatte er bereits überwiesen, und so bleibt Katrin nichts anderes übrig, als eine geeignete Verpackungsstrategie zu entwerfen, um das hauchdünne Glas vor dem Zerbrechen zu schützen. Im Baumarkt erntet sie zunächst nur mitleidiges Kopfschütteln, als sie ihr logistisches Problem erläutert und um den Zuschnitt von zwei dünnen Holzplatten bittet, in die sie, ähnlich einem Sandwich, das Glasbild pressen und stabilisieren will. „Allein vom Zusehen“, sagte einer, „bricht das Ding doch schon in tausend Einzelteile.“ Schließlich aber verlässt sie den Laden mit den gewünschten Sperrholzplatten, Luftpolsterfolie und weiteren schützenden Materialien. Und nach schweißtreibenden drei Stunden kann sie das fertige Paket zum Versand geben. Der Zielort lautet „Amatrice“, und Katrin erinnert sich sofort an den Abend, als Freund Jochen von der italienischen Stadt geschwärmt hatte.

Das Beben

Am übernächsten Tag, es ist der 26. August 2016, überschlagen sich die Meldungen von einem gewaltigen Erdbeben in Mittelitalien, Stärke sechs, mit Hunderten Toten, zahllosen Verschütteten und Verletzten. Es ist von chaotischen Zuständen die Rede, von Verwüstungen und Zerstörungen. Reporterinnen und Reporter landen per Helikopter, alle Straßen sind unbefahrbar, Bahngleise herausgerissen und verbogen. Das Epizentrum des Erdbebens: die Stadt Amatrice. Sie wurde dem Erdboden gleichgemacht. Annähernd 300 Tote sind zu beklagen und 213 historisch bedeutsame Bauten zerstört. Nur zwei hohe Türme auf einer Schotterebene sind die einzigen Überreste und wachen über Schutt und Trümmern. Katrin bleibt fast das Herz stehen. Ihr Käufer wohnt in Amatrice, und der Erzengel Michael, gebannt auf zartes Glas, ist auf dem Weg dorthin.

amatrice

Die Stadt liegt knapp 140 Kilometer nordöstlich von Rom. Sie hatte bis zu dem Erdbeben ein gut erhaltenes mittelalterliches Zentrum mit Stadtmauern aus dem 13. Jahrhundert und sechs Stadttoren.

Am 24. August 2016 reißen Erdstöße der Stärke sechs die Menschen aus dem Schlaf. Rund 300 Menschen sterben, ein Großteil davon in Amatrice. Hunderte werden verletzt, ganze Orte in Mittelitalien durch die Beben zerstört. Der mittelalterliche Turm – der Torre Civica – bleibt zunächst stehen. Die Glocke fällt zu Boden, die Turmuhr bleibt auf 3:38 Uhr stehen und wird zu einem Mahnmal für die Katastrophe.

Am 18. Januar 2017 ereignet sich eine weitere Erdbebenserie mit Amatrice als Epizentrum, mit einer Stärke von bis zu 5,7. Dabei stürzt auch der Überrest des Torre Civica ein.

Im September 2020 werden fünf Angeklagte zu Haftstrafen zwischen fünf und neun Jahren verurteilt. Das Gericht in Rieti spricht die Männer wegen ihrer Mitschuld am Einsturz zweier Sozialbauten in erster Instanz schuldig; durch den Einsturz der Gebäude seien 18 Menschen ums Leben gekommen und drei weitere verletzt worden.

Am heutigen Dienstag gedenkt die Stadt der Erdbebenopfer mit Feierlichkeiten, unter anderem mit einer Heiligen Messe und einer Nachtwache, bei der die Namen der Opfer verlesen werden. osk

Drei Tage später erhält sie Nachricht: Das Haus des Käufers auf einem Hügel steht noch, und das Paket mit dem Hinterglasbild ist pünktlich bei ihm eingetroffen. Alles sei unbeschadet, makellos, und die Schönheit des Engels werde die Schrecken der vergangenen Tage für einen Moment vergessen lassen. Bei dieser Gelegenheit erwähnt er, dass die mächtige Glocke aus dem Torre Civica, einem der mittelalterlichen Türme in Amatrice, wie ein Geschoss auf die Erde gefallen sei, dass die Turmuhr um 3.38 Uhr in der Nacht stehengeblieben sei und jetzt als Mahnmal für die Katastrophe gelte. Katrin kann es kaum glauben: Exakt um 3.38 Uhr am Nachmittag wurde das Paket mit dem Engel laut Sendenachweis zugestellt.

Sie schreibt ihrem Käufer zurück, dass ihr der Transport mitten hinein in eine Naturkatastrophe, die menschliches Elend, Trauer und Millionenschäden zurücklässt, als ein unbegreifliches Wunder erscheint. Sie spricht von „Schicksal“, „göttlicher Fügung“ und dass der „Schutzengel“ wohl seine Hände mit im Spiel gehabt habe.

Nach dem Beben

Wie erzählt man die Geschichte einer sterbenden Stadt? 2016, im September. Nach Angaben des Technischen Hilfswerkes gibt es noch immer Chancen, Überlebende zu finden, die fieberhafte Suche nach ihnen geht weiter. Nach neun Tagen Finsternis erblickt der Hund „Romeo“ wieder das Licht der Welt. Sein Besitzer ist überglücklich. Drei Tage zuvor wird eine Katze aus den Trümmern gerettet.

2017 veröffentlicht die FR eine Reportage ihrer Autorin Regina Kerner aus Amatrice, überschrieben mit den Worten: „Trümmer versperren die Zukunft“. Sie erzählt von Menschen, die nach wie vor in primitiven Wohnwagen und Containern leben, obwohl Hilfsorganisationen sich um sie kümmern und sie inzwischen Besuch von Prominenten hatten, Papst Franziskus, Prinz Charles, ranghohe Politiker, die alle ihre Bestürzung und tiefe Betroffenheit äußern und versprechen, sich für die Erdbebenopfer einzusetzen.

Auch die Journalistin Kirstin Hausen besucht den Ort und berichtet in ihrer Reportage für den Deutschlandfunk einfühlsam und berührend von der Situation einer Dorfgemeinschaft, die zerfallen ist wie ihre Häuser. Die Autorin, die abwechselnd in Italien und der Schweiz lebt, schreibt von Trümmern und zerstörten Träumen, von noch immer traumatisierten, obdachlosen Menschen mit oder ohne Hoffnung, von Spekulation und Korruption und einer schwerfälligen Bürokratie seitens der Regierung und der Behörden.

Sie findet Geflüchtete im 100 Kilometer entfernten Küstenstädtchen San Benedetto in Warteposition und Gebliebene, wie den Besitzer des beliebten Lokals „La Fattoria“, dessen Haus, stark beschädigt, noch steht und dessen beide Hunde überlebt haben.

Sie findet Menschen in Containern, gestiftet von der örtlichen Diözese, und andere, die sich notdürftig ein Dach über dem Kopf gezimmert haben und auf die versprochenen Fertighäuser warten. Und schließlich den Bürgermeister Sergio Pirozzi, dem aus seiner Verzweiflung Mut erwachsen ist und der versucht, die vielen Tränen zu trocknen.

2020 findet am Ort des Geschehens – natürlich unter Corona-Bedingungen – eine Gedenkzeremonie statt und eine Mahnwache, derweil sich der Wiederaufbau weiterhin schleppend gestaltet. In der römischen Bibliotheca Hertziana wird zur gleichen Zeit eine virtuelle Ausstellung über das verschwundene Amatrice eröffnet. Sie zeigt in eindrucksvollen Bildern der Erinnerung die Geschichte des Ortes, wie lebendig er einst war, und seinen Niedergang.

Es mehren sich die eindringlichen Stimmen von Geologinnen und Seismologen, die bessere Präventionen fordern, um eine künftige Tragödie wie die in Amatrice zu verhindern. Die Bevölkerung müsse für ein richtiges Verhalten mit einer solchen Naturkatastrophe sensibilisiert werden, die Vorhersagen müssten exakter sein, und vor allem müsse erdbebensicher gebaut werden und leichtfertige Baugenehmigungen ein Ende haben. Dass in Amatrice so viele Gebäude zerstört wurden, führen die Expert:innen nicht zuletzt auf die Bausünden in der Vergangenheit zurück und auf die teilweise marode Substanz der Wohnhäuser, die zwar von außen schön anzusehen, aber in ihren Grundmauern angeschlagen und vom Zerfall bedroht waren.

Ein Jahr später, 2021: Zwischen den Trümmern der zerstörten Bergdörfer wachsen bunte Wildblumen, auf den Wiesen weiden wie eh und je die Ziegen und die Schafe. Eine der schönsten Städte Italiens, Amatrice, ist gestorben. Statt der Altstadt erwartet die Besucher, Touristinnen und Erdbebenpilger eine große Leere. Alle Kirchen sind zerstört, die Gottesdienste und Beerdigungen müssen außerhalb stattfinden. Diejenigen, die hier noch leben, bewahren ihre Visionen eines zukünftigen Amatrice wie einen kostbaren Schatz.

Neben anderen gastlichen Stätten ist auch das Bistro „La Fattoria“ wieder offen und bietet Pasta und Pizza an. Das „Festival of the Spaghetti all’ Amatriciana“ lädt vom 27. bis 29. August ein. Aus einem der Schuttberge ist ein junger Baum gewachsen – Verheißung und zugleich ein Zeichen der Hoffnung, dass neues Leben aus Ruinen erblühen kann. Und vielleicht scheint gerade irgendwo ein Sonnenstrahl durch das zarte Glas mit dem Abbild des Erzengels Michael.

Die Hauptstraße von Amatrice im Mai 2021.
Feuerwehrleute stehen in den Trümmern nahe dem Glockenturm, Ende August 2016.

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