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Es hat sich ausgesportelt: Huelle will Eleganz stärker fokussieren.

Lutz Huelle

"Ein bisschen mehr Bourgeoisie"

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Seit 18 Jahren macht Lutz Huelle Mode in Paris ? einem breiteren Publikum ist sein Label trotzdem erst jetzt bekannt. Im berühmt-berüchtigten Technoclub Berghain zeigte er seine Mode vergangene Woche erstmals in Berlin. Ein Gespräch über die Gnade des späten Erfolgs.

Herr Huelle, wir haben uns schon am Montag bei einem Dinner kennengelernt. Da sagten Sie mir, Sie würden heute gern über was Schönes wie Urlaub sprechen.
Wahrscheinlich, weil ich die Woche viel zu tun hatte. Dann denke ich oft, ich würde lieber am Strand liegen und eine Margarita trinken. Aber wenn ich es dann tue, wäre ich lieber in Paris am arbeiten. Eigentlich bin ich gar kein Urlaubsmensch.

Im Grunde passt Ihre Vorliebe für den Alltag ganz gut zu Ihrer Mode, die diesen Aspekt des Lebens nie aus den Augen verloren hat.
Meine Mode sollte immer einen Platz im richtigen Leben haben, aber sie ist deswegen nicht simpel. In meiner Mode geht es um eine Realität, die etwas extremer ist. Meine eigene Realität eben.

Es ist ganz lustig, dass wir ausgerechnet hier im Berghain über Realität und Alltag sprechen. Der Club, in dem Sie heute Abend ihre Mode zeigen, ist eher als Ort der Realitätsflucht bekannt. Viele Jahre war schon im Eingangsbereich das großformatige Werk „Rituale des Verschwindens“ von Piotr Nathan zu sehen, im ganzen Club gibt es keine Spiegel, fotografieren ist verboten. Ein Ort, der zu Ihnen und Ihrer Mode passt?
Absolut. Generell sind Clubs Orte, an denen man sich neu erfinden kann, an denen alles möglich ist. Und auch Teil meiner Arbeit war es immer zu sagen: Hier ist alles möglich. Alles zusammen mischen, keine unumstößlichen Regeln – so hat meine Arbeit immer funktioniert.

Obwohl Sie Ihr Label seit 18 Jahren mit ähnlichen Inhalten füllen, spricht man erst heute von Ihrem richtigen Durchbruch. Das muss Ihre Arbeit doch beeinflussen?
Wenn man nicht mehr nur Geheimtipp ist, dann macht das Vieles einfacher. Es ist auch spannender, Mode zu machen, wenn man weiß, dass mittlerweile eine viel größere Öffentlichkeit sie wahrnimmt. Ich würde sagen, Erfolg verleiht Flügel.

Aber er kann auch verunsichern.
Dafür tue ich das schon zu lange. Was ist schon das Schlimmste, was passieren kann? Dass plötzlich weniger Leute meine Sachen schön finden, sie nicht mehr kaufen, ich keinen Erfolg mehr habe? Das alles habe ich schon erlebt und weiß also auch, wie man damit umgehen kann.

Ist das eine gesündere Form des Erfolgs? Im Gegensatz zu den vielen jungen Marken, die heute hochgejubelt werden, sind Sie schließlich viel gefestigter in Ihrem Stil und reifer in dem, was Sie tun.
Ich bin heute sicherlich in der Lage, Dinge anders anzugehen, als ich das vor 15 Jahren gekonnt hätte. Trotzdem ist die Arbeit für mich noch immer aufregend und manchmal nervenaufreibend. Aber ich kann heute besser mit plötzlichem Erfolg, aber auch mit Misserfolgen umgehen.

Wie machen Sie das?
Ich sehe das alles verhältnismäßig gelassen und freue mich einfach, dass gerade eine Zeit ist, in der die Leute meine Sachen toll finden. Ich bin stolz darauf, dass so viele andere Designer plötzlich das machen, was ich seit Jahren schon tue. Es war oft schwierig, Mode zu machen, die viele Leute nicht verstanden haben, also bin ich auch stolz, durchgehalten zu haben. Für mich war das eben immer ganz logisch, dass sich Streetwear und Couture verbinden lassen, dass sie in gewisser Weise sogar zusammengehören. Mir war immer klar, dass Moderegeln völlig absurd sind.

Gerade in Ihren aktuelleren Kollektionen haben Sie den Abend und die Eleganz noch stärker fokussiert. Manche Ärmellösungen und voluminöse Rockformen erinnern richtig an klassische Couture.
Es ist tatsächlich das erste Mal für mich, dass ich auch die sehr gesetzte Art sich zu kleiden interessant finde. Dass mich klassische Kombinationen aus Rock und Jacke faszinieren. Das galt doch lange als sehr bieder. Für mich wird das wieder interessant, weil die reine Sportswear gerade so dominant ist und sich damit ein bisschen ausreizt. Also mache ich ein bisschen mehr Bourgeoisie. Ich finde gerade meine tiefer gesetzten Glockenröcke sehr interessant.

Warum glauben Sie ist genau jetzt die Zeit, in der Ihre Mode auch von einem größeren Publikum begriffen wird?
Die Menschen leben und kleiden sich doch schon seit Jahren so. Im Grunde hinkt die Mode vielen Dingen hinterher. Manchmal bewegt sie sich regelrecht langsam, weil viele Leute in der Branche Angst haben, Dinge wirklich zu verändern. Sie gehen erst dann mit, wenn sie die Sicherheit haben, dass alle Leute dieses oder jenes auch wirklich wollen. Diese Art sich zu kleiden, wie sie heute populär ist, gibt es also schon viel länger. Ich kenne Frauen, die seit zehn Jahren Turnschuhe zum Abendkleid tragen. Das wurde einfach offiziell nicht wahrgenommen. Ich finde sehr interessant, dass das jetzt passiert, das macht alles so offen.

Statt einer neuen Offenheit schreiben viele Modekritiker eher von einer Mode in der Krise und von Designern, die einfach alles machen, weil keiner mehr so recht weiß, wohin es geht.
Das ist eine Frage des Instinkts, den die meisten Designer doch immer noch haben. Es geht um ein Gefühl, um etwas, das in der Luft liegt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass man in Deutschland Angst hat, sich auf seine Gefühle zu verlassen. Bei Franzosen und Italienern zum Beispiel ist das anders.

Warum sind die Deutschen modisch weniger risikofreudig?
Ich glaube, das hat mit der deutschen Mentalität zu tun, dass man lieber nicht Dinge tut, die erstmal unsicher erscheinen. Als ich früher gesagt habe, dass ich Mode in London studieren will, war das für meine Eltern sehr absurd. „Kannst du nicht Doktor werden oder bei der Bank arbeiten?“ Mode erscheint oft, als wäre sie nichts Anständiges, weil man sie nicht in Worte fassen kann.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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