1. Startseite
  2. Panorama

„Ein Abriss ohne Not“

Erstellt:

Von: Barbara Schnell

Kommentare

Die Hoffnung klebt bis zuletzt: das Ortsschild, aufgenommen am Tag nach der Entscheidung. A. Stoffel/dpa
Die Hoffnung klebt bis zuletzt: das Ortsschild, aufgenommen am Tag nach der Entscheidung. A. Stoffel/dpa © A. Stoffel/dpa

Trotz Ausstieg aus der Kohle: Das Dorf Lützerath muss dem Tagebau weichen. Eine Entscheidung, die selbst jene Menschen umtreibt, die in den nun als gerettet geltenden Nachbardörfern leben.

Eckardt Heukamp, der letzte Landwirt von Lützerath, hat bis zuletzt an ein Wunder geglaubt. Auch als er am vergangenen Sonntag den Schlüssel zu seinem Hof an den Braunkohlekonzern RWE übergeben hatte, wollte er die Hoffnung auf die Rettung des Dörfchens vor dem Tagebau Garzweiler nicht aufgeben. Seit dem 4. Oktober steht fest, dass es dieses Wunder nicht geben wird.

In einem Pressegespräch zum Kohleausstieg 2030 gaben Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) und RWE-Vorstandschef Markus Krebber bekannt, dass der „nicht mehr bewohnte“ Ort zeitnah geräumt und abgerissen werden soll.

Gegen diese Bagatellisierung, Lützerath sei ein „Geisterdorf“ oder ein „Symbol“, wehren sich die, die sich dort seit über zwei Jahren dem Tagebau entgegenstellen und gleichzeitig alternative Lebensentwürfe ausprobieren. „Ich komme selbst vom Dorf“, sagt Jonas, der als Mieter in Lützerath lebt. „So eine dauerhaft lebendige Dorfstruktur habe ich vorher nicht kennenlernen dürfen. Ich würde sagen, Lützerath ist eins der lebendigsten Dörfer, die es in Deutschland gibt. Es ist Vernetzungsort, Ideenschmiede, thematischer und emotionaler Kristallisationspunkt der Klimagerechtigkeitsbewegung – aber wenn es eins nicht ist, dann leer.“

Bis jetzt, sagt Jonas, der als kaufmännischer Angestellter arbeitet, habe er keine rechtswirksame Kündigung seines Mietvertrags erhalten, daher rechne er auch nicht unmittelbar mit einer Räumung. „Eigentlich fände ich es angemessen, wenn die Landespolitik das Gespräch mit uns Mietern sucht – auch in Ermangelung der Lokalpolitik, die sich hier überhaupt nicht sehen lässt.“

„Der Staat für den Konzern“

Solche Gespräche hält Ronni, Sprecherin der Aktivist:innen vor Ort, für sinnlos: „Der Staat hat sich als Vermittler für den Konzern präsentiert; andere Stimmen wurden nicht gehört. Die einzige Versorgungssicherheit, um die es bei den Gesprächen letztlich ging, ist die, dass RWE weiter Profite machen kann.“ Ein Kohlestopp 2030 sei „ein Desaster für alle, die jetzt schon von der Klimakatastrophe betroffen sind“. Es gehe nun darum, sagt Ronni, die sozialen und ökologischen Probleme selbst zu lösen, „so dass nicht mehr der abstrakte Markt entscheidet, wer es warm hat“.

Ein Davonlaufen vor der Räumung kommt für Ronni nicht infrage – obschon ihm bewusst ist, dass es vor allem die Jüngeren schockieren werde „zu erleben, wie ihr Glaube an das, was sie vom Staat erwarten, zerstört wird“. Er ist sicher: „Die Menschen hier werden so stark kämpfen wie sie können und sich umeinander kümmern. Wenn wir aufgeben wollten, wären wir gar nicht erst gekommen“.

Die Frage, wie sie mit der Politik umgehen sollen, wie auf Mona Neubaurs Gesprächsangebote reagieren, ohne sich vereinnahmen zu lassen, treibt nun auch Anwohner der geretteten Dörfer im Norden des Tagebaus um. Als „Pyrrhussieg“ betrachtet David Dresen aus Kuckum die Bekanntmachungen von Dienstag. „Ja, wir bleiben, und ja, das ist ein großer Erfolg. Aber dass Lützerath jetzt schon ohne Not abgerissen wird, ist einer grünen Partei nicht würdig.“ Auch die von Neubaur angeführten Gutachten kämen zu keinem eindeutigen Schluss: „Keins sagt, wir brauchen Lützerath schon dieses Jahr. Aus unserer Sicht ist die Entscheidung sozialpolitisch sinnvoll, weil sie endlich Sicherheit für die anderen Dörfer bringt. Aber klimapolitisch ist sie nutzlos.“

Kathrin Henneberger stammt aus der Tagebauregion und wurde 2021 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Sie gestaltete das Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz mit, bei dessen Beratung sich der Bundestag mehrheitlich für den Erhalt von Lützerath aussprach. Am Dienstag twitterte sie ernüchtert, aber kämpferisch: „Ich musste jetzt die Erfahrung machen, dass, selbst wenn sich das Parlament einigt, Maßnahmen gegen die Klimakrise zu ergreifen (#Lützerathbleibt), Kohlekonzerne wie RWE nicht bereit sind. Was bleibt ist nun den Staub von meinem Klettergurt zu pusten und weiterzumachen“.

Auch interessant

Kommentare