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Eisbärpopulation

"Das eigentliche Problem ist der Klimawandel"

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Biologe Stephen Petersen spricht in der FR über den Zusammenhang von Klimawandel und über die immer schlechteren Lebensbedingungen von Eisbären in Kanada.

Herr Petersen, im vergangenen Jahr sorgten die Aufnahmen des Fotografen Peter Nicklen für Furore. Sie zeigen einen Eisbären auf der kanadischen Buffin Island, der laut Medienberichten wegen des Klimawandels bis auf die Knochen abgemagert war. Steht es so schlecht um Kanadas Eisbären?
Die Aufnahmen von Nicklen haben wachgerüttelt und erreicht, dass viele über die Situation der Eisbären sprechen. Aber oftmals ging dabei einiges durcheinander. Bei diesem speziellen Eisbären fehlen uns die Informationen, um sagen zu können, was mit ihm passiert ist. Tatsache ist aber, dass viele erwachsene Eisbären in freier Wildbahn in keiner guten körperlichen Verfassung sind. Sie verhungern entweder, weil sie zusätzlich alt oder krank sind und deshalb nicht mehr jagen können, oder – und diese Fälle erwarten wir in Zukunft immer öfter – weil es kein Eis mehr gibt, auf dem sie jagen können.

Welche Entwicklung fürchten Sie im Hinblick auf das arktische Eis?
Wenn der Trend anhält, ist die Hudson Bay in 100 Jahren ohne Eis. Und in 500 Jahren ist die gesamte Arktis ohne Eis. Und das hat verheerende Konsequenzen für Eisbären. Man liest immer wieder, sie seien das größte Landraubtier der Erde. Aber Eisbären gehören aufs Eis. Und wenn es kein Eis mehr gibt, gibt es auch keine Eisbären mehr. Deshalb ist der Klimawandel die größte Gefahr für den Eisbären. 

Zwei Drittel der gesamten Eisbärpopulation lebt in Kanada. Hat der Klimatrend heute schon Auswirkungen auf die Bestände?
In Kanada haben wir Regionen, in denen es den Eisbären noch gut geht, in anderen steigen die Bestände sogar. Aber es gibt etliche Gebiete, in denen wir einfach noch keine Daten haben, weil es schwierig ist, gefährlich und teuer, in der Arktis zu forschen. Aber für Manitoba können wir recht gute Angaben machen. Deretwegen sind wir hier besonders in Sorge.

Wie sieht die Situation an der Hudson Bay aus?
Auf der Hudson Bay taut das Eis im Frühjahr immer früher. Vor vier Jahrzehnten gab es noch bis Juli Eis, heute taut es schon einen Monat früher. Aber das Frühjahr ist für Eisbären eine wichtige Zeit, weil Robben da ihre Jungen bekommen und die Eisbären deshalb mehr Beute machen. Das Gleiche gilt für die Zeit, in der das Eis anfängt zu gefrieren, also ab Oktober. Dann gibt es noch nicht so viel Schnee, unter dem sich Robben tarnen und sich niederlassen könnten. Sie müssen dann auch erst noch ihr Territorium beziehen und haben andere Dinge im Kopf, als sich vor Eisbären zu hüten. Und auch da gilt: Die Bucht friert immer später zu. Die Eisbären können also nur noch über immer kürzere Perioden hinweg auf dem Eis jagen und sind länger an Land. Und das hat für sie gravierende Folgen.

Sie verhungern?
Im schlimmsten Fall ja. Wenn sie es nicht schaffen, die längeren Hungerperioden an Land auszugleichen, indem sie während der kürzeren Jagdperioden auf dem Eis umso mehr Beute machen und sich genug Energievorräte anlegen, um die längeren Hungerperioden an Land zu überstehen. Es steht aber auch zu befürchten, dass sich die Bestände rund um die Hudson Bay isolieren, wenn die Bucht in Zukunft nicht mehr vollständig zufriert. Dann ist zu erwarten, dass es zu Fortpflanzungen unter Eisbären kommt, die in verwandtschaftlichen Beziehungen zueinander stehen. Das hätte genetische Defekte zur Folge, die eine Population quasi von innen her erheblich bedrohen würden.

Wie weit sind die Eisbären an der Hudson Bay von diesem Schreckensszenario entfernt? 
Nach den Daten, die wir haben, ist das Zukunftsmusik. Wann diese Entwicklung einsetzt, hängt davon ab, ob wir es schaffen, den Klimatrend zu stoppen. Aber wegen des bisherigen Temperaturanstiegs beobachten wir schon seit den letzten zehn Jahren, dass Eisbärmütter immer weniger Junge bekommen. Sie schaffen es einfach nicht, sich und auch noch den Nachwuchs durchzubringen. Deshalb sehen wir vermutlich auch immer mehr Eisbärjunge, die ohne Mutter umherziehen. 

Weil die Mutter gestorben ist?
Das ist eine unserer Theorien. Es könnte auch sein, dass sie ihr Junges früher abstößt, weil sie es nicht schafft, für es zu sorgen. Das ist eine unserer drängendsten Fragen. Denn die Chance, dass ein Junges unter zwei Jahren ohne Mutter überlebt, liegt unter fünf Prozent.

Sie leiten mit dem Leatherdale International Polar Bear Conservation Centre die einzige Einrichtung in Manitoba, in welche die Regierung vereinzelt aufgefundene Eisbärjunge aus der Wildnis bringt. Was passiert mit den Bären?
Wir bereiten sie so behutsam wie möglich auf ein Leben in Gefangenschaft vor. Dazu sind sie so lange in einem separaten Gehege, bis sie zu den anderen Eisbären können, die schon zu zufriedenen Zootieren geworden sind. Leider lassen sich einmal gefangene Eisbären nicht wieder auswildern, weil sie sich zu sehr an den Menschen gewöhnt haben. Grundsätzlich wollen wir natürlich lieber, dass wilde Eisbären auch wilde Eisbären bleiben. Aber wenn Sie mich fragen, ist es besser, dass wir sie hier bei uns, lebendig, haben, als wenn sie in der Arktis sterben. Und wir nutzen sie hier, um die Besucher über den Klimawandel und seine Bedrohung für die Eisbären und dessen Lebensraum aufzuklären – bevor sie dorthin reisen.

Damit sprechen Sie den Eisbären-Tourismus in Churchill an. Stellt der Hype um die Bären aus Ihrer Sicht eine Bedrohung für die Tiere da?
Ich denke, man sollte jeden Ökotourismus kritisch im Auge behalten. Aber nichts von unseren Beobachtungen lässt darauf schließen, dass er sich negativ auf die Tiere auswirkt. Es ist auch nur ein vergleichsweise kleines Gebiet, in dem die Regierung den Tourenanbietern Lizenzen erteilt. Und wenn sich die Eisbären daran stören, ist es für sie wirklich ein Leichtes, sich in die geschützten Gebiete zurückzuziehen, wo kein Fahrzeug hinfahren darf. Das Problem ist eher: Wenn sich die Tiere an die Menschen gewöhnen und in die nördlichere Provinz Nunavut ziehen, ist die Scheu auch weniger groß, sich den Inuit zu nähern.

In Nunavut ist es den Inuit derweil erlaubt, Eisbären zu erschießen – vor allem auch aus traditionellen Gründen. Haben Sie als Wissenschaftler ein Problem damit?
Die Leute fragen mich immer: Eisbären sind bedroht, wie kann die Regierung es da zulassen, dass Eisbären gejagt werden? Als Wissenschaftler interessieren mich aber die Bestände. Solange sie durch die Jagd nicht gefährdet werden, habe ich kein Problem damit. Und die Quoten, die Nunavut auferlegt, sind so erarbeitet, dass sie die Bestände nicht antasten. Wir sind uns alle einig, dass das eigentliche Problem der Klimawandel ist.

Wenn die Regierung das Problem erkannt hat – tut sie auch genug, um es zu lösen?
Die Regierung tut eine Menge guter Dinge gegen den Klimawandel. Sie hat erst jetzt ein Gesetz erlassen, das den CO2-Ausstoß in allen Provinzen besteuert. Auf der anderen Seite hat Justin Trudeau eine Pipeline zwischen Alberta und British Columbia zugelassen und baut damit einmal mehr auf fossile Energien. Das ist natürlich kontraproduktiv für das Bestreben, den ökologischen Fußabdruck kleiner zu machen. Und dann gibt es ja auch noch die USA mit Trump, von wo immer noch ein großer Einfluss auf Kanada ausgeht – um nicht zu sagen: auf die ganze Welt. Wir setzen einen Kontrapunkt, indem wir darüber aufklären, dass jedes klima-schädliche Verhalten nichts Gutes für den Eisbären zur Folge hat. Und den wollte bislang noch jeder retten, der bei uns war.

Interview: Simon Berninger

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