Fashion Week

Eigentlich ist sie ja ganz nett

In Berlin beginnt die Fashion Week, und alle wollen mitmachen. Auch Claudia Effenberg. Sie präsentiert zusammen mit Christina Duxa ihre erste Modekollektion.

Von Carmen Böker

„Tut mir leid, du bist ein bisschen zu jung für uns“, sagt sie zu einem Mädchen, das siebzehn, achtzehn sein mag, aber wie eine Vierzehnjährige aussieht. „Komm doch in zwei Jahren noch mal vorbei.“ Die Nächste, mit einem noch nicht sonderlich routiniertem Hüftschwung, hat ebenfalls kein Glück beim Catwalk. Der führt in diesem Fall nur über fünf Meter Veloursteppichboden, die diagonal zwischen Kleiderständern und High-Heel-Stapeln liegen. Es ist gerade Casting in einem Hotel an der Friedrichstraße. „Du bist zu dünn für uns“, sagt Claudia Effenberg und schiebt auch dieses Mal fast verlegen eine Entschuldigung hinterher: Die zu zeigenden Kleider seien eben für weiblichere Frauen gedacht.

Claudia Effenberg ist pünktlich zur Fashion Week in Berlin eingetroffen. Aber nicht, um Mode zu gucken. Sondern um Mode zu zeigen. Ihre eigene – Couture, die in Kooperation mit der Designerin Christina Duxa entstanden ist. Am Mittwochabend wird sie im Hotel Adlon präsentiert.

Die Gattin des früheren Fußballers Stefan Effenberg hat ihre im Jahr 2010 erschienene Autobiografie „Eigentlich bin ich ja ganz nett“ genannt, und eigentlich geht es so nett und aufmunternd tatsächlich nur selten zu bei Castings. Die Models wissen, dass sie oft lange warten müssen, um dann in Sekunden abgelehnt zu werden. „Ich bin so froh, dass ich jetzt auf der anderen Seite stehe“, sagt Claudia Effenberg, die selbst gut zwanzig Jahre als Mannequin gearbeitet hat. „Ich weiß genau, wie die sich fühlen beim Casting. Dass ich jetzt nicht mehr denken muss: Oh Gott, ich hab zwei Kilo zu viel – das ist so entspannend!“

Und das hebt dann auch die Laune und fördert ganz erstaunlich die Gelassenheit. Zumal bei jemandem, von dem man aus früheren Fernsehauftritten weiß, dass er schon „die Motten“ bekommt, wenn er mit dem Zug von Berlin nach Hamburg fahren soll, weil kein Leihauto aufgetrieben werden konnte. Eben gab es zwar einen Moment, in dem sich Claudia Effenberg mit einem langgezogenen „Ommmm“ abregen musste, weil mancher nicht mal eine Viertelstunde auf sie warten will, wenn die Zeit allen Beteiligten davonläuft. Aber sämtliche Modelle sind längst fertig, das ist die Hauptsache. Fehlen nur noch das Fitting und Antwort die Frage, wem was am besten passt aus der Duxa/Effenberg-Debütkollektion.

Laut und nicht leise

Claudia Effenberg, Jahrgang 1965, trägt weiße Bluse und schwarzen Hosenanzug, das Jackett länger und lässig figurumspielend. Die kurzen Haare in Honigblond haben Stand, an den weiß-silbernen Turnschuhe sitzt ein bisschen Glitzer. Business-Look. Gefragt, wer ihre Inspiration, ihre Lieblingsdesigner seien, sagt sie: „Für mich sind das auch heute noch Roberto Cavalli und Dolce & Gabbana. Das ist eine Mode, die auch laut ist – und ich bin ja selbst nicht leise, um es mal nett auszudrücken. Das sind Sachen, die ein Bang! haben.“

Von einem solchen Bang! wird oft auch Claudia Effenbergs Erscheinen in der Öffentlichkeit begleitet. Die jährlichen Auftritte im Dirndl beim Oktoberfest, der obligatorische Zungenkuss mit ihrem Gatten Stefan Effenberg vor den Fotografen, der immer wieder das Ende aller gut in den Illustrierten verzeichneten Ehekrisen besiegeln soll. Die Teilnahme an Doku-Soaps auf RTL2, „Der Club der Ex-Frauen“, 2006, und „Effenbergs Heimspiel“, 2008, das in sechs Teilen die Haussuche des Ehepaars in München begleitete. Endlich, befand Claudia Effenberg seinerzeit, könne jeder sehen, wie normal diese Familie wirklich sei. Die Normalität führte den Zuschauer in diesem Fall allerdings in neureiche King-Size-Schlafzimmer und in Küchen mit einem Kroko-Imitat-Spritzschutz über der Spüle. „Sind Sie peinlich, Frau Effenberg?“ hat die Bild-Zeitung sie einmal gefragt und dazu genüsslich die Bilder mit herausgestreckter Zunge und dem „prallen Dekolleté kurz vorm Platzen“ aufgeblättert. Nein, hat sie der Zeitung geantwortet. Nicht peinlich, sondern lustig.

Christina Duxa – langhaarig blond, mit knallengen grauen Jeans und hohen Lackleder-Boots angetan – wirkt ein wenig besorgt, wenn es um die Nähe dieser Geschichten geht. Die Designerin, geboren 1974, hat ihr Label im Jahr 2006 begründet und war 2010 schon einmal mit einer Schau auf der Berliner Fashion Week vertreten, sie zeigte fließende Roben mit bunten Filmdrucken, gehoben, glamourös – und eher Münchener denn Berliner Stil.

Viel reden muss Christina Duxa aber ohnehin nicht, wenn es um die Kollektion für Herbst und Winter 2012/2013 geht, das besorgt schon Claudia Effenberg mit ihrer etwas heiser-kehligen, stets ein wenig atemlosen Stimme: „Ich wollte nicht Christinas Aushängeschild sein, weil ich prominent bin. Und sie sagte: Bist du wahnsinnig? Ich möchte mit dir zusammenarbeiten, weil ich dich als Mensch schätze, in deiner Familie, weil ich gesehen habe, wie du mit deinen Kindern umgehst. Ich will nicht, dass du vor mir oder hinter mir stehst, sondern dass du an meiner Seite stehst.“ Und dann sagt Duxa über Effenberg: „Sie hat einen ganz, ganz tollen Geschmack.“

Claudia Effenberg ist streng genommen übrigens keine Debütantin. Sieben Jahre lang hat sie für Trigema Sportmode kreiert. Weil sie fand, dass das, was es gibt, „zu langweilig, zu unsexy“ ist und das so auch Wolfgang Grupp, dem Geschäftsführer der Firma, mitgeteilt hat, verbunden mit dem Vorzeigen einiger Kataloge von Victoria’s Secret, der für Pink und Strass bekannten Dessous-Marke. Grupp ließ sie machen – und hat ihr immer gesagt: „Sie sind mein Papagei.“

Für zwei Kollektionen haben sich Christina Duxa und Claudia Effenberg vertraglich aneinander gebunden, vor einem Jahr haben sich die beiden kennengelernt, bei einem Event, wie man in diesem Business unweigerlich sagt. „La vie en rose – eine Ode an die Blumen dieser Welt“ heißt ihr erstes Gemeinschaftswerk, es geht um Cocktail- und Abendmode in drei verschiedenen Farbskalen, sexy Schwarz mit Lack und Leder, elegantes Elfenbein in Seidensatin und leuchtend bunte Blüten-Prints. Eine Win-Win-Situation ist es allemal. Die Designerin, sesshaft im nicht eben glanzvollen ostwestfälischen Delbrück, verbessert ihre Reichweite, denn Claudia Effenberg ist fester Teil der Münchener Ausgeh-Gesellschaft. Christina Duxa wiederum bietet Claudia Effenberg die Gelegenheit, einen alten Traum zu verwirklichen: „Ich habe als Mädchen schon in Boutiquen gearbeitet und mich immer in Klamotten auszahlen lassen. Als ich angefangen habe zu modeln, habe ich manchmal bei den Kleidern gedacht: Hm, das kannst du vielleicht auch – oder sogar besser.“

Das jedoch denken viele von sich. Es gibt Heerscharen von Zeitgenossen, die eine eigene Modelinie oder streng limitierte Kollektionen ins Leben rufen und beteuern, alles selbst entworfen zu haben sowie das Ergebnis selbstverständlich Tag und Nacht selbst zu tragen. Sarah Jessica Parker und Emma Watson beispielsweise haben sich an gemütlichen Ringelshirts versucht; Til Schweiger hat Gesundheitsschuhe entworfen, Heidi Klum ebenso; die früher als Sandy Meyer-Wölden bekannte Gattin Oliver Pochers zeichnete für eine Schmuckkollektion verantwortlich, ebenso wie Jenny Elvers-Elbertzhagen. Hennes und Mauritz hat seine Auslagen bereits für Kylie Minogues Bademoden und Madonnas Polyester-Träume zur Verfügung gestellt.

Eine Frau zum Anfassen

Im Februar wird es bei H & M die erste Herrenunterwäsche-Vision David Beckhams zu sehen sein, womit wir uns einer Ausnahme von der Regel nähern, dass viele Prominenten- oder It-Girl-Kollektionen nicht unbedingt hätten geschaffen werden müssen: Beckhams Gattin Victoria nämlich wird wegen ihrer perfekt modellierten Schnittkleider mit Fifties-Anklängen von Moderedakteurinnen mittlerweile über den grünen Klee gelobt und von Kollegen mit Respekt betrachtet. Und das, obwohl Designer wie Tom Ford früher öffentlich flehten, dass diese Person mit den blond gesträhnten Extensions und den zu Honigmelonenhälften hochgerafften Silikonbrüsten doch bitte nichts von ihnen kaufen möge.

Victoria Beckham mache schon gute Sachen, sagt Claudia Effenberg. „Ich finde sie toll und kenne sie auch, mein Mann war ja Davids Gegenspieler im Mittelfeld. Nur würde ich in die Kleider nicht mal mit meinem Fuß reinkommen.“ Denn wer trägt im wahren Leben Größe 32 oder 34? Für solche Frauen, die so dünn wie ihr Röntgenbild sind, sind die Beckhamschen Kreationen gedacht. Ganz anders sind die Entwürfe von Duxa und Effenberg. „Eine Frau muss eine Frau sein. Mein Mann sagt auch immer: Eine Frau muss man anfassen können“, erklärt Claudia Effenberg. Wie schon bei der Absage an das zu dünne Model hält sie ihre Hände dabei vor den Körper wie zwei Körbchen – um die Möglichkeiten der weiblichen Oberweite anzuzeigen.

Stefan Effenberg wird bei der Schau am Mittwoch natürlich in der Front Row, der ersten Reihe, sitzen: „Mein Mann hat mir noch so einen süßen Brief geschrieben, bevor ich nach Berlin geflogen bin: Du bist stark, du bist toll und machst das alles auch so toll. Er hat ja die vielen Telefonate mitbekommen.“

Am nächsten Tag geht es für die Familie aber auch schon wieder zurück nach München. Und bald weiter nach Kitzbühel, zum traditionellen Weißwurstessen beim Stanglwirt. Man muss sich ja zeigen bei den Leuten.

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