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Das Glück der Erde ist manchmal eine Ziegenherde: Mit 15 Tieren und 200 Euro Startkapital fing sie an ? heute besitzt Agitu Gudeta 180 Mochena-Ziegen.

Des eigenen Glückes Hirtin

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Aus Äthiopien musste sie fliehen, weil sie sich gegen den Landraub der Regierung engagierte. In Italien besann sich Agitu Gudeta auf ihre nomadischen Wurzeln. Aber sie züchtet nicht nur eine alte Ziegenrasse und stellt prämierten Käse her ? sie macht sich auch stark für die Integration von Flüchtlingen.

Um vier Uhr in der Früh, wenn es noch dunkel ist und man auf mehr als 1000 Metern Höhe im Valle dei Mòcheni selbst im Hochsommer fröstelt, beginnt für Agitu der Tag. Sie bindet sich ein buntes Tuch um ihre schwarzen Locken, schlüpft in die klobigen Arbeitsschuhe und setzt sich in ihren alten türkisfarbenen Panda, um auf Waldwegen und an steilen Hängen entlang noch weiter hinauf zu fahren, auf die Almwiesen, zum Ziegengehege.

Agitu stößt das Gatter auf und steuert den klapprigen Wagen mitten hinein in die Herde. Die Ziegen blockieren den Weg zum Stall, nur widerwillig lassen sie sich zur Seite schieben, eine Geiß bleibt stur stehen. „Das ist Martina, meine Älteste. Sie hat immer ihren eigenen Kopf“, sagt Agitu lachend. Sie steigt aus, krault ihr das braune Fell und gibt ihr einen kräftigen Schubs. „Beweg dich! Jetzt geht’s zum Melken.“

Agitu Idea Gudeta ist 40 Jahre alt und kommt aus Äthiopien. Aus ihrer Heimat musste sie vor acht Jahren fliehen, weil die Regierung sie verhaften lassen wollte. Im abgelegenen Valle dei Mòcheni, nordöstlich von Trento in Oberitalien, hat sie sich ein neues Leben aufgebaut. „La capra felice“ – „Die glückliche Ziege“ – heißt ihr kleiner, inzwischen sehr erfolgreicher Betrieb. Agitu, die von afrikanischen Nomaden und Hirten abstammt, stellt in den norditalienischen Alpen Biokäse und Naturkosmetik aus Ziegenmilch her. Sie trägt dazu bei, eine bedrohte heimische Art, die Mochena-Ziege, vor dem Aussterben zu bewahren. Agitu will nicht nur glückliche Ziegen. Sie will auch zeigen, dass Flüchtlinge ihrer neuen Heimat durchaus etwas zu geben haben. 

Frassilongos 344 Einwohner leben in weit verstreuten Höfen. Der Dorfkern besteht aus einer Handvoll Häusern und einem Kirchlein. Hier hat Agitu ihre Wohnung, daneben liegen die Käserei und ihr Lädchen, das sie nur an den Wochenenden öffnet. Den Weg hinauf zum Gehege fährt sie mehrmals am Tag hin und her, auch wenn es regnet, Nebel die Kiefernhaine verhüllt, wenn der erste Schnee fällt. Ihre 180 Ziegen wollen auf den Bergwiesen weiden und morgens und abends gemolken werden. Zwischendurch macht Agitu Käse, verkauft ihn auf Märkten der Region, reinigt Stall und Käserei. Sie arbeitet vom Morgengrauen bis es dunkel wird, vierzehn Stunden und mehr. Jeden Tag. Seit acht Jahren, ohne Feiertage, ohne Ferien. 

Ziegenhirtin zu werden, das war eigentlich nicht ihr Lebensplan. Als 18-jährige Abiturientin ging sie mit einem Stipendium nach Italien und studierte in Trento Soziologie. Aufgewachsen ist sie in der Großstadt Addis Abeba, in einer bürgerlichen Familie. Ihre Vorfahren waren nomadische Hirten vom Stamm der Oromo. Die Großmutter besaß noch eine Ziegenherde. Von ihr hat sie viel gelernt. 

Nach dem Studium kehrte Agitu als Diplom-Soziologin nach Äthiopien zurück. Sie stieß zu einer Gruppe von Aktivisten, die gegen Land-Grabbing kämpften, gegen den Landraub durch die Regierung und multinationale Konzerne. Während sie in der Käserei fast hundert Liter frisch gemolkene Ziegenmilch aus schweren Kanistern in einen Kühlkessel füllt, beschreibt Agitu, was sich in ihrer Heimat abspielt. Wie die äthiopische Regierung riesige Flächen verkauft, wegen der Korruption oft zu lächerlichen Preisen. Wie dann statt Weizen oder Hirse Schnittblumen für den europäischen Markt angebaut werden. Wie das Land mit Pestiziden vergiftet wird. Dass die Bauern und Hirten umsiedeln müssen und in Blechbaracken zusammengepfercht werden. Dass sie das, was sie vorher selbst produzierten, nun teuer kaufen müssen. „Das ist eine Wirtschaft, die stehlen will, ohne etwas für das Gemeinwohl zu tun“, sagt Agitu.

Als die Preise für Nahrungsmittel in der Region Oromia immer weiter in die Höhe schossen, taten sich die Bauern zusammen und protestierten. Agitu gehörte zu den Organisatoren. Die Regierung rief den Notstand aus, sperrte das Internet, viele ihrer Mitstreiter wurden verhaftet oder umgebracht. Als sie erfuhr, dass gegen sie ein Haftbefehl wegen angeblicher terroristischer Tätigkeit ausgestellt worden war, floh sie Hals über Kopf nach Kenia und von dort nach Italien, nach Trento. Das war 2010. 

Agitus neues Leben als Flüchtling war anfangs hart. Sie hatte kein Geld. Immerhin sprach sie fast perfekt Italienisch, hatte sogar noch eine Aufenthaltsgenehmigung. Sie fand Arbeit in einer Kaffee-Bar, bediente die Espressomaschine. Dann hörte sie von der bedrohten Mochena-Ziege, die im Trentino keiner mehr halten will, weil sie weniger Milch gibt als andere Arten. Dabei ist sie viel kälteresistenter und robuster und ideal für die steilen Hänge. Agitu entwickelte langsam ihre Idee für „Die glückliche Ziege“. Sie wusste, dass in den Bergen des Trentino viele Almen und Weiden aufgegeben wurden und brachliegen. Ziegen sind ideal, um ihre Verwilderung zu stoppen. Sie fressen Unkraut, Gestrüpp, Dornenbüsche, sogar Disteln. Mit ihren Hufen lockern sie den Boden auf, in dem der Regen wieder leichter versickert. „Ziegen sind echte Landschaftspfleger“, sagt Agitu. 

Ihre Idee bestand darin, ungenutzte Flächen zu nutzen, um im Einklang mit Mensch und Natur, ohne Ressourcen auszubeuten, biologischen Käse und Joghurt herzustellen. Ein nachhaltiges, glückliches Wirtschaften. Es ist Agitus Gegenentwurf zu dem, was in ihrer Heimat passiert.
Sie sprach mit einigen Bürgermeistern im Trentino. In Vallarsa bot man ihr an, die verlassenen Almweiden kostenlos zu nutzen. Mit 200 Euro Kapital und 15 Tieren fing sie an, arbeitete lange nebenbei weiter in der Bar, schlief kaum. Nach acht Jahren hat sie inzwischen mehr als zehn Mal so viele Ziegen. Sie stellt 15 Sorten Käse her, von Robiola bis Cacciotta, und hat von der Bewegung Slow Food einen Preis bekommen. Ihre Prinzipien sind die gleichen geblieben.
Vallarsa hat sie verlassen, sie zog ins Grestatal und dann weiter ins Valle dei Mòcheni. „Ich glaube, hier ist der ideale Ort für mich und meine Tiere“, sagt sie. Das Tal wird von einer deutschstämmigen Minderheit bewohnt, den Mochen, die im Mittelalter aus Bayern hierher zogen. Ihr Name soll sich vom deutschen Verb „machen“ ableiten. Die heutigen Mochen sprechen neben Italienisch immer noch ihren Dialekt, der archaisch klingt und auch für Deutsche unverständlich ist. „Auch sie waren einmal Migranten“, sagt Agitu, „das ist eben kein neues Phänomen, auch wenn uns manche das weismachen wollen.“

Das Leben der Bauern im Tal ist karg. Viele haben aufgegeben, sind abgewandert. Häuser und Höfe verfallen, Almwiesen liegen brach. „Die Jungen haben keine Lust mehr auf harte Arbeit und wenig Verdienst, die wollen ausgehen und feiern“, sagt einer der Bauern, die sich allabendlich im Gasthof Kamauz auf einen Plausch treffen. Die kleine, energische Agitu und ihre Ziegen kennt er, wie alle im Tal. „Agi“ wird sie genannt. „Die arbeitet 24 Stunden am Tag“, sagt er und lächelt anerkennend.

Agitu versichert, sie verstehe sich bestens mit den Leuten. Vor allem die Alten hätten sich gefreut, dass sich wieder jemand um die Weiden kümmert. Ihre Käserei hat sie in einem Raum eingerichtet, der einmal als Grundschule für Frassilongo gedacht war. Unterrichtet wurde hier nie, es gibt keine Kinder mehr. Ihr Lädchen gegenüber der Kirche war das erste neue Geschäft seit 30 Jahren. Bei der Eröffnung sagte der Bürgermeister: „Heute ist in Frassilongo ein Wunder geschehen.“

Doch das Idyll bekommt Risse. Die Stimmung der Leute habe sich verändert, sagt Agitu. Das hat mit der italienischen Politik und einer Regierung in Rom zu tun, die immer offener fremdenfeindliche und rassistische Töne anschlägt. „Auch hier in der Gegend sagen jetzt einige, sie wollen keine Migranten.“ Dabei gebe es sowieso kaum welche. Einer ihrer Nachbarn – „er stammt nicht aus dem Tal“, betont Agitu – trachtet ihr mittlerweile sogar nach dem Leben. Erst hetzte er seine Hunde auf ihre Ziegen, dann fing er an, ihre Autoreifen zu zerstechen und sie aufs Übelste rassistisch zu beschimpfen. Im Juni schließlich überfiel er sie hinterrücks beim Melken im Stall, würgte sie und schrie: „Ich bring dich um, du musst weg hier, du gehörst nicht hierher.“ Es gelang ihr, sich zu befreien und zum Auto zu rennen. Sie alarmierte die Carabinieri und zeigte den Mann an. Die Polizei ermittelt, aber er ist immer noch auf freiem Fuß. Als er sie vor einer Woche nochmals angriff, entschied sich Agitu, öffentlich zu machen, was ihr passiert. Mehrere italienische Zeitungen haben seitdem berichtet, auch die überregionale „La Repubblica“.

„Es ist der Effekt von Politiker-Slogans wie ‚Italiener zuerst‘“, sagt Agitu bitter. Entmutigen oder gar vertreiben lassen will sie sich nicht. Nicht von einem einzigen durchgeknallten Rassisten. Im Gegenteil: Ihr neues Projekt heißt Integration. Agitu hat begonnen, in Zusammenarbeit mit einer Aufnahmeeinrichtung Flüchtlinge für jeweils zwei Monate als bezahlte Praktikanten bei sich zu beschäftigen. Sie veranstaltet „Tage der offenen Alm“, die italienische Familien mit den jungen Afrikanern zusammenbringen. „Angst entsteht nur, wenn man sich nicht kennt“, sagt Agitu. 
Seit einigen Wochen hat sie ihren ersten Angestellten. Zaccaria ist 29 Jahre alt, kommt aus dem Norden von Mali und war dort Hirte, bevor er vor dem Krieg fliehen musste. In Italien hat er Teller in Restaurantküchen gewaschen und auf der Abendschule Italienisch gelernt. Jeden Morgen und jeden Abend steht er nun neben Agitu im Stall, säubert die Zitzen der Ziegen und stülpt die kleinen Glocken der Melkmaschine darüber. Zaccaria ist ein etwas schüchterner junger Mann. Neben der quirligen Agitu kommt er auch schwer zu Wort. Sie sagt, die Italiener müssten begreifen, dass Menschen wie er und sie eine Chance sind. Nicht nur für die verlassenen Täler des Trentino, sondern für das ganze Land. Das zu zeigen, ist Teil ihrer Mission. Jeden Morgen ab vier Uhr.

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