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Die Diözese möchte die Gläubigen gerne wieder reinlassen.

Notre-Dame

Ehrgeiziger Zeitplan

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Die Restaurierung von Notre-Dame in Paris beginnt frühestens Anfang 2020.

Die Flammen der Kathedrale Notre-Dame waren erst wenige Stunden gelöscht, da wandte sich Emmanuel Macron mit ermutigenden Worten an seine Landsleute. „Wir sind ein Volk von Baumeistern und ja, wir werden Notre-Dame noch schöner als zuvor wieder errichten“, sagte der französische Präsident am Tag nach dem Brand in einer Fernsehansprache. In fünf Jahren solle das vollbracht sein.

Indem er diesen ehrgeizigen Zeitplan vorgab, setzte Macron die Verantwortlichen unter Druck. Schnell drehten sich die Fragen um die Form des Wiederaufbaus – identisch oder mit einem modernen Element, damit sichtbar an die Brandkatastrophe an dem 850 Jahre alten Monuments erinnert wird? Mit welchen Materialien? Rasch rief die Regierung einen internationalen Architektenwettbewerb aus.

Doch gut vier Monate später erscheint der Beginn der Restaurierung noch in weiter Ferne. Diese werde „nicht vor frühestens dem ersten Semester 2020 aufgenommen“, teilte das Kulturministerium mit. Zuvor geht es um die Konsolidierung des Bauwerks. Bei dem Brand wurden ein Teil der Dachkonstruktion – das Vierungsgewölbe am Kreuzungspunkt von Haupt- und Nebenschiff – sowie der Spitzturm zerstört, den der Architekt Eugène Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert auf das Monument gesetzt hatte.

Nachdem die Stütz-Arbeiten seit dem 25. Juli ausgesetzt waren, um den Ort einer intensiven Entkontaminierung zu unterziehen, wurden sie am Montag wieder aufgenommen. Zu groß erschien zuvor die Bleibelastung für die Arbeiter. Mehr als 400 Tonnen Blei schmolzen bei dem Brand und verbreiteten sich als Partikel in der Luft im ganzen Viertel. Vor allem auf dem Vorplatz der Kathedrale wurden Bleikonzentrationen gemessen, die die zulässige Schwelle um ein Vielfaches überschritten. Auch mehrere Schulen und Schulhöfe in der Nähe wurden gereinigt und 160 Kinder untersucht, von denen 16 erhöhte Bleiwerte im Blut aufwiesen. Ob diese wirklich mit dem Brand zusammenhängen, gilt als fraglich. Über die tatsächliche Gefahr ist ein Streit zwischen Vertretern der Behörden sowie von Organisationen zum Umwelt- und Gesundheitsschutz entbrannt. Der Verein Robin Hood hat Klage gegen Unbekannt eingereicht. Er beschuldigt die Stadt, die Risiken herunterzuspielen.

Die Diözese hofft derweil, die Kathedrale oder einen Teil davon möglichst bald wieder für die Gläubigen zugänglich zu machen. Nachdem im Juni eine erste Messe in kleinem Kreis gefeiert wurde, bei der alle Teilnehmer Bauhelme trugen, gibt es Ideen einer vorzeitigen Öffnung zumindest des Vorplatzes. Auch die Betreiber von Restaurants, Cafés und Souvenirläden auf der Seine-Insel klagen über hohe Einbußen. Gehörte Notre-Dame mit bis zu 14 Millionen Touristen zu den meistbesuchten Monumenten der Welt, kommt derzeit nur ein Bruchteil zu der Baustelle.

Wissenschaftlern bietet die Schließung des gotischen Baus hingegen eine einzigartige Chance. „Zum ersten Mal seit Jahrhunderten finden dort keine Messen statt. Wir könnten nun den Boden der Kathedrale öffnen, um an die Fundamente zu kommen“, sagt der Historiker Olivier de Châlus, der die Führungen durch die Kathedrale leitete und nun Sprecher der Forscher-Vereinigung für ihre Restaurierung ist. Man werde alle Arten archäologischer Elemente finden, Skulpturen und Mosaike von „wahrscheinlich unschätzbarem Wert“. Das werde helfen, einstige Herstellungsweisen und die Geschichte von Paris besser zu verstehen.

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