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Kampf gegen das Virus: Helfer der Organisation Ärzte ohne Grenzen in der kongolesischen Provinzstadt Beni.

Gesundheit

Ebola - der unsichtbare Schrecken

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Ein Jahr nach ihrem Ausbruch droht im Kongo eine Ebola-Seuche mit Tausenden Toten. FR-Korrespondent Johannes Dieterich hat dort ein Behandlungszentrum besucht

Ist es Zufall, dass Goma wie Gomorrha klingt? Die ostkongolesische Stadt liegt in einer der malerischsten Landschaften dieser Erde: Am Ufer des Kivu-Sees, am Fuße des rauchenden Nyiragongo-Vulkans, von fruchtbarsten Auen und zweimal im Jahr tragenden Mangobäumen umgeben. Doch Goma zieht auch wie kaum eine andere Stadt der Welt das Unheil an: tödliche Choleraepidemien, unzählige Kriege und Rebellentruppen, gelegentlich sogar Lavaströme. Und jetzt auch noch Ebola.

Experten hatten seit langem befürchtet, dass die Seuche, die rund 350 Kilometer nördlich von Goma wütet, auch auf die weit über eine Million Einwohner zählende Stadt übergreifen würde. Ein Jahr nach dem Ausbruch der Epidemie im nördlichen Teil der Nord-Kivu-Provinz ist es tatsächlich so weit: Zunächst starb ein 46-jähriger Prediger, der Kranken in seiner im Seuchengebiet gelegenen Gemeinde die Hand aufgelegt hatte, nach seiner Reise nach Goma. Wenige Tage später erlag ein Bergarbeiter aus der Ituri-Provinz dem tödlichen Virus. Er war zuvor in tagelanger Fahrt in verschiedenen Kleinbussen fast 500 Kilometer weit durch die gesamte Nord-Kivu-Provinz nach Goma gereist, um sich dort schließlich erkrankt von seiner elfköpfigen Familie pflegen zu lassen.

Am vergangenen Mittwoch erlag der gut 40 Jahre alte Mann der Infektion – nicht ohne zuvor auch seine Frau, seine einjährige Tochter und eine Krankenschwester angesteckt zu haben. Die Tochter starb am Tag danach. Mittlerweile gibt es mehr als 2700 Opfer – und gewiss werden es noch mehr. Seitdem schrillen in Goma die Alarmglocken, vor Geschäften, Restaurants und Hotels wurden Handwaschbecken aufgestellt, das Nachbarland Ruanda schloss vorübergehend seine nur wenige hundert Meter von der Stadt entfernte Grenze.

Dass die Seuche selbst ein Jahr nach ihrem Ausbruch nicht unter Kontrolle gebracht sein würde, hatte Anfang dieses Jahres noch niemand erwartet. Im Umgang mit dem 1976 auf seinem Staatsgebiet entdeckten Virus war der Kongo bislang ziemlich erfolgreich gewesen. Alle neun vorigen Ebola-Epidemien im Land führten zwar meist zu Dutzenden oder auch Hunderten Todesfällen, aber kein Ausbruch kam dem westafrikanischen vor fünf Jahren nahe, dem fast 11 000 Menschen zum Opfer fielen. Auch dank der in Westafrika erprobten neuen Impfstoffe und Medikamente war der vorletzte Seuchenausbruch im Nordwesten des Landes bereits nach elf Wochen und – vergleichsweise nur – 54 Infizierten beendet. Das Virus schien seinen Schrecken verloren zu haben.

Bis die Zahl der Infizierten in der Nord-Kivu-Provinz in diesem Frühjahr plötzlich wieder in die Höhe schnellte. Dauerte es zunächst noch 224 Tage, bis sich die ersten tausend Menschen angesteckt hatten, brauchte es für die zweiten Tausend nur noch 71 Tage; allein im Mai wurden mehr als 400 Menschen infiziert. Derzeit werden täglich rund zwölf neue Infektionsfälle gemeldet. Es handelt sich um die zweitschlimmste Ebola-Seuche der Geschichte.

Im Juli rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach langem Zögern einen „globalen Gesundheitsnotstand von internationaler Bedeutung“ aus – es war erst das fünfte Mal, dass sich die Behörde seit der Verabschiedung entsprechender Regeln vor 14 Jahren zu diesem Schritt gezwungen sah.

„Das größte Problem ist zweifellos, dass die Ebola-Bekämpfer das Vertrauen der Bevölkerung nicht gewinnen konnten“, sagt Trish Newport von der Organisation Ärzte ohne Grenzen – eine Einschätzung, mit der die ehemalige Einsatz-Koordinatorin im Ostkongo nicht alleine ist. Schon in den ersten Monaten stellte sich das Vertrauensproblem als hochgefährlich heraus.

Die Bevölkerung der Provinz, die seit mehreren Jahrzehnten von Spannungen und schweren Unruhen erschüttert wird, traute weder den kongolesischen Gesundheitsbehörden noch den aus dem Ausland herbeigeeilten Helfern, wenn diese von dem Virus sprachen. Warum sollte die Regierung aus der fernen Hauptstadt Kinshasa plötzlich an ihrem Wohlergehen interessiert sein, wenn sie in Nord-Kivu ansonsten nur für ihre mordende, plündernde und vergewaltigende Soldateska bekannt war?

Jahrzehntelang waren Kongos Soldaten von den unzähligen Rebellentruppen, den ethnischen Milizionären und ausländischen Invasionstruppen nicht zu unterscheiden. Sie traten genauso räuberisch wie die Regierungsbeamten auf, die der Bevölkerung alle möglichen Arten von Steuern und Strafzahlungen abpressen.

Zunächst drückte sich das Misstrauen der Bevölkerung in defensiver Sabotage aus. Erkrankte ein Familienmitglied, wurde der Patient versteckt, kamen Offizielle mit Fragen, wurden diese nicht beantwortet. Die Recherchen der Seuchenbekämpfer liefen ins Leere. Wollen sie die Ansteckungswege des Virus aufspüren, sind sie auf die Kooperation der Bevölkerung angewiesen.

Und dann kamen die Wahlen. Gegen das Votum von Fachleuten ließ die Regierung die Abstimmung in der Ebola-Region Ende Dezember verschieben. Kinshasa kam das gerade recht, denn die Bevölkerung der Nord-Kivu-Provinz gilt aus verständlichen Gründen als Hochburg der Opposition. Für die Einwohner der Provinzstädte Beni und Butembo war damit vollends der Beweis erbracht, dass die Herrschenden in Kinshasa alles nur eingefädelt hatten, um die Ostkongolesen einmal mehr zum Schweigen zu bringen. Aus der defensiven wurde offensive Sabotage. Örtliche Milizen griffen seit Anfang dieses Jahres immer häufiger Gesundheitseinrichtungen und Helfer an.

Bis heute registrierte die WHO mehr als 200 solcher Attacken. Sie brannten zwei Ebola-Behandlungszentren der Ärzte ohne Grenzen restlos nieder und töteten sieben Gesundheitshelfer, darunter auch einen Arzt aus Kamerun. Das Misstrauen wandte sich neben der eigenen Regierung auch gegen die rund 700 ausländischen Ebola-Bekämpfer. Ihnen wird vorgeworfen, mit Kinshasa unter einer Decke zu stecken oder zumindest nur am eigenen Gehalt, nicht aber am Wohl der Bevölkerung interessiert zu sein. „Warum wart ihr nicht da, als mein Kind an Malaria starb oder mein Mann von Rebellen getötet wurde?“, wurde Trish Newport nach eigenen Worten immer wieder gefragt.

Bald machten sich die verheerenden Folgen der mangelnden Kooperation bemerkbar. Selbst ein Jahr nach Ausbruch der Seuche ist den Ebola-Experten höchstens die Hälfte aller Infektionsfälle bekannt, fast jedes zweite Ebola-Opfer wurde niemals in eines der Behandlungszentren gebracht. „Man kann die besten Einrichtungen dieser Welt haben“, sagt Anne Marie Pegg, derzeitige Einsatz-Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen im Ostkongo: „Wenn die Patienten nicht dorthin gebracht werden, nützen sie alle nichts.“ Ihre Organisation, die neben der WHO den Hauptanteil des Kampfes gegen die Seuche leistet, ruft deshalb zu einer radikalen Wende der Strategie auf: Die Ebola-Zentren sollen nicht mehr länger vom herkömmlichen Gesundheitswesen getrennt, sondern mit diesem verbunden werden. Auf diese Weise werde der Kampf gegen die Seuche von der Bevölkerung als Teil der Sorge um ihre Gesundheit wahrgenommen. Die Patienten würden nicht lediglich in „Ebola positiv“ und „Ebola negativ“ aussortiert, sondern auch für Malaria, Tuberkulose und Schnupfen behandelt (siehe Interview).

Zudem plädieren die Ebola-Bekämpfer für einen zweiten Richtungswechsel, der bereits zum Rücktritt des kongolesischen Gesundheitsministers Oly Ilunga führte: Der 59-jährige Arzt hatte darauf bestanden, nur den bereits als höchst erfolgreich bestätigten Impfstoff des US-Pharmakonzerns Merck einzusetzen – und nicht auch das neue Serum des Konkurrenten Johnson&Johnson, das von der Regierung in Kinshasa bislang nicht freigegeben wurde. Die Kongolesen sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen, argumentierte Ilunga – wurde jedoch von Kongos neuem Präsidenten Félix Tshisekedi jüngst als Verantwortlicher der Ebola-Kampagne abgesetzt und trat daraufhin auch als Minister zurück. Nun hoffen die Seuchenbekämpfer, dass ihnen bald wesentlich mehr Impfstoff zur Verfügung stehen wird und dass sie von der gezielten Ringimpfung um bereits angesteckte Personen zur Immunisierung der gesamten Bevölkerung zumindest in Seuchenherden übergehen können.

Doch Voraussetzung auch dafür ist die Kooperation der Kongolesen. Schon heute lassen sich viele nicht impfen, weil sie argwöhnen, mit der Injektion in Wahrheit angesteckt zu werden. „Zuallererst müssen wir das Vertrauen der Menschen wiedergewinnen“, sagt Trish Newport. Gelingt das nicht, sind auch der Ausbreitung des Virus’ keine Grenzen mehr gesetzt.

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