Die Seuche wütete seit Mitte 2018 im Osten des Kongos. Jerome Delay/AP/dpa
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Die Seuche wütete seit Mitte 2018 im Osten des Kongos. 

Seuche

Ebola im Kongo besiegt?

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Im Osten des Landes ist die letzte Patientin entlassen worden. Die WHO ist optimistisch, gibt aber noch keine Entwarnung.

Derartige Bilder gab es aus Beni noch nie zu sehen. Aus der gefürchteten Isolierstation am Rand der ostkongolesischen Provinzstadt sind Gesänge zu hören – dann tritt eine Frau in buntem Gewand und mit erhobenen Armen aus dem Tor, durch das in den vergangenen 20 Monaten fast 500 Tote zur letzten Ruhe abtransportiert wurden. Eine kleine Menschenmenge jubelt: Masiko ist die letzte Patientin der Ebola-Station, die Anfang dieser Woche geheilt entlassen werden konnte. Eine gut dreißigköpfige Gruppe grün gekleideter Pflegekräfte tanzt singend und auf Plastikflaschen trommelnd durch die weiße Container-Siedlung. „Wir haben Ebola besiegt“, wird der kongolesische Epidemiologe Jean-Christophe Shaka später triumphierend sagen.

Während das Corona-Virus die ganze Welt in Atem hält, wird ausgerechnet im Herzen Afrikas ein seltener Erfolg gefeiert. Aus dem ostkongolesischen Bürgerkriegsgebiet wurde in den vergangenen zwei Wochen keine einzige Neuansteckung gemeldet: Eine Errungenschaft, die noch vor kurzer Zeit als ausgeschlossen galt. Nach 3300 Ansteckungen, von denen 2264 tödlich verliefen, scheint die zweitschlimmste Ebola-Epidemie der Geschichte bezwungen zu sein – auch wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO die am 1. August 2018 ausgerufene Seuche erst in zwei Wochen offiziell für beendet erklären kann. „Das ist sehr ermutigend“, meint WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus: „Aber wir bleiben am Ball. Noch können wir keine Entwarnung geben.“

Lange hatte es so ausgesehen, als ob sich die kongolesische Seuche zu einer regionalen oder gar globalen Katastrophe ausweiten könnte. Zu den Hochzeiten der Epidemie steckten sich im Osten des Kongos Woche für Woche mehr als 120 Personen an: Auch aus dem Nachbarland Uganda wurden bereits die ersten Fälle gemeldet. Zu schaffen machte den Seuchenbekämpfern vor allem der Umstand, dass sich das Virus in einer Bürgerkriegsregion ausbreitete. Von Rebellen-Angriffen und Massakern erschreckt, wusste die Bevölkerung nicht, wem sie Glauben schenken konnte. Die aktuell umjubelte Isolierstation in Beni wurde mehrmals angegriffen, Ärzte erschossen und Seuchenbekämpfer verjagt, als sie kontaminierte Leichen aus den umliegenden Dörfern abzuholen suchten. Unter den Kongolesen hatte sich der Verdacht verbreitet, dass die eigene Regierung für die Ausbreitung der Epidemie verantwortlich sei: Ihre Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte hatten sie das Schlimmste zu erwarten gelehrt.

Dass es schließlich doch nicht zum epidemiologischen Gau kam, macht Yap Boum, Medizinprofessor an der ugandischen Mbarara-Universität, vor allem an einem Umstand fest: dass der neue kongolesische Präsident Félix Tshisekedi Mitte 2019 den erfahrenen Epidemiologie-Professor Jean-Jacques Muyembe zum Chef der Seuchenbekämpfer machte und Gesundheitsminister Oly Ilunga Kalenga seines Amtes enthob. Im Gegensatz zu Kalenga habe Muyembe gewusst, dass man eine Epidemie nicht allein „mit technischen Mitteln“ stoppen kann, sagt Boum: „Das Wichtigste ist politisches und kommunales Engagement. Vom Führungsstil hängt alles ab.“

Freilich trugen auch technische Errungenschaften zum Erfolg bei. Seit der verheerendsten Ebola-Epidemie in Westafrika, der zwischen 2014 und 2016 mehr als 11 000 Menschen zum Opfer fielen, entwickelte die Pharma-Industrie sowohl zwei äußerst wirksame Impfstoffe wie mehrere Medikamente gegen Ebola. Im Ostkongo wurden mehr als 320 000 Menschen geimpft, von denen kaum einer ernsthaft erkrankte. Zwar verliefen noch immer rund 65 Prozent aller Ansteckungen tödlich: Doch auch das ist positiv zu werten, nachdem am Virus zuvor bis zu 90 Prozent der Infizierten starben – deutlich mehr als beim Corona-Virus.

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