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Sobald Schüsse fallen, müssen die Gesundheitsexperten ihre Arbeit unterbrechen.

Ebola im Kongo

Ebola grassiert weiter

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Mehr als 200 Menschen im Kongo sind bereits an der Krankheit gestorben. Der Bürgerkrieg versetzt die Helfer in Angst.

Der Ausbruch einer Ebola-Epidemie ist für Eric Mukama längst keine Seltenheit mehr. Als Mitarbeiter der Hilfsorganisation Care hat der kongolesische Arzt in den vergangenen 18 Jahren bereits zahlreiche Katastrophen miterlebt. Doch was der Mediziner derzeit in der nordostkongolesischen Stadt Beni durchmacht, übertrifft alle bisherigen Erfahrungen des routinierten Experten. „Wir leben ständig mit der Angst vor einem Angriff“, klagt der Epidemiologe: „Es gibt nichts Schwierigeres, als eine Seuche in einer Bürgerkriegsregion eindämmen zu müssen.“

Die nackten Zahlen geben Mukama Recht. Die derzeitige – zehnte – Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo ist die tödlichste seit der Entdeckung des Ebola-Virus vor 52 Jahren: Fast 350 Personen wurden bereits angesteckt, mehr als 200 sind dem aggressiven Erreger zum Opfer gefallen. Allein in den vergangenen drei Tagen wurden aus dem Epidemie-Gebiet 15 Neuansteckungen und acht Tote gemeldet. Ein Hinweis darauf, dass sich die Ausbreitung des Virus sogar noch beschleunigt. „Keine Epidemie der Welt war so kompliziert wie diejenige, die wir gegenwärtig erleben“, sagt Kongos Gesundheitsminister Oly Ilunga Kalenga.

Waren es vor vier Jahren, als bei einer Ebola-Epidemie in Westafrika mehr als 11 000 Menschen starben, die dichtbesiedelten Wohngebiete, die den Seuchenbekämpfern am meisten zu schaffen machten, so ist es hier der Bürgerkrieg. In der Umgebung der rund 800 000 Einwohner zählenden Provinzstadt Beni wird seit Jahren mal mehr, mal weniger gekämpft. Sobald Schüsse fallen, müssen die Gesundheitsexperten ihre Arbeit – gelegentlich für mehrere Tage – unterbrechen. Ein herber Rückschlag bei der Eindämmung der Epidemie, bei der es vor allem auf die Erfassung aller mit einer infizierten Person in Kontakt gekommenen Menschen ankommt. Statt Listen anlegen und impfen zu können, müssen sich die Helfer immer wieder selber schützen. Es sei nur eine Frage der Zeit, warnen Experten, bis sich das Virus auch über die Grenze hinweg ins Nachbarland Uganda ausbreitet.

Wer sich in der Gegend um Beni genau bekämpft und warum, wissen selbst Kongo-Kenner nicht so genau. Von einer islamistischen Miliz namens „Allied Democratic Forces“ ist die Rede, die einen Regierungswechsel in Uganda herbeiführen wolle, sowie von zahlreichen lokalen Kämpfergrüppchen – im Sprachgebrauch Mayi-Mayi genannt –, die oft Angehörige anderer Ethnien bekriegen. In den vergangenen vier Jahren wurden in der Nord-Kivu-Provinz mehrere tausend Menschen getötet und mindestens eine Million aus ihrer Heimat vertrieben.

Un verlegt Blauhelme in den Westen

In die Regierungssoldaten, die sich immer selbst Verbrechen wie Vergewaltigungen zu Schulden kommen lassen, hat die Bevölkerung längst ihr Vertrauen verloren. Der Staat wird als Bedrohung und nicht als Beschützer wahrgenommen. Unter der Skepsis leidet auch das öffentliche Gesundheitswesen. Die Bevölkerung, die in diesem Teil des Landes noch nie eine Ebola-Epidemie erlebt hat, wirft den staatlichen Repräsentanten finstere Machenschaften vor. Selbst die Seuchenexperten internationaler Organisationen werden regelmäßig zu Opfern des Volkszorns: Zwei Rote-Kreuz-Mitarbeiter, die ein Ebola-Opfer zur sicheren Bestattung mit sich nehmen wollten, wurden im Oktober getötet. Auch Virgil Attia, der für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes tätig ist, wurde bereits mehrfach mit dem Leben bedroht. „Wir müssen ständig mit dem Schlimmsten rechnen.“

Die Bevölkerung sei es gewohnt, von der Regierung im fernen Kinshasa nur Schlechtes zu erwarten, meint Ashish Pradhan von der Brüsseler „International Crisis Group“. Tatsächlich hätten sie vom legendären Bodenschatzreichtum des Landes auch nie etwas gehabt. Nachdem er seit zwei Jahren illegal regiert, hat Präsident Joseph Kabila für Dezember endlich Wahlen anberaumt. Doch selbst das wirkt sich für die Ostkongolesen eher negativ aus. Die über 20 000-köpfige UN-Schutztruppe verlegt derzeit viele Blauhelme in die weiter westlich gelegenen Städte des Landes, um den mit dem Wahlkampf erwarteten Spannungen begegnen zu können. Jetzt fehlen die Friedenstruppen im Osten – so auch in Beni. Zu befürchten ist, dass der bevorstehende Urnengang für viele Kongolesen eine ganz andere Bedeutung annehmen wird.

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