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Ein Helfer desinfiziert den Raum eines erkrankten Babys in Beni.

Kongo

Ebola außer Kontrolle

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Täglich infizieren sich in der Demokratischen Republik Kongo weitere Menschen mit Ebola. Unser Korrespondent trifft Helfer in der Krisenregion.

Dafür, dass vor seinen Augen soeben ein Kind starb, ist Christian Kleine überraschend gefasst. „Ich habe schon so viele Menschen sterben gesehen“, sagt der Arzt aus Würzburg, der sich gegenwärtig zu seinem dritten Seucheneinsatz in Afrika aufhält: „Ich kann nicht jedes Mal die Fassung verlieren.“ Die emotionale Distanz des 42-jährigen Epidemiologen hängt womöglich auch mit dem Umstand zusammen, dass er von dem sterbenden Jungen durch eine zwei Meter breite Barriere getrennt war: Der Abstand zwischen behandelndem Arzt und Patienten, der in der Aufnahme des provisorischen medizinischen Zentrums am Rand der nordostkongolesischen Stadt Beni vorschriftsmäßig zu herrschen hat. Denn Nähe kann in den Zeiten von Ebola tödlich sein. Jetzt liegt der Junge in einen virendichten Sack verpackt im Leichenzelt in der hintersten Ecke des Zentrums: Seine Familie wird ihn nie wieder zu Gesicht bekommen.

Die Mutter brach angesichts des Todes ihres Kindes laut schreiend zusammen: Sie musste von den Pflegekräften in ihren extraterrestrisch anmutenden Schutzanzügen davon abgehalten werden, sich von ihrem Sohn mit Umarmungen, Liebkosungen und Küssen zu verabschieden. Der afrikanische Brauch, der eisigen Kälte des Todes mit größtmöglicher körperlicher Nähe zu begegnen, ist einer der Gründe, dem der Ebola-Erreger seinen verhängnisvollen Erfolg verdankt: Der jüngsten von bisher zehn Epidemien in der Demokratischen Republik Kongo fielen bereits mehr als 300 Menschen zum Opfer. Es ist der zweitschlimmste Ausbruch, seit Wissenschaftler das Virus vor 42 Jahren entdeckten: Nur in Westafrika starben vor vier Jahren mit mehr als 11 000 Menschen noch wesentlich mehr. Die derzeitige Epidemie ist allerdings noch längst noch nicht unter Kontrolle gebracht: Immer wieder flammen neue Herde auf – auch an Orten, „wo wir sie niemals vermutet hätten“, sagt Michel Yao, Einsatzleiter der 280-köpfigen Mission der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Täglich fährt vor der Aufnahme des Ebola-Zentrums in Beni rund 25 Mal eine Ambulanz vor, um einen fiebrigen Patienten abzuliefern, berichtet Kleine. Mindestens jeder Zehnte erweise sich nach zwei Tests im Abstand von 48 Stunden als positiv. Die Wartezeit müssen die ansonsten an Malaria oder anderen Infektionen Erkrankten hier im Transitional Ebola Centre der Ärzte ohne Grenzen verbringen: „Wir versuchen, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen“, sagt der Würzburger Arzt.

Die Hilfsorganisation hat aus ihrer Erfahrung in Westafrika offensichtlich Konsequenzen gezogen: Dort waren die abgeschotteten Zentren als „Konzentrationslager“ gefürchtet, aus denen es kein Entrinnen mehr gab. Dagegen ist die Einrichtung in Beni in stabile Zeltabschnitte mit Dusche und Klo sowie einen Besuchstrakt unterteilt. Dort können Familienangehörige ihren erkrankten Verwandten zumindest bis auf zwei Meter nahe kommen. Unter den Infizierten befinde sich ein verblüffend hoher Prozentsatz an Kindern, den keiner so richtig erklären könne, sagt Kleine. Mehr als ein Drittel aller Ebola-Erkrankten ist unter 18 Jahre alt. „Sie von ihren Müttern zu trennen“, zeigt der Seuchenarzt schließlich doch Gefühl, „bricht einem das Herz“.

Chantal Mwaminti sitzt hinter einer der unzähligen Absperrungen des Ebola-Zentrums mit einem knapp einjährigen Mädchen auf dem Arm. Anders als ihre Kollegen steckt die 38-jährige Krankenschwester nicht in einem der schreiend gelben Ganzkörperanzüge mit Schutzbrille und Kapuze. Stattdessen trägt sie einen blauen Kittel und einen Gesichtsschirm aus Plexiglas, der sogar etwas Haut zu erkennen gibt. Dass sich Chantal so wenig Schutz leisten kann, ist einem tragischen Umstand zu verdanken. Sie hatte sich in ihrem Krankenhaus bei der Bluttransfusion für einen neunjährigen Jungen mit dem Virus angesteckt. Der Junge starb, sie selbst rang mehrere Tage lang mit dem Tod.

Dass sie den Erreger schließlich besiegte, ist gewiss auch den neuen Medikamenten zuzuschreiben, die – während der westafrikanischen Ebola-Epidemie entwickelt – in Beni auf ihre Bewährungsprobe stoßen. Sie haben Chantal womöglich das Leben gerettet, und den Ärzten ohne Grenzen eine einzigartige Chance eröffnet. Weil sie im Verlauf ihrer Erkrankung genügend Abwehrkräfte entwickelten, müssen „die Überlebenden“ keine Neuansteckung befürchten. „Für uns sind sie ein Geschenk des Himmels“, sagt Karin Huster, Leiterin des Ärzte-ohne-Grenzen-Einsatzes in Beni. Mittlerweile kümmert sich ein knappes Dutzend Überlebender im täglichen Schichtdienst um die Patientenkinder: „Sie sind ein lebendes Beispiel dafür, dass das Virus nicht tödlich sein muss“, sagt Huster.

Um ein Gebäude in der Mitte des Zentrums aufgeschichtete Sandsäcke machen unterdessen deutlich, dass sich die in- und ausländischen Helfer noch anderen Gefahren als dem Virus ausgesetzt sehen. Sie schützen einen Raum, in den sich die Helfer im Falle eines Angriffs zurückziehen können. Ein Trupp bewaffneter Milizionäre habe ihnen bereits einen Besuch abgestattet, erzählt Huster. Nach einer kurzen Inspektion verschwanden die sogenannten Mayi-Mayi-Kämpfer allerdings wieder. Fast jede Nacht seien Schüsse zu hören, fügt Kleine hinzu. Die Unruhen machten diesen Seuchenausbruch zu einer der „kompliziertesten Herausforderungen im öffentlichen Gesundheitswesen der Zeitgeschichte“, heißt es in WHO-Kreisen.

Nachts zieht sich die Bevölkerung aus Angst vor Überfällen aus den Außenbezirken in die Stadt zurück. Auch die in Beni stationierten Blauhelm-Soldaten können nicht verhindern, dass es in der Umgebung immer wieder zu Blutbädern kommt – mal sterben sechs, mal zwölf oder mehr als zwanzig Zivilisten. Die Gräueltaten, die in den vergangenen vier Jahren weit mehr als 2000 Menschenleben kosteten, werden einer mysteriösen Rebellentruppe, den Allied Democratic Forces (ADF), zugeschrieben, deren Motive sowohl den ausländischen Beobachtern wie der Bevölkerung rätselhaft sind. Selbst Soldaten der Armee seien an den Übergriffen beteiligt, wird in Beni geklagt. Zumindest sorge die Regierung nicht für Sicherheit.

Gezielte Angriffe auf Hilfseinrichtungen wurden bislang nicht gemeldet, außer dass eine Granate mal auf dem Dach eines Büros des Welternährungsprogramms WFP landete – glücklicherweise ohne zu explodieren. Allerdings werde die Arbeit der Hilfsorganisationen immer wieder empfindlich gestört, berichtet Kleine. Vor allem, wenn ihre Teams aus Sicherheitsgründen nicht in Gegenden vordringen könnten, aus denen neue Infektionsfälle gemeldet wurden. Beim Kampf gegen das Virus komme es darauf an, so schnell wie möglich sämtliche Kontakte eines Erkrankten zu eruieren, gefährdete Personen den neuen Impfstoff zu injizieren und Tote auf sichere Weise zu bestatten. Jede Verzögerung kann Ansteckung und Tod weiterer Menschen nach sich ziehen.

Krankenhelfer aus Viertel gejagt 

Winnie Kavira sitzt mit ihren fünf Kindern in einer kleinen Lehmhütte in Benis Stadtteil Ndindi – über ihr ein Foto ihres Ehemannes, auf dem „Adieu Kambala Innocent“ steht. Der 32-jährige Krankenpfleger hatte sich bei einer Nachbarin angesteckt, die Anfang September schwer erkrankt war. Ndindis Bewohner zeigten sich überzeugt davon, dass die Frau vergiftet worden war. Als die Nachbarin schließlich starb und ihr Leichnam von Mitgliedern des Roten Kreuzes zur vorschriftsmäßigen Beerdigung in einen virendichten Sack verpackt wurde, kam es zum Aufstand. Mit Steinen bewaffnete Jugendliche jagten die Krankenhelfer aus dem Viertel, zerrten den toten Körper der Frau aus der Plastikhülle und beerdigten ihn nach ihren herkömmlichen Riten. Die Folge: fünf angesteckte Jugendliche, die einer nach dem anderen starben.

In Ndindi sei das Gerücht umgegangen, der Frau sollten vor der Beerdigung ihre Organe entnommen werden, erzählt Winnie Kavira. Außerdem habe man sich vergewissern wollen, dass der richtige Leichnam auf die richtige Weise bestattet wurde. „Die Leute trauen hier überhaupt keinem mehr“, sagt die 30-jährige Witwe, „am wenigsten Vertretern der Regierung.“ Als schließlich auch ihr Mann erkrankte, habe sie ihre Nachbarn davon überzeugen müssen, keine Steine auf die Ambulanz zu werfen. Seine Einlieferung ins Ebola-Behandlungszentrum kam trotzdem zu spät.

Abbé Aurélien, die rechte Hand des Erzbischofs von Butembo – einer rund 70 Kilometer südlich von Beni gelegenen Millionenstadt, in der sich das Virus derzeit am schnellsten ausbreitet – wehrt sich entschieden gegen die Vorstellung, die Seuche könne eine Strafe Gottes sein. Doch dass hinter den ständigen Gewalttaten „finstere Kräften“ stehen, die die erdölhaltige Region zur besseren Ausbeutung des schwarzen Goldes zu entvölkern suchen, hält der katholische Priester für durchaus denkbar.

Ein Kandidat bei den bevorstehenden Parlaments- und Präsidentenwahlen macht in Butembo unumwunden die Regierung für den Ausbruch der Ebola-Epidemie verantwortlich. Auf diese Weise solle die oppositionelle Hochburg geschleift werden, argwöhnt der Parlamentsanwärter. Trotz der Epidemie wird wie derzeit überall im Kongo auch in Beni und Butembo Wahlkampf geführt, zum Leidwesen der Gesundheitsexperten, die in den Massenkundgebungen potentielle Seuchenherde sehen. Selbstverständlich würde man es lieber sehen, wenn es die turbulenten Veranstaltungen nicht gäbe, sagt ein Unicef-Mann in Beni. „Aber den Kongolesen die Demokratie zu verbieten, geht ja auch nicht.“

Immer wieder müsse seine Organisation tagelang mit örtlichen Milizen verhandeln, um den Impfteams den Zugang zu Dörfern zu ermöglichen, berichtet WHO-Mann Yao. Dabei komme es bei diesen Anlässen auf jede Stunde an. Mehr als 45 000 Menschen hat das kongolesische Gesundheitsministerium bereits impfen lassen. Ohne die gezielte Abwehrkampagne wäre die Zahl der Todesopfer bereits um ein Vielfaches höher, sagt Yao. Der ebenfalls schon während der westafrikanischen Epidemie entwickelte Impfstoff erweist sich im Kongo als höchst effektiv. Dass sich so viele Kinder angesteckt haben, wird unter anderem mit dem Umstand erklärt, dass Unter-Einjährige sowie stillende und werdende Mütter nicht geimpft werden dürfen.

Anzeichen der Panik – wie einst in Westafrika – sind weder in Butembo noch in Beni auszumachen. Schulkinder gehen Hand in Hand die Straße entlang, auf den allgegenwärtigen Motorradtaxis quetschen sich bis zu vier Passagiere, die Fieber-Kontrolle am Stadtrand von Beni entfällt heute wegen Regens. „Am Schlimmsten wäre es, wenn der Virus hier endemisch würde“, sagt Christian Kleine. Womit der Epidemiologe den Zustand meint, in dem sich das Virus dauerhaft unter der Bevölkerung einnistet und ständig für neue, kleine Ausbrüche sorgt. Die Bevölkerung kenne das damit einhergehende Gefühl ja schon seit Jahren, meint Vater Aurélien: Es ist dieselbe Angst, die sie angesichts der nicht enden zu wollenden Massaker umtreibt.

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