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Christian Kleine bezeichnet den Schutzanzug als seine zweite Haut.

Kongo

"Ebola-Ausbruch ist nicht unter Kontrolle"

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Der Ebola-Ausbruch im Kongo gilt als der zweitschwerste. Christian Kleine von Ärzte ohne Grenzen spricht mit der FR über Fortschritte, das Misstrauen gegenüber den Helfern und die Arbeit während eines bewaffneten Konflikts

Seit im August erneut ein Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo bekanntwurde, sind nach Angaben des kongolesischen Gesundheitsministeriums 245 Menschen an dem Virus gestorben, 426 Menschen haben sich mit dem gefährlichen Virus infiziert. Somit gilt die Ebola-Epidemie inzwischen als die zweitschwerste in der Geschichte, das Land selbst wird bereits zum zehnten Mal von einer Ebola-Epidemie heimgesucht. Da die meisten Fälle in der Stadt Beni im Osten des Landes auftreten, gestaltet sich die Eindämmung des Virus besonders schwierig, denn in der Region Nord-Kivu sind mehrere Milizen und bewaffnete Gruppen aktiv, es herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, was die Arbeit der Helfer erschwert.

Ebola kann über Körperflüssigkeiten wie Blut oder Erbrochenes übertragen werden. Wie beim letzten Ausbruch im Frühsommer kommt ein Impfstoff zum Einsatz, dieser ist allerdings noch immer nicht zugelassen und wird im Rahmen einer „Impfstudie“ mit Einverständnis der Betroffenen verabreicht. Geimpft werden neben medizinischem Personal auch Kontaktpersonen von Ebola-Patienten und wiederum deren Kontaktpersonen. Neuerdings stehen den Helfern auch Medikamente zur Behandlung ihrer Patienten zur Verfügung.

Nach Ansicht des Tropenmediziners Christian Kleine könnten diese beiden Errungenschaften – die Medikamente und der Impfstoff – bald eine wichtige Ergänzung der sechs Säulen (siehe Infobox) im Kampf gegen Ebola darstellen. Kleine ist seit gut zwei Wochen in Beni im Einsatz. 

Herr Kleine, Sie sind in Beni in einem sogenannten Transitzentrum, in dem Menschen auf Ebola getestet werden. Wie läuft der Test ab?
Wir machen einen ersten Test, und sollte der negativ sein, machen wir nach 48 Stunden einen zweiten. Während dieser Zeit versuchen wir sicherzustellen, dass Begleiterkrankungen der Menschen, die ansonsten untergehen, behandelt werden – sei es Malaria oder eine Lungenentzündung. Nicht jeder, den wir aufnehmen, hat Ebola, das ist nur ein Bruchteil. Dennoch muss der Test gemacht werden. 

Und wenn ein Patient positiv auf Ebola getestet wird? 
Dann wird er in ein Behandlungszentrum verlegt. Patienten, die nach 48 Stunden zwei negative Tests vorweisen, werden ebenfalls in andere Krankenhäuser verlegt, in denen eine Behandlung ihrer Erkrankung möglich ist. 

Das Transitzentrum ist auf einem Fußballfeld. Das klingt erst mal nach Provisorium, ist aber eine Hochsicherheitszone. Wie sind denn die Arbeitsbedingungen und die hygienischen Bedingungen vor Ort?
Die sind sehr gut. Ärzte ohne Grenzen hat Standards, die sind seit vielen Jahren gleich. Es hat sich gezeigt, dass die Art und Weise, wie wir arbeiten und die Behandlungszentren aufbauen, funktioniert. Wir machen das ja nicht zum ersten Mal. Es ist in der Tat eine Hochsicherheitszone, weil wir Ebola-Erkrankte hier haben. Daher wird auch in Schutzanzügen gearbeitet. 

Aktuell ist Berichten zu entnehmen, dass die Zahl der täglichen Neuansteckungen zunimmt. Bedeutet das, dass sich die Verbreitung des Ebola-Virus beschleunigt?
Das ist ganz schwer einzuschätzen. Das kann auch wieder weniger werden. Wir kennen das bei Ebola, dass die Patienten immer in Wellen kommen. Es gibt aber täglich Neuerkrankungen. Leider sind darunter Fälle, bei denen uns die Infektionsketten noch nicht klar sind. Das heißt, dass Patienten sich angesteckt haben, die nicht auf den Kontaktlisten bereits infizierter Patienten standen. 

Wie schätzen Sie die Chancen ein, den aktuellen Ausbruch in den Griff zu bekommen?
Aktuell ist der Ausbruch nicht unter Kontrolle, da wir immer wieder neu auftretende Fälle ohne bekannte Infektionskette haben. Insofern ist es ganz wichtig, dass alle unsere Säulen zur Bekämpfung gut funktionieren. Ich bin zuversichtlich, dass auch dieser Ausbruch unter Kontrolle gebracht werden kann. Aktuell möchte ich aber keine Prognose abgeben, wie schnell das vonstattengehen wird.

Bei der aktuellen Epidemie spielen in Beni ja auch die Rahmenbedingungen eine Rolle. Es herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?
Man bekommt das mit, es ist in der Tat eine Region, in der ein bewaffneter Konflikt herrscht. Es gibt Zonen, in die wir leider keinen Fuß setzen können. Das erschwert die Arbeit für uns. Denn auch in diesen Zonen befinden sich Menschen, die an Ebola erkrankt sind und dort weitere Menschen anstecken können. Das gestaltet die Bekämpfung des Ausbruchs sehr schwierig. Das ist auch neu, so etwas hat es vorher noch nicht gegeben. Es wirft uns in der Arbeit immer wieder zurück, wenn in gewissen Regionen Auseinandersetzungen sind und dadurch die Arbeit für alle Helfer für ein, zwei Tage zum Stillstand kommt, weil die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. 

Wie sicher fühlen Sie sich vor Ort?
Ich habe viel Vertrauen, was die Sicherheitslage für uns Mitarbeiter betrifft. Ich fühle mich auch sicher im Hinblick auf die Behandlung der Patienten. Der Schutzanzug ist für mich wie eine zweite Haut. Mit Angst vor dem Virus sollte man die Arbeit lieber gleich sein lassen. Aber wenn man Respekt vor dem Virus hat und alle Sicherheitsregeln beachtet, ist die Ansteckungsgefahr sehr gering. 

Wie schätzen Sie die Gefahr einer Ausbreitung des Virus über die Grenzen des Kongo hinaus ein?
Das sind Befürchtungen, die immer wieder geäußert werden. Das Problem hier ist, dass die Bevölkerung recht mobil ist. Das erschwert es für uns, Kontaktpersonen nachzuverfolgen. Wir haben mittlerweile Ansteckungsfälle in der Region Butembo, einer Millionenstadt. Das bereitet uns Sorgen. Dort hat Ärzte ohne Grenzen mittlerweile ein Behandlungszentrum aufgebaut, wir sind auch in Uganda tätig. Eine überregionale Ausbreitung ist sicherlich möglich. Die Angst vor einer Ausbreitung sollte aber nicht dazu führen, dass man die Grenzen schließt. Auch weil Menschen immer einen Weg finden werden, geschlossene Grenzen zu passieren, und es dann noch viel schwieriger wird, die Bewegungen von Personen nachzuverfolgen. Man muss zudem wachsam sein an den Grenzen, um Menschen, die Ebola haben, möglichst schnell zu identifizieren.

Wie lassen sich die identifizieren?
Dafür werden Checkpoints errichtet, um beim sogenannten Entry und Exit Screening beispielsweise die Körpertemperatur der Reisenden zu messen. 

Der kongolesische Gesundheitsminister Oly Ilunga Kalenga sagte neulich: „Keine Epidemie der Welt war so kompliziert wie diejenige, die wir gegenwärtig erleben.“ Teilen Sie diese Ansicht?
Aufgrund der Gegenden, die für uns No-go-Areas darstellen, ja. Das bereitet uns in der Tat erhebliche Schwierigkeiten. 

Den internationalen Hilfsorganisationen wird oft Misstrauen aus der Bevölkerung entgegengebracht, das liegt auch an kulturellen Unterschieden. Wie sind Sie auf so etwas vorbereitet?
Wir haben sehr erfahrene Teams, die Aufklärungsarbeit betreiben, die sich auf die Ängste der Bevölkerung einlassen, ob das nun Jugendliche oder traditionelle Heiler oder Dorfälteste sind, die erheblichen Einfluss haben. Da sind auch Anthropologen dabei. Auf das Problem treffen wir bei jedem Ausbruch von viral-hämorrhagischen Fiebern, das habe ich im vergangenen Jahr beim Marburg-Virus in Uganda gesehen, genauso war es bei der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014. Das ist nichts Neues. Aber ein sehr wichtiger Bestandteil bei der Bekämpfung solcher Ausbrüche ist, Vertrauen in der Bevölkerung zu gewinnen. Das ist uns auch schon zu sehr großen Teilen gelungen. Das muss man aber immer wieder aufs Neue machen und jedem Gerücht, das aufkommt, muss man immer wieder neu begegnen. 

Was für Gerüchte sind das?
„Ebola wird von den Weißen gebracht“ oder „In den Ebola-Behandlungszentren stirbt man nur“. Das sind Gerüchte, die bei jeder Epidemie auftauchen. Denen wissen wir aber zu begegnen. Was uns auch Schwierigkeiten bereitet ist, dass viele Menschen lieber im Kreise ihrer Familie versorgt werden möchten und dabei wieder andere anstecken. Die Akzeptanz, in ein Behandlungs- oder Transitzentrum zu kommen, ist nicht bei jedem gegeben. 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für Patienten, nachdem Sie positiv auf Ebola getestet wurden?
Es gibt mittlerweile fünf verschiedene Medikamente, die eingesetzt werden können. Das ist neu seit dieser Epidemie. Die sind sehr vielversprechend, und es besteht die Hoffnung, dass damit die Sterblichkeitsrate verringert werden kann. Die Medikamente werden aber nur verabreicht, wenn eine Einverständniserklärung vom Patienten oder den Angehörigen vorliegt. Es handelt sich um Antikörpercocktails, einzelne Antikörper oder Virostatika. 

Was hat sich außerdem seit Ihrem Einsatz 2014 verändert?
Deutlich verbessert hat sich, dass die Ausbruchsbekämpfung wesentlich schneller von statten geht. Auch seitens der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Gesundheitsbehörden wurde, nachdem der Ausbruch im August bekannt wurde, sehr schnell gehandelt. Dazu kommen der Impfstoff und die Medikamente. 

2014 wurde kritisiert, dass zu spät reagiert wurde. Man hat also aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt …
Ja, das muss man deutlich sagen. Auch beim Ausbruch des Marburg-Virus in Uganda, da hatten wir damals nur drei Patienten, und der Ausbruch konnte ganz schnell beendet werden. 

Wie lässt sich Ebola langfristig in den Griff bekommen?
Es ist wichtig, dass weiterhin an guten und wirksamen Medikamenten geforscht wird. Dazu braucht es eine gut funktionierende Impfung. Das sind zwei Dinge, die uns zusätzlich zu den sechs Säulen in Zukunft helfen werden. Wir werden aber immer wieder Ebola-Ausbrüche erleben, das ist nicht zu verhindern. Es gibt Reservoire des Virus im Tierreich, dadurch kann Ebola immer wieder auf den Menschen übertragen werden. 

Interview: Andreas Sieler

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