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Pilgern bietet die Möglichkeit, über den eigenen Lebensweg nachzudenken.

Vadstena

Durch Schweden pilgern

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Die Pilgerrouten in Spanien und Norwegen ziehen Massen an. Aber wer kennt schon Vadstena in Südschweden? Die Pilgerrouten dorthin sollen nun ausgebaut und erweitert werden.

Pilgern ist so beliebt wie lange nicht: Horden von Wandernden bevölkern mittlerweile den Jabobsweg, der kreuz und quer über verschiedene Länder nach Santiago de Compostela in Spanien führt. Aber auch in Nordeuropa gibt es Pilgerrouten – vielen bekannt ist der St. Olavsweg, der in Trondheim in Norwegen endet. Doch auch das schwedische Vadstena – das mitunter Rom des Nordens genannt wird – hat eine bedeutende Tradition: Die heilige – und sehr umtriebige – Birgitta erwirkte nach einer ihrer Offenbarungen, dass dort eine Klosterkirche errichtet werden sollte, die nach 60 Jahren Bauzeit im Jahr 1430 schließlich eingeweiht wurde. „Derzeit bauen wir die Pilgerrouten nach Vadstena aus“, sagt Eva Hagström vom dortigen Pilgerzentrum, das von der schwedischen Kirche betrieben wird. Es ist aber noch ein weiter Weg, bis die Wege insbesondere für ausländische Touristen durchgängig erschlossen sind – oft sind sie nicht ausgeschildert; und oft fehlt es auch noch an Unterkünften.

Ganz frisch ist die Idee, dass der Pilgerweg sogar eines Tages bis nach Deutschland führen könnte - über Dänemark bis nach Hamburg. Bereits realisiert ist ein 95-Kilometer langer Radweg, der von Vadstena rundherum um den See Tåkern führt, ein bedeutendes Naturschutzgebiet mit rund 260 Vogelarten. Zur inneren Einkehr eignen sich die zwölf Kirchen, die auf der Route liegen. Auf der geführten Radtour durch die weite, hügelige Landschaft lädt Eva Hagström die Teilnehmer ein, für eine Weile zu schweigen und sich zu überlegen, was einen persönlich glücklich macht. Zum Schluss fragt Eva Hagström, ob wir unsere Gedanken mit den anderen teilen möchten.

Bei einem Stopp in der Kirche unserer lieben Frauen in Skänninge macht sie die Gruppe auf ein ungewöhnlich großes Taufbecken aufmerksam. „Wenn ihr möchtet, könnt ihr diesen Ort zum Anlass nehmen, um euch an das Kind in euch zu erinnern“, sagt Pilgerweg-Entwicklerin Hagström. „Viele fühlen sich heute gestresst und ausgebrannt. Pilgern bietet die Möglichkeit zum Nachdenken. Wie könne wir uns menschlicher verhalten? Wie wollen wir unsere Mitmenschen behandeln?“, sagt Hagström. „Pilgerer gehen einen Weg, den schon andere beschritten haben.“ Aber sie könnten sich auch fragen, „welche Menschen eine große Bedeutung für ihren Lebensweg haben“.

Birgitta (circa 1303 bis 1373), die Gründerin des Erlöserordens, war übrigens selbst Pilgerin. Sie war aber keine Nonne, sondern verheiratet und hatte acht Kinder. Für ihre Zeit war sie eine ganz außergewöhnliche Frau. Ursprünglich entstammte sie einer reichen, adeligen und sehr einflussreichen schwedischen Familie. Nach dem Tod ihres Mannes begannen ihre unzähligen Offenbarungen (zwischen 600 und 700 sollen es gewesen), sie verstand sich als Sprachrohr von Christus und sah sich berufen, ein Kloster und einen Orden zu gründen.

Aber auch politisch mischte sich Birgitta ein – so versuchte sie sich im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich als Friedensstifterin. Zudem forderte sie die Päpste wiederholt auf, das Exil im französischen Avignon aufzugeben, um auf den Heiligen Stuhl in Rom zurückzukehren. Obwohl Birgitta den Prunk der Kirche kritisierte, florierte ihr eigener Ablasshandel: Gegen Geld oder Grundbesitzschenkungen konnten Gläubige die Zeit verkürzen, die sie wegen begangener Sünden im Fegefeuer verbüßen mussten. Das von ihr in Auftrag gegebene Kloster in Vadstena entwickelte im Zuge von Schenkungen zum größten Grundbesitzer Schwedens.

Zur Klosterkirche strömten im Mittelalter während den Festtagen bis zu 1000 Menschen, es war bis zur Reformation das geistliche Zentrum Schwedens. Vadstena ist idyllisch gelegen – am Vättersee, dem zweitgrößten See Schwedens. Der See ist 135 Kilometer lang, 35 Kilometer tief und bis zu 128 Meter tief.

Birgitta entwarf auch Pläne für die Klosterkirche, die möglichst schlicht aussehen sollte – sie war durch die Zisterzienser geprägt. 50 Steinmetze wurden für die Fertigstellung benötigt – noch heute kann man ihre Markierungen an einigen Stellen erkennen; sie sind als Zeichen in den Stein geritzt. Zu Beginn gab es in Vadstena neben den Nonnen auch Brüder und Diakone; die Frauen und Männer waren getrennt, auch während der Gottesdienste: Die Nonnen saßen erhöht auf einer hölzernen Galerie in der Mitte des Kirchenschiffs, die über einen Gang mit dem Kloster verbunden war.

Im Zuge der Reformation 1527, nachdem König Gustav I. Wasa anstelle des Papstes zum Oberhaupt der Schwedischen Kirche ernannt worden war, wurden viele katholische Kirchen geschlossen und in protestantische umgewandelt. Auch der katholische Glaube blieb über Jahrhunderte in Schweden verboten. Das führte dazu, dass im Jahr 1550 die Brüder und 1595 auch die Nonnen das Kloster in Vadstena verlassen mussten. Erst 1935 ließ Maria Elisabeth Hesselblad, die Gründerin des neuen schwedischen Zweiges des Erlöserordens, ein Gäste- und Erholungsheim in Vadstena eröffnen, 1963 folgte die Gründung eines neuen Klosters, in dem heute wieder acht Birgitten-Nonnen leben.

Transparenzhinweis: Die Reise hat Visit Sweden unterstützt.

Nach Vadstena pilgern

Zur Klosterkirche nach Vadstena, die in Südschweden am Vättersee liegt, führen verschiedene Pilgerrouten. Neu konizipiert ist ein 95 Kilometer langer Radweg für Pilgerer rund um den Vogelsee Tåkern. Am besten ausgebaut der rund 50 Kilometer lange Wanderweg von Ödeshög nach Vadstena, der entlang des Vättersees führt (Karte mit Infos auf Schwedisch unter https:// maps.visitostergotland.se/sv/kartor/ 209802/karta).

Das Pilgerzentrum in Vadstena arbeitet ökumenisch und bietet Wanderungen, Kurse sowie Schlafgelegenheiten in Mehrbettzimmern an. Auch Pilgerausweise und Pilgerzertifikate können dort erworben werden. Mehr Infos im Netz unter: www.pilgrimscentrum.se und www.visitostergotland.se/de/start/209802/St-Bridgets-Tr

Das Jedermannsrecht, auf Schwedisch Allemansrätt, ist ein Gewohnheitsrecht, das bis ins Mittelalter zurückreicht. Es besagt, dass sich Menschen in der schwedischen Natur frei bewegen dürfen. Auch eine Nacht lang zu zelten ist erlaubt. Der anfallende Müll muss allerdings mitgenommen und entsorgt werden. Ausgenommen von der Regel sind Privatgrundstücke. Da diese in Schweden oft nicht eingezäunt ist, sollte man sich außerhalb der Sichtweite von Wohnhäusern aufhalten. Gesammelt dürfen für den eigenen Verzehr Beeren und Pilze. Geschützte Pflanzen dürfen jedoch nicht gepflückt werden. Wohnmobile dürfen hingegen nicht auf freiem Gelände abgestellt werden, um dort zu übernachten.

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