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Papst-Audienz in der Akademie für das Leben.
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Papst-Audienz in der Akademie für das Leben.

Vatikan Lux in Arcana

Die dunklen Geheimnisse des Vatikans

  • Kordula Doerfler
    VonKordula Doerfler
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Zum ersten Mal zeigt das Vatikanische Geheimarchiv der Öffentlichkeit ausgewählte Schätze. Sein Leiter, Bischof Sergio Pagano, will aufräumen mit Legenden und Verschwörungstheorien.

Der Ort ist Stoff für Legenden und Mythen, für dunkle Gerüchte und Verschwörungstheorien. Seit Jahrhunderten beflügelt er die Fantasie der Menschen, unvorstellbar Grauenvolles und unsagbar Geheimes soll die Kirche hier verstecken, in vier Stockwerken über und unter der Erde, in einem Tunnel im Innersten des Vatikans. Der Herr über dieses Reich des Schreckens lacht, er kennt dessen Ruf nur zu gut. „Schon allein der Vatikanstaat, dieser kleinste Staat der Welt mit seinen eigenen Regeln, fasziniert die Menschen“, sagt Seine Exzellenz Sergio Pagano, Präfekt des vatikanischen Geheimarchivs. „Für das Archiv gilt das erst recht. Das meiste aber gehört ins Reich der Erfindung.“

Seit 34 Jahren arbeitet der Genueser im Allerheiligsten der Kirche, er möchte keinen Tag missen. Wer hat schon die Chance, mit einem derart universalen und exklusiven Wissensschatz umgehen zu dürfen und ihn für nachfolgende Generationen zu konservieren? „Man entdeckt jeden Tag etwas Neues“, sagt Pagano. Vor allem wird man nie fertig damit, dieses Menschheitserbe sinnvoll zu katalogisieren.

Das bedarf einiger Leidenschaft – und viel Wissens. Pagano, den Papst Johannes Paul II. 1997 zum Leiter des Archivs ernannte, bringt beides mit. Er ist Theologe, Philosoph, Experte für alte Handschriften, doziert aus dem Stand druckreif über Konservierungsverfahren für jahrhundertealte Briefe, päpstliche Geheimdiplomatie und den Prozess gegen Galileo Galilei. Auch dessen Inquisitionsakten liegen im Archiv. Es umfasst 85 Kilometer Folianten, Handschriften, Briefe, kirchliche Gerichtsurteile, Bannbullen, Konzilsschriften und Urkunden. Pagano nennt es einen Ozean.

In den vergangenen anderthalb Jahren standen der Präfekt und seine 54 Mitarbeiter vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Sie mussten besonders interessante Stücke auswählen. Nach langer Vorbereitungszeit wird sich am Mittwochnachmittag nun eine Weltpremiere ereignen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte zeigt das Archiv, anlässlich seines 400-jährigen Bestehens, ausgewählte Exponate der Öffentlichkeit, und zwar auf weltlichem Grund, drüben, in den Kapitolinischen Museen im Herzen Roms.

„Wir haben nichts zu verbergen“

Der Titel der Ausstellung ist Programm. „Lux in Arcana“, Pagano will „Licht in die Geheimnisse“ bringen, und auch aufräumen mit Verschwörungstheorien und falschen Vorstellungen, gewissermaßen kirchliche Aufklärung für weltliche Irrende betreiben. Anfangs sollten es 300 Exponate sein, doch das erwies sich als unmöglich. Nun sind es noch 100 unermesslich wertvolle Zeugnisse abendländischer Geschichte, darunter etwa die Prozessakten von Galilei und Giordano Bruno, die Bannbulle gegen Martin Luther und der letzte Brief, den Maria Stuart an Papst Sixtus V. schrieb.

Dazu zeigen Filme das Archiv von innen, wo es recht profan zugeht. Rund 60 Forscher aus aller Welt kommen täglich in den Lesesaal. Einlass in das Gebäude am Cortile del Belvedere, neben dem Apostolischen Palast, erhält nur, wer ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein seriöses wissenschaftliches Anliegen vorweisen kann. Katholisch zu sein ist nicht erforderlich, auch muslimische und jüdische Wissenschaftler forschen hier. Drei Dokumente pro Tag darf man im Lesesaal studieren, die Archivare aus den Tiefen eines babylonischen Systems, genannt „der Bunker“, hervorholen.

„Man wird sehen, wir haben nichts zu verbergen“, sagt Pagano. Schon der Name „Geheimarchiv“ sei irreführend. „Es ist das Privatarchiv des Papstes.“ Zwar ist es seit 1881 für die historische Forschung offen, aber der Papst entscheidet, welche Dokumente der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden – und vor allem, wann. Wie in den Archiven weltlicher Staaten, gelten auch im Vatikan Fristen, innerhalb derer Dokumente unter Verschluss bleiben. Dass deshalb Verschwörungstheorien gedeihen, weiß der Präfekt.

Bestes Beispiel sind die 16 Millionen Seiten über Papst Pius XII., das umstrittene Kirchenoberhaupt während des Zweiten Weltkrieges. Seine Kritiker werfen ihm vor, sich mit Hitler arrangiert und zu den Verbrechen der Nazis geschwiegen zu haben. Zwar ist unstrittig, dass die Kirche Verfolgten Zuflucht gewährt hat, doch allein aus Rom wurden im Oktober 1943 mehr als tausend Juden nach Auschwitz deportiert.

Dass ausgerechnet ein deutscher Papst das Seligsprechungsverfahren für Eugenio Pacelli, wie Pius XII. mit bürgerlichem Namen hieß, vorantrieb, löste weltweit Empörung aus. Viele glauben, dass die Kirche kein Interesse daran hat, unangenehme Wahrheiten preiszugeben. Bisher durfte nur eine päpstliche Historikerkommission die Akten einsehen. Pagano hofft, dass mit der Freigabe ein differenzierteres Bild von Pius XII. entstehen wird. Zwei bis drei Jahre werde es wohl noch dauern, mutmaßt der Präfekt.

Einige Dokumente aus Pius’ Pontifikat werden trotzdem auf dem Kapitol zu sehen sein, mit Genehmigung von ganz oben, versteht sich. Über mangelndes Interesse werden sich die Ausstellungsmacher nicht beklagen können, in Rom kursieren seit jeher Legenden über die verborgenen Schätze des Vatikans. Viele Römer glauben bis heute, dass die Menora aus dem zerstörten Tempel in Jerusalem im Archiv liegt und die Inschrift vom Kreuz Jesu.

Zudem weiß die Welt spätestens seit Dan Brown, was einem dort sonst noch zustoßen kann. Ob er die Illuminati gelesen hat? Sergio Pagano winkt ab. Dass das Archiv auch die Fantasie von Schriftstellern anregt, stört ihn nicht. Nur müssten solche Romane seriös recherchiert und gut geschrieben sein. Die Illuminati hat er nach wenigen Seiten weggelegt. „Das Leben ist zu kurz, um so schlechte Literatur zu lesen.“

Lux in Arcana, 29. Februar bis 9. September 2012, Kapitolinische Museen Rom. www.luxinarcana.org

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