Der 65-jährige Shigeru Nakayama lebt ganz allein im Dschungel und befreit die Mauerreste von wuchernden Pflanzen.
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Der 65-jährige Shigeru Nakayama lebt ganz allein im Dschungel und befreit die Mauerreste von wuchernden Pflanzen.

Brasilien

Vom Dschungel verschlungen

  • Wolfgang Kunath
    vonWolfgang Kunath
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Am Ufer des Rio Negro in Brasilien gab es vor hundert Jahren eine kleine Stadt, die dank des Kautschuk-Booms florierte. Heute stehen von ihr nur noch Ruinen. Shigeru Nakayama bewahrt ihr Erbe.

Auf die Öko-Touristen ist Shigeru Nakayama nicht gut zu sprechen. „Die wollen immer nur Affen sehen“, murrt er, „für Geschichte interessiert sich keiner von denen“. Und dabei ist sein Wohnort, Airão Velho am Ufer des Rio Negro, voller Geschichte – allerdings: Man muss schon sehr genau hinschauen, um deren Spuren zu erblicken. Denn der Urwald hat Airão Velho fast völlig verschluckt. Mehr als ein paar vom Dschungel überwucherte Ruinen sind nicht mehr zu sehen von dem Handelsposten, der während des Kautschuk-Booms vor über hundert Jahren ein florierendes Städtchen war.

Nakayama lebt, von einem einzigen Nachbarn abgesehen, alleine hier. „Ja, es ist schon sehr einsam“, sagt er, „nichts als Tiere!“ Ein kleiner Anleger, eine Holztreppe die Böschung hinauf, wo auf einer von Nakayama gemähten Wiese ein paar Holzbuden stehen, darunter sein Wohnhaus und eine kleine Kirche – das ist alles, was der Natur abgetrotzt ist.

Nebenan hat der Wald die Ruinen vereinnahmt. Armdicke Stämme winden sich durch Fensteröffnungen, Blätterbüschel bedecken Mauerkronen, Bäumchen und Sträucher wurzeln in den Rissen zersprungener Fußböden. Farne haben auf abgebröckelten Gesimsen Fuß gefasst, Palmen strecken ihre Wedel durch die Türhöhlungen, dichter Pflanzenbewuchs überzieht gemusterte Kachelböden.

Eine Art Damm, der parallel zum Flussufer verläuft und trotz der Vegetation noch zu erkennen ist, deutet darauf hin, dass hier einmal mehr als die fünf oder sechs Gebäude gestanden haben müssen, deren Ruinen noch zu identifizieren sind. Eine Fassade mit drei hohen Türöffnungen ist am besten erhalten – das Handelshaus, in dem die Latex-Ballen ebenso gelagert wurden wie die Waren, die den Kautschuk-Sammlern verkauft wurden.

Eine andere Ansammlung von Mauerresten war einmal ein offenbar hochherrschaftliches Wohnhaus. Über einen schmalen Pfad durch den Busch erreicht man das ehemalige Rathaus, das später die Schule beherbergte. Im düsteren Unterholz liegt, vom Rost durchlöchert, der Rumpf eines Metallkahnes, der, anders als Holzboote, unbeschadet über die Stromschnellen kam. In eine wuchtige Bodenplatte ist noch ein massiver Metallring eingelassen, vermutlich zum Vertäuen der Schiffe.

„Ich wollte immer an den Amazonas“, sagt Shigeru Nakayama, der vor 65 Jahren in der japanischen Großstadt Fukuoka geboren wurde. Als er 15 war, wanderten seine Eltern mit ihren drei Söhnen nach Brasilien aus.

„Nach dem Krieg war noch viel zerstört, es war deprimierend, deshalb sind wir gegangen“, sagt Nakayama. Auch wenn er sich kaum noch an Japan erinnern kann – er ist nach einem halben Jahrhundert in Brasilien immer noch japanischer Staatsbürger, und die Regierung in Tokio zahlt ihm eine kleine Rente aus. Er spricht Portugiesisch immer noch mit heftigem Akzent, dennoch sagt er: „Ich bin längst Indianer geworden“.

Asiaten galten damals als minderwertig

Als zu Beginn der 20. Jahrhunderts in den Kaffeeplantagen Brasiliens Arbeitskräfte fehlten, wurden Japaner angeworben. Anders als den deutschen oder italienischen Einwanderern schlug ihnen oft ein rassistisch unterlegtes Misstrauen entgegen. Europäer, so die damals gängige Theorie, veredelten den Rassenmix Brasiliens, Asiaten jedoch galten als minderwertig. Aber nach und nach verschafften sie sich Respekt und Anerkennung, vor allem durch ihren Bildungsdrang und ihren Willen zum sozialen Aufstieg. Erst 1973, als Japan schon längst auf dem Sprung zur Industrienation war, endete die von beiden Ländern geförderte Einwanderung.

Während die meisten japanischen Einwanderer im Süden, vor allem in São Paulo, Fuß fassten, verschlug es die Nakayamas nach Belém, eine Großstadt an der Amazonas-Mündung. Sie arbeiteten in der Nähe auf den Plantagen von Landsleuten, die dort schwarzen Pfeffer anbauten, ein Gewürz, das noch vor ein paar Jahrzehnten fast unbekannt war in Brasilien.

Während die Eltern und Brüder blieben, hielt es Shigeru nicht. Er arbeitete mal hier, mal dort, aber immer in der Landwirtschaft. So lernte er weite Teile Amazoniens kennen, und so kam er auch nach Novo Airão, hundert Kilometer flussabwärts von Airão Velho. „Sie lud mich ein, mich um Airão Velho zu kümmern“ – so beschreibt er das Zusammentreffen mit Maria da Glória Bezerra, die vor drei Jahren mit 77 Jahren starb; sie liegt auf einem kleinen, verfallenen Friedhof, den Nagayama ebenfalls vom Busch freihält. Die alte Dame hatte in Airão Velho ihre Kindheit und Jugend verbracht, denn ihr Vater war der Herr der Stadt.

Und sie hegte eine Herzensbeziehung zu dem Ort, der nach und nach immer mehr vom Dschungel überzogen war. Sie träumte sogar davon, dass dort wieder Menschen siedeln. Aber daraus wurde nichts, obwohl Nakayama von 2000 an dort lebte, die Wiese kurzhielt und die Ruinen ab und zu den Touristen zeigte, die den Rio Negro hinaufschippern.

Ewig in Schuldknechtschaft verpflichtet

Zusammen mit drei Brüdern war Francisco Bezerra Anfang des 20. Jahrhunderts in die Gegend gekommen, auf dem Höhepunkt des Kautschuk-Booms. Die Bizerras beherrschten bald darauf den ganzen Unterlauf des Rio Negro, bis hinunter nach Manaus, wo er sich mit dem Rio Solimões zum Amazonas vereint. Francisco Bezerra konzentrierte alle politische und wirtschaftliche Macht in seiner Person – Coronel, Oberst, so nennt man im ländlichen Brasilien diese allmächtige Herrscherfigur.

Die Bezerras finanzierten tausenden von Wanderarbeitern aus dem dürregeplagten Nordosten die Reise an den Rio Negro vor, wo sie die Gummi-Bäume anzuzapfen lernten.

Die Preise, die die Handelsfirmen für die Latex-Ballen zahlten, waren so gering, dass die Arbeiter ihren Reisevorschuss nie abarbeiten konnten und den Herren auf ewig in Schuldknechtschaft verpflichtet waren. Aber als die britischen Kautschuk-Plantagen in Südostasien kurz vor dem Ersten Weltkrieg immer billiger produzierten, verfielen die Latex-Preise, und mit ihnen Airão Velho, das schon Ende des 17. Jahrhunderts ein Missionarsposten gewesen war. Im Zweiten Weltkrieg erlebte der Kautschuk in Amazonien nochmal einen zweiten, kurzen Boom. Denn nachdem die Japaner Malaysia besetzt hatten und die dortige Latexproduktion kontrollierten, begannen die USA die Gummi-Produktion in Amazonien zu finanzieren.

Hundert Dollar zahlten sie der brasilianischen Regierung für jeden Arbeiter, der zum Gummi-Zapfen in die Wälder kam. Zehntausende wurden, meist unter haarsträubenden Umständen, aus dem dürren Nordosten Brasiliens in den Dschungel umgesiedelt, wo viele von ihnen starben.

Aber 1945 kam auch dieser zweite Kautschuk-Boom zu einem jähen Ende. Mitte der Fünfziger wurde Novo Airão gegründet, das heute durch eine Straße mit Manaus verbunden ist, und nach und nach zogen die Bewohner der alten Stadt um. Später wurden in der Umgebung Naturschutzgebiete ausgewiesen, in denen keine Menschen mehr siedeln durften.

Für Nakayama wurde eine Ausnahme gemacht, weil er sich um die Ruinen kümmert. In seinem Holzhaus hat er ein kleines Museum eingerichtet. An den Wänden hängen alte Fotos der Bezerras neben einem Kalender aus dem Jahr 2008, auf dem Papst Benedikt abgebildet ist. Ein altes Bügeleisen, eine mit dem Schriftzug „Lisboa“ geprägte Dachziegel aus Lissabon, eine zerbrochene Steingut-Flasche der Amsterdamer Schnaps-Fabrik Wynand Focking hütet Nakayama als Reliquien der alten Zeit. Aus Pappe und dünnen Holz hat er ein Modell der Hauptstraße von Airão Velho gebastelt: Ganz in Grün. Aber die Papier-Bäume stehen so regelmäßig und wohlgeordnet wie in einer Allee.

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