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Die Zahl der Krankenhaus-Betten in Frankfurt geht deutlich zurück.

Kolumne

Sterben ohne Plan

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Die Zahl der Krankenhausbetten in Frankfurt ist deutlich zurückgegangen. Was ist da los?

In Frankfurt am Main steht ein Krankenhaus auf der Kippe. Es ist das altehrwürdige St. Elisabethen-Krankenhaus in Bockenheim, das mit rund 300 Betten und etwa 800 Angestellten zu den mittelgroßen Häusern in Frankfurt gehört. Wie bei vielen kirchlichen Krankenhäusern reicht seine Geschichte mehr als einhundert Jahre zurück. 1872 kamen Dernbacher Schwestern vom Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi nach Bockenheim. Sie betreuten Arme und Kranke in gesundheitlicher und sozialer Not zu Hause. Einige Jahre später errichteten sie ein erstes Krankenhaus an der Ederstraße mit dem Schwerpunkt Tuberkulose, die damals in der Arbeiterschaft und nach dem ersten Weltkrieg unter den zurückgekehrten Soldaten sehr verbreitet war.

Später wurden die Schwestern von den Nationalsozialisten verfolgt, das Krankenhaus wurde geschlossen, Ordensschwestern denunziert und ins KZ deportiert. Im September 1944 wurde das Krankenhaus bei einem Bombenangriff total zerstört. Nach Kriegsende begann der Wiederaufbau am heutigen Standort rund um die Villa Passavant.

Dieses St. Elisabethen-Krankenhaus gehört zur katholischen Katharina Kasper ViaSalus GmbH mit Sitz in Dernbach in Rheinland-Pfalz. Dort hatte man am 28. Januar einen Insolvenzantrag stellen müssen. Es ist kaum mehr als ein Jahr her, dass die Katharina Kasper Kliniken schon einmal ein Traditionskrankenhaus in Frankfurt aufgeben mussten. Das war das 1907 eröffnete St. Marienkrankenhaus im Nordend, dessen Einrichtung und Mitarbeiter*innen ins St. Elisabethenkrankenhaus umziehen mussten. Heute ist dort eine riesige Baustelle, wo mehr als 200 neue Wohnungen entstehen. Die Katharina Kasper Kliniken wollten sich mit dem Verkauf dieses Grundstückes in bester Lage sanieren. Der Erlös hat dafür offensichtlich nicht ausgereicht.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es in Frankfurt noch etwa 7500 Krankenhausbetten. Außer dem St. Marienkrankenhaus sind seitdem das Brüderkrankenhaus im Ostend, das Mühlbergkrankenhaus in Sachsenhausen und das Diakonissenkrankenhaus im Nordend geschlossen worden. Heute gibt es in Frankfurt noch 5800 Krankenhausbetten, also mehr als ein Fünftel weniger in kürzester Zeit. Was geht hier vor? Wie kann ein Krankenhaus insolvent werden? Warum bekommen Krankenhäuser nicht mehr genügend Geld? Ist das ein Gesundschrumpfen oder ein Kahlschlag? Was war so anders vor dreißig, vor fünfzig, vor hundert Jahren?

1980 gab es in Deutschland noch 3783 Krankenhäuser mit 879 605 Betten, im Jahr 2017 sind davon nur noch 1942 mit 497 189 Betten übrig. Gleichzeitig hat sich die Liegezeit von zwei Wochen auf eine Woche halbiert. Dabei wurden auch über 50 000 Stellen im Pflegebereich gestrichen. Glaubt man allerdings den Experten, dann sind angeblich immer noch mindestens ein Viertel der Krankenhausbetten überzählig.

Die Krankenhäuser sterben aber nicht nach einem gut durchdachten Plan, der an gesundheitlichen Vorgaben und Bedürfnissen ausgerichtet ist. Sie sterben auch nicht nach einem gesellschaftlichen Konsens über den Bedarf. Sie sterben danach, was profitabel ist und was nicht. Wo rote Zahlen geschrieben werden, da droht Verkauf oder Schließung, egal ob eine Abteilung oder ein Krankenhaus in der Region gebraucht wird oder nicht.

Das Gesundheitswesen ist kein sozialer Bereich mehr, es ist zu einem Wirtschaftszweig geworden. Krankenhäuser machen umso mehr Umsatz, je schwerwiegender die Diagnosen ihrer „Kund*innen“ sind. Es sind nicht mehr die Kranken Gegenstand der Medizin, sondern Krankheiten sind Objekte standardisierter Prozesse in „Medizinfabriken“. In diesem Sog des neu entdeckten Gesundheitsmarktes sind etwa ein Fünftel aller Krankenhäuser in die roten Zahlen geraten – und jede zehnte Klinik steht kurz vor der Insolvenz. Kapitalkräftige, börsennotierte Klinikkonzerne treten auf den Plan und warten geduldig, bis ihnen die Insolventen in den Schoß fallen.

Das St. Elisabethenkrankenhaus wird in Frankfurt sicherlich nicht das letzte sein, das verkauft oder geschlossen wird. Die sogenannte „Neuordnung der Krankenhauslandschaft“ ist in Wirklichkeit eine ungeordnete Marktbereinigung nach den Gesetzen der Konkurrenz und des Geldes. Medizin rückt dabei immer weiter in den Hintergrund.

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