Dresden

Die Dresdner Mierscheid-Nase

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Eine Elbbrücke, ein Blitzer, Tempo 30 in der Abenddämmerung. Und eine dafür verantwortliche Fledermaus, die nie gesehen wurde.

Im Bundestag gibt es Humor. Und in Dresden erst. Verschrobenen, hintergründigen Humor, der auch noch Geld einbringt.

Seit 1979 geistert der SPD-Bundestagsabgeordnete Jakob Maria Mierscheid durchs deutsche Parlament, ein Mann, den es nur in Akten und Anträgen gibt, erfunden von zwei Sozialdemokraten, die meinten: Spaß muss sein. Vielleicht aus Notwehr. Damals sorgte Zuchtmeister Herbert Wehner für Ordnung in der SPD-Fraktion. Herrn Mierscheid wurde ein Lebenslauf angedichtet. Andere Kollegen machten mit, das Phantom, Jahrgang 1933, geboren im rheinland-pfälzischen Morbach, wuchs und gedieh, bekam Konturen und lebt heute noch.

Aber darum geht es gar nicht, es geht um Dresden, Wehners Geburtsort, wo ein kleines Tier in einem Teil des Elbtales eine ähnliche Rolle spielt wie der Herr Jakob Maria Mierscheid einst in Bonn und noch heute in Berlin. Das Tier hat Eingang in Akten und Pläne gefunden, in Verordnungen, Gerichtsurteile und auch Bußgeldbescheide, obwohl es das Tier dort gar nicht gibt. Zumindest wurde es dort noch nie gesehen. Es geht um die Kleine Hufeisennase, eine winzige Fledermausart, die es andernorts selbstverständlich gibt in Dresden. Nur nicht dort, wo sie eine bedeutende Rolle spielt, an der berühmt-berüchtigten Waldschlösschenbrücke, die seit 2013 die Elbe überspannt.

Dort ist sie eher eine Kleine Mierscheid-Nase. Für viel Geld wurden um die Brücke Hecken gezogen, welche die Kleine Hufeisennase sicher am Autoverkehr vorbei leiten sollen. Es wurde ein exzentrisches Beleuchtungssystem mit zigtausenden kleinen LED-Lampen installiert, alles, um der Kleinen Hufeisennase das Leben zu erleichtern, das sie dort offensichtlich nicht führt.

Im Frühjahr, wenn sie sich dort angeblich auf den Weg macht und um die Brücke herumschwirrt, wird der Autoverkehr ab Abenddämmerung von 50 auf 30 Stundenkilometer abgebremst, was natürlich mit einer Blitzanlage seit 2013 kontrolliert wird.

Das Mierscheidische an dem ganzen Vorgang ist: Die Hufeisennase wird an der Brücke ähnlich häufig angetroffen wie der Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid selbst. Der MDR berichtete kürzlich von intensiven Nachfragen beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), beim Naturschutzbund (Nabu) und der Grünen Liga. Aber auch unter den Naturschützern fand sich keiner, der das kleine Tierchen oder den Morbacher Politiker dort jemals gesehen hatte.

Das bedeutet aber nichts. Ein Dresdner CDU-Stadtrat fand die Begrenzung auf 30 Stundenkilometer überprüfungswürdig und schlug ein Monitoring vor, wie das heute heißt. Einfach mal haargenau und etwas länger gucken, was so um die Brücke herumfliegt ab Dämmerung. Fanden auch die Naturschützer in Ordnung. Will Dresden aber nicht.

Das Blitzgerät auf der Brücke spülte seit seiner Installierung 2 847 500 Euro in die Stadtkasse. Dresden sollte nächstes Jahr zu Ehren des Abgeordneten aus Morbach nachzählen, wie viel Geld davon in den Dämmerstunden hereingeblitzt worden ist, dann, wenn die Kleine Mierscheid-Nase dort herumschwirrt und durch reines Nichtsein den Haushalt der Stadt anfüllt.

2019 ist Mierscheid 40 Jahre im Bundestag. Das sollte gefeiert werden. Dresden sollte ihn einladen, vielleicht übernimmt er ja freiwillig das Monitoring.

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