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König der Wälder? Falsch, ganz falsch! Der Rothirsch liebt weite Steppenlandschaften, gerne mit Wasser fürs erfrischende Bad zwischendurch.

Heimische Tiere

Drei Schritte in den Urwald

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Outdoortouren, Naturworkshops und Fledermaus-Nachtspaziergänge boomen. Unsere Autorin hat sich einer solchen Reise angeschlossen: Eine herbstliche Suche nach wilden Tieren im Osten Deutschlands.

Seit einer Stunde stapfen wir still durch die Dünenwelt am Darß. Dort, wo einmal Ostseestrand war, ist in den letzten Jahrhunderten ohne Menschenhand neues Land entstanden. Ein schmaler sandiger Weg und Holzstege führen durch. Ringsherum wogendes Schilf, meterhohe Gräser, tiefblaue Teiche, moorige Senken, gesäumt von Dornenhecken und Erlenwäldchen, offene, leicht gewellte Flächen, die an eine Steppenlandschaft erinnern. Plötzlich in der Ferne: ein tiefes Brummen. Alle horchen. Nur irgendeine Maschine, deren Dröhnen der Wind herüber getragen hat. Aber dann. Ein durchdringendes Gebrüll, von irgendwoher aus dem Gesträuch, krachende Geräusche, gefolgt von einem Grollen, lang anhaltend, Gänsehaut erzeugend. Als wäre es nicht von dieser Welt. Hermann Thierer strahlt.

Einen kapitalen Rothirsch in freier Wildbahn röhren hören. Das ist des Schwaben Traum, deshalb ist er hier. Rehe und Wildschweine sieht der Freizeit-Jäger zur Genüge, wenn er im Morgengrauen auf den Hochsitz steigt. Doch noch nie sah er den edlen Hirsch.

Der Hesse Christoph Ruppel angelt lieber, spaziert kilometerweit durch die Rhöner Wälder und würde gerne einmal einen Wolf erspähen. Und Ingrid Thams aus Flensburg, fitte Rentnerin, weit gereist, Vegetarierin, will sich überraschen lassen. So wie alle in der Gruppe. Sie wollen diesmal nicht bis Australien oder Costa Rica fliegen, um ursprüngliche Natur und wilde Tiere zu erleben, sondern in heimischen Gefilden auf die Pirsch gehen. Damit liegen sie voll im Trend.

Outdoortouren, Naturworkshops, und Fledermaus-Nachtspaziergänge boomen. Auch kleine Reiseveranstalter reagieren auf solche Sehnsucht und bieten Wanderreisen in Deutschlands wilde Ecken an. Mit einem davon, der Landpartie, sind wir eine Woche im Osten unterwegs, 
Bevor wir jedoch im Nationalpark an Mecklenburg-Vorpommerns Küste Hirsche hören, erfolgt die erste Annäherung an die Wildnis im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg.

Eine Vorbildlandschaft für nachhaltige Entwicklung von Mensch und Natur mit mindestens fünf Prozent besonders geschützter Kernzone, so steht es in den Statuten. Sie beginnt nur 65 Kilometer hinter Berlin und war mal Jagdgebiet von Kurfürsten, Nazi-Reichsjägerminister Hermann Göring und DDR-Polit-Prominenz wie Walter Ulbricht und Erich Honecker, deren Einladung zu Treibjagden russische Kollegen mit Freude folgten. „Ein Zaun wurde drum gezogen, das Wild angefüttert – und Abschuss. Das ist zum Glück vorbei“, sagt unser Begleiter Kai Haman, angehender Förster und leidenschaftlicher Naturhornbläser. Heute würden Reh und Wildschwein nur nach strengen Regeln gejagt. Dank der dünnen Besiedlung und der riesigen zusammenhängenden Waldflächen ginge es ihnen nirgendwo im Land so gut wie in der Schorfheide. 

Deshalb wird es ein wunderbar einsamer Spaziergang, auf dem uns gewaltige Eichen, Buchen, Robinien, himmelsstürmende Kiefern, knorrige Baumruinen und kleine Seen begegnen. Aber nur ein Tier: ein Karnickel, das aufgeschreckt durchs Unterholz huscht. Einen Luchs, einen durchziehenden Elch, einen Wolf? Ja, den Wolf hat er schon gesichtet, sagt Haman gelassen, in der Ferne während seiner langen Streifzüge. Und, hatte er Angst? „Iwo. Ich bin einfach stehengeblieben. Mein Hund allerdings hat den Schwanz so weit eingezogen wie noch nie.“ 

Wölfe sehen auch wir. Auch wenn es nur im Wildpark Schorfheide ist, in einem weitflächigen Gehege, das seinesgleichen sucht. Leiterin Imke Heyter hat ein Herz für Wölfe. „Sie gehören hierher nach Deutschland. Sie waren schon immer da und wurden nicht wieder angesiedelt. Sie sind nur in den letzten Jahren über Polen heimgekehrt.“ Schätzungen gehen von 400 Tieren aus, die meisten davon in Brandenburg und Sachsen. „Ich kann Ihnen aber nur eines von unseren zwei Rudeln zeigen, weil ich einige von Hand aufzog und sie deshalb ihre große Scheu verloren haben“, sagt Heyter, die in 20 Jahren eine Wolfsflüsterin geworden ist. „Kommt Wölfchen“, ruft sie, klopft auf einen Plastikeimer mit Knochen und Fleisch. Und wirklich: Nach und nach springt ein halbes Dutzend aus dem kleinen Wäldchen und schnappt zu. Immer wieder ärgert ein Jungwolf einen Alten, aber der bleibt erstaunlich geduldig. „Was wird dem Tier nicht alles Böse angedichtet. Doch das ist er nicht. Er ist sehr familiär. Und er frisst keine Menschen“, sagt die Wolfsexpertin. Aber Schafe, wirft eine aus der Gruppe ein. Dafür müsse man eben Hunde trainieren und entsprechende Zäune bauen. Und wenn wirklich mal ein Wolf vor einem auftaucht? „Die Arme hochstrecken und ein wenig Radau machen. Ich persönlich würde das Naturerlebnis genießen.“ Aber es sei äußerst unwahrscheinlich, Wölfe in freier Wildbahn zu Gesicht zu bekommen. 

Wilde Tiere gebe es eben nicht auf dem Silbertablett, resümiert Christoph Ruppel, als die Gruppe weiterfährt nach Mecklenburg-Vorpommern in den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Aber wir versuchen’s weiter, warten bis zur Dämmerung und radeln los zu den Schlafplätzen der Kraniche. Hinter Zingst fünf Kilometer auf dem Damm entlang bis zu den beiden Beobachtungshütten in den Weißdünen von Pramort mit Blick auf die weite Boddenlandschaft. Ferngläser und enorme Kameraobjektive irrlichtern aufgereiht aus jeder Öffnung. Wir zehn passen gerade noch mit rein. „An manchen Tagen drängten sich 300 Leute hier. Viel zu viel“, sagt Carsten Wagner, einer der Ranger. Sie entschieden: Nur noch 80 Besucher, mehr lassen die Kontrollposten an dieser Stelle nicht mehr durch, während zwischen September und Ende Oktober die Kraniche hier rasten, bevor sie weiterfliegen in die Winterquartiere. Ticket nur im Voraus für fünf Euro. 

Wildnis Deutschland, sinniert der Ranger. Das sei mehr ein Ziel als ein Zustand. So wie hier in der Kernzone mit dem Neuland gebe es noch sehr vereinzelt Ecken, wo der Einfluss des Menschen ganz gering ist. Im Wattenmeer, im alpinen Hochgebirge, im Nationalpark bayerischer Wald an sehr steilen Stellen. Insgesamt nicht mal 0,5 Prozent von Deutschland. Dabei sei es das erklärte Ziel der Bundesregierung bis 2020 zwei Prozent der Landesfläche und fünf Prozent der Wälder verwildern zu lassen. „Ein Armutszeugnis, wenn man das bedenkt“, sagt der Ranger und hält sein Fernglas hoch. Die ersten schwarzen Punkte tauchen am Himmel auf. Keiner sagt mehr ein Wort, alle haben nur noch Augen und Ohren für das Kranich-Kino. 

Die Punkte verwandeln sich schnell in elegante grau-schwarze Vögel mit quietschgelben Füßen. Immer in Trupps fliegen sie ein, bilden energiesparende V-Formationen, endlos aneinandergereiht. Es sind Zehntausende! Den ganzen Tag über haben sie sich vollgefuttert auf den Mais- und Getreidestoppelfeldern im Umkreis von bis zu 50 Kilometern. Hier fühlen sie sich sicher. So stilvoll, wie sie zum Landen ihre langen Beine ausfahren. Die Luft vibriert von ihrem aufgeregten trompetenden Geschrei. Sie rufen sich etwas zu, übersetzt der Ranger: „Kommt, hier ist ein guter Platz für unsere Familie“, „Zusammenbleiben Jungs“, „Passt doch auf, sonst stoßt Ihr mit anderen zusammen“. Und dann bleiben sie eng an eng knietief stehen im Wasser, um in der geschützten Bucht zu übernachten. So etwas, sagt die weitgereiste Ingrid, hat sie noch nie erlebt. 

Aber der Höhepunkt kommt erst noch, wispert uns Gerd Wolff zu, mit dem wir am letzten Tag unterwegs sind. Ein waschechter altersloses Darßer, der den Leuchtturm bis zu seiner Automatisierung bediente, Forstwirt und Matrose war, mit den Wildschweinen spricht und – außer dem Wolf – alles liebt, was kreucht und fleucht. Nach vier Stunden wilder Dünen-, Strand- und Waldwanderung haben wir immerhin schon etliche Muscheln, Krebse und die Losung eines Marders entdeckt, „schön mit roten Beeren versetzt“. Wir sahen Fröschlein hüpfen – „es sind die fünf Prozent aller Kaulquappen, die überlebten“. Und würden am liebsten jeden Mistkäfer umarmen, so begeistert erzählt Wolff von der Wichtigkeit jedes noch so winzigen und unscheinbaren Tieres und Pflänzleins für das Gleichgewicht der Natur. „Hört doch! Die Bäume im Wald sind wie ein Orchester. Jeder hat einen anderen Ton.“ 

Jetzt sind wir reif für die Hirsche, die Könige der Wälder! Falsch, ganz falsch, wissen wir schon, als wir am helllichten Nachmittag am Darßer Ort, dem nördlichsten Zipfel der Halbinsel, Richtung Meer laufen und die ersten Brunftschreie hören. Hirsche sind von Natur aus tagaktive Steppenbewohner und lieben die offene Landschaft, gerne mit Wasser für den Rückzug dabei. Dafür ist ihr Geweih gemacht. Wir Menschen haben sie ins Dunkle und in den Wald gedrängt. Hier jagt sie keiner, hier finden sie reichlich zu Knabbern und weitläufige Kampfarenen. Aber wo sind sie? Wieder drängen sich schweigende Tierbeobachter auf Beobachtungsplattformen. Sie machen bereitwillig Platz, leihen ihre starken Ferngläser aus. Eine ganze Weile starren wir ins amphibische Neuland mit Ostseekulisse. 

Und dann: Man mag es kaum glauben. Ein Rothirsch mit einer Krone am Ende des mächtigen Geweihs, der gemächlich durch eine mit Wasser gefüllte Senke watet. Einer der Beobachter ruft: „Der muss seine Hoden kühlen!“ Davor, am Ufersaum, tippelt sein Harem von fünf Hirschdamen. So friedlich. Plötzlich hebt der Hirsch den Kopf, neigt ihn nach hinten, reißt das Maul auf, orgelt und knötert zum Erbarmen. Und das nur, weil sich ganz weit rechts ein möglicher Widersacher nähert. Doch der trollt sich schnell. Er hat seine eigenen Frauen dabei. Unvergessliche Bilder. Aber was, wenn es zu viele Hirsche und Kühe werden, wenn auch andere mitbekommen, wie frei es sich an diesem Ort noch leben lässt? Er habe auch deshalb nichts gegen Wölfe, hatte der Ranger gesagt. „Da ergäbe sich eine natürliche Auslese.“ So aber müsse halt doch wieder die Feuerwaffe ran. 

Wahre Wildnis, nickt die Gruppe einander zu, hat’s in Deutschland wirklich schwer. Und deshalb beschließen wir, nicht weiter nach dem Biber zu suchen. Er stand nämlich auch noch auf unserer Wilde-Tiere-Liste – und wir waren tatsächlich in seinem Reich am Bollwinfließ. Ein romantisches kleines Bachtal in der Schorfheide, vor dreihundert Jahren entwässert und als Wiesen und Felder genutzt. Seit 30 Jahren dürfen dort Biber wieder frei walten. Und verwandelten das Gebiet in eine eigentümliche Moorlandschaft mit abgestorbenen Bäumen, giftgrün veralgten Seen, reißenden Rinnsalen, Schilf, Moosen, Farnen und Dickicht. Wir kamen an eine Stelle, die der Vorstellung eines Dschungels sehr nahekommt. Kein Weg, kein Steg, nur dichtes Grün.

Drei Schritte – weiter ließ uns Naturwächter Klaus-Christian Arndt nicht in die Wildnis hinein. „Wir kommen selbst nicht mehr mit einem Kanu durch. Wir wissen auch nicht, wie es hinten weitergeht oder wer da noch alles wohnt“, hatte der Naturwächter gesagt. Und auch von dem Ärger mit Anwohnern berichtet, wenn ein Biber zufällig außerhalb des Schutzgebietes in einen Garten gerät und Apfelbäume fällt. Wir sahen nicht mal eine Schwanzspitze und waren enttäuscht. Aber jetzt ist es gar nicht mehr so wichtig, Biber in Freiheit zu sehen. Es reicht, erlebt zu haben: Sie sind irgendwo da drinnen, verwoben mit dieser Natur, die hier machen darf, was sie will. 

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