Idyllische Winterstimmung, ganz ohne Kunstschnee: Drehort Schloss Moritzburg. Imago Images
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Idyllische Winterstimmung, ganz ohne Kunstschnee: Drehort Schloss Moritzburg. 

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel

Ein Wintermärchen

  • vonImre Grimm
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Millionen Nostalgiker sehen zur Weihnachtszeit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Der Film ist zum deutsch-deutschen Festtagsritual geworden. Das liegt auch an der Menschlichkeit seiner Botschaft.

In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, war ein Winter noch, wie Winter sein soll: Mit Eiskristallen an den Fensterscheiben, mit Schlittenfahrten bei Glockengeläut in der Dämmerung. Und mit Schnee, viel Schnee, jenem Schalldämpfer aus gefrorenem Wasser, der sich als glitzernder Mantel auf die laute Welt legt. Es liegt ein märchenhafter Zauber auf einer verschneiten Welt. Sei keusch wie Eis, sei rein wie Schnee, schrieb Shakespeare.

Natürlich stimmt das nicht. Je älter der Mensch, desto tiefer der Schnee in seiner Kindheit. Das Gehirn ist ein mächtiger Manipulator. Es erzählt sich selbst gern Geschichten. Aus Erinnerungen macht es, was es will, weil es Eindeutigkeit liebt. Eindeutig Winter, eindeutig Sommer. Sieben Grad und Nieselregen sind nicht eindeutig. Aber die Sehnsucht nach Klarheit und Ruhe ist groß, und sie sucht sich ihren Weg.

Auftritt: Aschenbrödel. Ein junges Mädchen reitet auf dem Schimmel Nikolaus durch verschneite Wälder. Es spricht mit dem Hund Kasperle, es schießt treffsicher einen Tannenzapfen vom Baum. Eine Eule spielt Schicksal, ein namenloser Königssohn mit Pottfrisur sucht eine Braut. Und am Ende guckt das Aschenbrödel kokett über die Schulter, und Liebe und Gerechtigkeit haben gesiegt. Für zehn Millionen Deutsche gehört der tschechisch-ostdeutsche Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von 1973 zur Weihnachtszeit wie Baum und Kerzen. Lange war der Klassiker ein ostdeutsches Phänomen. Der Westen liebte seinen „kleinen Lord“, der Osten sein Aschenbrödel. Inzwischen aber schlägt der tschechischen Erbsenleserin gesamtdeutsche Liebe entgegen, während der kleine Lord Fauntleroy zwar das Herz seines Großvaters, nicht aber das der ostdeutschen TV-Zuschauer erweichen konnte.

Eine erstaunlich feministische Märchenfigur

Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Ohne Fantasie keine Märchen, ohne Märchen keine Fantasie. Die alten Geschichten sind Dünger für die Seele. In den Märchenwäldern des Unterbewusstseins wecken sie urmenschliche Gefühle. Weil Gut und Böse klar sortiert sind. Und weil es gemeinsame Geschichten und Rituale sind, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Rituale sind emotionale Anker, Ausdruck von Heimat und Gemeinschaft. Und in so komplexen, schwer zu entschlüsselnden Zeiten, in denen sich viele Menschen überfordert und niedergebrüllt fühlen, erhalten die alten, bauernschlauen Erzählungen plötzlich einen tröstlichen Reiz. Manchmal tut es einfach gut, vor einer Gegenwart voller Grautöne in eine Welt zu fliehen, in der moralisch nur Schwarz und Weiß gelten.

Die Renaissance der Märchen läuft auf vollen Touren. Hollywood hat sich auf den Grimmschen Stoff gestürzt: Mit Kenneth Branaghs Realverfilmung von „Cinderella“. Mit der düsteren Schneewittchen-Variante „Snow White and the Huntsman“. Mit Hänsel und Gretel als rachsüchtige erwachsene Hexenjäger in „Witchhunters“. Mit dunklen Mystery-Serien wie „Grimm“ oder „Once Upon a Time“. Und aktuell mit „Maleficent 2: Mächte der Finsternis“. Dazu arbeitet „Spider Man“-Macher Marc Webb an einer „Schneewittchen“-Realverfilmung. Und die ARD verfilmt seit Jahren unter der Marke „Sechs auf einen Streich“ alte Märchenstoffe neu, inzwischen sind es 46 Stück.

Kinder lieben es, die gleiche Geschichte immer und immer wieder erzählt zu bekommen. Sie wiegen sich in der seligen Sicherheit des Vertrauten. Dieselbe Sehnsucht treibt Aschenbrödels Gemeinde vor die Fernsehgeräte. „Aschenbrödel“ ist nicht bloß das „Pretty Woman“ der Siebzigerjahre. Es ist die Weihnachtsbotschaft in anderem Gewand.

Aber warum wurde ausgerechnet dieses verträumte, 82 Minuten lange Filmmärchen zum Ritual, obwohl es hunderte Märchenfilme gibt? Das liegt an seiner liebenswerten Biederkeit, an der Kraft der Geschichte, an der ikonischen Musik von Karel Svoboda – und an der zauberhaften Rehäugigkeit der damals 19-jährigen Hauptdarstellerin Libuse Safrankova, die es den Umständen nicht gestattet, über ihr Glück zu entscheiden. Sie darf nicht zur Party? Dann reitet sie eben allein! Mit Witz und Chuzpe erobert sie den Prinzen – nicht umgekehrt. Dieses selbstbewusste Aschenbrödel ist eine erstaunlich feministische Märchenfigur („Sie haben vergessen, die Braut zu fragen, ob sie auch möchte!“).

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“: Heiligabend 17.10 Uhr im Ersten, 18.50 Uhr One, 20.15 RBB und WDR. 1. Feiertag: 10.25 Uhr im Ersten, 14.50 Uhr NDR, 16.05 Uhr WDR;

Es ist gerade seine Putzigkeit, die den Film unsterblich machte. Die Kostüme aus der Verkleidungskiste. Die kitschigen Harfenarpeggios von Svobodas Filmmusik. Die linkisch-gewundene Sprache („So ein verrücktes junges Mädchen!“). Die geföhnte Innenwelle des erschöpft wirkenden Königs, gespielt vom 2018 mit 87 Jahren verstorbenen Rolf Hoppe. Der XXL-Lampenschirmhut der Stiefmutter. Aber Kulte entwickeln sich gegen jede Vernunft und Logik. Wie im Fall der Karl-May-Verfilmungen. Wie im Fall der „Sissi“. Sie wurden Kult, weil sie bürgerliche Sehnsüchte spiegeln. Nach Unschuld. Nach Freiheit. Nach Romantik. Und am Ende: nach Liebe.

„3HfA“, wie die Fangemeinde den Klassiker gern abkürzt, ist ein deutsch-deutsches Wintermärchen. 13 mal läuft der Film allein in den Weihnachtstagen 2019. Dabei sollte das Aschenbrödel ursprünglich über sommerliche Blumenwiesen reiten statt durch Schnee. Doch die DDR-Filmgesellschaft DEFA drängte auf einen Dreh im Winter 1972/73, weil ihre Arbeiter noch Kapazitäten frei hatten. Gedreht wurde dann rund um Schloss Moritzburg bei Dresden, in den Filmstudios in Potsdam-Babelsberg und Prag, im tschechischen Wasserschloss Svihov und im Böhmerwald. Die Treppe, auf der das Aschenbrödel seinen Schuh verlor, ist heute ein beliebter Ort für Heiratsanträge.

Die verschneite Idylle ließ sich nur mit „Kunstschnee“ erzeugen, der per Lastwagen an den Drehort gekarrt wurde. Er bestand aus Fischmehl – und stank erbärmlich. Die zeitgenössische Filmkritik war zufrieden. „Mit dem arbeitenden Volk ist dieses Aschenbrödel eng verbunden“, schrieb 1974 die „Liberal-Demokratische Zeitung Halle“.

Das Märchen ist auch eine Folie für Mädchensehnsüchte. „Mich rührt dieses junge Mädchen, dessen einzige Zuflucht das Grab der Mutter ist“, schrieb „Zeit“-Autorin Iris Radisch. „Sie ist keine Heilige, die sich demütig in ihr Elend schickt. Im Gegenteil: Sie will auch alles haben, was junge Mädchen sich bis heute überall auf der Welt wünschen: Gold, Silber, Kleider, einen Prinzen.“

Das ist auch ein Bonus des „Aschenbrödel“-Klassikers: Er ist frei von allem reformpädagogischen Moralisieren. 1973, in einer Zeit also, in der die alten Grimmschen Märchen vor allem im deutschen Westen von verkopft-antiautoritären Systemsprengern als überkommene Relikte bürgerlicher Moralisten verteufelt wurden, erzählte Regisseur Vaclav Vorlicek im Osten einfach eine naive Geschichte von Liebe und Gerechtigkeit. Erst mit Bruno Bettelheims Appell „Kinder brauchen Märchen“ von 1977 besann man sich auch in Westdeutschland wieder darauf, dass die Weisheit der alten Erzählungen viel tiefer reicht als die Bedenken der vermeintlich rationalen Reformpädagogen. „Hexen her!“, schrieb damals die Zeit.

Klassikergenuss am TV: Für Familien deeskalierend

Denn Märchen waren zunächst ja gar keine Kindergeschichten. Märchen waren die psychologischen Produkte einer voraufklärerischen Gesellschaft, die ihre Ängste und Wünsche in sich ständig wandelnde Geschichten voll naiver Moral kleidete. Allein von „Aschenputtel“ existieren mehr als 400 Varianten auf mehreren Kontinenten. Die tschechische Autorin Bozena Nemcova, auf deren Erzählung der Film basiert, nutzt auch Motive aus dem „Froschkönig“, dem „eisernen Heinrich“ oder „Frau Holle“. Hexen, Kinderfresser, Riesen und Trolle, Feen und Elfen spukten durch die Fantasien. Über allem schwebte die Angst vor dem Bösen. Und die sinnliche Macht der Sexualität. Erst die Brüder Grimm entsexualisierten mit der Erstausgabe ihrer Sammlung im Dezember 1812 viele der Märchen, eliminierten jede erotische Andeutung.

Und warum nun ist Weihnachten auch ein Fernsehfest? Weil Familien ungewohnt viel Zeit miteinander verbringen. Und weil gemeinsamer Klassikergenuss deeskalierend wirken kann. Aschenbrödel-Darstellerin Safrankova dagegen, inzwischen 66 Jahre alt, sieht an Weihnachten selbst nicht fern. „Wir feiern traditionell“, sagte sie vor Jahren in einem ihrer seltenen Interviews der Deutschen Presse-Agentur. Sie gehört zu den beliebtesten Schauspielerinnen in Tschechien, spielte in vielen Märchenfilmen, aber auch eine der Hauptrollen im Oscar-prämierten Drama „Kolya“ von 1996. Auf das „Aschenbrödel“ blickt sie inzwischen wie Romy Schneider einst auf ihre „Sissi“-Rolle: Es war nur ein Teil ihres Lebens, sagt sie, nicht ihr Leben.

Am Ende sind der kleine Lord, der seinem grantelnden Großvater bei der Menschwerdung hilft, und das clevere Aschenbrödel in derselben Angelegenheit unterwegs: Sie tragen Liebe in die Welt. Das erinnert entfernt an einen jungen Mann, der in diesen Tagen vor etwas mehr als 2000 Jahren antrat, die Welt aus den Angeln zu heben. Die Weihnachtsgeschichte ist das größte Märchen überhaupt. Die segensreiche Wirkung, die von ihr ausgeht, speist sich aus der Vertrautheit der Erzählung ebenso wie aus der Kraft der Geschichte selbst. Not, Elend, Menschlichkeit, Hoffnung, Liebe, Glück, Gott, Leben und Tod in einfachen, klaren Worten. „Und es begab sich zu der Zeit...“

Das kleine tschechisch-ostdeutsche Filmmärchen hat ein Happy End. Das Christentum dagegen feiert Weihnachten als ewigen Beginn, als immer wieder neu geborene Hoffnung auf bessere Zeiten. Der Schnee, von dem wir dabei träumen, ist eine poetische Metapher: für die Verpuppung und Neuerfindung der ganzen Welt.

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