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Im Jahr 2019 feiern die Hörspiele Jubiläum.

Kindheit

Die drei ??? und das Geheimnis der Bibel

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Es ist die erfolgreichste Hörspielserie der Welt: Seit 40 Jahren übernehmen die Detektive Justus, Peter und Bob jeden Fall. FR-Autor Frederik Jötten hat sich auf ihre Spur begeben.

An einem wolkenlosen Tag an der kalifornischen Küste wurde ich vom „Die drei ???“-Fan zum Akteur in einem spezialgelagerten Sonderfall. So würden es die drei legendären Detektive aus Rocky Beach wohl formulieren. Es war der 18. September 2006, ich steuerte einen gemieteten Chevrolet über die Küstenstraße in Richtung Santa Barbara. Links von mir der Pazifik, rechts die Santa Monica Mountains – die Gegend, in der die Hauptfiguren zu Hause sind. Aus den Lautsprechern schallten die Stimmen von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Oder eher die Stimmen ihrer Sprecher: Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich. Zwischendrin ertönte die wohlvertraute Musik, die Melodie, die sagt: Das Leben ist super, die Sonne scheint, das nächste Abenteuer wartet. Gänsehaut. Ich gab mir den ultimativen Flashback in meine Kindheit.

Etwa zwischen meinem neunten und 13. Lebensjahr, genau in der Mitte der 1980er Jahre, waren die drei Detektive meine Helden. Die Jungs hatten immer Ferien, ihnen wurde nie etwas verboten, sie waren schlauer als alle Erwachsenen. Sie erkundeten Canyons, Höhlen und einsame Inseln, sie tauchten nach Wracks und Schätzen, sie gingen in den Filmstudios von Hollywood ein und aus. Sie lebten den amerikanischen Traum eines Zwölfjährigen – einen, den nicht nur ich träumte. Einen, der bis heute weitergeträumt wird.

„Die Plots sind ausgesprochen albern.“

Im Jahr 2019 feiern die Hörspiele Jubiläum; am 12. Oktober 1979 kamen die ersten Folgen auf den Markt. Nun ist die 200. Folge erschienen: „Die drei ??? Feuriges Auge“. Bis heute wurden mehr als 50 Millionen Tonträger verkauft, es ist die erfolgreichste Hörspielserie der Welt. Die Bücher haben bereits mehr als 200 Folgen erreicht und rund 17 Millionen Gesamtauflage. In den USA allerdings, wo die Serie herkam, hatte sie wenig Erfolg; 1990 wurde die Reihe nach 55 Büchern eingestellt. Seitdem sind die drei Detektive ein rein deutschsprachiges Phänomen. In Deutschland erscheinen jedes Jahr sechs neue Bände im Kosmos Verlag, das Audio-Label Europa (das heute zu Sony gehört) veröffentlicht sie jeweils ein Jahr später als Hörspiel. Die „???“-Autoren sind heute allesamt deutsche Muttersprachler.

Ich war 2006 nicht zufällig in Kalifornien unterwegs, sondern auf Recherche. Ich wollte das Vorbild für Rocky Beach finden, die fiktive Kleinstadt, in der die drei Detektive ihre Zentrale haben, versteckt auf einem Schrottplatz der Firma Titus Jonas. Drei-Fragezeichen-Erfinder, der US-Schriftsteller Robert Arthur, ersann die Kleinstadt in den 1960er Jahren. Seitdem hat sich die Region sehr verändert. Rocky Beach soll etwa 20 Kilometer entfernt von Downtown Los Angeles liegen. Aber L.A. hat sich heute so weit ausgebreitet, dass alle Städte in dieser Entfernung nun faktisch mit der Stadt verwachsen sind. Die Recherche war also schwierig. Trotzdem war es ein toller Trip, denn ich fühlte mich wie ein Detektiv. Ich recherchierte in der Stadtbücherei von Santa Monica, befragte einen Trödelhändler in Topanga Beach, schlich durch verlassene Häuser am Pazifik. Ich führte das fort, was ich mit zehn Jahren begonnen hatte – oder zumindest hatte beginnen wollen.

Damals gründete ich mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder und unserem gemeinsamen Freund Kai eine Detektei. Leider ereigneten sich in dem 500-Seelen-Dorf, in dem wir wohnten, eher selten mysteriöse Kriminalfälle. Eigentlich nie. Aber wir hatten immerhin richtige Detektivausweise mit Geheimnamen, Geheimnummer und Geheimzeichen; deren Sinn erschließt sich mir heute leider nicht mehr. Und wir waren nicht allein mit unserer Begeisterung für die drei Fragezeichen; auch im Freundeskreis meines vier Jahre älteren Bruders gab es lauter Detektive.

Wir wollten die Serie möglichst originalgetreu nachspielen. Doch schon bei der Rollenverteilung gab es Probleme: Wer durfte Justus sein, der erste Detektiv, der zwar pummelig ist, aber auch wahnsinnig schlau? Wer sollte Peter sein, der zweite Detektiv, ein Angsthase, aber sportlich? Und wer Bob, der dritte Detektiv, der sich am liebsten in Bücher und Bibliotheken vergräbt? Wir stritten, der Freund stieg aus, weil er keinesfalls Peter sein wollte. So endeten damals Detektivkarrieren, bevor sie begonnen hatten.

Dann, in Kalifornien, schien endlich meine große Stunde gekommen. Ich hatte bei der Suche nach Rocky Beach eine heiße Spur: Ich war verabredet mit Gayle Lynds, einer der letzten lebenden Autorinnen der Original-Serie. Sie war zudem verheiratet mit Dennis Lynds alias William Arden, ebenfalls Verfasser von „???“-Büchern und unter den Autoren der einzige, der den Erfinder Robert Arthur noch persönlich kennengelernt hatte. Wenn es also jemanden gab, der mir helfen konnte, dann Gayle Lynds.

„Sie haben die Interessen von Elfjährigen.“

Ich traf sie in ihrem Zuhause in Santa Barbara. Sie trug schwarze Leggins, darüber ein langes weißes Hemd, schulterlange blonde Haare. Nachdem ich sie begrüßt und meine Frage gestellt hatte, lachte sie: „Rocky Beach?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Dennis und ich haben Santa Barbara als Vorbild genommen. Aber ich finde es immer wieder toll, wie begeistert Ihr Deutschen von den drei Detektiven seid. Auch ich habe die Jungs geliebt!“ Sie hielt inne. „Aber ich müsste noch die Bibel haben…“ – „Die Bibel? Was ist das?“ – „Die Anleitung für die Autoren, die der Verlag mir gegeben hat, als ich in den 80er Jahren begann, für die Serie zu schreiben. Darin müsste auch Genaueres über Rocky Beach stehen.“ Sie bat mich zu warten und kam schließlich mit sieben maschinengeschriebenen, geklammerten Seiten zurück – „die Bibel“, datiert auf den 31. August 1987. Schon auf der zweiten Seite stand: „Santa Monica liegt östlich von Rocky Beach (und ist anscheinend der Prototyp für die Kleinstadt).“ Das Rätsel um Rocky Beach war gelöst – und Gayle Lynds überließ mir tatsächlich ihre „Bibel“. Ich staunte darüber, mit welch ironischem Tonfall die drei Detektive darin beschrieben werden. „Die Plots sind von vornherein ausgesprochen albern“, heißt es. „Ihr Alter ist 13, aber sie haben die Freiheit von 16-Jährigen und die Interessen von Elfjährigen. Sie rauchen und trinken nicht und haben kein Interesse an Mädchen. Sie wären hoffnungslose Spießer, wenn sie nicht Action und Aufregung liebten.“ Über Justus hieß es, er sei „a pain in the neck“ – eine Nervensäge. Es dauerte Jahre, bis ich begriff, wie wertvoll diese sieben Seiten in der Welt der drei Fragezeichen waren.

In 2017 erreichte mich eine E-Mail von Autor C.R. Rodenwald, selbst ein Fan der Detektive, der gerade an einem Buch über die Serie arbeitete. „Ich würde gerne einen Blick in die ominöse Serienbibel werfen. Gayle Lynds schrieb mir, dass Sie Ihnen damals Ihr einziges Exemplar geschenkt hat. Sie sind somit meine heißeste Spur…“. Ich begann zu suchen, durchwühlte Schreibtisch, Regale, Ablagen – nichts. Dann war ich mir plötzlich sicher, dass ich die Seiten eingescannt und an Paul, einen Möchtegern-Detektiv aus der ???-Combo meines Bruders verschickt hatte. Doch weder er noch ich fanden digitale Kopien. Rodenwald fragte vier weitere Male nach. Ich fand mich selbst unglaubwürdig, wenn ich ihm jedes Mal dieselbe Antwort gab. War es nicht viel wahrscheinlicher, dass ich die „Bibel“ hatte und einfach nicht weitergeben wollte?

Rodenwalds Buch „Die Welt der drei Fragezeichen“ erschien Ende 2017, ein paar Monate später meldete er sich wieder. „Sie sind Ben Nevis, stimmt’s?“, schrieb er. „Wenn man sich mit der Materie ein bisschen beschäftigt, ist es geradezu offensichtlich.“ Ich musste erstmal googeln, wer Ben Nevis ist: ein deutscher Autor, der unter Pseudonym bis heute „???“-Bücher schreibt. Anscheinend rätseln die Fans seit Jahren, wer sich dahinter verbirgt. C.R. Rodenwald – auch ein Pseudonym, wie er zugab – glaubte nun, die Lösung gefunden zu haben: „Sie, Herr Jötten, waren damals bei Gayle Lynds zu Gast. Ben Nevis war auch einmal bei ihr in Santa Barbara. Das Treffen war vermutlich ein- und dasselbe. Es würde auch erklären, warum Gayle Lynds ein so kostbares Stück wie die Serienbibel einfach verschenkt hat.“

Er listete weitere Erkenntnisse auf: Der Verlag habe verraten, dass Ben Nevis ein Journalist aus dem Rhein-Main-Gebiet sei – wie ich. Sein erster Fall sei „Die drei ??? und der Pistenteufel“ gewesen. Dass ich mich sehr fürs Skifahren interessiere, sehe er doch daran, dass ich oft darüber schreibe. Das Interview, das ich einst mit Lemmy Kilmister von Motörhead geführt hatte, sei offensichtlich die Inspiration für den Band „Die Drei ??? und der letzte Song“ gewesen. Amüsiert versicherte ich ihm, dass ich leider nicht Ben Nevis sei.

In diesem Jahr stieß ich beim Ausmisten zwischen alten Schul- und Uni-Zeugnissen auf eine Klarsichthülle – mit der Serienbibel! Ich schrieb Rodenwald, dass ich eine Überraschung für ihn habe, und bot ein Treffen an. Am Bahnsteig in Berlin erwartete mich ein großer, hagerer Mann, Anfang 40. Ernster Blick, kurz gestutzter Vollbart, randlose Brille. Wir gingen in eine Kneipe, bestellten Bier. „Ihr letztes Buch ,Das weiße Grab‘ fand ich super“, sagte Rodenwald. Er lächelte herausfordernd. Ich seufzte. „Sie glauben wirklich immer noch, dass ich Ben Nevis bin?“ – „Sie sind natürlich in einer komfortablen Lage“, erwiderte er. „Sie müssen Ihr Pseudonym wahren und können deshalb guten Gewissens leugnen. Aber die Indizien sind wirklich erdrückend.“ So gesehen war es natürlich unmöglich, ihm jemals klarzumachen, dass ich nicht derjenige war, für den er mich immer noch hielt. Ich überreichte ihm eine Kopie der Serienbibel. Rodenwald begann mit offenem Mund darin zu blättern. „Das kann ich jetzt kaum glauben. Das ist Wahnsinn. Weite Teile der Drei-Fragezeichen-Geschichte müssen neu geschrieben werden.“ Voller Begeisterung bestellte er noch ein großes Bier. Wir stießen an, tauschten uns über das Drei-Fragezeichen-Phänomen aus. „Nichts ist so positiv besetzt, nicht mal Fußball“, sagte Rodenwald. „Fußball kann den Fan extrem enttäuschen, bei den drei Fragezeichen geht immer alles gut aus. Sie als Mainz-Fan kennen Enttäuschungen ja auch.“ Ich entgegnete: „Mein Verein ist der 1. FC Kaiserslautern.“ Doch das war ein Trick des cleveren Ermittlers: „Verdammt, Sie sind wirklich nicht Ben Nevis. Er ist Mainz-Fan.“ Rodenwald wirkte enttäuscht. Und ich war es auch. Die Zeit, in der ich als vermeintlicher Drei-Fragezeichen-Autor ein Teil der Welt von Justus, Peter und Bob war, sie war schön. Fast so schön, wie damals, als ich noch selbst Detektiv werden wollte.

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