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Hörspiel live: Andreas Fröhlich, Oliver Rohrbeck und Jens Wawrczeck (v. l.).

Interview

„Die drei ??? geben Halt“

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Seit 1979 spricht Karin Lieneweg die resolute Tante Mathilda: Die 82-Jährige über ihre Rolle in der Erfolgsserie und ein erfülltes Leben voller Theater.

Karin Lieneweg leitete die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, arbeitete früher als Schauspielerin, Synchronsprecherin und war an vielen Hörspielproduktionen beteiligt. Sie lebt in Hamburg.  

Frau Lieneweg, Sie sind viel unterwegs. Was machen Sie derzeit?
Ich habe eine lange Zeit die Agentur für Arbeit, also die ZAV, hier in Hamburg geleitet. Daher bin ich damals viel zu Theatern gefahren. Das mache ich schon lange nicht mehr, aber ich kenne fast alle Intendanten der Theater. Heute reise ich viel rum, besuche viele Theatervorstellungen, bin in Kontakt mit den Intendanten und mache sie auf gute Leute aufmerksam.

Die meisten Leser und Hörer kennen Sie als die resolute Tante Mathilda aus den drei ???. Inwieweit identifizieren Sie sich mit dieser Rolle?
Als ich angefangen habe, Tante Mathilda zu sprechen, war ich noch als Schauspielerin tätig. Mein privates und berufliches Leben hat sich innerhalb dieser 40 Jahre total verändert. Deswegen kann ich das schwer beantworten. Es lief immer so ein bisschen nebenher, und ich habe das weitergemacht, weil es dazugehörte, obwohl ich ansonsten nicht mehr künstlerisch gearbeitet habe.

Wie nah kommt man sich denn in einem solch langfristigen Projekt? Bleibt es ein Arbeitsverhältnis oder sind unter den Sprechern Freundschaften fürs Leben entstanden?
Als das damals losging, waren die Jungs ja Kinder. Wir haben uns nur alle paar Monate mal gesehen, für einen halben Tag im Studio. Heute sind die drei gestandene Männer – und jetzt wo wir älter sind und uns austauschen können, haben wir zueinander gefunden. Damals war ich für sie eine ältere Dame. Aber ich denke für die drei Jungs ist daraus eine Freundschaft fürs Leben geworden.

Wie läuft so ein Tag im Studio ab? Bringt Tante Mathilda Kirschkuchen mit?
Nein. Das Studio ist in einer kleinen Villa untergebracht, dort ist alles ganz familiär. Man sitzt oben, es gibt Kaffee, Kuchen, Brote. Die anderen Sprecher kommen hinzu. Man sitzt in einem Aufenthaltsraum, redet und trinkt Kaffee. Dann saust man ins Studio, nimmt die Szenen auf und geht wieder zurück und wartet. Das ist der normale Ablauf.

Karin Lieneweg.

Auch wenn immer wieder etwas Neues erscheint, sind es ja nur wenige Tage im Jahr, in denen Studioaufnahmen gemacht werden …
So ist es. Die Aufnahmen für eine ganze Produktion sind in acht bis 14 Tagen erledigt. Und Tante Mathilda taucht ja nur ab und zu mal auf und hat selten große Szenen. Vielfach war ich alleine im Studio, da sagte Heidekine Körting, die Produzentin: „Die hat sowieso nur zehn Sätze. Kommen Sie einfach und ich schiebe das schnell dazwischen.“ Ich habe die Jungs oft über Jahre gar nicht gesehen.

Was – außer der Tatsache, dass die Jungs deutlich älter geworden sind – hat sich in diesen 40 Jahren noch verändert?
Eigentlich hat sich für meine Begriffe überhaupt nichts verändert. Es hat sich an dem ganzen Aufnahmestil nichts geändert. Auch der Tonmeister ist der gleiche geblieben. Nur kennt man sich länger und geht anders miteinander um. Wir sind ein seit 40 Jahren eingespieltes Team. Freundschaft ist so ein großes Wort, aber man kennt sich. Da ist eine familiäre Grundlage vorhanden.

Hören Sie sich selbst noch die alten Hörspiele an?
Ich höre sie ganz, ganz selten. Ich habe überhaupt keine Zeit. Mein Leben ist vollgefüllt mit Theater, ich bin ununterbrochen unterwegs und habe mir abgewöhnt, im Auto etwas zu hören, weil ich dann unkonzentriert werde.

Haben Sie eine Art Lieblingsfolge?
Nein, ich habe auch nie eine gehabt. So etwas habe ich generell nicht, auch nicht im Theater. Mein Leben ist Theater. Aber auch dort gibt es nichts, wovon ich sage: „Das ist es.“ Ich bin einfach neugierig auf alles, was auf mich zukommt. Auch bei den drei ??? Ich lebe ungern in der Vergangenheit. Mich interessiert die Zukunft, auch wenn ich alt bin.

Haben Sie auch schon mal darüber nachgedacht, mit der Sprecherinnenrolle aufzuhören?
Ich denke überhaupt nicht daran aufzuhören. Viele Leute haben zu mir gesagt: „Meine Güte, Sie sind so alt, wollen Sie nicht aufhören?“ Aber ich denke, wenn ich aufhöre, würde das bedeuten, einen Teil meines Lebens zu verändern. Aber ich kann doch nicht aufhören und sagen, das war jetzt mein Leben, und dann setze ich mich aufs Sofa und warte, was passiert. Ich müsste dann ja versuchen, etwas anderes anzufangen, sonst wäre das Leben ja vorbei. Denn zu Leben bedeutet, dass man sein Leben lebt. Und das Leben, das ich führe, ist etwas, das ich mir ausgesucht habe und das mir unendlichen Spaß macht. Und dazu gehört die Sprecherei. Ich versuche, das zu machen, was mich künstlerisch interessiert. Theater, sprechen und alles, was damit zusammenhängt und immer mein Leben war, seit meinem 18. Lebensjahr. Etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen.

Sie klingen nicht wie 82.
Neulich sagte mir jemand, ich würde auch nicht aussehen wie eine 82-Jährige. „Sie kleiden sich gar nicht wie eine 82-Jährige.“ Da habe ich mich gefragt, wie kleidet sich denn bitte eine 82-Jährige? Aber das Alter ist heute im Grunde eigentlich kein Thema mehr. Natürlich belastet es einen selbst, aber die Einstellung zum Alter hat sich verändert. Als ich 80 wurde, hat mich das fast umgehauen. Die Fanclubs der drei ??? wollten zu meinem 80. Geburtstag eine große Party veranstalten. Ich bin aber abgehauen und nach Mallorca gebraust, weil ich gedacht habe, ich halte das nicht aus. Dann saß ich alleine auf Mallorca, das war wunderschön.

Sie sagen: „Mein Leben ist Theater.“
Ich bin mindestens 200 Abende im Jahr im Theater. Nicht nur in Hamburg. Morgen fahre ich nach Stuttgart, dann nach Regensburg, dann nach Hannover. Ich bin mindestens 20 Tage im Monat irgendwo im Theater.

Noch mal zu den drei ???: Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Der hat auch mit dem Internet zu tun. Die Plattenfirma hatte vor einigen Jahren mal ein Foto gemacht – von den Jungs und Tante Mathilda. Dann haben sie es ins Internet gestellt, und innerhalb einer Nacht wurde es 1,6 Millionen Mal geklickt. Dann ist auch Tante Mathilda ins Gespräch gekommen. Jeder hatte bis dahin immer gesagt: „Die hat immer nur zwei oder drei Sätze, die ist völlig unwichtig“. Plötzlich ging es um die Bedeutung von Tante Mathilda. Dann haben mich Leute angesprochen: „Ich möchte auch so eine Tante haben, ich möchte gerne jemanden haben, der so verlässlich ist wie Sie.“ Manchmal kommen auch 40- oder 50-jährige, gestandene Kerle und sagen mir: „Tante Mathilda, ich bin mit Ihnen aufgewachsen, ich höre Sie jetzt seit 40 Jahren.“ Das muss man sich vorstellen. Da wird ein ganzes Leben von den drei ??? begleitet.

Es gibt ja auch den Satz, die Fans sind mit den drei ??? gealtert.
Ja, aber sie fühlen sich nicht gealtert. Die können sie auch Fragen: „Was war in Folge fünf?“ und die erzählen Ihnen das. Würden Sie mich fragen, ich hätte keinen blassen Schimmer.

Nostalgie spielt dabei auch eine große Rolle?
Ja, natürlich. Ich glaube es ist wie in einem Kleingartenverein, man fühlt sich zu Hause. Das ist auch ein Zeichen unserer Zeit. Die Menschen brauchen einen Halt. Und die drei ??? geben Halt.

Interview: Andreas Sieler

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