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Nur echt mit Hut: Gunther von Hagens.
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Nur echt mit Hut: Gunther von Hagens.

Gunther von Hagens

„Dr. Tod ist ein Ehrentitel“

Leichenpräparator Gunther von Hagens spricht im Interview über seine Parkinson-Erkrankung, die Ästhetik des Todes und seinen letzten Wunsch.

Eine Gründerzeit-Villa gleich unterhalb des Heidelberger Schlosses. Von der Terrasse aus kann man den Blick weit über die Stadt schweifen lassen. Nach seiner Rückkehr aus Berlin am Mittag hat sich Gunther von Hagens zum Ruhen hingelegt. Er war später in Frankfurt gelandet, weil er den eigentlich gebuchten Flug verpasst hatte. Als er noch gesund war, wäre ihm das nie passiert. Schritte auf der Treppe. Das Gehen macht ihm Mühe, das Sich-Artikulieren noch mehr. Er sieht aus wie gewohnt: Hut, braune Lederweste, vielleicht noch schlanker. Manchmal muss er plötzlich scheinbar unvermittelt weinen. „Die Hirn-Chemie eines Parkinson-Patienten“, sagt er im vertrauten Nuschelton und lächelt.

Herr von Hagens, Sie haben mal gesagt, die Krankheit Parkinson sei „wie Sterben üben“.
Das empfinde ich so. Insbesondere habe ich es während der ersten Monate so empfunden, als die Krankheit sehr schnell fortgeschritten ist und ich bemerken musste, dass mir für mich wichtige Fähigkeiten buchstäblich wegstarben. Das rechtshändige Schreiben zum Beispiel, Vorlesungen halten, Streitgespräche führen. Oder einfach die Computer-Tastatur normal bedienen und nicht langsam wie eine Schnecke.

Haben Sie gelegentlich das Gefühl, es könnte nicht mehr viel Zeit bleiben, um noch Vorhaben zu realisieren, die Ihnen wichtig sind?
Ja, ich kenne dieses Gefühl, aber ich versuche es zu akzeptieren. Allerdings hatte ich auch schon vor meiner Krankheit das Gefühl, dass meine Lebenszeit nicht ausreichen würde, um alle Fähigkeiten zu erlernen, die ich gern hätte, und um alle Wünsche zu realisieren. Nun bin ich gezwungen, mir eine klare Prioritätenliste zu erarbeiten, was ich als frustrierend empfinde.

Was steht denn auf dieser Liste ganz oben?
Die erfolgreiche Finalisierung von „Easy Plastination“. Sozusagen als Schlussakkord meines Wirkens als Wissenschaftler und als I-Tüpfelchen auf meinem Lebenswerk. Ich habe diese Methode als Alternative zur „klassischen“ Plastination entwickelt. Sie wird schneller und billiger sein und kommt ohne Gefahrstoffe aus.

Und welchen Wunsch möchten Sie sich noch erfüllen – das Projekt „Menschen-Museum“?
Eigentlich sehe ich das schon realisiert, im Zusammenspiel zwischen dem Plastinarium in Guben und dem zukünftigen dauerhaften „Körperwelten“-Museum am Berliner Fernsehturm.

In unserem allerersten Gespräch in Basel 2002, kurz vor Eröffnung der „Körperwelten“ in Köln, haben Sie vom Tod als der „größten Beleidigung des Menschseins“ gesprochen. Wie hat Ihre Krankheit Ihre Einstellung zum Sterben verändert?
Ich bin heute noch derselben Meinung, und meine Krankheit verstärkt dieses Gefühl, weil sie daran erinnert, dass die noch zu erwartende Lebenszeit eher kürzer als länger sein wird.

Der „Spiegel“ hat sie „Dr. Tod“ genannt – ein Ehrentitel?
Irgendwie schon, und ich verwende ihn jetzt als Künstlername.

Nach Ihrem Tod, so haben Sie es verfügt, möchten Sie „in Begrüßungs-Pose als stehendes Ganzkörper-Plastinat“ in ihrer Dauerausstellung im brandenburgischen Guben zu sehen sein – um der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen?
Ja, wenn leider auch nur der körperlichen. Deshalb spreche ich auch von der Wiederauferstehung des Leibes. Die Auferstehung der Seele wäre wunderbar, doch es fehlt mir der Glaube daran.

Warum ist es Ihnen wichtig, sich selbst in Ihrem „postmortalen Schönheitssalon“ zu verewigen?
Vielleicht ist es auch ein Stück Narzissmus. Aber ich finde einfach, nach dem Tod kann meinem Körper nichts Besseres widerfahren, als weiter der anatomischen Lehre zu dienen.

Von welchem Krankheitsstadium an würden Sie Ihr Leben nicht mehr als lebenswert betrachten? Oder lässt ein solcher Punkt sich nicht abstrakt benennen?
Ich wage heute keine Vorhersage darüber, ab wann mir mein Leben nicht mehr als lebenswert erscheint. Hier gilt für mich das Marx’sche Wort, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Und noch bin ich nicht in diesem entscheidungsrelevanten Zustand, sondern ganz gut und lebenswert beisammen.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Als Mediziner könnten Sie, wenn Sie erlöst werden möchten, sich einen tödlich wirkenden Trank bereiten, den modernen Schierlingsbecher sozusagen.
Diese Frage stellt sich für mich nicht, ganz gewiss nicht.

Seit Sie Ihre Plastinate öffentlich zeigen, stehen Sie in der Kritik. Ihnen wurde Leichenfledderei vorgeworfen, Voyeurismus unter dem Vorwand wissenschaftlicher Aufklärung. Pietät werde Schaueffekten oder allenfalls einem zweifelhaften didaktischen Nutzen geopfert.Welcher Vorwurf hat Sie am meisten getroffen?
Keiner dieser Vorwürfe hat mich in irgendeiner Form betroffen gemacht, nicht mal geärgert. Denn sie sind allesamt hanebüchen. Leichenfledderei ist nach lexikalischer Definition Diebstahl einer Leiche, also fremden Eigentums. Eine gewisse Portion Voyeurismus aber ist jeder Betrachtung anatomischer Präparate eigen. Schon allein, weil sie normalerweise nicht zugänglich sind. Ich freue mich über jegliche anatomische Schaueffekte, denn sie dienen der visuellen Erinnerung und erhöhen dadurch ihren didaktischen Wert. Ich finde, ein gewisser Erlebnishunger dient der Motivation des Besuchers.

Ist es das, was den gewaltigen internationalen Publikumserfolg der „Körperwelten“ ausmacht?
Ich bin überzeugt: Die Menschen besuchen die Ausstellung vor allem aufgrund ihres Interesses am eigenen Körper, denn nichts ist uns näher. Und die indirekte Befriedigung dieses Interesses durch Modelle oder Bilder kann das Original so wenig ersetzen wie ein schönes Foto von einem Wald halt nicht einen Waldspaziergang ersetzen kann.

Können Sie sich vorstellen, dass die klassische Anatomie irgendwann postum ihren Frieden mit Ihnen macht? Fänden Sie das überhaupt wünschenswert?
Es freut mich, dass sich junge Anatomen schon jetzt mehrheitlich für die Plastination einsetzen. Insbesondere bröckelt der Widerstand gegenüber gekauften menschlichen Plastinaten im anatomischen Unterricht. Ich bin sicher, dass auch die klassischen Anatomen nach meinem Tod dankbar und hochzufrieden mit der Plastination und ihren Möglichkeiten sein werden. Und sie werden, da bin ich mir ganz sicher, kopfschüttelnd auf die Zeit zurückblicken, als Anatomen es als normal empfanden, den Körper zu zerstückeln und die resultierenden Kleinpräparate in Formalin-Gläsern einzuwecken, anstatt den Körper in Gänze und ästhetisch positioniert als Lehrpräparat zu verwenden. In der Knochenlehre hat es sich doch längst durchgesetzt, dass Einzelknochen am Skelett im erhaltenen anatomischen Funktionszusammenhang vermittelt werden. Denken Sie nur daran, dass nach einer Pest-Epidemie Anatomen erstmals die Knochen zum Skelett zusammengefügt haben und damit den Tod als Knochenmann auferstehen ließen. Damals eine Revolution. Und nun ermöglicht es die Plastination, Muskeln, Nerven und Adern zum anatomischen Leben zu erwecken.

Wie möchten Sie in die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte eingehen?
Als der Anatom, der 500 Jahre nach dem Renaissance-Anatomen Andreas Vesal dem Laien das Privileg zurückgegeben hat, die Anatomie am echten Körper zu begreifen.

Als Student im Präparierkurs haben Sie erlebt, wie Kommilitonen den Skeletten mit einer Zipfelmütze, einem Schal oder einer Zigarette im Mund „Leben einhauchen“ wollten. Was sagt das über die Schul-Anatomie?
Solche Szenen, die sehr typisch sind, zeigen eine ausgeprägte Neigung zur Verlebendigung des Skeletts. Weil so dem Tod der Schrecken genommen wird und die Auseinandersetzung mit dem toten Körper leichter fällt.

Warum ist es Ihnen so wichtig, die Anatomie – wie Sie es nennen – zu demokratisieren?
Als Kind der DDR ist mir Demokratie ein hohes, unverzichtbares Gut. Das gilt insbesondere für mein Fachgebiet, die makroskopische Anatomie. Putzigerweise ist die Anatomie ja die einzige Wissenschaft, zu der Laien keinen direkten Zugang haben. Aber gerade das Betrachten des echten anatomischen Präparats ermöglicht eine völlig neue Sichtweise auf sich selbst. Aus unzähligen Berichten von Besuchern weiß ich, dass die Schau auch dazu anhält, die eigene Lebensweise zumindest zu überdenken. Der authentische Zugang wirkt sich bei vielen Menschen, die die „Körperwelten“ gesehen haben, positiv auf ihr Gesundheitsbewusstsein aus. Denken Sie nur ans Rauchen.

Haben Sie Ihren pädagogischen Ansatz durch die Fokussierung auf spektakuläre Exponate und umstrittene Posen nicht selbst in den Hintergrund gedrängt?
Das sehe ich nicht so. Wie es sich für einen Revolutionär gehört, habe ich den Finger in die Wunde gelegt – und nur so eine überfällige öffentliche Diskussion angestoßen. Ich denke, diese Debatte wird sich erst erübrigt haben, wenn eines Tages öffentliche Autopsien selbstverständlich geworden sind.

Immer wieder haben Sie Grenzen überschritten und Tabus gebrochen, auch um der medialen Aufmerksamkeit willen. Welches war für Sie der bislang massivste Tabubruch?
Die „Tabubrüche“ fingen damit an, dass ich ganze Körper konserviert habe und nicht wie meine Kollegen einzelne Organe. Vor allem natürlich, dass ich damit in die Öffentlichkeit gegangen bin.

Und die öffentliche Sektion in London?
Das war eigentlich nur eine logische Folge meiner Idee, die Anatomie wie dereinst in der Renaissance wieder öffentlich zu machen.

Kommen Ihnen heute manchmal Bedenken, ob Sie auf das eine oder andere Anstoß erregende Plastinat oder zumindest auf manche skandalträchtige Posen lieber hätten verzichten sollen?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: Ich bedauere, dass ich nicht schon eher in der Lage war, „skandalträchtige“ Posen so zu realisieren. Das Pferd mit Reiter zum Beispiel oder einige Sex-Plastinate hätten schon einige Jahre früher kommen sollen.

Auch für den Provokateur Gunther von Hagens existieren selbst gezogene Grenzlinien. Können Sie beschreiben, wo die ethische No-go-Area für Sie beginnt? Beim Golfschläger aus menschlichen Knochen?
Genauso ist es. Die Grenze beginnt dort, wo entmenschlichte Präparate hergestellt oder präsentiert werden. Keinesfalls sehe ich aber in der ästhetisch-instruktiven Pose eine Grenzüberschreitung.

Sie haben in der DDR wegen versuchter „Republikflucht“ im Gefängnis gesessen, bis sie im Rahmen des Häftlingsfreikaufs in den Westen kamen. Wie sehr hat Sie das totalitäre SED-System trotz aller Ablehnung geprägt?
Das autoritäre System der DDR hat mich gelehrt, dass insbesondere politischen Autoritäten nicht zu glauben ist. Ich habe dadurch gelernt, dass ich auch nicht so ohne Weiteres dem Wort fachlicher Autoritäten blind zu trauen habe, sondern meine eigene Urteilskraft zur Richtschnur meines Handelns zu machen habe. Dieses Prinzip habe ich, um erfolgreich zu sein, auch später hier im Westen mit der gleichen Intensität verfolgt.

Hat die Mangelsituation in der DDR damals notgedrungen Ihr Talent zum Tüfteln mit simplen Mitteln beflügelt?
Ganz sicher, ja.

Sich Mao statt als Mumie im Mausoleum als Präparations-Objekt vorzustellen – ich erinnere mich an solch subversive Gedankenspiele auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.
Mao als Plastinat, das wäre eine echte anatomische Kulturrevolution. Allerdings wären dann Maos Einbalsamierer arbeitslos. Die Plastination sozusagen als Job-Killer.

Interview: Harald Biskup

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