Was wollen wir trinken? Derzeit geht es auch um die Frage: Was wollen wir hören?
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Das Donaulied

Debatte über das Donaulied: Sexismus im Bierzelt

  • vonAndreas Sieler
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Oder doch bloß ein Gaudi-Hit? In der Debatte über die Verbannung des Donauliedes geht es nicht nur um Sexismus, sondern auch um einen bewussten Umgang mit Tradition.

  • Um das Donaulied ist ein Debatte entbrannt
  • Es geht um zahlreiche vulgäre und frauenverachtende Passagen in einer Version des Stücks
  • Im Netz hat sich eine „Aktion gegen Bierzelt-Sexismus“ gebildet

„Einst ging ich am Ufer der Donau entlang …“ – so harmlos beginnt die erste Zeile des Donauliedes. Seit vielen Jahren wird es in Festzelten gesungen, der Sänger Mickie Krause feiert Erfolge mit einer Schlagerversion - und in den vergangenen Wochen ist eine Debatte darüber entbrannt. Den Anstoß dazu hat eine Gruppe von mittlerweile rund 60 Studierenden aus dem bayerischen Passau geliefert, die „Aktion gegen Bierzelt-Sexismus“ (AgBS). Im Namen der Studentin Corinna Schütz läuft eine auf Passau begrenzte Online-Petition gegen das Lied, die bundesweit viele Unterstützer gefunden hat, aber auch Gegenwind bekommt.

Welche Fassung des Donauliedes ist eigentlich gemeint?

Dabei ist die Debatte nicht ganz frei von Missverständnissen, etwa, welche Fassung des Donauliedes überhaupt gemeint ist. Daher an dieser Stelle eine Einordnung: Das Lied gibt es in vielen unterschiedlichen Fassungen, die Petition richtet sich gegen eine Version, in der eine an der Donau schlafende Frau vergewaltigt wird. Der Kulturwissenschaftler Michael Fischer, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität, in dem 2014 das „Deutsche Volksliedarchiv“ aufging, hat sich auf die Suche nach dem Ursprung des Liedes begeben. „Die ältesten Quellen sind 200 Jahre alt, allerdings hatte das Lied damals noch einen ganz anderen Text. Es geht aber immer um das gleiche Motiv – die schlafende Frau an der Donau und den Beischlaf“, sagt Fischer der FR.

„Ursprünglich handelt es sich um ein erotisches Lied im Stil des frühen 19. Jahrhunderts“, erklärt er. „Da kommt noch ein anderes wichtiges, damals humoristisch gemeintes Motiv vor: ein hüpfender Floh! Der Floh ,sticht‘ die Frau, was metaphorisch für den Geschlechtsakt steht. Am Ende findet aber das Paar zueinander und heiratet.“ Die Version mit der Vergewaltigung („Ich machte mich über die Schlafende her“) finde sich historisch gesehen hingegen in den wenigsten Fassungen. „Ich habe die Vermutung, dass die von der Petition gemeinte brutale und obszöne Fassung relativ neu ist und möglicherweise erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.“

Das Donaulied: Die Frau als sexualisiertes Objekt

Die in der Petition verlinkte Fassung, gegen die sich die AgBS richtet, enthält auch in den Strophen nach der Vergewaltigung zahlreiche vulgäre und frauenverachtende Passagen. Die Petition richtet sich nicht gegen die älteren und neueren Fassungen, wobei auch diese nicht ohne sind – etwa die von Mickie Krause: „Die Krause-Version ist unserer Meinung nach sexistisch. Sie ist aber nicht gewaltverherrlichend“, sagt Tobias Hansen, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit bei der AgBS. Zwar hätten die Schreiber die kritischen Verse umgeschrieben, problematisch bleibe aber der Blick des lyrischen Ichs auf das Mädchen und die Frau als sexualisiertes Objekt. „Die Art und Weise, wie die Rollen aufgeteilt sind, das ist für mich der Inbegriff von Sexismus“, sagt Hansen. Das sieht auch Fischer so: „Diese Version ist natürlich trotzdem sexistisch, man kann dem Sänger aber nicht vorwerfen, dass er eine Vergewaltigung besingt.“

Sollte Fischer mit seiner Vermutung, dass die derbe Fassung erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand, richtig liegen, wäre allerdings ein Argument der Donaulied-Befürworter – das in den Kommentarspalten im Netz immer wieder auftaucht – entkräftet: die Tradition. „Es ist nicht die Originalversion“, argumentiert Judith Kolb, zuständig für Social Media und Pressearbeit bei der AgBS. „Das hat mit der klassischen Tradition, wie sie etwa das Dirndl und die Lederhose haben, nichts zu tun. Wenn jemand das traditionsreiche Lied spielen möchte, dann können wir gerne den Text raussuchen.“, so die Studentin.

„Tradition ist kein Wert an sich“, sagt Kulturwissenschaftler Fischer. „Die Frage, ob das Lied lange Zeit gesungen wurde oder nicht, ist eigentlich unerheblich. Die Frage lautet: Wollen wir als Gesellschaft heute solche Lieder hören und singen?“ Er beantwortet sie mit Nein. „Die Grenze des Erträglichen wird ohnehin überschritten, wenn es direkt um Gewalt, Vergewaltigung, Unterdrückung und Demütigung geht. Da sind unsere gesellschaftlichen Werte und Normen berührt und darüber müssen wir diskutieren.“

Es geht um eine Debatte, nicht um ein Verbot

Und genau darum geht es auch den Initiatorinnen und Initiatoren. Um eine gesellschaftliche Debatte und explizit nicht – ein weiteres in den Kommentarspalten zu findendes Missverständnis – um ein Verbot. Die Forderung in der Petition lautet: kein Donaulied mehr in Passauer Bierzelten und Kneipen. „Das ist ein Ausdruck unseres Wunsches – unsere Haltung“, sagt Hansen. „Unser Ziel ist es, dass die Gesellschaft von sich aus anfängt, darüber nachzudenken“, so Schütz.

Die Diskussion hat längst eine politische Ebene erreicht: Landtags- und Bundestagsabgeordnete verschiedener Parteien unterstützen die Petition, der stellvertretende Landrat von Passau, Hans Koller (CSU), sprang einem Passauer Wirt zur Seite, der sich über die Studierenden echauffierte. Der Passauer Bürgermeister Jürgen Dupper (SPD) wird in Medien zitiert, dass er gemeinsam mit den Wirten eine Lösung finden möchte.

Der Kulturwissenschaftler Michael Fischer im Interview:  „Die Frage lautet: Wollen wir als Gesellschaft heute solche Lieder hören?“

Und mit der nun entstandenen Debatte zeigen sich die Studierenden zufrieden, da sie überwiegend als Sachdebatte geführt werde. „Ich freue mich, weil wir erreicht haben, dass sich eine bedeutende Anzahl an Menschen, auch wenn viele dagegen schreien, sich inhaltlich mit Sexismus im Bierzelt und in Volksliedern auseinandersetzen“, sagt Hansen. Offensichtlich habe man etwas angestoßen, was für viele bereits Konsens gewesen sei.

Shitstorm im Netz

Der Gegenwind, den vor allem Corinna Schütz erreicht – etwa Beleidigungen im Netz und auch ein anonymer Anruf – war erwartbar. „Ich bin in der luxuriösen Position, dass mir selbst nie etwas Schlimmes passiert ist, daher kann ich den Shitstorm auch aushalten. Ich will mir nicht vorstellen, wie das wäre, wenn ich selbst etwas Schlimmes erlebt hätte. Es gibt Menschen, die das Problem leugnen: dass Vergewaltigungen nicht vorkämen oder nichts Schlimmes seien.“

Corinna Schütz im Gespräch mit der FR:  „Wir wollen das Donaulied nicht verbieten“*

Weniger erwartbar war der Erfolg der Petition, die noch in den kommenden acht Wochen unterzeichnet werden kann. Mit rund 34 000 Unterzeichnern ist das Quorum weit überschritten. Dennoch hofft die AgBS auf weitere Unterschriften, um ihr Anliegen, das Lied aus den Festzelten zu verbannen, mit der Legitimation möglichst vieler Unterstützer an den Passauer Bürgermeister Jürgen Dupper heranzutragen. Zudem möchte sich die AgBS an weitere Veranstaltungen in Bayern und Süddeutschland richten – aber eher nicht mit Petitionen, sagt Hansen. „Wir wissen, dass es nicht nur in Bayern kontrovers diskutiert wird. Wir wollen darüber hinaus ganz allgemein gegen Bierzelt-Sexismus anarbeiten.“

Das Donaulied: Weitere Petitionen in Bayern

Die Argumente der Befürworter des Donauliedes sieht Michael Fischer in deren Furcht vor einer kulturellen Enteignung begründet. „Die Menschen, die das Lied verteidigen – so nehme ich das wahr –, fürchten wohl diesen kulturellen Verlust. ,Die Gebildeten nehmen uns unsere Traditionen und Kulturgüter weg und sagen uns immer, was wir alles nicht sagen und nicht denken dürfen.‘ Auch wenn ich diese Ansicht überhaupt nicht teile, muss man diese Empfindungen ernst nehmen und man darf nicht überheblich über diese Menschen hinweggehen.“ So müsse am Ende des Diskurses auch kein eindeutiges Ergebnis stehen, sagt Fischer. „Der jetzt stattfindende öffentliche Disput ist so gesehen eine gute Sache, weil anhand des Liedes zentrale gesellschaftliche Fragestellungen verhandelt werden.“

Der Kommentar: Da hört der Spaß auf*

Derweil machen auch andernorts Gegner des Donaulieds mobil: In Regensburg und Straubing wurden weitere Petitionen gestartet. Und in Passau haben vier junge Männer, darunter ein Musiker, der nach eigenen Angaben das Lied selbst häufiger auf Konzerten vorträgt, eine Gegenpetition ins Leben gerufen, die sich ebenfalls an die Stadt richtet und knapp 5000 Unterzeichner zählt. Die nächsten Runden des Disputs sind also eröffnet.

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