Erfolge gibt es, aber manchmal wird Gewerkschaftsarbeit auch zum „ressourcenfressenden Stellungskrieg“ – so wie im seit Jahren schwelenden Tarifkonflikt mit Amazon.
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Erfolge gibt es, aber manchmal wird Gewerkschaftsarbeit auch zum „ressourcenfressenden Stellungskrieg“ – so wie im seit Jahren schwelenden Tarifkonflikt mit Amazon.

Gewerkschaften

Die Dompteure des Kapitalismus

  • Dierk Hirschel
    vonDierk Hirschel
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In der Ära des Neoliberalismus haben die Gewerkschaften viel von ihrem Einfluss verloren. Auf den rasanten Wandel der Industriegesellschaft und der Arbeitswelt müssen sie mit neuen Ideen reagieren, wenn sie zu alter Stärke zurückfinden wollen. Ein Buchauszug

Einen Kapitalismus ohne Gewerkschaften wird es in demokratischen Gesellschaften nie geben. Die große gewerkschaftliche Leitidee, dass die Vielen gemeinsam mehr erreichen können als jeder für sich allein, ist zeitlos.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zähmten mächtige Gewerkschaften, die in wenigen Jahrzehnten ihre Mitgliedschaft um die Hälfte steigerten, den Kapitalismus. Sie ermöglichten den Arbeitnehmern den aufrechten Gang, bauten den Sozialstaat aus und demokratisierten in ersten Ansätzen die Wirtschaft. Die Löhne stiegen, die Arbeitszeiten schrumpften, die Renten schützten vor Armut und Wohnen war bezahlbar.

Die Dompteure des Kapitalismus scheinen jedoch ihr Handwerk verlernt zu haben. Die organisierte Arbeit kann einen sozial und ökologisch zerstörerischen Kapitalismus immer weniger bändigen. In den 1980er Jahren schwächten eine schrumpfende Industrie und Massenarbeitslosigkeit die Gewerkschaften. Gleichzeitig entfachten die wirtschaftlichen und politischen Eliten einen Klassenkampf von oben. Sie entfesselten die Kapitalmärkte, privatisierten öffentliche Güter, förderten Niedriglöhne und prekäre Beschäftigung, kürzten Sozialleistungen und pflegten den privaten Reichtum.

Die schwindende Macht der Zahl

Die Ohnmacht der organisierten Arbeit lässt sich in Zahlen fassen. Nach der Deutschen Einheit verloren die DGB-Gewerkschaften jedes zweite Mitglied. IG Metall, ver.di & Co organisieren heute weniger als sechs Millionen Arbeitnehmer. Das sind nur noch 15 Prozent der Beschäftigten.

Die gewerkschaftliche Mitgliederentwicklung hängt stark von der Arbeitsmarktentwicklung und der Fähigkeit ab, strukturwandelbedingte Verluste durch Neumitglieder in wachsenden Bereichen auszugleichen. Das haben die Gewerkschaften in den letzten drei Jahrzehnten nicht geschafft. Sie konnten der Verlagerung der Beschäftigung von der Industrie in den Dienstleistungssektor nicht organisierend folgen. In den boomenden Dienstleistungsbranchen – Pflege, Bildung, Gesundheitswesen, Wissensarbeit, Logistik – gab es zwar Organisationserfolge, die Mitgliederzuwächse hinkten aber dem starken Jobwachstum dieser Branchen hinterher.

In den neu entstehenden klein- und mittelständischen Betrieben des privaten Dienstleistungssektors ist es sehr schwer, sich gewerkschaftlich zu verankern. Ein Großteil der dortigen Arbeitsverhältnisse sind prekäre Jobs. Leiharbeiter, Minijobber, Teilzeitbeschäftigte und befristet Beschäftigte sind nur schwer organisierbar.

Folglich bilden die Gewerkschaften nicht mehr die moderne Arbeitswelt ab. IG Metall, ver.di, IG BCE & Co. stützen sich noch immer auf eine männliche Industriearbeiterschaft sowie auf die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und der ehemaligen Staatsbetriebe. Ihre Macht liegt in schrumpfenden Großbetrieben und Verwaltungen. Seit Jahrzehnten fehlen der Gewerkschaftsfamilie Frauen, Angestellte, Hochqualifizierte, junge Arbeitnehmer, prekär Beschäftigte und Migranten.

Nur noch jeder zehnte Betrieb hat einen Betriebsrat. Sie vertreten etwa 40 Prozent aller Beschäftigten. Anfang des Jahrtausends war es noch die Hälfte.

Doch damit nicht genug. Auch das gewerkschaftliche Kerngeschäft der Tarifpolitik geriet in schweres Fahrwasser. Seit drei Jahrzehnten erodiert das Tarifsystem aufgrund von Tarifflucht, Outsourcing, OT-Mitgliedschaften (also Mitgliedschaften im Arbeitgeberverband, aber ohne Tarifbindung, d. Red.) und Privatisierungen. Vor der Deutschen Einheit wurden noch mehr als acht von zehn westdeutschen Beschäftigten durch einen Tarifvertrag geschützt. Heute ist es nur noch jeder zweite.

Die schrumpfende Organisationsmacht begrenzte den politischen Einfluss der Gewerkschaften. Unter der Kohl-Regierung konnten IG Metall, ÖTV und HBV die Angriffe auf soziale Errungenschaften wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall noch abwehren. Nach der Jahrtausendwende verloren die Gewerkschaften die Auseinandersetzung um die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze. Der Ausbau des Niedriglohnsektors, mehr prekäre Jobs und der Rückbau des Sozialstaates beschränkten fortan ihre Macht. Erst in der Finanzmarktkrise und in der Corona-Pandemie kam es zu einem politischen Comeback der Gewerkschaften als Krisenmanager.

Fusionen und neue Strategien

Die Gewerkschaften nahmen ihre schwindende Organisationsmacht nicht schicksalhaft hin. Zunächst suchten sie ihr Heil in einer großen Fusionswelle. Zwischen 1990 und 2001 halbierte sich die Zahl der DGB-Gewerkschaften von 16 auf acht. In Zeiten wirtschaftlicher Umbrüche sollten die Zusammenschlüsse Mitglieder, Geld und Macht besser konzentrieren. Unterm Strich führte die Bündelung gewerkschaftlicher Ressourcen aber nicht zum Turnaround.

Deswegen reformierten die Gewerkschaften ihre Großorganisationen. Sie wollten einen kosteneffizienteren Apparat und eine stärkere Professionalisierung. Deswegen wurde das Dienstleistungsangebot – Rechtsschutz, Bildungsarbeit, Lohnsteuerberatung, etc. – verbessert. Die Gewerkschaft ver.di machte die Mitgliederentwicklung zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Aktivitäten. So trennte sie kollektive (Betriebs- und Tarifpolitik) und individuelle Gewerkschaftsarbeit (Rechtsberatung und individuelle Mitgliederbetreuung), um dadurch mehr Spielraum für die betriebliche und tarifpolitische Arbeit zu schaffen.

In den 2000er Jahren experimentierten IG Metall, ver.di & Co. mit neuen Strategien der gewerkschaftlichen Organisierung. Sie griffen dabei verstärkt auf Praktiken der angelsächsischen Gewerkschaften zurück. Das sogenannte Organizing setzt auf Mitgliedermobilisierung, verändert die Arbeit der Basisorganisationen, schafft neue partizipative Strukturen und organisiert am Konflikt.

Den Anfang machte ver.di mit einer Kampagne beim Lebensmitteldiscounter Lidl. Im Anschluss wurden Organisierungsstrategien im Bewachungsgewerbe, im öffentlichen Nahverkehr, bei den Bodenverkehrsdiensten, in der Logistik und in den Krankenhäusern erprobt. Die IG Metall konzentrierte sich zunächst auf die Windenergie und die Leiharbeit.

Die neuen Organisierungspraktiken führten zu unterschiedlichen Ergebnissen. In einigen Fällen konnten die Gewerkschaften die entsprechenden Betriebe und Branchen organisieren und tariffähig machen. In anderen Fällen verharren sie seit Jahren in einem ressourcenfressenden Stellungskrieg.

Später integrierten die Gewerkschaften das Organizing in ihre Regelarbeit. Die IG Metall startete 2015 eine Welle bezirklicher Erschließungsprojekte, die mit 170 Millionen Euro finanziert werden. Die regionalen Projekte sollen die betriebliche Durchsetzungsfähigkeit stärken und weiße Flecken erschließen. Ver.di beschäftigte und qualifizierte eine neue Generation von jungen Gewerkschaftssekretären, die nach den neuen Organisationsansätzen arbeitet. Die hochmotivierten Hauptamtlichen können aber die begrenzte finanzielle und personelle Ausstattung der Organisierungsprojekte nicht immer kompensieren.

Perspektiven der Erneuerung

Die Gewerkschaften stehen weiterhin vor der Herausforderung, dem Wandel der Wirtschaft und der Arbeitswelt organisierend zu folgen. Selbst im zweitlängsten Aufschwung der Republik (2010 bis 2019) konnte die Gewerkschaftsfamilie keine Trendwende erzwingen.

Das Gift der Ungleichheit. Verlag J.H.W. Dietz,

Ver.di, IG Metall, NGG & Co müssen ihre Ressourcen stärker auf zukunftsträchtige Branchen konzentrieren. Personal und Finanzmittel aus kriselnden Unternehmen und Branchen abzuziehen ist aber schwierig. Die Gewerkschaften wären keine Schutzmacht mehr, wenn sie diese häufig gewerkschaftlich gut organisierten Bereiche aufgeben würden. Deswegen bewegt sich der Tanker Gewerkschaft nur sehr langsam.

Doch die Uhr tickt. Der ökologische Umbau und der digitale Fortschritt können in der Automobilindustrie, im Banken- und Versicherungssektor, im Einzelhandel, in der öffentlichen Verwaltung und in der Logistik zu größeren Job- und Mitgliederverlusten führen. Umso dringender ist es, die wachsenden Branchen systematisch zu erschließen. Die Gewerkschaften sollten schon bald entsprechende strategische Entscheidungen treffen. Bei einem „Weiter so“ wird es zukünftig nur noch wenige Inseln gewerkschaftlicher Stabilität geben.

Organisierung weiterentwickeln

Die neuen Strategien gewerkschaftlicher Organisierung waren größtenteils erfolgreich. Die Gewerkschaften sollten sich, vor dem Hintergrund beschränkter Ressourcen, in ihrer Erschließungsarbeit auf die strategisch wichtigen Unternehmen der jeweiligen Branche konzentrieren. Die globalen Wertschöpfungsketten sind aufgrund von Just-in-Time-Beschaffung und -Produktion sehr verletzbar geworden. Häufig reicht ein Streik bei einem gewerkschaftlich gut organisierten kleinen Zulieferer oder Logistiker aus, um die gesamte Produktion lahmzulegen.

In den binnenmarktabhängigen Wirtschaftssektoren sollten Unternehmen erschlossen werden, die in der jeweiligen Branche die Standards setzen. So können Gewerkschaften mit minimalem Mitteleinsatz maximalen Druck entfalten.

Die Macht der Zahl, die Organisationsmacht, ist wichtig. Es wäre aber strategisch falsch, alles auf Mitgliederpolitik und -entwicklung zu setzen. Tarifverträge, das kollektive Arbeits- und Gesellschaftsrecht, Mitbestimmung, die allgemeine Arbeitsmarktlage sowie politische Allianzen und Diskursmacht beeinflussen in hohem Maße die gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit. Diese Ressourcen zum Aufbau gewerkschaftlicher Gegenmacht müssen ebenfalls genutzt werden.

Moderne Tarifpolitik

Die Tarifpolitik ist das gewerkschaftliche Kerngeschäft. Eine moderne Tarifpolitik greift veränderte Bedürfnisse, Lebenslagen und Erfahrungen der Beschäftigten auf. In den letzten Jahren machten die Gewerkschaften Qualifizierung, Altersvorsorge, den demografischen Wandel und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Gegenstand qualitativer Tarifpolitik.

Einige Gewerkschaften haben die Arbeitszeitfrage neu gestellt. Viele Beschäftigte wollen mehr Zeit für Pflege, Familie, Weiterbildung oder Erholung. Diese Wünsche wurden zuerst von der Eisenbahnergewerkschaft EVG und anschließend von IG Metall, IG BCE und ver.di in Form tarifvertraglicher Wahlmodelle aufgegriffen. Die Gewerkschaften verhandelten eine Wahloption zwischen mehr Geld und mehr Freizeit erfolgreich in ihre Tarifverträge hinein. Seitdem wird die kurze Vollzeit von den Beschäftigten verstärkt nachgefragt.

Des Weiteren beteiligten die Gewerkschaften ihre Mitglieder stärker an der Tarifpolitik. Die Mitglieder werden häufig im Vorfeld von Tarifrunden gefragt, was gefordert werden soll. In einigen Gewerkschaften werden die qualitativen Elemente der Tarifpolitik von einer breiten Mitgliederbasis entwickelt und gestaltet. Diese direkte Beteiligung der Mitglieder am gewerkschaftlichen Kerngeschäft sollte weiter ausgebaut werden.

Politisches Mandat erweitern

Die Gewerkschaften brauchen ein betriebliches und ein außerbetriebliches Standbein. Heute verbringen die Beschäftigten mehr Zeit als je zuvor außerhalb der Arbeitswelt. Bezahlbarer Wohnraum, armutsfeste Renten, kostenlose Gesundheitsversorgung und Klimaschutz sind gesellschaftliche Themen, welche die organisierte Arbeit zukünftig stärker bearbeiten sollte.

Das politische Engagement der Gewerkschaften steht in keinem Widerspruch zu ihrem Kerngeschäft der Tarif- und Betriebspolitik. Gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit hängt neben der Mitgliederzahl immer auch von der Arbeitsmarktregulierung, der sozialen Sicherheit und der Größe des öffentlichen Sektors ab. Ein funktionierender Sozialstaat stärkt gewerkschaftliche Verhandlungsmacht und umgekehrt. Tarifautonomie und ein starker Sozialstaat sind keine Gegensätze.

Die Gewerkschaften können politisch mehr durchsetzen, wenn sie sich mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen verbünden und Allianzen bilden. Deswegen sollten IG Metall, ver.di & Co. zukünftig noch enger mit Umwelt- und Sozialverbänden, sozialen Bewegungen sowie Kirchen zusammenarbeiten. Das gilt besonders für die Klimafrage und die sozialökologische Transformation. Eine engere Kooperation der gesellschaftlich fortschrittlichen Kräfte ist sogleich ein wirksames Mittel gegen rechts. Mehr soziale Sicherheit, weniger Abstiegsängste und mehr Kontrolle über das eigene Leben sind der beste Impfschutz gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Fazit

Die Gewerkschaften haben ihre Ohnmacht überwunden. Der Erneuerungskurs aus Organisationsreformen, neuen Organisierungsstrategien und beteiligungsorientierter Tarifpolitik wirkt. Der Mitgliederexodus konnte gestoppt werden. Nach der Finanzmarktkrise kehrten nur noch vier Prozent der Gewerkschaftsmitglieder ihren Organisationen den Rücken. In den 2000er Jahren verloren sie hingegen noch jedes fünfte Mitglied. Für eine Trendumkehr reichte es aber nicht aus. Dafür müssen die Dienstleistungsbranchen besser erschlossen, die Erschließungsarbeit muss weiterentwickelt und das politische Mandat ausgeweitet werden.

Der Aufbau gewerkschaftlicher Gegenmacht erfordert aber auch politische Organisationshilfen. Wir brauchen ein Regelwerk für sichere, gesunde und tariflich entlohnte Arbeit. Das umfasst Tarifverträge für alle, einen Mindestlohn von mindestens zwölf Euro, die Begrenzung unsicherer Beschäftigung, eine Aufwertung sozialer Berufe und die Abkehr von Hartz IV.

Dierk Hirschel ist Bereichsleiter Wirtschaftspolitik, Europa und Internationales bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Gemeinsam mit Hilde Mattheis bewarb er sich 2019 um das Amt des SPD-Vorsitzenden.

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