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Natürlich ist es gut, dass uns jederzeit alles zur Verfügung steht, sagt Florian David Fitz. Aber: "Die Gier, die Sehnsucht, das Unerfüllte bleibt Teil von uns."

Florian David Fitz

"Disziplin ist leider total unsexy"

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Aber wir brauchen sie, sagt Florian David Fitz, um in der virtuellen Welt und ihren ganz realen Verlockungen nicht unterzugehen. Ein Gespräch über Minimalismus als Mode und Demokratie als Konsumgut.

So läuft das bei den beiden: Hündchen Elmo flitzt vorneweg, Herrchen Florian auf dem Rad hinterher. So sieht man das Duo häufiger durchs Münchner Glockenbach-Viertel rauschen, wo das Startup-Klischee derart schwülstig durch die ins Herbstsonnenlicht getauchten Straßen weht, dass es auch die Kulisse eines Feelgoodmovie sein könnte. Was jetzt natürlich nicht heißen soll, Florian David Fitz mache nur Feelgoodfilme. Dass er mehr kann und auch mehr will, hat der 44-jährige Schauspieler mit Filmen wie „Die Vermessung der Welt“ und „Kästner und der kleine Dienstag“ bewiesen. Und auch an der Rolle des Drehbuchautors und Regisseurs hat Fitz Gefallen gefunden. Sein neuester Film, „100 Dinge“ heißt er und kommt am 6. Dezember in die Kinos, ist natürlich auch ein bisschen Feelgood-Komödie – und das nicht nur, weil sich darin Matthias Schweighöfer selbst ironisiert, während er das Klischee des total lockeren und doch ziemlich ehrgeizigen Start-Uppers verkörpert. Der Film arbeitet sich – und zwar ganz bewusst pünktlich zum Weihnachtsgeschäft, wie Fitz sagt – an einer ebenso lästigen wie wichtigen Frage ab: Haus, Auto, Smartphone, Geld – brauchen wir das alles wirklich?

Herr Fitz, Minimalismus ist doch auch nur ein Trend, auf den schon bald der nächste folgt. Oder nicht?
Klar, medial ist es auch nur eine Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Aber dahinter steckt ja auch was Tieferes: eine Sehnsucht nach Freiheit, Einfachheit, Luft, was auch immer.

Was war Ihr Impuls, sich mit dem Überfluss zu befassen? Waren es die in ihre Smartphones versunkenen Leute in der S-Bahn? Oder Ihr drittes Paar ungetragene Sneakers?
Das Thema Minimalismus geistert ja schon eine ganze Weile herum. Ich habe mich eben gefragt: Was ist, wenn man das radikal macht?

Ihre Filmfiguren Paul und Toni schließen eine Wette ab: Sie packen all ihre Sachen weg und jeder darf sich pro Tag nur eine Sache zurückholen. Und wer verliert, muss seine Anteile am gerade verkauften Start-up abtreten. Der Finne Petri Luukkainen hat diesen Radikalverzicht in seinem Film „My stuff“ ja schon 2013 durchgespielt.
Für mich war vor allem eins interessant daran: Sein Antrieb. Dass er gesagt hat, ich verstehe nicht, was mit mir los ist. Warum bin ich so traurig? Und dann hat er all seine Sachen weggepackt, was natürlich auch sehr unterhaltsam ist, weil der finnische Winter noch härter ist als der berliner. Erstaunlich fand ich, dass er ab der 25. Sache das Gefühl hatte, dass es ihm schon jetzt wieder alles zu viel wird. Ab da wird es spannend – davor ist es ja fast ein Abenteuerurlaub.

Aber dieses Nichtshaben-Wollen – wenn das alle machen würden, käme nicht nur unserer Wirtschaftssystem ins Wanken...
Wo wir schon bei einem der Probleme wären: Alle haben ein relativ klares Gefühl, dass wir den Planeten ruinieren, wenn wir ungebremst so weiter machen, aber wenn alle aufhören zu konsumieren, ist es ganz schnell vorbei mit dem Wohlstand. Heutzutage geht es den Menschen im Schnitt besser als in allen Jahrhunderten davor, dafür hat teilweise auch der Kapitalismus gesorgt.

Es gibt also keinen Grund, unzufrieden zu sein.
Nein. Und trotzdem wird was evident, ein eingebauter Widerspruch im Kapitalismus: Er verspricht Glück durch Wohlstand. Sobald aber die Leute wirklich glücklich und zufrieden wären, würden sie nichts Neues mehr konsumieren, also wäre der Kapitalismus futsch. Das ist aber nie passiert, weil die Leute nie endgültig zufrieden sind. Die Gier, die Sehnsucht, das Unerfüllte bleibt Teil von uns. Deshalb hat er auch die anderen Systeme wie den Sozialismus überlebt, die allein von einer größeren Idee leben und nicht von unseren Instinkten.

Was für sich betrachtet kein wirklich sexy Thema für einen Film ist …
Also versuchst du da eben, eine Geschichte zu erzählen, die emotional berührt und nebenbei diese Fragen stellt. Du versuchst, die Leute erst zum Lachen zu bringen – aber beim Rausgehen merken sie: Hm, da habe ich so noch gar nicht drüber nachgedacht. Mir ist jedenfalls in den zwei Jahren, die ich jetzt an diesem Film gearbeitet habe, immer klarer geworden, in was für einer krassen Zeit wir eigentlich leben.

Inwiefern krass?
Dass diese dritte industrielle Revolution, in der wir leben, eine komplette Veränderung unserer Lebenswirklichkeit mit sich bringt. Nicht nur die Welt, vor allem auch die Art, wie wir die Welt sehen, verändert sich massiv.... das ist total spannend, aber eben auch eine unglaubliche Herausforderung.

Haben Sie sich auch gefragt: Wo stehe ich? Bin ich Teil dieses Systems, das ich kritisiere? Haben Sie auch dieses „zu viel“?
Du guckst ständig nach solchen Sachen, während du schreibst. Na klar! Was meine Zeit angeht, bin ich totales Opfer. Was die Dinge und den Konsum angeht, bin ich etwas besser. Nun bin ich auch nicht mehr Mitte Dreißig, ich hab da schon Einiges für mich erkannt. Zumal ich ja in einer luxuriösen Situation bin. Da kann man leicht sagen: Ich brauch‘ weniger.

Wobei das ja zum nächsten Dilemma führt: Sich alles leisten zu können – im Grunde aber nur wenig zu brauchen ….
Das ist kein Dilemma, das ist eine Befreiung! Der Mensch denkt ja immer: Wenn ich erstmal dies oder das erreicht habe oder dies und das besitze, dann bin ich angekommen, dann ist alles gut. Aber wenn du irgendwann gecheckt hast, dass die Zufriedenheit kein Dauerzustand und schon gar nicht an irgendwelche Dinge gekoppelt ist, dann bist du dem Seelenfrieden auf jeden Fall ein gutes Stück näher gekommen.

Die Dinge sind letztlich nur ein Symbol?
Mein Eindruck ist, dass es doch vor allem um Entschleunigung geht. Unser Leben ist so komfortabel wie nie zuvor – wir haben aber gar keine Zeit, das zu genießen, weil alle immer irgendwohin rennen. Oder in Gedanken irgendwo anders sind. Bestes Beispiel: Email. Am Anfang haben wir gesagt, super, alles viel komfortabler. Ich muss nicht mehr zur Post rennen und alles geht total schnell. Es spart uns Zeit. Aber was ist mit der Zeit passiert, die wir gespart haben? In der Zeit kommen jetzt viel mehr Mails als vorher Briefe. Wir haben also keine Zeit geschenkt bekommen, sondern Beschleunigung. Aber es ist ja auch so schrecklich praktisch.

Also könnte man sagen: Das Gemeine an den Errungenschaften des digitalen Zeitalters ist, dass sie an sich nicht schlecht sind, aber zu einem Problem werden, sobald wir uns gehen lassen?
Das ist eben der Fluch der Freiheit: Wir müssen immer mehr selbst entscheiden. Keiner entscheidet für uns, wie wir unsere Zeit verbringen wollen. Aber wir werden sehr, sehr gut und immer subtiler verlockt, die Systeme, um an unsere Synapsen anzudocken, werden immer besser. Das heißt, wir müssen konstant im Training sein und uns fragen: Was möchte ich, was möchte ich nicht? Brauche ich das, brauche ich das nicht? Konstant! Und das ist natürlich wahnwitzig anstrengend!

Aber die neuen Technologien nehmen uns doch vieles ab, was wir gerne als lästig einstufen. Uns in einer unbekannten Stadt zu orientieren. Die Zeit im Zug irgendwie rumbringen...
Es ist beides. Ich bin froh, nicht mehr Warten zu müssen, ohne mich ablenken zu können. Aber die zunehmende Fragmentierung strengt mich auch sehr an. Wenn du ein Buch liest oder einen Film schaust, dann bleibst du bei einer Sache. Aber wenn du surfst, dann bist du ein Äffchen, das permanent auf den nächsten Knopf drückt, weil es instant belohnt wird. Und das macht überreizt und faul. So schreibt das auch Richard David Precht in seinem neuen Buch: Wir sind nervös und gleichzeitig faul.

Und der nächste Klick bewahrt uns davor, uns damit auseinandersetzen zu müssen.
Und deswegen müssen wir uns disziplinieren – aber Disziplin ist leider total unsexy!

Kommt auf das Umfeld an. Aber da Sie gerade von Fragmentierung und Überreizung sprechen: Müssten wir uns nicht eigentlich auch im Hinblick auf Kommunikation disziplinieren? Immerhin holen wir mit der Chat-Kommunikation genau das in unser Leben, was uns im direkten Kontakt mit anderen total überfordert: Gleichzeitig mit mehreren Menschen ein Gespräch zu führen.
Die Geschichte hat ja gezeigt, dass eine Bewegung immer eine Gegenbewegung erzeugt. Erst Glamrock, dann unplugged. Erst wird die Stadt gefeiert, dann wollen alle wieder raus aufs Land und selbst Gemüse anbauen. Der Mensch sucht immer die Balance – aber was die digitale Revolution gebracht hat, ist komplett neu für uns. Wir müssen erst noch lernen, damit umzugehen, wir müssen erst noch einen selbstbewussten und disziplinierten Umgang mit den neuen Medien entwickeln. Ich habe auch überhaupt gar keine Antworten auf all diese Probleme. Ich habe auch nie gesagt, dass ich welche habe. Ich kann nur sagen, wir müssen wach bleiben und uns immer wieder fragen: Wollen wir alles einfach nur konsumieren? Wollen wir, dass unser Leben ein Film ist? Und selbst wenn es ein schöner Film ist: Wollen wir uns den einfach nur anschauen wie ein Zuschauer?

Also?
Wach durch die Welt gehen.

Nun hat die smarte Welt immer was im Angebot, wie wir uns wegträumen können, anstatt uns mit uns selbst und unseren Gedanken zu beschäftigen...
Wir sind ja auch Instinktwesen. Ich finde, die Aufklärung greift auch ein bisschen zu kurz, wenn wir davon ausgehen, dass wir reine Vernunftwesen sind. Der Großteil von uns ist irrational, das ist einfach so. Aber der Verstand ist ein Muskel – und der muss trainiert werden, sonst ermüdet er. Es geht ja nicht darum, zu sagen: Um frei zu sein, musst du dein Leben von Grund auf ändern. Es geht doch eher ums Bewusstsein. So wie eine Diät dich ja nicht unbedingt schlanker macht, dich aber zumindest für eine kurze Zeit bewusster sein lässt. Und dann merkt man, wie man sich defragmentiert.

Aber der Sog der virtuellen Welt ist so stark – man kann sich ja kaum entziehen.
Klar. Es ist auch alles so kompliziert. Da freut man sich, wenn einem die Verantwortung abgenommen wird. Man wird halt durch und durch Konsument. Das macht auch was mit dem Politikverständnis.

Was haben denn jetzt Konsum und Zerstreuung mit Politik zu tun?
Auch im Politischen gibt es dieses Konsumverhalten: Die Leute fragen sich, was will ich denn und wen muss ich dafür wählen, damit der das dann für mich durchsetzt? Anstatt sich zu sagen: Moment mal, Demokratie ist ein hart erkämpftes System, in dem es nicht nur darum geht, dass ich alles bekomme, was ich möchte. Es geht da um ein allen Menschen würdiges Zusammenleben – und das ist mehr als nur abzugreifen, was ich brauche. Aber das erfordert, dass wir alle als selbstständige und auch kritische Geister präsent sind. Als solche bräuchte uns der Staat – aber das wird heutzutage so ein bisschen weggekuschelt.

Soziale Netzwerke und Messengerdienste reklamieren ja gerne für sich, demokratisch zu sein, da sich immer wieder kritische Bewegungen darüber formieren.
Das gab es ja auch sicher. Aber andererseits hat bald jeder ein auf ihn eingschossenes Informationssystem, seine eigene Echokammer, heißgelaufen und hysterisch. Alles wird kurzatmiger. Es wird verkürzt und zugespitzt – in den USA noch mehr als hier –, bis es nichts mehr mit der Realität zu tun hat.

Aber dennoch von vielen als Realität gesehen wird…
Eben, und plötzlich gibt es drei Realitäten, die nicht mehr zusammen zu kriegen sind. Und das hat Mark Zuckerberg sicher nicht auf dem Zettel gehabt, dass das, was diese Art der Kommunikation mit den Menschen macht, für eine Demokratie extrem schwierig ist. Demokratie ist an sich schon ein schwieriges System, das auch nicht alle Facetten des Menschlichen abzubilden vermag und dem Menschen sehr viel abverlangt. Aber ich glaube, selbst Zuckerberg ist davon überrollt worden, wie sehr das in die Psyche eingreift und das Verhalten der Menschen verändert. Leider ist Facebook too big to fail. Und da wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können, können wir uns nur an die Wand pinnen: Grow the fuck up! Werden wir endlich erwachsen!

Interview: Boris Halva

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