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Dänemark: Alles nur noch online, auch bei der Wahl

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Von: Thomas Borchert

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Pech, wer bei der Digitalisierung nicht mithalten kann – und das sind nicht eben wenige Menschen.
Pech, wer bei der Digitalisierung nicht mithalten kann – und das sind nicht eben wenige Menschen. © PantherMedia / foto-n-lia

Die Digitalisierung ist in Dänemark längst selbstverständlich, ja sogar verpflichtend. Briefe auf Papier schreibt niemand mehr, und ohne persönliche Online-ID geht beim Kontakt zu Behörden gar nichts.

Die Dänin Ellen feuert gerne Spott ab, wenn sie mich, ihren zugewanderten Ehemann, wieder mal unseren Briefkasten aufschließen sieht. Ich gucke jeden Tag erwartungsvoll hinein, obwohl „PostNord“ Briefe aus Papier schon lange nur noch einmal pro Woche bringt. Richtig gelesen: einmal die Woche. Natürlich ist der Blechbehälter mit unseren Namen immer leer. Niemand im durchdigitalisierten Dänemark bedient sich noch der altmodischen Mitteilungsform. Der Freundeskreis oder die Verwandtschaft nicht, die Unternehmen mit offenen Rechnungen auch nicht und erst recht nicht die Behörden.

Diese verweigern auch die Entgegennahme von Papierpost. Seit 2014 schon sind alle Menschen ab ihrem 15. Lebensjahr beim Kontakt zum Staat zwangsdigitalisiert. Wir müssen einen elektronischen Briefkasten namens „Eboks“ unterhalten, sind gesetzlich verpflichtet, ihn in kurzen Abständen zu checken und unsere Anliegen stets digital in die andere Richtung zu schicken.

Online geht ja alles so viel schneller und effektiver. Sollten Ellen und ich von unserer Ehe die Nase voll, aber sonst keine handfesten Meinungsverschiedenheiten haben, setzen wir uns einfach vor den Rechner. Wir loggen uns mit dem für alle obligatorischen „MitID“ („MeineID“) ein auf „borger.dk“, haben Zugriff auf unsere Konten, füllen das passende Online-Formular aus und überweisen 650 Kronen (87,40 Euro) Gebühr. Wenn das System das Formular nach dem Klick auf „Senden“ annimmt, sind wir rechtskräftig geschieden und bekommen automatisch eine digitale Quittung. Das war’s. Also hypothetisch.

Digitalisierung in Dänemark: Persönliche Kontakte sind nicht vorgesehen

Mein tatsächliches Einbürgerungsverfahren (für die doppelte Staatsbürgerschaft) hat zweieinhalb Jahre gedauert und lief auch komplett digital ab. Nach dem Einsenden des komplexen Online-Antragsformulars schlugen ausnahmslos automatisierte sowie unfreundliche Mail-Mitteilungen vom Ausländerministerium in meiner „Eboks“ auf. Es gibt keine Sachbearbeiter:innen mit Namen und schon gar kein Gesicht für uns. Persönliche Kontakte sind nicht mehr vorgesehen. Zur Not kann man eine Hotline anrufen, in der Regel besetzt mit studentischen Hilfskräften, die nicht das Geringste vom Einzelfall wissen.

Das reicht dicke, sagt der Staat, alle in unserem Land von überschaubarer Größe sind perfekt online verbunden. Die Infrastruktur mit schnellen Netzen ist einer der Hauptgründe dafür, dass Dänemark Jahr für Jahr an der Spitze der Digitalisierungs-Weltrangliste landet. Der zweite ist das für deutsche Begriffe fast unbegreifliche dänische Vertrauen darin, dass der Staat und andere Instanzen beim Zugriff auf persönliche Daten nur das Beste für alle wollen. Und der dritte die zupackende Entschlossenheit der öffentlichen Hand, erstens und zweitens maximal zu nutzen.

In der Corona-Zeit waren die Früchte dieser Konstellation mit einem schnellen, reibungslosen und flexiblen Impfmanagement zu erleben. Man zückte bei Bedarf immer nur die gelb-weiße Gesundheitskarte mit der zehnstelligen Personennummer, irgendjemand scannte den Barcode auf der gelben Karte, und danach ging alles wie von selbst. Der Staat hat in der Pandemie nicht zuletzt dank der Digitalisierung geliefert.

Digitales Dänemark: Ohne „MitID“ geht bei Behörden gar nichts mehr

Aber auch ohne Covid finde ich meine kompletten Gesundheitsdaten, von aktuellen Rezepten bis zu sämtlichen Diagnosen bei Praxis-Besuchen oder aus dem Krankenhaus der vergangenen zwei Jahrzehnte auf der Webseite „sundhed.dk“. Auf „borger.dk“ können wir zu jeder Tages- und Nachtzeit den Ersatzführerschein, einen Studienplatz oder Arbeitslosengeld beantragen. Wenn wir uns mittels MitID identifiziert haben.

Ohne MitID geht gar nichts. Auch die Banken, Versicherungen, Arbeitgeber mit ihren Gehaltsabrechnungen und zunehmend mehr Einrichtungen verlangen die neue „Zwei-Stufen-Authentifizierung“: Erst ruft man die jeweilige Internetseite auf und gibt ein erstes Passwort ein, um sich dann auf einem Smartphone oder Tablet über MitID-App mit einem zweiten Passwort den gewünschten Zugang zu verschaffen.

Trotz fortgeschrittenen Alters und Briefkasten-Nostalgie komme ich „IT-Affiner“ klar. Bei der ersten Anmeldung zu MitID allerdings kam ich ins Schwitzen und konnte kaum glauben, was Hygge-Dänemark hier verlangt: Wir alle ab 15 und auch die über Hundertjährigen müssen einen bestimmten, elend langen Barcode im Pass mit dem Smartphone oder Tablet abfotografieren und einscannen.

Digitales Deutschland

Im europäischen Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft steht Deutschland aktuell auf Platz 13 – unter 27 EU-Mitgliedstaaten. Das soll sich mit der kürzlich im Bundeskabinett verabschiedeten Digitalstrategie ändern.

Der zuständige Minister Volker Wissing (FDP) hat aus jedem Ressort „Leuchtturmprojekte“ einsammeln lassen, die noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden sollen. Eine der wichtigsten Aufgaben hat sich das Digitalministerium selbst vorgenommen: Bis 2025 soll immerhin die Hälfte der Haushalte und Unternehmen in Deutschland mit Glasfaseranschlüssen versorgt werden. Außerdem verspricht es bis 2026 „unterbrechungsfreie drahtlose Sprach- und Datendienste“ für alle Nutzer:innen – und zwar „flächendeckend“.

Das Bundesinnenministerin soll dafür sorgen, dass der Staat den Bürgerinnen und Bürgern sichere digitale Identitäten zur Verfügung stellt, damit sie viele Verwaltungsvorgänge online erledigen können.

Das „Open-Data-Konzept“ soll von allen Ministerien verfolgt werden. Die Behörden sollen Verwaltungs- und Forschungsdaten zur Verfügung stellen, damit sie von Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung selbst besser genutzt werden können. Davon könnten etwa Unternehmen profitieren, die Daten des Deutschen Wetterdienstes kommerziell verwenden, um die Landwirtschaft zu fördern. dpa

Klar, dass davor unendlich viele kapitulieren und sich hilfesuchend an den total überlaufenen „Bürgerservice“ wenden. Terminbestellung natürlich online. Will jemand auf analogem Kontakt mit den Behörden bestehen, ist ein Antrag auf Anerkennung als „IT-Invalide“ zu stellen. Als anerkennenswerte Gründe gelten etwa Demenz, Obdachlosigkeit, Sprachprobleme, „fehlende Kompetenz zur Bedienung eines Computers“. Die Befreiung vom digitalen Zwang im Behördenverkehr ändert nichts daran, dass etwa die Banken gnadenlos auf Online-Verkehr pochen.

Der bekannte Designer Per Arnoldi, im Berliner Reichstag zuständig für die aktuelle Farbgestaltung, hat seine Wut öffentlich gemacht. Der Kopenhagener Zeitung „Politiken“ berichtete der muntere 81-Jährige, dass er sich als „inkompetenter Idiot“ abgestempelt fühlt und der Umzug eines Enkels nach Kanada sein IT-Supergau ist. Denn nun fehlt ihm der Rettungsanker für den Online-Behördenkram: „Jetzt bin ich verloren.“ Arnoldi wirbt für eine „Volksbewegung gegen die Internet-Tyrannei“.

Weder bei der Einführung der Online-Pflicht gegenüber Behörden im Jahr 2014 noch während der seitdem rasanten Weiterentwicklung hat es nennenswerte politische oder ethische Debatten in Dänemark gegeben. Doch das ändert sich gerade. Einen stark beachteten Anstoß gab die Juristin Birgitte Arent Eiriksson vom Thinktank „Justitia“ mit ihrem Rapport „Rechtssicherheit für digital Benachteiligte“: 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung könnten die eigenen Rechte nicht ausreichend wahrnehmen und seien in ihrer Rechtssicherheit bedroht, weil für sie die komplexen Online-Anforderungen des Staates nicht erfüllbar sind.

Digitalisierung in Dänemark: Menschen werden sozial abgehängt

„Politiken“ hat in der Serie „Die digitale Unterklasse“ oft überraschende Beispiele für die Probleme der digital Abgehängten präsentiert, angefangen bei an Instagram und TikTok gewöhnte Teenager. Sie stehen ratlos vor den amtlichen Mitteilungen im Bürokraten-Slang aus ihrer Eboks. In allen Altersklassen finden sich erhebliche kognitive, psychische oder andere Barrieren, alles in allem nach den neuen Schätzungen bei rund einer Million von insgesamt 5,8 Millionen Menschen in Dänemark. Zu denen zählen auch diejenigen, für die der Kauf eines Laptops und dem zusätzlich unverzichtbaren Smartphone oder Tablet die Kasse schwer belastet.

Am härtesten trifft es alte Menschen, von denen meine mich bespöttelnde Frau Ellen aus ihrem Alltag in einer Krankenhaus-Geriatrie bei Kopenhagen erzählt: „Es ist immer dasselbe. Ohne Hilfe von Angehörigen sind sie im Digitalisierungsdschungel verloren.“ Für viele sei das demütigend. Wenig verheißungsvoll klingen da die Worte von Finanzminister Nicolaj Wammen bei der Veröffentlichung der neuesten Modernisierungspläne: „Dänemark ist ein digitaler Vorreiter. Wir müssen das Tempo noch erhöhen.“ Das werde die Qualität des öffentlichen Service weiter heben, Arbeitskraft freisetzen und „die grüne Umstellung beschleunigen“.

Katrin Lester vom Seniorenverband sieht andere Konsequenzen: „Beim Wettlauf um immer mehr Effektivität ist die Digitalisierung eine Wunderwaffe, mit der Staat, Gemeinden und andere Geld und Zeit sparen, indem sie Aufgaben auf Bürger abwälzen.“ Gerade führt die Gewerkschaft 3F einen Musterprozess für den 64-jährigen Arbeiter Alexander Bergström, dem umgerechnet 800 Euro Krankengeld verweigert wurden. Er hatte eine per Eboks übermittelte Meldefrist verpasst. Bergström ist am Computer komplett abhängig von Hilfe seiner Ehefrau, die zu diesem Zeitpunkt gerade verreist war.

Digitales Dänemark: Vor den Wahlen Besserung versprochen

Ich gehöre zur solide gesicherten Mittelklasse, die vom durchdigitalisierten Dänemark profitiert. Wir sind die Mehrheit, die die staatstragenden Parteien um keinen Preis verprellen wollen. Uns meint Finanzminister Wammen, wenn er sich sicher fühlt, dass „danskerne“, die Däninnen und Dänen, „weiterhin Vertrauen in die digitalisierte Gesellschaft haben“. Nun stehen in Dänemark Wahlen vor der Tür. Nach den stark beachteten sommerlichen Berichten über die digital Abgehängten sah sich der Sozialdemokrat dann doch genötigt, „bessere Hilfe“ zu versprechen.

Zeitgleich prangte auf der Titelseite von „Politiken“ ein Foto der 87-jährigen Schauspielerin Ghita Nørby vor ihrem Laptop samt Smartphone in der Hand. Die große alte Dame des dänischen Films, auf der Bühne weiter aktiv, fasst ihre persönlichen Erfahrungen mit Einlogprozeduren, Softwareupdates samt stundenlangen telefonischen Warteschlangen beim „Bürgerservice“ so zusammen: „Die Digitalisierung hat Dänemark unmenschlich gemacht.“ Recht hat sie. Aber ich war in der Corona-Zeit doch heilfroh, in einem durchdigitalisierten Land zu leben. (Thomas Borchert)

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