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Frauen für Frauen: Cinzia Turanti, Michela Ciculli und Egilda Orrico (v. links).
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Frauen für Frauen: Cinzia Turanti, Michela Ciculli und Egilda Orrico (v. links).

Gewalt gegen Frauen in Italien

Dieses Frauenhaus in Rom ist durchgehend geöffnet

  • VonMichaela Namuth
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Das Zentrum „Lucha Y Siesta“ in Rom wehrte knapp eine Räumung ab. Jetzt will das Kollektiv eine Vision für ein besseres Zusammenlebens in der Stadt entwerfen.

Steigt man aus der U-Bahnstation Lucio Sesto hinauf ans Licht, steht man auf der Via Tuscolana – eine der großen Wohn- und Einkaufsstraßen im Süden Roms – zwischen hupenden Autos, drängelnden Passantinnen, Straßenhändlern, Turnschuhgeschäften, Bars und Pizza-Sushi-Döner-Stuben. Über allem ragen die Fassaden vielstöckiger Wohnhäuser, die sich mit komplizierten Klingelanlagen und Videoüberwachung von der Straße abschirmen. Doch nur wenige hundert Meter weiter, in einer Seitenstraße, steht ein blätterumranktes Gartentor offen. Es ist der Eingang zum Frauenhaus Lucha Y Siesta. Unter einem Baum sitzen drei ältere Frauen an einem runden Tisch in der Herbstsonne. Sie diskutieren ein Schulprojekt. Zwei von ihnen sind Lehrerinnen aus dem Viertel, die öfter vorbeikommen. „Unser Tor steht immer offen“, erklärt Egilda Orrico, eine Aktivistin.

Sie und zwei andere Frauen tragen Stühle auf den Hof vor dem in römischem Rot gestrichenen Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert. Morgen ist große Vollversammlung, die erste in Zeiten der Pandemie. Es soll um die Zukunft des Projekts gehen. Das ist kein einfaches Thema. Denn Lucha Y Siesta ist zwar ein Frauenhaus, wo Frauen, die physischer und anderer Gewalt oder besonderen Notlagen ausgesetzt sind, Hilfe und einen Zufluchtsort bekommen.

Aber es ist noch viel mehr: ein Treffpunkt, ein kulturelles Zentrum, ein Netzwerk unabhängiger Frauengruppen, eine Schneiderei, ein Sommerkino und ein Ort, wo politisch diskutiert und über Entscheidungen demokratisch abgestimmt wird. Es war aber auch lange Zeit ein besetztes Haus – eben ein Ort, wo es lucha , auf Spanisch der Kampf, und siesta , die Erholung, gibt. Ein komplexes und einzigartiges Modell, das offensichtlich funktioniert. In dreizehn Jahren haben hier 2000 Frauen Hilfe bekommen.

Anfang des Jahres brach die Polizei im Lucha Y Siesta ein

Die Stadtverwaltung Roms hat dieses Engagement in den letzten Jahren allerdings nicht sonderlich gewürdigt. Unter der eben abgewählten Bürgermeisterin Virginia Raggi wurde Lucha Y Siesta die Räumung angedroht. Das kommunale Transportunternehmen Atac, Eigentümer des jahrelang leerstehenden Gebäudes, kündigte den Verkauf an. Im Februar 2020 wurden die Bewohnerinnen zwangsweise ausquartiert, weil der Strom abgestellt werden sollte. Nach Verhandlungen wurden von der Stadt Frauen aus anderen Einrichtungen im Haus untergebracht. Dennoch brach im Januar 2021 die Polizei ein und nahm die Personalien der Bewohnerinnen auf.

„Es gab keinen Dialog und auch keine Sensibilität für die Lage der Frauen, die hier untergebracht waren“, sagt Egilda. An ihrer Seite hatten sie und die anderen dreizehn Frauen des Kollektivs, das sich als transfeministisch bezeichnet, die Mitte-Links-Regierung der Region Lazio und auch die ehemalige Parlamentspräsidentin Laura Boldrini. Sie gründeten ein Komitee, das mithelfen sollte, die Summe für den Kauf der Immobilie aufzubringen. In Rom, aber auch in ganz Italien, mobilisierten sich Unterstützerinnen und Unterstützer. Künstlerinnen stellten Bilder, Zeichnungen und Comics für eine Versteigerung zur Verfügung. Aber es hätte trotzdem nicht gereicht. Am Ende ist die Region Lazio eingesprungen und hat im vergangenen September das Haus zur Nutzung für Lucha Y Siesta ersteigert. „Damit endet eine Zeit der Unsicherheit und es beginnt etwas Neues“, erklärt Egilda. Sie und die anderen haben sich entschieden, als gemeinnütziger Verein den Weg der Institutionalisierung anzutreten, den die Legalisierung der Wohnsituation mit sich bringt. Sie wappnen sich dafür mit einer Erklärung zur Selbstverwaltung, die gerade geschrieben wird.

„Wir gehören zum Viertel, aber das Viertel gehört auch zu uns“, sagt Michela Ciculli über das Kollektiv.

Auch auf kommunaler Ebene hat sich die Lage geändert. Der neugewählte Bürgermeister von Rom, Roberto Gualtieri von der Demokratischen Partei, wurde von unterschiedlichen Linksbündnissen unterstützt. Er hat die Hälfte seines Beirats, der kommunalen Ministerrunde sozusagen, mit Frauen besetzt. Und im Stadtrat sitzt jetzt eine Aktivistin von Lucia Y Siesta. Das sind neue Signale, aber es gibt auch jede Menge Probleme zu lösen.

Die Zahl der Frauenmorde in Italien steigt, 93 Prozent werden im familiären Umfeld begangen

In Rom wie in ganz Italien vermeldet die Polizei seit Jahren einen Anstieg der Femizide, der Frauenmorde. Mit 109 Opfern sind die Frauenmorde in Italien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um acht Prozent gestiegen, die Morde insgesamt um zwei Prozent. 93 Prozent der Frauenmorde wurden im familiären Umfeld begangen, in 63 Prozent der Fälle hat der Partner oder Ex-Partner getötet. Im Lockdown-Jahr 2020 sind die Anrufe beim Notruf für von Gewalt bedrohte Frauen im Vergleich zum Vorjahr landesweit um knapp 80 Prozent gestiegen. In der Hauptstadt drückt sich die höhere Gefahr häuslicher Gewalt auch in den Arbeitsmarktzahlen aus. Das Statistikinstitut ISTAT vermeldet, dass in den ersten neun Monaten 2020 die Zahl der beschäftigten Frauen, die im europäischen Vergleich sowieso niedrig ist, um 42 000 gesunken ist, die der Männer nur um 19 000. Diese Tendenz, die in ganz Italien und auch in Europa zu beobachten ist, bedeutet für die Soziologin Chiara Saraceno einen gravierenden Rückschritt, was häusliche Belastung und Konfliktpotentiale betrifft. „Wir werden um hundert Jahre zurückgeworfen“, sagt sie.

Zu Lucha Y Siesta kommen aber nicht nur Frauen aus Gewaltsituationen, sondern auch Obdachlose wie Lucica Irimie. Sie war als schlechtbezahlte und nicht versicherte Altenpflegerin in einem Privathaushalt auf die Straße gesetzt worden. Im Frauenhaus pflegte sie den Garten und die Beete und hinterließ den anderen eine Pflanzenklinik, bevor sie nach Rumänien zurückkehrte. Oft leben im Haus auch Frauen aus Afrika , die der sogenannten tratta, dem Menschenhandel der nigerianischen Mafia, entkommen sind. Über ihre aktuellen Gästinnen, wie sie sie nennen, geben die Aktivistinnen aber keine Auskunft. Da gelten hier die gleichen Regeln wie in anderen Frauenhäusern, auch wenn das Tor zum Hinein- und Hinausgehen offensteht.

Cinzia Turanti, die die Führung durch das Haus übernimmt und gerade die Tür zum kunterbunten Spielzimmer öffnet, verrät aber trotzdem ein Geheimnis: „Vor zwei Monaten hatten wir hier unsere erste Geburt.“ Die Kleine heißt Noura und hat eine zweijährige Schwester. Derzeit leben hier sechs Frauen, drei Teenager und vier Kinder. In Vor-Covid-Zeiten konnte Lucha Y Siesta 14 Frauen aufnehmen und ist damit die größte Einrichtung dieser Art in der Stadt. Denn in ganz Rom gibt es insgesamt nur 34 Wohnplätze in Frauenhäusern, nach den Regeln der Konvention von Istanbul zum Schutz der Frauen vor Gewalt sollten es 300 sein.

Die Verwurzelung des Frauenhauses im Viertel ist der wichtigste Schutz für die Frauen

Das Erdgeschoss des Hauses betritt man durch einen Empfangsraum mit orangefarbenen Wänden und einem grünen Sofa. Daneben befindet sich ein Aufenthaltsraum mit Tischen und ein leeres Zimmer. Hier können Konferenzen, Yoga-Stunden, Theaterproben und sonstige Treffen stattfinden. Es ist ein Raum für alle. Daneben liegt das Spielzimmer – für die Kinder im Haus und die, die auf Besuch kommen. Besonders stolz ist Cinzia auf die Bibliothek. „Wir bekommen wunderbare Bücher geschenkt“, sagt sie. In den Regalen stehen Romane, Gedichtbände, Geschichts- und Kunstbücher, Sprachführer und Ratgeber – alle säuberlich geordnet und etikettiert. Und über allem eine Wandmalerei mit dem Satz von Virginia Woolf: „Es gibt kein Tor, kein Schloss, keinen Riegel, die ihr vor die Freiheit meines Geistes setzen könnt.“

Kunst, Theater, Bibliothek: Das Haus soll mehr als „nur“ ein Schlafplatz sein.

Auf jedem der beiden Stockwerke gibt es eine Küche und jede Familie oder Wohngruppe verfügt über ein eigenes Bad. „Wir haben hier alles selbst renoviert“, erzählt Cinzia. Die Bewohnerinnen leben im ersten Stock und versorgen sich selbst. Aber sie erhalten jede notwendige psychologische und juristische Betreuung. Ihr Aufenthalt ist nicht, wie in anderen Einrichtungen, auf sechs Monate begrenzt. „Sie können bleiben, bis sie soweit sind, dass sie gehen können“, sagt Cinzia. Dieser Prozess kann unter Umständen auch drei Jahre dauern.

Auch während des Lockdowns und der drohenden Räumung blieb die Beratungsstelle geöffnet, zumindest telefonisch. Sie wird nur von Frauen besetzt, die über eine entsprechende Ausbildung oder langjährige Erfahrung verfügen. In der Extremphase der Pandemie suchten viele Leute aus dem Viertel auch einfach jemand zum Reden. „In dieser Zeit mussten wir das Tor wegen der Covid-Regelungen schließen, aber viele klingelten trotzdem“, erzählt Michela Ciculli. Sie gehört zum Kollektiv, wurde jetzt aber auch in den neuen Gemeinderat der Stadt Rom gewählt. Die Verwurzelung des Frauenhauses im Viertel ist für sie der wichtigste Schutz für die Frauen, die hier leben. „Wir gehören zum Viertel, aber das Viertel gehört auch zu uns“, sagt sie. Sie erzählt von einer Nachbarin, die fast täglich zu Besuch kommt und einem Mann aus der Straße, der Gedichte über Lucha Y Siesta schreibt. Und die Leute von der Bar gegenüber bringen öfter mal Cornetti vorbei.

In ganz Rom gibt es nur 34 Frauenhaus-Plätze, laut Istanbul-Konvention sollten es 300 sein

„Wir wollen keine abgeschottete Realität, sondern Zentrum eines Demokratisierungsprozesses sein“, erklärt Michela. Damit unterscheidet sich das Projekt von klassischen Frauenhäusern, die ihre Bewohnerinnen durch Geheimhaltung der Adresse schützen. Es soll ein Frauenhaus, aber auch ein Laboratorium sein, in dem die Idee von Gemeingut der Privatisierung öffentlichen Eigentums gegenübersteht und wo Selbsthilfe mehr gilt als Sozialhilfe. Deshalb kann Lucha Y Siesta auch nicht auf einen Ort beschränkt bleiben.

Die Frauen sind international vernetzt, vor allem mit der spanischen Bewegung Marea Violeta, die gegen das geplante Anti-Abtreibungsgesetz der ehemaligen Regierung des Konservativen Rajoy mobilisiert hatte. Lucha Y Siesta stand aber auch Modell für ein Projekt in Senegal: das Frauen- und Kinderhaus Keur Maritou in Pikine, einer Gemeinde am Stadtrand von Dakar. Doch durch die Pandemie sind direkte Kontakte schwieriger geworden, wie überall.

In Rom geht es inzwischen weiter. In einem anderen Stadtviertel gibt es bereits eine weitere Wohnung für Frauen, die zu dem Projekt gehört. Lucha Y Siesta hat auch eine neue, externe Beratungsstelle eröffnet. Und Michela Ciculli, die frischgebackene Stadträtin, möchte ihr Mandat gut nutzen. In den kommenden Monaten will sie sich darum kümmern, dass sich Frauen und Gruppen in den verschiedenen Stadtvierteln treffen können, um zu berichten, woran es dort fehlt und wie sie selbst die Lage einschätzen. „Es wäre ein erster Schritt“, sagt sie, „und vielleicht gibt es nach langer Zeit wieder einen Dialog zwischen den Frauen und der Stadt.“

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