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Julia Jentsch.

Julia Jentsch

„Dieser Widerspruch ist sehr schön menschlich“

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Die Schauspielerin Julia Jentsch zu der Wiederbegegnung mit Fontane, ihrer Rolle als Effi Briest und warum es gut ist, dass Effi weiterlebt.

Julia Jentsch wird 1978 in Berlin geboren, wo sie auch aufwächst. Nach dem Abitur absolviert sie eine Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Neben zahlreichen Erfolgen auf Theaterbühnen gelingt Jentsch schließlich der Durchbruch auf der Kinoleinwand, Hauptrollen spielt sie unter anderem in „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004), „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005), „Effi Briest“ und „Tannöd“ (beide 2009). Zu ihren Auszeichnungen zählen unter anderem der Deutsche Filmpreis, der Silberne Bär und der Deutsche Fernsehpreis. Hinzu kommt eine Oscar-Nominerung für ihre Rolle als Sophie Scholl.

Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Schweizer Künstler Christian Hablützel, sowie ihrer gemeinsamen Tochter lebt Jentsch in der Nähe von Zürich.

Frau Jentsch, was hat Sie gereizt, Effi Briest zu spielen?
Julia Jentsch: Ich war überrascht, als mir Effi wieder begegnete, schon in der Schulzeit hat mich ihre Geschichte sehr fasziniert. Dass sie dann plötzlich wieder auftauchte war eine große Freude.

Das Rollenangebot kam also genau richtig.
Tatsächlich haben mich damals zwei Produzenten zeitgleich angesprochen, weil sie den Stoff verfilmen wollten – obwohl 2008 kein spezielles Fontane-Jahr war. Vielleicht sind sie wegen meiner Rolle als Sophie Scholl davon ausgegangen, dass ich an einer historischen Figur interessiert bin. Oder auch weil ich ihrem Bild von Effi Briest irgendwie entsprach.

Sie sagten, dass Fontane Ihnen bereits in der Schule gefallen hat. Tatsächlich?
(Lacht) Nein, ich habe ihn wirklich gemocht. Ich hab mich sofort daran erinnert, dass ich seine Sprache toll fand, dass mich dieser Roman vom ersten Moment an gefesselt und in eine eigene, andere Welt hineingezogen hat. Am Anfang die Beschreibung des Herrenhauses von Hohen-Cremmen und dieses ungestüme junge Mädchen – ja, das hat mich begeistert, da wollte ich sofort weiterlesen.

Mich hat das Schicksal von Effi Briest als Jugendliche so empört, dass ich viele Jahre brauchte, um Fontane wiederzuentdecken.
Dieses Gefühl kann ich gut nachvollziehen, so darf eine Frauengeschichte eigentlich nicht enden. Mir hat geholfen, dass mich die Person so sehr entzückt hat. Effi war extrem fantasievoll, war wild und frei. Ihr schienen alle Möglichkeiten offen. Sie wollte ja auch, wie Fontane schreibt, „gleich um gleich“ in eine Beziehung gehen. Das fand ich modern und zeitgemäß. Dass dann am Ende ihre Kräfte schwinden, hat mich zwar sehr mitgenommen, aber nicht zu Wut gegen Fontane angestachelt. Ich war eher beeindruckt: Wow, wie sich dieser Schriftsteller so in eine Frau einfühlen kann …

… dennoch war Fontane ja keineswegs ein Verfechter von Frauenrechten. Die erste Emanzipationsbewegung kämpfte seinerzeit bereits seit Jahrzehnten – aber weder der Schriftsteller noch seine Frau konnten sich dafür erwärmen.
Vielleicht war er tatsächlich noch nicht so weit. Aber er war immerhin offen und hatte ein starkes Interesse an Menschen, für ihre Vielschichtigkeit, bei Männern und Frauen gleichermaßen. Das transportieren seine Geschichten für mich, das ist spürbar. Und seine männlichen Figuren sind ja auch keine eindeutigen …

… Sympathieträger?
Genau, keine Helden oder unfehlbaren Persönlichkeiten. Diese komplexe Aufmerksamkeit für beide Geschlechter hat durchaus etwas gleichberechtigtes.

Als Journalist hat Fontane gelernt, sich die gesellschaftlichen Verhältnisse genau anzuschauen und dadurch wohl festgestellt, dass sich das Bewusstsein von Frauen ändert. Als Schriftsteller hat er diesen Impuls aufgenommen und als Stoff verwertet – ohne dass er den weiblichen Freiheitsdrang damit auch guthieß.
Dennoch gibt er ihm ja eine Stimme. Zum Beispiel indem er Effi Briest aussprechen lässt, dass Gleichberechtigung die Voraussetzung für eine glückliche Beziehung ist.

Als Sie überlegten, wie Sie die Figur der Effi für das heutige Publikum anlegen sollten – welche Seiten an ihr waren Ihnen besonders wichtig?
Eckpunkte waren für mich das Lebensbejahende, das Frohe und Offene im Geist. Das hoffte ich darstellen zu können. Auch das Mutige an ihr, selbst als sie erkennt, dass sie nicht so frei ist, wie sie gehofft hat. Und dann trotzdem ihren Weg geht.

Aber ist sie als 17-Jährige nicht auch ein verwöhntes, kleines Mädchen? Sinngemäß sagt sie an einer Stelle: Liebe sei zwar wichtig, aber Adel und gesellschaftliche Stellung täten es ebenso.
Diese Seite hat sie eben auch, das Bedürfnis nach gesellschaftlichem Komfort und Ansehen, die Freude an schönen Kleidern und einem prunkvollen Leben. Das ist vielleicht ein Widerspruch zu ihrem Drang nach Unabhängigkeit, aber dieser Widerspruch ist sehr schön menschlich.

Und einigermaßen realistisch. Wie viele Mädchen auch heute noch Prinzessinnenträume haben, wollen wir gar nicht wissen.
Genau. Und darin steckt immer Konfliktpotential.

In den Kritiken wurde Ihre Darstellung der Effi durchgängig gelobt. Die Regisseurin Hermine Huntgeburth dagegen ist mit ihrer modernen Interpretation des Stoffes nicht bei allen gut angekommen. Zumal weil sie Effi am Ende nicht sterben lässt, wie es der Roman vorsieht.
Als ich das Drehbuch las, hat mich der veränderte Schluss zunächst völlig überrumpelt und dann gespalten zurückgelassen. Einerseits dachte ich: Toll, dass Effi weiterlebt, das haben wir uns doch immer gewünscht. Anderseits fragte ich mich, ob man der Sache dadurch nicht die Tragweite nimmt. Aber dann hat mir die Regisseurin von der realen Geschichte erzählt, die Fontane als Grundlage für seinen Roman gedient hat. Und im wahren Leben ist die verstoßene Frau, das Vorbild für die Figur der Effi, sehr alt geworden. Ich war überzeugt, dass das dramatische Ende, wie es Fontane geschrieben hat, der damaligen Zeit geschuldet ist.

Denn die gefallene Frau muss geopfert werden …
Genau. Ich musste da auch eine Entwicklung durchmachen, aber dann konnte ich mich für das Filmende wirklich begeistern.

Fontanes "Effi Briest"

Sie ist 17, er 38. Trotzdem stimmt Effi, beeinflusst von ihrer Mutter, der Heirat mit Baron von Innstetten zu. Das Paar zieht nach Hinterpommern in das Haus des Barons. Effi langweilt sich, auch weil Innstetten sich mehr für seine Dienstreisen als für seine Frau interessiert. Dann taucht Major von Crampas, der mit Effis Mann beim Militär gedient hat, auf und nach einigen Annäherungsversuchen seinerseits beginnen die beiden eine Affäre. Effi leidet sehr unter ihrem Geheimnis. Als ihr Mann ihr einige Wochen später eröffnet, dass sie nach Berlin ziehen werden, ist sie erleichtert und bricht den Kontakt mit Crampas ab. Jahre später – Effi ist zur Kur in Bad Ems – findet Innstetten zufällig die Briefe, die Crampas Effi während ihrer Liaison geschrieben hat. Er fordert ihn zu einem Duell heraus, bei dem Crampas tödlich getroffen wird, und lässt sich von seiner Frau scheiden. Als sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert, zieht sie zurück zu ihren Eltern. Dort stirbt sie mit etwa 30 Jahren – nachdem sie Innstetten verziehen und so ihren Frieden gefunden hat. (thh)

Bei Fontane entfaltet sich die Tragik am Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Konvention und Selbstbestimmung. Wird dem durch Effis Überleben nicht die Kraft genommen?
Finde ich nicht. Diese Frau hat ja so viel durchmachen müssen, sie ist sozial geächtet, muss mit dem Verlust der Beziehung zu ihrem Mann, dem Kind, dem Elternhaus zurecht kommen. Das hat sie schon alles sehr viel gekostet.

Selbstbestimmung ist nicht umsonst zu haben?
Sicher nicht. Effi geht trotzdem weiter, aber dieser Weg ist nicht leicht.

Besonders harsch gingen Kritiker mit der feministischen Botschaft des Films um. „Alles was Fontane in der Schwebe lässt, landet hier auf dem tristen Boden des Geschlechterdiskurses“, hieß es in der Zeit.
Es ist immer schwierig, wenn es für eine Romanszene plötzlich Filmbilder gibt. Viele Menschen hängen sehr an den Vorstellungen, die sie beim Lesen hatten – auch Kritiker. Außerdem ist es auch immer Geschmackssache, ob mir eine Literaturverfilmung gefällt. Aber es gibt die Berechtigung, Effi Briest so zu erzählen wie Hermine Huntgeburth, weil diese Möglichkeiten im Roman angelegt sind.

Eine Filmszene ist auch mir unangenehm aufgefallen: Effis Hochzeitsnacht. Im Buch erfahren wir nicht, wie sie ablief. Im Film wird Effi von ihrem Ehemann brutal entjungfert.
Hier hat sich der Film von dem Roman gelöst, die Regisseurin wollte etwas allgemeineres über die damalige Zeit aufzeigen – nämlich wie es in den Hochzeitsnächten in der Regel zugegangen ist, dass es eben nicht um das Empfinden und den Genuss der Frau beim Liebesakt ging. Dafür wollte sie Bilder schaffen.

Aber Effis Mann ist doch von der Anlage her kein Vergewaltiger, er ist ein Karrierist, den Gefühle nur stören.
Ich werde mir den Film daraufhin nochmal anschauen, um zu sehen, wie es heute auf mich wirkt. Denn damals, als die Szene gedreht wurde, habe ich es nicht als Vergewaltigung empfunden, sondern als Unvermögen. Als Unfähigkeit dieses Mannes, mit der Situation umzugehen, was dann trotzdem zur Brutalität führt. Er ist gewalttätig. Aber eigentlich – das ist keine Entschuldigung, sondern eine Begründung – weil er unwissend und unfähig ist. Was wiederum als ein Zeichen der damaligen Zeit verstanden werden soll. Dass diese Szene aber etwas Schmerzhaftes hat, das ist gemeint und gewollt.

Wieviel Einfluss hatten Sie als Schauspielerin auf die Umsetzung des Stoffes?
Ich war damals jünger und eher am Anfang meines filmischen Arbeitens. Deshalb ging es mir weniger darum, das Grundgerüst des Drehbuchs zu kritisieren oder Sätze zu ändern, die ich nicht sagen konnte oder wollte. Ich war mehr damit beschäftigt, die Figur auszufüllen und sie zum Leben zu erwecken. Für mich war die Entscheidung gefallen, als ich die Rolle angenommen habe. Sonst hätte ich sagen müssen: Das ist nicht meine Effi, das mache ich nicht.

Effis Mutter, die zweite wichtige Frauenfigur in dem Drama, hat sich in ihrer Jugend gegen die Liebe, für Status und Geld entschieden. Jetzt drängt sie die Tochter, es ihr gleich zu tun. Effi soll aber auch die ungelebten mütterlichen Träume verwirklichen. Ein perfides Mutterbild, das Fontane da zeichnet.
Ich fand spannend, dass die Mutter durch ihr nicht gelebtes Leben die Last an die Tochter weitergibt. Darin steckt für mich eine Warnung: Was kann alles passieren, wenn ein Mensch die Erfüllung seiner Wünsche auf jemand anderen projiziert. Welcher Druck wird da ausgeübt? Welche Familienschicksale werden an die nächste Generation weitergegeben? Und wie wirkt sich das eine gelebte Leben auf das andere aus? Das hat Fontane genial beobachtet und es zeigt für mich auch, wie zeitlos der Stoff ist. Diese Geschichten sind aktuell, die gibt es heute noch genau so.

Apropos aktuell: Was könnte Ihre Tochter, wenn sie mal 17 ist, von Effi Briest lernen?
Ich verbinde mit Effi eine bestimmte Empfindung. Sie wirft ihr eigenes Licht auf die Welt und hat ihre Vorstellungen vom Leben, folgt ihren Gefühlen und Impulsen und spürt eigentlich immer ihre eigene Wahrheit. Klar kommt sie durch gesellschaftliche Zwänge an Grenzen, dennoch ahnt sie immer, was für sie das richtige ist. Es geht darum, sich unabhängig zu machen von dem, was andere sagen, wollen und erwarten. Schließlich gibt es auch heute genügend gesellschaftlichen Druck, dem Frauen sich beugen sollen. Sich selbst zu vertrauen und seine innere Stärke als Wegweiser zu nehmen, auch wenn man hier und da aneckt – das ist wichtig.

Interview: Bascha Mika

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