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Das Dakota Building.

Dakota Building

... in diesem ehrenwerten Haus

Das Dakota Building beschäftigt seit jeher die Fantasie der New Yorker – jetzt wird den Besitzern Rassismus vorgeworfen.

Von Sebastian Moll

Das Dakota Building ist eine Trutzburg. Finster und mächtig steht es vor einem, wenn man durch den Ausgang an der 72sten Straße aus dem Central Park kommt. Seine Zinnen ragen in den Himmel Manhattans wie die Wachtürme eines mittelalterlichen Stadtwalls. Am schmiedeeisernen Zaun schrecken die Köpfe von Seeungeheuern Passanten ab und vor dem Haupteingang flackern die Flammen zweier überdimensionaler Fackeln, wie vor einer prähistorischen Kultstätte.

Wer die beiden Portiers am Hauptportal darum bittet, einen Blick in den berühmten Innenhof werfen zu dürfen, wird freundlich aber bestimmt abgewiesen. Und eine Anfrage bei der Gebäudeverwaltung ergibt lediglich die Auskunft, dass es keine Besuche ohne persönliche Einladung gibt, insbesondere für Reporter. Das letzte Mal, dass eine Kamera hinter den Mauern des Dakota filmte, war beim Dreh von Roman Polanskis Horrorstreifen „Rosemaries Baby“. 1968 war das.

Lennons letzter Wohnsitz

Seither sind die Backsteinwände des berühmten Apartmenthauses undurchdringlich. Was im Dakota passiert, bleibt im Dakota – und was immer man sich draußen über das Leben im Dakota erzählt, gehört in das Reich der Legende.

Doch kürzlich brach einer der berühmtesten Wohnungsbesitzer die ungeschriebenen Diskretionsregeln des Hauses und breitete in allen New Yorker Gesellschaftskolumnen Interna über das Leben an der 72sten Straße aus. Und die New Yorker, deren kollektive Fantasie seit mehr als hundert Jahren vom Dakota beflügelt wird, sogen die Nachrichten auf wie trockene Schwämme.

In den Fluren des Dakota herrsche der blanke Rassismus, behauptete Alphonse Fletcher Jr., ein erfolgreicher afro-amerikanischer Financier mit gesellschaftlichen Ambitionen. Grund für seine Anschuldigungen: Ihm war verweigert worden, im Dakota die an seine Wohnung angrenzende Wohnung hinzu zu kaufen. Deshalb verklagte er die Eigentümerversammlung wegen angeblicher Diskriminierung.

Die Weigerung, ihm das 5,7 Millionen Dollar teure Apartment zu überlassen, sei nur ein weiteres Beispiel für die Voreingenommenheit der zumeist wohlhabenden und weißen Bewohner. Die Eigentümergemeinschaft wies die Vorwürfe zurück und versicherte, das Dakota sei mitnichten ein Hort rassistischer Ressentiments. Vielmehr habe man sich Sorgen um die Bonität von Herrn Fletcher gemacht, um dessen Investmentfirma es seit dem Börsencrash von 2008 nicht mehr zum Besten stehen soll.

Bei nüchterner Betrachtung ist die Angelegenheit ein alltäglicher Nachbarschaftszwist. Und in jedem anderen New Yorker Apartmenthaus wäre die Sache auch bestenfalls eine Meldung im kostenlosen Nachbarschaftsblatt gewesen. Doch das Dakota schlägt New York immer in seinen Bann. Die Mythen, die sich um den Bau und das Leben in seinen Mauern ranken, sind zahllos. Die erste Geschichte, die Rikscha-Fahrer im Central Park ihren Kunden erzählen, wenn sie an der 72sten Straße vorbei kommen und die Fassade des Hauses durch das Laub der Bäume lugt, ist die von John Lennon.

Nachdem sich die Beatles getrennt hatten, war der Musiker mit seiner Frau Yoko Ono in das Dakota gezogen und führte dort ein vergleichsweise zurückgezogenes Dasein. Am Tag seiner Ermordung hatte er in seiner Dakota-Wohnung von Annie Leibovitz das berühmte Foto aufnehmen lassen, auf dem er sich nackt, einem Embryo gleich, an seine bekleidete Frau schmiegt. Dann verließ er das Haus und verbrachte einige Stunden im Tonstudio. Als er bei seiner Rückkehr aus der Limousine stieg, wartete sein Mörder Mark David Chapman bereits auf ihn. Er tötete Lennon vor der Hofeinfahrt mit sieben Schüssen.

Der Mord löste weltweit Entsetzen aus. Die trauernden Fans verließen wochenlang die Hofeinfahrt des Dakota nicht, bis heute versammeln sie sich täglich in den Strawberry Fields, dem Lennon Monument gegenüber dem Dakota im Central Park. Das Attentat schien das Haus endgültig zum Spukschloss gemacht zu haben.

Die Aura des Unheimlichen haftete dem Gebäude seit dem Dreh von „Rosemaries Baby“ an. In Polanskis Horrorfilm sind die Bewohner des Dakota Angehörige einer Art satanischen Kults. Die alternden Nachbarn, die dem bröckelnden Glanz ihrer herunter gekommenen Heimat perfekt entsprechen, benutzen das frisch eingezogene junge Paar, um den Sohn des Antichristen zur Welt zu bringen. Rosemarie alias Mia Farrow gebiert ihnen ihren kleinen Teufel und fügt sich schließlich ihn ihr Schicksal. Das Dakota wird für sie zum Fegefeuer.

Das persönliche Schicksal von Polanski, dessen Frau Sharon Tate nur ein Jahr später in Los Angeles von der Charles Manson-Bande brutal ermordet wurde, trug zur Fluch-Mythologie des Hauses bei. Ebenso die Tatsache, dass Lennon die Worte Helter Skelter an die Wand seines Studios im Dakota geschrieben hatte – dieselben Worte, mit denen Manson seine apokalyptischen Visionen eines Rassenkriegs bezeichnete, an dessen Ende er als Herrscher der Welt stehen sollte.

Das Dakota war von Anfang an ein Mysterium. Als es 1882 gebaut wurde, pflegte die feine Gesellschaft noch nicht in Apartmenthäusern zu leben. Nur in Elendsquartieren hausten mehrere Familien unter einem Dach. Wer etwas auf sich hielt, hatte an der Upper East Side ein Townhouse.

„Verkommene Gesellschaft“

Das Konzept des Dakota, in dem 300 bürgerliche Familien komfortabel unter einem Dach leben konnten, war neu und rief beträchtliche moralische Bedenken hervor. Für die viktorianische New Yorker Gesellschaft war das nichts. Ein Apartmenthaus war bestenfalls etwas für Emporkömmlinge. „So leben sogenannte Damen in verkommenen alten Gesellschaften mit ihren unschicklichen Bekanntschaften“, spottete damals etwa die Schriftstellerin Edith Wharton. Die Wohnungen im Dakota wurden auch „French Flats“ genannte und man hatte mit dieser Bezeichnung nichts Gutes im Sinn.

Was im Dakota wirklich passierte war schon damals wesentlich weniger skandalös. Und das ist heute noch so: „Es ist ein angenehmes, ruhiges Leben“, erzählt ein Bewohner, der anonym bleiben möchte. Er ist ein erfolgreicher Kunstsammler, der seine 500 Quadratmeter Wohnung im Dakota vor 13 Jahren wegen der Dimensionen gekauft hat, die man in anderen Apartmenthäusern in New York nicht mehr findet. Von den Nachbarn höre und sehe er gewöhnlich wenig. Auch von einem Spuk oder einem Fluch habe er noch nichts gemerkt. Abgesehen vielleicht von den Neugierigen und den Touristen, die an manchen Tagen den Eingang blockieren und den Bürgersteig verstopfen.

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