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Massentourismus sieht anders aus: Sonnenbad am Strand von Can Pastilla in Palma de Mallorca. Clara Margais/dpa (3)

Mallorca

Die vereinsamte Insel

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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Seit die Bundesregierung eine Reisewarnung für das spanische Festland und die Balearen ausgegeben hat, sind auf Mallorca fast keine Deutschen mehr.

Wie ist die Stimmung? „Ganz schlecht. Aber ganz schlecht“, sagt Guido Kanzler. „Die Leute hier sind alle verärgert. Die sind bankrott, im Grunde genommen. Die Strände sind leer. Und man hört niemanden Deutsch reden.“ Dafür Spanisch oder Mallorquinisch. Mallorca gehört wieder den Einheimischen.

Es ist Freitagvormittag, 10 Uhr, Guido Kanzler aus dem schwäbischen Mengen hat gerade mit Frau und Tochter in der „Sonnenbäckerei“ gefrühstückt, gleich um die Ecke von der Playa de Palma. Ein deutsches Café mit deutschem Frühstück, deutschem Kuchen, aber kaum noch deutschen Gästen. Nur ein paar Residenten. Und Familie Kanzler. Die ist am Montag angereist, ein paar Tage nachdem die Bundesregierung eine Reisewarnung fürs spanische Festland und die Balearen aussprach. Davon haben sich die Kanzlers nicht schrecken lassen. „Bei wem soll ich mich anstecken?“, fragt Guido. „Wir gehen auf keine Partys, wir sind am Strand und in unserer Wohnung.“ Er fühlt sich so sicher wie zuhause.

Darüber reden jetzt alle auf der Insel: wie eigentlich die Gefahrenlage ist. Die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC vermeldet täglich den Stand der Dinge. So schlecht wie in Spanien sieht es nirgendwo in Europa aus: 145 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner in den letzten 14 Tagen. Auf den Balearen sogar 172. Zehnmal so viele wie in Deutschland. Dort sind es derzeit 16,5.

Vor einem Monat war noch alles gut. Da konnte man sich auf Mallorca sicher fühlen, acht Neuinfizierte auf 100 000 Einwohner in 14 Tagen, genauso viele wie damals in Deutschland. Nach drei Monaten im Alarmzustand von Mitte März bis Mitte Juni füllte sich die Insel langsam wieder mit Touristen, das heißt: vor allem mit Deutschen. Zu denen gehörte das Ehepaar Kanzler, sie kamen gleich mit einem der ersten Flüge aus Frankfurt während des kurzen „Pilotprojektes“ in der dritten Juniwoche. Im Juli kamen sie nochmal, und nun schon wieder. Die Familie besitzt eine Ferienwohnung am Hafen von Can Pastilla, am nordwestlichen Ende der Playa de Palma. Sie lieben die Insel, auch wenn sie leer ist. „Eigentlich ist es schöner“, sagt Guido Kanzler. „Weniger Verkehr. Keine Radfahrer auf den Straßen. Keine Betrunkenen aus dem Ruhrpott.“

Der Einbruch kam ganz schnell, erzählt Anett Köhler, die sächsische Betreiberin der Sonnenbäckerei. Am Freitagabend ging die Reisewarnung raus. „Ein Paar, das jeden Tag mit seinen Kindern bei uns im Café war, bekam am Samstag einen Anruf von TUI: Packt schon mal eure Koffer, ihr könnt stündlich Bescheid für den Rückflug erhalten. Am Sonntag waren sie nicht mehr da.“ Fast alle Pauschalurlauber brachen auf. „Touristen… Touristen“, wiederholt Köhler mit Betonung, „laufen hier gar nicht mehr durch die Gegend.“ Es blieben die Residenten und ein paar unentwegte Individualurlauber. „Ich hab‘ jetzt noch 30 Prozent Umsatz von dem, was ich davor hatte. Ist der Hammer, ne?“, sagt Köhler und lacht dabei.

Dieselbe Zahl nennt Christian Lafourcade, der uruguayische Wirt der deutschen Kneipe „Zur Krone“, direkt an der Uferpromenade der Playa de Palma. „Wenn ich vorher 1000 Euro Umsatz am Tag gemacht habe, mache ich jetzt 300.“ Es ist Mittag und fast nichts los, draußen sind vier Tische besetzt, mit insgesamt sieben Leuten. Egal welche Tageszeit, das Geschäft laufe „immer gleich frustrierend“.

Peter Berghoff klagt weniger. Er hat im Juni sein deutsches Ärztezentrum an der Playa de Palma geschlossen, weil er den Einbruch des Massentourismus kommen sah. Stattdessen widmet er sich jetzt mit seiner Firma „Wohnung und Haus Mallorca“ ganz der Hausverwaltung. „Das ist der sicherste Urlaub, den es gibt, der auf der Finca“, sagt er. Nach der Reisewarnung habe ein Ehepaar seinen Urlaub nicht verlängert, eine andere Gruppe habe einen geplanten Urlaub abgesagt, ansonsten laufe das Geschäft „natürlich nicht so stürmisch, wie es hätte sein sollen“, aber gut genug.

Je weiter weg von der Playa, umso entspannter klingen die Menschen. Der Mallorquiner Pedro Pascual hat gerade Ende Juli mit seiner nepalesischen Frau Doma Sherpa ein kleines feines Achtzimmerhotel im Dorf Caimari in der Inselmitte eröffnet. „Zwei oder drei Stornierungen“ von Deutschen habe sein „Petit Caimari“ in dieser Woche erlebt, berichtet Pascual, aber der nationale Tourismus laufe weiter, bis Ende des Monats sei er so gut wie ausgebucht. Was danach kommt, wird sich zeigen. Er schaue kein Fernsehen, er habe keine Lust, „nur schlechte Nachrichten zu hören“.

Das ist eine Klage – oder ein Zweifel –, der auf der Insel immer mal wieder zu hören ist. Steht gesundheitlich wirklich alles so schlimm? Eugenia Cusí, die Managerin der mallorquinischen Restaurantkette Tast, findet es jedenfalls „traurig, dass wir nicht in der Lage sind, beruhigende Botschaften auszusenden“. Im Juli lag der Umsatz der Kneipen und Restaurants auf Mallorca knapp halb so hoch wie im Jahr zuvor – und der Juli wird wahrscheinlich der beste Monat dieses Jahres gewesen sein. 15 Prozent der Lokale öffneten noch gar nicht, das seien „klare Kandidaten für den Konkurs“, sagt Cusí. Ihr Unternehmen hat Ende Juli ein neues Bistro am zentralen Platz von Sóller eröffnet, es läuft gut. Es kommen hauptsächlich Spanier.

Die Stimmung ist nicht überall schlecht. Eduardo Murillo ist Rezeptionist im Hotel María Isabel an der Playa de Palma, wo Strand und Lokale leer sind. Sein Hotel sei „ein merkwürdiger Fall“. Ja, es seien jetzt kaum noch Deutsche da, es habe viele Stornierungen gegeben, aber „wir halten aus, solange wir noch 40 oder 50 Prozent Belegung haben“. Die hat das Viersternehaus noch. Hausverwalter Peter Berghoff will einer solchen Ausnahme kein großes Gewicht geben. „Der Tourismus ist weg, und der kommt auch erstmal nicht wieder“, sagt er. Er meint den Massentourismus, von dem die Insel gewöhnlich lebt.

Auch Guido Kanzler ist bei aller Liebe zu Mallorca vorsichtig. „Ich schaue jeden Tag die Nachrichten“, sagt der Schwabe. „Eigentlich stündlich.“ Wer weiß, ob nicht wieder eine komplette Ausgangssperre über Spanien verhängt wird. Dann will er so schnell wie möglich einen Flug buchen, „dass wir zurückkönnen. Auf der Insel festsitzen, das möchten wir auch nicht.“

Die meisten Pauschalurlauber sind abgereist.
Vielen Wirten brechen die Umsätze ein.

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