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Die Unwirtlichkeit eines Platzes

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Von: Bernd Hontschik

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Der Mitscherlichplatz in Frankfurt.
Der Mitscherlichplatz in Frankfurt. © Oeser

Über den Niedergang der psychoanalytischen Profession. Die Kolumne „Dr. Hontschiks Diagnose“.

Was aus der Ferne aussah wie der Pausenkaffee einer Ausflugsgruppe aus dem Altersheim, entpuppte sich beim Näherkommen als eine Protestveranstaltung. Mitten im Frankfurter Westend hatten sich vor sechs Wochen fünfzig Psychoanalytiker:innen und Freund:innen versammelt, um am Mitscherlichplatz an den zehnten Todestag von Margarete Mitscherlich zu erinnern. Aber warum protestierten sie?

Alexander Mitscherlich (1908-1982) beobachtete 1947 im Auftrag der Ärztekammern den Nürnberger Ärzteprozess. Er sollte „Kollektivschuld von der Ärzteschaft abwenden“. Seine schonungslosen Darstellungen der Medizinverbrechen der Nazi-Ärzte in dem Buch „Medizin ohne Menschlichkeit“ beschrieben jedoch das Gegenteil, und Mitscherlich wurde in der Ärzteschaft dafür beschimpft, verleumdet und geächtet – bis an sein Lebensende.

Das Buch war kurz nach Erscheinen nicht mehr erhältlich! 1950 baute Mitscherlich an der Heidelberger Universitätsklinik die Psychosomatik auf. 1960 gründete er das Sigmund-Freud-Institut (SFI) in Frankfurt am Main, viel später erst wurde er zum Professor ernannt – nicht in der Medizin, aber an der Philosophischen Fakultät. „Krankheit als Konflikt“, „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“ und „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ waren die Titel weiterer seiner vielbeachteten Schriften.

Margarete Mitscherlich (1917 bis 2012) hatte ihn in Heidelberg kennengelernt, sie heirateten 1955. Nach dem Umzug nach Frankfurt war sie als Lehranalytikerin am SFI tätig. 1967 veröffentlichten beide gemeinsam „Die Unfähigkeit zu trauern“. In diesem Werk beschrieben sie die Verleugnungsstrategien der Deutschen gegenüber den Verbrechen der Nazizeit und holten deren verschwiegene Verstrickungen von Schuld und Mitschuld ans Licht. Der plötzliche Verlust des „Führers“ habe keine Trauer ausgelöst, sondern Verleugnung und Vergessen. Mit diesem Buch erschütterten sie die satte Selbstgerechtigkeit der deutschen Nachkriegszeit, wurden auf das Heftigste angefeindet und werden dennoch bis heute zitiert.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist: www.medizinHuman.de Aktuell im Handel ist sein Buch „Heile und herrsche! – Eine gesundheitspolitische Tragödie, Westend Verlag. FOTO: UTE SCHENDEL
Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. Aktuell im Handel ist sein Buch „Heile und herrsche! – Eine gesundheitspolitische Tragödie, Westend Verlag. © Ute Schendel

Nach Alexanders Tod 1982 arbeitet Margarete noch fast dreißig Jahre weiter. Sie war die erste deutsche Analytikerin, die die männerzentrierte Freudsche Theorie kritisierte, in der das Weibliche allenfalls in Form eines Defekts, also des Fehlens eines Penis vorkam. Sie lehnte diese Theorie ab, stellte die generelle Bedeutung des Ödipuskomplexes in Frage und bestritt, dass es eine gemeinsame genitale Phase in der psychosexuellen Entwicklung der Geschlechter gäbe. Mit ihrem Buch „Die friedfertige Frau“ sorgte sie erneut für eine breite gesellschaftliche Debatte.

Alexander und Margarete Mitscherlich waren prägend für die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte und für die Stadtgesellschaft in Frankfurt am Main. Aber gleichzeitig damit, dass heute beide zunehmend in Vergessenheit geraten sind, ist ihre Profession, die Psychoanalyse, von einem rasanten Niedergang betroffen und gerät immer mehr an den Rand der Psychologie und der Medizin. Eine Professur nach der anderen wird gestrichen, nicht wiederbesetzt oder in die verhaltenstherapeutische Lehre integriert, auch und gerade in Frankfurt. Inzwischen gibt es unter den mehr als hundert Lehrstühlen der Klinischen Psychologie nur noch einen einzigen tiefenpsychologisch orientierten: in Kassel.

Verhaltenstherapie ist modern und zeitgemäß, sie ist in ihrer Ergebnisorientierung rasch und kostengünstig anwendbar. Psychoanalyse dagegen ist von gestern, denn sie befasst sich mit der Einmaligkeit des Individuums in seiner Lebensgeschichte, eine Behandlung kann Jahre dauern, ist kaum oder nicht evaluierbar.

Im Frankfurter Westend ist eine kleine Grünfläche mit einem Kreisel in der Mitte zum Mitscherlichplatz benannt worden. Weil das umgebende Gelände einem Investor gehört, der seit vielen Jahren die dort Lebenden mit einer nicht enden wollenden Modernisierung des dortigen Hochhauses quält, ist der Platz in einem erbärmlichen Zustand. „Er spiegelt wider, in welch heruntergekommener Verfassung – Mitscherlich nannte das ‚unwirtlich‘ – sich die Psychoanalyse befindet,“ sagte ein Protestredner. Und der Altersdurchschnitt der Protestierenden, den man getrost auf siebzig und mehr schätzen darf, spiegelt wider, dass die begeisterten jungen Anhänger der Psychoanalyse der siebziger Jahre den Anschluss an den wissenschaftlichen Diskurs von heute nahezu verloren haben.

Der Niedergang der Frankfurter Psychoanalyse ist kein Ruhmesblatt für die Goethe-Universität. Und der Zustand des Mitscherlich-Platzes ist kein Ruhmesblatt für die Stadt Frankfurt am Main.

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