Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Untypischer Lebensraum: Die Region Batang Toru, in der die Tapanuli-Orang-Utans leben, liegt auf bis zu 1300 Metern Höhe.
+
Untypischer Lebensraum: Die Region Batang Toru, in der die Tapanuli-Orang-Utans leben, liegt auf bis zu 1300 Metern Höhe.

Menschenaffen

Die Tragik der Tapanulis

Als die Tapanuli-Orang-Utans auf Sumatra entdeckt wurden, war das eine wissenschaftliche Sensation. Seit 2017 gelten sie als eigene Menschenaffenart. Nun bedroht der Bau eines gewaltigen Staudamms den Lebensraum der letzten 800 Tiere. Von Dunja Batarilo.

Michael Krützen hat noch nie einen Orang-Utan in freier Wildbahn gesehen, er bezeichnet sich selbst als „nicht tropentauglich“. Und doch ist dem Genomiker und seinem Kollegen Alexander Nater gelungen, wovon wohl viele Biologen träumen: die Entdeckung einer neuen Art.

Im November 2017 ging die Nachricht um die Welt. Krützen und Nater, die an der Universität Zürich forschen, hatten mit ihrem Team den Tapanuli-Orang-Utan als neue, eigene Art ausgerufen. Mit den in einer abgelegenen Bergregion auf der indonesischen Insel Sumatra lebenden Tapanulis wurde die exklusive Familie der Menschenaffen um ein siebtes Mitglied erweitert. Den letzten Zuwachs hatte es im Jahr 1929 gegeben, als der Bonobo beschrieben wurde. Der Tapanuli-Orang-Utan, Pongo tapanuliensis, ist somit eine Jahrhundertsensation. Allerdings eine tragische: Denn schon zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung sind die Tapanuli massiv bedroht.

Doch der Reihe nach.

Der erste, dem die Tiere auffielen, war der niederländische Primatologe Erik Meijaard. Im Jahr 1997 traf er in der Region Batang Toru, südlich des Toba-Sees auf Sumatra, auf eine Population von Orang-Utans, die bislang unbekannt war. Die Tiere verhielten sich anders als ihre Cousins aus dem Norden der Insel: Ihre Schreie hatten einen anderen Klang, sie ernährten und verhielten sich unterschiedlich, ihr Fell schien krauser. Die zerklüftete Region Batang Toru, von den dortigen Ureinwohnern Tapanuli-Berge genannt, liegt auf bis zu 1300 Metern Höhe; ein untypischer Lebensraum für Orang-Utans, die sonst eher in sumpfigen Wäldern in Tieflage zu finden sind. Sie haben sich hier zu einer Art Bergversion ihrer Spezies ausgebildet. „Ich ging davon aus, dass wir es mit einer Unterart zu hatten“, erinnert sich Erik Meijaard. Er fing an, die Tiere genauer zu beobachten. Es war der Beginn einer Langzeitstudie.

Wer sich miteinander fortpflanzen kann, gehört zur selben Art – das wird seit eh und je im Biologieunterricht gelehrt. Pferd und Esel sind das klassische Beispiel: Sie sehen zwar ähnlich aus, doch wenn sie sich paaren, ist ihr Nachwuchs – das Maultier – bis auf ganz seltene Ausnahmen unfruchtbar. Für die Tapanuli-Orang-Utans als neue Art ist das jedoch nicht das entscheidende Kriterium. „Das biologische Artenkonzept ist überholt“, sagt Michael Krützen, „das ist extrem konservativ und wird heute eigentlich so gut wie nicht mehr benutzt.“ Die Forschungsgruppe um Krützen orientiert sich eher an einem phylogenetischen Konzept: „Man zeigt: Diese Art ist evolutionär auf einem anderen Weg als die anderen Artgenossen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese evolutionären Äste sich noch einmal treffen, ist sehr gering.“

Auch ihr Fell unterscheidet Tapanulis von anderen Orang-Utans. UNI ZüRICH/M. Aliaga

Den Genomikern gelang es, das komplette Erbgut des Tapanuli-Orang-Utans zu entschlüsseln: 3,2 Milliarden Basenpaare. 97 Prozent davon stimmen mit dem Menschen überein, die zimtfarbenen Affen gehören damit nach Schimpansen und Gorillas zu unseren nächsten Verwandten. Die Erbgutanalyse zeigte auch: Die Tapanuli unterscheiden sich stark von anderen Orang-Utans auf Sumatra.

Wird die Entscheidung über eine neue Art heute also in Labor und Rechenzentrum getroffen? Ja und Nein. Ohne Morphologie geht es nicht – auch im 21. Jahrhundert bleiben anatomische Unterschiede die Grundlage jeder Artbestimmung. Allerdings lassen sich Orang-Utans nicht so einfach in ein Kernspin-Gerät legen. Um morphologische Details feststellen zu können, braucht es tote Tiere, und das ist mit dem Artenschutz nur schwer zu vereinbaren. „Früher sind die Forscher in den Wald gegangen, haben die Tiere, die sie untersuchen wollten, getötet und dann mitgenommen und analysiert“, erzählt Krützen. „Heute machen wir das Gott sei Dank anders.“

So gesehen war der tragische Tod des Orang-Utan-Männchens „Raja“ ein glücklicher Zufall der Wissenschaftsgeschichte. Im November 2013 wurde das schwer verletzte Tier in eine Auffangstation des „Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramms“ (SOCP) eingeliefert, es war auf einer Palmölplantage in Batang Toru gefunden worden, übersät mit Schusswunden. Trotz aller tierärztlichen Bemühungen war Raja nicht zu retten.

Michael Krützen.

Rajas Tod war zwar tragisch, aber nicht umsonst: Die SOCP-Mitarbeiter vor Ort, seit Jahren mit einer Langzeitstudie an den Tieren befasst, dachten mit. Hier bot sich eine einmalige Gelegenheit, die Hypothese „neue Art“ entweder zu untermauern oder zu verwerfen. In gebührendem zeitlichen Abstand zu Rajas Tod gruben die Forscher die Überreste seines Körpers wieder aus. Der Affenleib war nun so weit verwest, dass die Wissenschaftler das Skelett genau vermessen und untersuchen konnten. Der Brite Matt Nowak, der diese Daten im Zuge seiner Doktorarbeit analysierte, fasst zusammen: „Dieser Schädel war anders als alles, was wir bis dahin gesehen hatten.“

Messungen sind nur aussagekräftig, wenn es Vergleichsgrößen gibt. Matt Nowak, Erik Meijaard und Forschende aus Australien, Indonesien, Großbritannien und den Niederlanden reisten also um den Globus. Sie besuchten Museen und Sammlungen in der ganzen Welt und verschafften sich Zugang zu Orang-Utan-Skeletten; sie fotografierten, zeichneten, fertigten taxonomische Beschreibungen an, werteten aus. Das Ergebnis: Tapanulischädel sind zierlicher als die ihrer Artgenossen, die Eckzähne prominenter. Der morphologische Beweis war erbracht.

Grund genug für das Schweizer Team, die Erbgut-Analysen zu verstärken. Ihr Plan: Die Methoden der evolutionären Genetik, die der Paläogenetiker Svante Pääbo für seine Forschung an Neandertalern entwickelt hatte, nun auf die Orang-Utans anzuwenden. Die Untersuchung des Tapanuli-Genoms wurde zu einem internationalen Großprojekt. Insgesamt 45 Menschen waren beteiligt an der Veröffentlichung, die im November 2017 in „Current Biology“ erschien. Indonesische Biologen vor Ort sammelten Kot-, Fell- und Blutproben und schickten diese in die Schweiz. Dort wurden sie in hochspezialisierten Laboren analysiert. Diese Ergebnisse wurden wiederum an Rechenzentren in Cambrigde, Barcelona und den USA verschickt, wo riesige Computer die Daten auswerteten. Die Ergebnisse öffneten ein Fenster in die Evolutiongeschichte der Art. „Wir konnten so den Beweis erbringen: Zwischen Pongo abelii im Norden Sumatras und den Tieren in Batang Toru hatte seit über 20 000 Jahren kein Genfluss mehr stattgefunden“, sagt Krützen. „Ein starkes Argument für eine neue Art.“

Sumatra

Und um Argumente geht es letztlich. Denn es gibt keine oberste Instanz, die darüber befindet, wann eine Population eine neue Art bildet oder nicht. Wenn ausreichend wissenschaftliche Kollegen die Begründung überzeugend finden, setzt sich die neue Bezeichnung durch. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die Aufnahme in die Liste der Weltnaturschutzunion IUCN, sie erfolgte ungewöhnlich schnell, noch im Jahr 2017. Nicht alle, die zu Primaten forschen, sind damit einverstanden, Pongo tapanuliensis eine neue Art zu nennen. Frans de Waal, Primatologe an der Emory University in Atlanta, hält die Tapanuli weiterhin für eine Unterart: „Wir Wissenschaftler sollten vorsichtig damit sein, neue Arten auszurufen, vor allem wenn die Beweislage dünn ist.“ Sein Argument: Grundlage der Beweisführung sei die Vermessung eines einzelnen Schädels, das sei nicht ausreichend.

Für Michael Krützen ist es auch nicht nur dieser eine Unterschied, der die neue Art ausmacht, sondern die Summe aller Unterschiede: Morphologie, Verhalten, Ökologie, Genetik und Genomik. Er sagt: „Wir waren davon überzeugt, genügend Evidenz zu haben – und halten die Entscheidung, diesen Call zu machen, nach wie vor für richtig.“ Worin sich Kritiker und Verfasser der Studie allerdings einig sind: Die Tiere von Batang Toru gehören geschützt, und das dringend.

Die Tapanuli-Orang-Utans sind nicht nur die neuesten Mitglieder in der Familie der Menschenaffen, sie sind auch ihre am stärksten gefährdete Art: Weniger als 800 Individuen leben derzeit noch in den Bergen von Batang Toru, einem Hochlandregenwald mit einer Fläche, die etwa der von New York City entspricht. Seit Jahrzehnten kommt der Mensch immer näher: Palmölplantagen vernichten ihren Lebensraum, Wilderer stellen ihnen nach, in das Gebiet einwandernde Siedler betrachten sie als ungeliebte Nachbarn und Nahrungskonkurrenten, für eine Goldmine wird das Gelände im Südwesten der Region aufgerissen, Wasser und Land werden vergiftet.

Nun kommt es noch schlimmer: Derzeit ist im letzten Rückzugsgebiet der Tiere ein Wasserkraftwerk in Planung. Vom Jahr 2022 an soll es 510 Megawatt für die Region bereitstellen. Es werden Bäume gefällt und Straßen gebaut, eine Gefahr für das gesamte Ökosystem. Erik Meijaard ist sich sicher: „Das kann den Tapanuli den Todesstoß versetzen.“ Der Staudamm – zynischerweise Teil der indonesischen Strategie zur Gewinnung „grüner Energie“ – werde genau dort gebaut, wo die meisten Tiere lebten, und er werde ihr Habitat in drei Teile zerschneiden. „Das erhöht die Wahrscheinlichkeit des Aussterbens für jede Untergruppe noch einmal mehr“, so Meijaard, „die Gruppen können nicht mehr miteinander kommunizieren und sich fortpflanzen.“ Das Problem: Es kommt zu Inzucht, die Tiere werden anfälliger für Krankheiten. „Die Überlebenschance einer Gruppe von 30 Tieren ist verschwindend gering“, sagt Meijaard. „Orang-Utans lassen sich Zeit mit der Fortpflanzung, und das wird ihnen zum Verhängnis: Weibchen bringen erst mit 15 Jahren ein Junges zur Welt, das sie dann meist als Einzelkind mehrere Jahre am Körper tragen und aufziehen, bis es etwa neun Jahre alt ist.“

Umweltschützer und Wissenschaftler haben viel Energie in eine internationale Kampagne zur Rettung der Orang-Utans von Batang Toru gesteckt, IUCN rief ein Moratorium für den Bau des Kraftwerks aus. Der Bau geht weiter, der politische Druck in der Region ist hoch. Dass die Tapanuli jetzt einen eigenen Namen haben, „wird den Tieren langfristig nützen“, ist sich Irena Wettstein sicher, Co-Geschäftsführerin der Schweizer NGO PanEco, die das SOCP-Programm samt Forschungsstation betreibt. Die Organisation bemüht sich darum, die negativen Auswirkungen für die Orang-Utan-Population so gering wie möglich zu halten.

Für ein wenig Aufschub sorgt derzeit das neuartige Corona-Virus. Auch in Indonesien ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen. Die Bauarbeiten in Batang Toru sind vorübergehend eingestellt, die chinesischen Arbeiter wurden in die Heimat gebracht. Die Affen selbst kümmert der Lockdown nicht – als Einzelgänger sind sie zum Social Distancing geradezu geboren. Solange die Menschen ihnen fernbleiben, ist ihre Welt in Ordnung.

Hinweis: Die Recherche wurde ermöglicht durch das Stipendium „Fleiß und Mut“ der Mercator-Stiftung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare