Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ohne Plan, ohne Antrag, ohne Geld: Die Kathedrale in Mejorada del Campo ist aus dem erbaut, was andere nicht mehr brauchen. Dahms
+
Ohne Plan, ohne Antrag, ohne Geld: Die Kathedrale in Mejorada del Campo ist aus dem erbaut, was andere nicht mehr brauchen. Dahms

Baukunst

Die surreale Kathedrale

  • Martin Dahms
    VonMartin Dahms
    schließen

Seit 60 Jahren baut Justo Gallego in einem Vorort von Madrid sein eigenes Gotteshaus. Nun ist er 95 geworden – und glaubt noch immer daran, sein Werk eines Tages zu vollenden

In einer Ecke des Hauptschiffes der Kathedrale von Justo Gallego zertrümmert Ángel López ein Bidet. „Das haben sie neulich vorbeigebracht, als ich nicht hier war“, erzählt López später. „Manchmal bringen sie mir Sachen, die ich nicht brauchen kann.“ Jetzt sitzt er auf einem abgewetzten Sessel und gähnt. Er hat nicht viel geschlafen. „Ich komme nicht zur Ruhe. Nachts muss ich mich um Justo kümmern. ‚Ángel, ich kann nicht atmen, Ángel, ich ersticke.‘ Dann stehe ich auf und helfe ihm.“

Ángel López ist der Erbe von Justo Gallego, sein Pfleger, sein Bauleiter, sein Apostel. Er will das Werk zu Ende führen, das Gallego vor 60 Jahren begonnen hat: den Bau einer Kirche in Gallegos Heimatdorf Mejorada del Campo, einem Vorort von Madrid. Der Auftrag war ein himmlischer, kein irdischer. Ohne Plan, ohne Genehmigung und ohne technische Kenntnisse machte sich Gallego 1961 an die Arbeit. Er arbeitete von früh bis spät, mit allem, was er fand, was er erbettelte und was man ihm schenkte.

Unter den ungläubigen Blicken der Dorfbewohner wuchs die Kirche heran. Gallego wurde sehr alt darüber, jetzt ist er 95 und geht nur noch wenig unter die Leute. Aber seine Kirche steht, unfertig, aber doch als Kirche zu erkennen, so beeindruckend, dass sie alle nur die „Kathedrale von Justo Gallego“ nennen. Sie ist keine Kathedrale, noch nicht mal eine geweihte Kirche, aber ein Monument des Glaubens: an Gott und an sich selbst. Ein Kunstwerk aus Abfällen. Eine Herausforderung an die Naturgesetze. Eine mächtige Villa Kunterbunt.

Der Journalist und Schriftsteller Manuel Juliá lernte Gallego im Mai vor zwei Jahren kennen. „Ich sagte ihm: Justo, du sprichst immer von Bescheidenheit. Aber du hast dir das denkbar Eitelste und Stolzeste vorgenommen: eine Kathedrale zu bauen. Er antwortete: Sie ist nicht für die Menschen da, sondern für Gott, und für Gott muss es das Beste sein.“

Gallego hat seine Geschichte oft erzählt. Er war Landarbeiter, als er mit 27 Jahren beschloss, Mönch zu werden. Noch als Novize erkrankte er an Tuberkulose und musste das Kloster verlassen. Um aber dennoch Gott zu dienen, nahm er sich den Bau seiner eigenen Kathedrale auf einem kleinen, ihm gehörenden Stück Land in Mejorada del Campo vor. Für Manuel Juliá ist Gallego ein perfekter Don Quijote. Juliá hat ein Buch über quijoteske Figuren der Gegenwart geschrieben, eines der Kapitel ist Justo Gallego und seiner Kathedrale gewidmet. Quijotesk heißt: sich etwas Unmögliches vorzunehmen. „Wenn es möglich ist, nennt es niemand quijotesk“, sagt Juliá.

Die Kathedrale (die keine Kathedrale ist) ist wirklich ein Ding der Unmöglichkeit. Der junge Madrider Architekt Alejandro Villagrasa ließ vor ein paar Jahren ihre wichtigsten Strukturdaten durch ein Rechenprogramm laufen, und dabei kam heraus: Das kann nicht halten. Aber die Wirklichkeit ist hartnäckig: Die Kirche steht seit 60 Jahren, in unterschiedlichen Graden der Vollendung, und nie ist was passiert. Kein Arbeitsunfall, keine verletzten Besucher, schon gar keine einstürzenden Decken oder Wände. Die „architektonische Realität“ – so nennt sie Villagrasa – zeigt: Was Justo Gallego gebaut hat, ist haltbar. Das ist ziemlich wundersam.

Das Dorf – mittlerweile eine kleine Stadt, in der 23 000 Menschen leben – ist über dieses Wunder gespalten. „Die Hälfte findet’s bewundernswert“, sagt Pedro Muñoz, der Betreiber des Cafés „Esmeralda“ in der Nähe des Rathauses, „die andere Hälfte findet’s verrückt.“ Muñoz gehört zu den Bewunderern. „Jemand, der sein Leben für etwas opfert, wird von der Gesellschaft nicht verstanden“, bedauert er. Mejorada del Campo profitiere jedenfalls von Justos Werk, es bringe ein wenig Tourismus in den Ort, der ansonsten touristisch rein gar nichts zu bieten hat. Die Gemeindeverwaltung hat jahrzehntelang nicht gewusst, was sie mit diesem Ding anstellen soll, das alle Kathedrale nennen, aber doch ein illegales Bauwerk ist.

Einerseits hätte es längst abgerissen werden müssen, andererseits hat es dem Ort einen gewissen Ruhm eingebracht. Die lange quälende Unentschlossenheit scheint dieses Jahr überwunden worden zu sein. Im April hat der Bürgermeister den alten Gallego mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet, bevor es dafür zu spät ist. Und seine Kirche soll zum Baudenkmal erklärt werden. Dann wäre sie nicht mehr illegal.

Es wäre ein merkwürdiges Denkmal. „Schön ist es nicht“, sagt der Cafébetreiber Muñoz, um dann einen Vergleich anzustellen: „Ein Bild von Miró oder von Picasso mag dir vielleicht nicht schön vorkommen, wenn du nichts von Kunst verstehst …“

Kunst? Gallego wollte Schönheit schaffen, keine Kunst, aber ihm ist das Gegenteil passiert. „Sein Werk ist reiner Eklektizismus“, sagt der Madrider Architekt Manuel Ocaña, „eine Repräsentation dessen, was für ihn eine Kathedrale ist. Und er hat sie gebaut, wie er es eben konnte. Aus Müll.“

Ein Beispiel: Von einem benachbarten Ziegelwerk ließ er sich fehlgeformte Steine schenken, die er mit der Unterseite nach vorn zu zauberhaften Türmen vermauerte. Ein zweites Beispiel: die Sprungfedern, „die sind seine großartigste Entdeckung“, sagt Ocaña mit Jubel in der Stimme. Fenster- und andere Bögen erschuf er aus zementgefüllten Sprungfedern, weil ihm die Zeit und die Kenntnisse fehlten, fachgerechtes Gesims zu meißeln.

Es sind solche Details, die Ocaña faszinieren. Aber mehr noch begeistert ihn „der Wille, der Heldenmut, die Individualität, die Persönlichkeit“ hinter dem Bau; der Prozess der Schöpfung mehr als das fertige Werk. „Eine 60 Jahre dauernde Performance“, nennt er Gallegos Kathedralenbau.

Das Schlimmste, was einem solchen Kunstwerk geschehen kann, ist seine Vollendung. Justo Gallego aber will seit 60 Jahren eine Kirche bauen, in der eines Tages Messen gelesen werden sollen, und dafür muss sie fertig werden. Der von Gallego bestimmte Erbe Ángel López, ebenso Autodidakt wie sein Meister, soll den Bau zu Ende bringen. Anfang Juli, zwei Monate nach unserem ersten Treffen, klopft López Marmorbruchstücke in weichen Zement, um den halbfertigen Fußboden des Hauptschiffes zu vervollständigen.

So hat vor ihm Justo gearbeitet, so arbeitet nun der 48-jährige López: mit Fleiß und Geduld, sich eine Aufgabe nach der anderen vornehmend, mit dem Material das gerade da ist. Der Vollendung entgegen.

Aber die Kirche ist nicht mehr dieselbe seit unserem ersten Besuch Ende April. Man merkt es nicht gleich, aber dann doch, als kleinen Schock. Sie ist aufgeräumt! Sie riecht nicht mehr nach Müllhalde! Sie ist von Licht durchflutet: Die Pappe vor vielen Fensteröffnungen ist von durchscheinendem Plastik ersetzt. Die in siebeneinhalb bis elf Meter Höhe umlaufende Empore schützt ihre Besucher jetzt mit weitmaschigen Metallgittern vor dem Absturz. Ringsum hängen bunte Fahnen. Die einst grob verputzten Innenwände sind professionell geglättet. Und an jedem Durchgang weisen gedruckte Schilder den Weg. Justo Gallegos Kathedrale hat sich feingemacht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Eine katholische Hilfsorganisation, Mensajeros de la Paz, hat etliche Zehntausend Euro in ihre Verschönerung gesteckt. Sie will hier eines Tages Bedürftigen Hilfe und Obdach gewähren. Ángel López ist sehr zufrieden, und Gallego sei es auch, sagt López.

Alejandro Villagrasa ist es weniger. Die Renovierung „nimmt dem Werk aus meiner Sicht etwas von seinem Wert“, sagt der Architekt. „Das Schöne an dieser Kirche ist gerade ihre Unvollkommenheit. Sie ist ein Museum ihrer selbst.“ Einen Vorschlag zur Perfektionierung hätte er dennoch. Vor gut zwei Jahren entwarf er in seiner Studienabschlussarbeit einen originellen Plan, wie die Kuppel, die seit 25 Jahren als offenes Metallskelett über der Kirche thront, zu schließen wäre, ohne dass ihr Gewicht oder der Wind das Dach oder das ganze Gebäude zum Einsturz brächten.

Gut möglich, dass der Plan eines Tages ausgeführt wird. Dann regnete es nicht mehr hinein. Dann wäre sie beinahe eine richtige Kirche. Und dennoch: „Fertigstellen würde ich sie nie“, sagt Villagrasa. Abreißen auch nicht. Sondern sie als Monument des ewig Unvollkommenen belassen.

Ein Porträt des Meisters: Justo Gallego Martinez. dpa
Sprungfedern gelten als Gallegos größte Entdeckung. Aus ihnen schuf er etwa Fensterbögen, indem er sie mit Zement füllte. Dahms
Die Kirche soll zum Baudenkmal erklärt werden. Das wäre nicht nur eine Hommage an Gallego, sie wäre dann auch nicht mehr illegal. Dahms

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare