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Die Superkraft kultivieren

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Quietschbunte Pflanzenschutzmittel: Die Schwimmtiere sollen Gänse und Schwäne davon abhalten, die Wurzeln der Rohrkolben auszureißen. paul hahn
Quietschbunte Pflanzenschutzmittel: Die Schwimmtiere sollen Gänse und Schwäne davon abhalten, die Wurzeln der Rohrkolben auszureißen. paul hahn © Paul Hahn

Moore binden Kohlendioxid und sind ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den Klimawandel. Ein Thinktank in Greifswald erforscht, wie die Feuchtgebiete auch wirtschaftlich genutzt werden können

Der Tukan wirkt ein bisschen deplaziert. So viel Blau und Gelb inmitten von braunem Rohrkolben. Josephine Neubert vom „Greifswald Moor Centrum“ (GMC) hat den Plastikvogel aufgeblasen, um ihn zwischen den Rohrkolben zu deponieren. Er soll Schwäne und Gänse „vergrämen“, also: davon abhalten, die zarten Wurzeln der Rohrkolben rauszureißen und so die Arbeit der Moorforscherinnen und -forscher zunichte zu machen.

Hier, auf einer acht Hektar großen Fläche bei Neukalen an der Teterower Peene, 70 Kilometer südöstlich von Rostock, liegt eine Versuchsfläche für Paludikultur. Wie kann man Rohrkolben, die sich zu Dämmplatten oder Einblasdämmstoff verarbeiten lassen, wirtschaftlich anbauen? Welche Arten wachsen besonders gut? Wie wird gepflanzt? Wie geerntet? Das sind einige der Fragen, auf die sie hier nach Antworten suchen. Paludikultur, die Bewirtschaftung nasser Böden, ist eine große Hoffnung im Kampf gegen die Erderwärmung. Je schneller der Klimawandel voranschreitet, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt „Paludi“, wie sie beim GMC liebevoll sagen.

Denn Moor hat eine Superkraft: Es bindet CO2. Und zwar in riesigen Mengen. Moore bedecken nur einen winzigen Teil der Erde, gerade mal drei Prozent der Landfläche. Ihre Torfschichten aber halten ein Drittel des terrestrischen Kohlenstoffs – doppelt so viel wie alle Wälder der Welt zusammen. Leider geht diese Superkraft in dem Augenblick verloren, in dem Moore entwässert und trockengelegt werden. Dann kehrt sich der positive Effekt um. Aus einem Hektar Acker auf entwässertem Moorboden entweichen 30 bis 40 Tonnen CO2 im Jahr. So kommt es, dass trockengelegte Moore, die in Deutschland nur sieben Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen ausmachen, für 37 Prozent der CO2-Emissionen in der Landwirtschaft verantwortlich sind. „Moor muss nass!“, ist deshalb in Greifswald ein Slogan, der getwittert, auf Plakate gemalt und auf den Fridays-for-Future-Demos in die Kameras gebrüllt wird.

Denn: Sobald ein Moorboden wiedervernässt wird, ist das CO2 gebunden und kann nicht mehr raus. Etwa fünf Jahre Übergangszeit braucht ein reaktiviertes Moor dann noch, in denen Methan entweicht; anschließend funktioniert es als Klimawandelbremse. Theoretisch ganz einfach. Aber die allermeisten einstigen Moore und Feuchtwiesen werden inzwischen landwirtschaftlich genutzt. Die Entwässerung der Moore wird gerne als Fortschrittsgeschichte erzählt. Ein Sieg über die Natur. Urbarmachung des Landes. Fortschritt durch Technik, Pumpen und Gräben. Die Idee, dass man auf den der Natur abgerungenen Flächen die Grundwasserstände wieder anhebt, stößt bei vielen Landwirten und Bäuerinnen auf Unverständnis. Tatsächlich sind die Rahmenbedingungen für Landwirtschaft im Moor nicht günstig. Allein der nasse Untergrund – wie soll man hier mit Erntefahrzeugen fahren?

Trotzdem gibt es sie, Landwirte und Firmengründerinnen, die Paludikulturen anbauen und sich an die Vermarktung wagen. Das GMC vernetzt Hunderte von ihnen auf seinen Veranstaltungen miteinander. Eine Firma, die Dächer mit Reet deckt, mit einem Moorlandwirt, der Grasfasern für Dämmplatten anbaut, mit einem Unternehmer, der Papier aus Gras produziert.

All das ist „Paludikultur“. Den Begriff hat Hans Joosten, kürzlich emeritierter Professor für Paläoökologie und Moorkunde an der Universität Greifswald, erfunden. „Palus“ ist das lateinische Wort für „Sumpf“. Hans Joosten, 67, ist einer der wichtigsten Moorforscher der Welt; 2020 wurde er mit dem renommierten Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. Vom Polygonmoor auf Spitzbergen bis zum tropischen Moor in Indonesien hat er die allermeisten Feuchtgebiete auf der Erde besucht. Joosten kommt aus den Niederlanden, er ist, wie er sagt, neben einem Moor geboren worden. Paludikultur sei so wichtig, weil es eben auch keine Lösung sei, alles zu fluten, dafür sei der landwirtschaftliche Druck auf die Flächen zu groß. Deshalb, argumentiert er, müssten wir Paludikultur praktizieren: Klimaschutz, der sich auch landwirtschaftlich rentiert. Landwirtschaft, die auch dem Klimaschutz dient.

Joosten sagt, dass er von sich aus gar kein großes Interesse an Paludikultur habe, eigentlich sei er ein wirtschaftsferner Wissenschaftler, der in Mooren Superorganismen, die vielleicht größten lebenden Wesen der Welt, sieht. Aber Forschende sind seiner Ansicht nach dazu da, die Probleme der Menschen zu lösen und „ein wertfühlender Mensch zu sein“, wie er das in seinem niederländisch gefärbten Deutsch ausdrückt. Darum habe er nie nur im Bereich der Grundlagen forschen und lehren wollen.

Praxisnähe ist für viele Forschenden am GMC typisch. Auch für Josephine Neubert, die in der Versuchsfläche in Neukalen in Gummistiefeln und mit einigen Plastiktukanen ins Wasser watet, um diese im Boden zu verankern. Wie viel Arbeit in diesem Versuch steckt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Hier musste ein Deich gebaut, Pumpen und Messtechnik installiert und die Pflanzung optimiert werden. „Der Knackpunkt unserer Arbeit war aber, einen Landwirt zu finden, der uns eine geeignete Fläche verpachtet“, sagt Josephine Neubert.

Der Landwirt trägt Hut und Gummistiefel, ist Anfang Siebzig und heißt Hans Voigt. Zusammen mit Sohn und Schwiegersohn bewirtschaftet er einen Betrieb mit 450 Hektar, ein guter Teil davon sind Moorwiesen. Die Rinder, die Voigt darauf weiden ließ, seien ihm „mit vollem Magen verhungert“. Aus der Not heraus entwickelte der Voigt’sche Betrieb ein Konzept, bei dem das Heu statt als Kuhfutter nun in einem selbst gebauten Heizwerk Wärme produziert. Schon seit 2014 versorgt es in der Kleinstadt Malchin 543 Haushalte, einen Kindergarten, zwei Schulen und Bürogebäude mit Wärme. Das entspricht einem Bedarf von 400 000 Litern Heizöl im Jahr. Und weil die nassen Wiesen, auf denen der Brennstoff wächst, das CO2 im Boden halten, hat diese Art der Energieversorgung sogar eine positive Energiebilanz. Klimaneutraler heizen geht nicht. Das Projekt wird vom GMC wissenschaftlich begleitet. „Ich muss als Landwirt natürlich wirtschaftlich denken“, sagt Voigt. „Aber ich versuche trotzdem, so zu handeln, dass es im Einklang mit der Bewahrung der Schöpfung steht.“

Doch: Bei allem Idealismus müsse Paludikultur wirtschaftlicher werden, sagt Voigt. Bisher ist Paludikultur nicht förderfähig, es gibt keine EU-Subventionen dafür. Bis jetzt. Denn auch hier sind die Greifswalder Moorpionier:innen aktiv. Die EU-Subventionen stehen bei Franziska Tanneberger weit oben auf der Agenda. Sie ist die Leiterin des GMC. Ihr und dem GMC ist es zu verdanken, dass das EU-Parlament 2020 dafür stimmte, Paludikultur als Bewirtschaftungsform anzuerkennen.

Paludikultur, das Wort, das Hans Joosten vor mehr als 20 Jahren erfunden hat, hat Karriere gemacht, ist „zu Fleisch geworden“, wie er sagt. Paludikultur ist nicht nur in viele Sprachen übernommen worden, sondern darüber wird nun von EU-Kommission und -Rat als Teil der GAP, der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, diskutiert. Demnächst könnte Bauer Voigt endlich Subventionen für sein nasses Heu bekommen.

Das GMC gilt weltweit als einer der wichtigsten Thinktanks zu Mooren. Die integrative Forschung in der Breite, mit dem Fokus auf der Lösung von Problemen, gibt es nur hier. Das Greifswald-Moor-Centrum, zu dem die Universität Greifswald, der Umweltschutzverein Duene und die Michael-Succow-Stiftung gehören, sieht sich als Plattform und Instrument für Moor- und Klimaschutz. Wissenschaft und angewandte Forschung, Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit und politisches Handeln: Alles gehört hier zusammen. Rund 50 Expertinnen und Experten arbeiten an einer Imagekampagne für das Moor. Einige von ihnen bespielen Social-Media-Kanäle, twittern, laden Filme auf Youtube hoch und versuchen dabei, an aktuelle Trends anzuknüpfen – wenn es passt und die Botschaft transportiert.

Etwas, das die Botschaft transportiert, steht am Rand eines Greifswalder Industriegebiets, auf einem Anhänger: ein Tiny House, gebaut aus Paludikultur. Thorsten Gahlke – rote Haare, roter Bart, Zollstock in der Tasche – hat das Minihaus für das GMC gebaut. Im Haus hat er verschiedene Produkte aus Paludikultur verbaut und einige Stellen mit Guckfenstern unter der Verkleidung – aus Erle, die ebenfalls im Wasser wächst – versehen. Durch das Guckloch schaut man auf die Einblasdämmung aus Rohrkolben. Oder auf eine Dämmplatte aus gefilzten Feuchtwiesenpflanzen. „Beim Sägen riecht das wie Kräutertee“, sagt Gahlke.

Es gibt in Deutschland noch 1,8 Millionen Hektar trockengelegten Moorboden. Würde man all diese Flächen wiedervernässen, könnte man den Ausstoß gigantischer Mengen CO2 verhindern. Hans Joostens Forderung ist, in Europa jedes Jahr 500 000 Hektar Land unter Wasser zu setzen, in Deutschland mindestens 50 000 Hektar. Das klinge utopisch, sagt er, sei aber nötig, um die im Pariser Klimaschutzabkommen gesetzten Ziele zu erreichen. Er hat das Gefühl, dass die Botschaft zwei Jahrzehnte nach der Erfindung des Wortes „Paludikultur“ langsam gehört wird.

Wenn es nach den Moorpionier:innen beim GMC ginge, könnten in nicht allzu ferner Zukunft Dämmmaterialien aus Rohrkolben standardmäßig als Baustoff eingesetzt werden, würden überall in Deutschland auf Moorflächen Wasserbüffel weiden. Und Heizwerke wie das in Malchin produzierten „klimapositive“ Wärme. Für Josephine Neubert, die auf der Versuchsfläche bei Neukalen am Rohrkolbenanbau tüftelt, ist Paludikultur die Zukunft der Landwirtschaft auf Moorböden. „Nachhaltige Landwirtschaft geht auf diesen Böden nur, wenn sie nass sind“, sagt sie. „Auf diese Weise werden Landwirtschaft und Klimaschutz nicht gegeneinander ausgespielt.“

Josephine Neubert. paul hahn
Josephine Neubert. paul hahn © Paul Hahn
Rohrkolben könnten zu Dämmstoffen verarbeitet werden. paul hahn
Rohrkolben könnten zu Dämmstoffen verarbeitet werden. paul hahn © Paul Hahn
Hans Joosten. dahms/uni greifswald
Hans Joosten. dahms/uni greifswald © Uni Greifswald/Tobias Dahms
Thorsten Gahlke. paul hahn
Thorsten Gahlke. paul hahn © Paul Hahn

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