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Anne Hidalgo will mehr Räume für Süchtige bereitstellen.
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Anne Hidalgo will mehr Räume für Süchtige bereitstellen.

Drogen-Politik

Die Stadt der Liebe und das Crack: In Paris steigt die Zahl der Drogenabhängigen

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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In Paris verschärft sich das Drogenproblem – und Präsident Macron streitet mit Bürgermeisterin Hidalgo, ob es stärkere Repression oder bessere Hilfsprojekte braucht.

Paris - Monatelang bemühten sich die Anwohner:innen des Stalingrad-Viertels im Nordosten von Paris mit offenen Briefen, Appellen und Petitionen. Vergeblich: Weder die Stadtregierung noch der Polizeipräfekt unternahmen etwas gegen den berüchtigten Drogenhandel am „Platz der Schlacht von Stalingrad“ im 19. Arrondissement. Da schritten die Menschen im Viertel selbst zur Tat. Mit Topfdeckeln machten sie um 20 Uhr an ihren Fenstern so viel Lärm wie möglich, um die Dealer:innen zu vertreiben. Dann demonstrierten sie auf der Straße, um das Wegbringen von Drogenkranken aus den Hauseingängen zu verlangen. „Es ist dramatisch, heute setzen sich diese armen Kerle sogar vor Kindern einen Schuss“, erklärte eine Mutter namens Anna der Presse. Eines Abends im Mai gingen auf dem Drogenumschlagsplatz plötzlich Böllerschüsse los. Unbekannte – vermutlich Anwohner:innen – schossen Feuerwerkskörper in Richtung der Dealenden ab. Daraufhin kehrte endlich Ruhe ein.

Drogen-Problem in Paris: Vor Kinderaugen wird mit Crack verkauft und geraucht

Eine prekäre Ruhe. Das Drogenproblem der Lichterstadt ist keineswegs gelöst. „Stalincrack“, wie der Umschlagplatz im Volksmund heißt, ist nur eine von 66 Drogenverkaufsstellen in Paris. Im ganzen Großraum der französischen Hauptstadt wurden mehr als 900 gezählt, ein Drittel davon im Banlieue-Departement Seine-Saint-Denis. Dort benützen die Drogenbanden die verwinkelten Zugänge der Wohnsiedlungen für ihre Geschäfte. An die Wände der zehn- bis fünfzehnstöckigen Treppenhäuser pinseln sie die Preise: Marokkanischer Shit für 10 Euro pro 1,8 Gramm, Kokain aus Bolivien für 30 Euro das halbe Gramm, Crack für 60 Euro das Gramm.

Die Einwohner:innen sind machtlos. In der Gemeinde Saint-Ouen, auch im Nordosten von Paris gelegen und für ihren Flohmarkt bekannt, wurde ein ungewöhnlicher Pakt geschlossen: Wer dealt, zieht um 22 Uhr ab, dafür rufen die Anlieger keine Polizei.

Die Polizei in Paris? Total überlastet mit den Drogenhotspots

Die Polizei kommt ohnehin so gut wie nie. Bei 1000 Hotspots kann sie nicht überall eingreifen – und wenn sie es tut, verlagert sie das Problem. Im Sommer 2018 schloss Polizeipräfekt Didier Lallemand, ein Vertrauter von Präsident Emmanuel Macron, den sogenannten Crack-Hügel nördlich des Stalingrad-Platzes. Als die Polizei den gefährlichen und verwahrlosten Ort räumte, dachte niemand an flankierende soziale Projekte. Dafür ist in Macrons Augen die rotgrüne Stadtregierung verantwortlich.

Um die Drogensüchtigen von der Straße zu bringen, öffnete Bürgermeisterin Anne Hidalgo einen nahe gelegenen Park, Les Jardins d’Eole. Wie nicht anders zu erwarten, zog er den Crackhandel wie ein Magnet an. Ende Juni hat Präfekt Lallemand auch diesen Park entlang der Zuggleise räumen lassen.

Drogen-Problem im Norden von Paris: Die Stadt hat nur einen Fixerraum für Cracksüchtige

Eine Auffanglösung für die Crackrauchenden hat er nicht zu bieten. Das überlässt die Regierung weiterhin der städtischen Sozialhilfe. Die Leiterin des bisher einzigen Fixerraums in Paris, Elisabeth Avril, setzt sich seit langem für das Schweizer Vier-Säulen-Modell (Prävention, Therapie, Schadensbegrenzung und Repression) ein. Die Stadt Zürich biete vier „Salles de shoot“ (Fixerräume), der zehnmal so bevölkerungsreiche Großraum Paris nur einen einzigen. Und die Covidkrise habe das Drogenproblem in Paris noch verschärft. Die Zahl der Crackkonsument:innen im Großraum Paris wurde vom Drogenzentrum Csapa im Jahr 2019 auf 13 000 geschätzt; den Sozialarbeiter:innen zufolge sind die Zahlen seither stark gestiegen.

Bürgermeisterin Hidalgo hat nun angekündigt, sie wolle „noch in diesem Sommer“ den ersten Auffangraum allein für Crackkonsumenten öffnen. Wo, wagt sie aus Angst vor Bewohnerprotesten nicht im Voraus anzugeben. Der Widerstand ist groß: Die Einwohner betuchter Viertel wollen nicht zulassen, dass ihre Wohnung durch einen nahen Drogenraum an Wert verliert. Auch in den ärmeren Vierteln um Stalingrad wehren sich die Eltern dagegen, dass sie nach den Migrantenlagern der letzten Jahre nun auch noch Drogenkonsumenten aufnehmen sollen.

Drogenproblem in Paris: Anwohner wehren sich gegen Druckräume in ihrem Viertel

Eine Lösung scheitert aber nicht nur am Widerstand der Anwohner und fehlendem Budget: Der politische Streit macht jedes einvernehmliche Vorgehen unmöglich. Macrons Innenminister Gérald Darmanin ist kategorisch gegen Fixerräume oder ähnliche Anlaufstellen. Hidalgo wirft der Macron-Regierung vor, die Polizeieinsätze erbrächten keine dauerhafte Lösung.

So schieben sich Staatspräsident und Bürgermeisterin gegenseitig den Ball zu. Bis zu den Präsidentschaftswahlen 2022, bei denen Macron wie Hidalgo antreten wollen, bleibt die dramatische Lage in „Stalincrack“ zweifellos ungelöst. (Stefan Brändle)

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