Mentale Gesundheit

Die „Schatten-Epidemie“

  • Johannes Dieterich
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Sie werden angekettet oder weggesperrt: 90 Prozent aller psychisch erkrankten Afrikaner werden nach Schätzungen der WHO niemals adäquat behandelt

Die haarsträubenden Berichte häufen sich. In der nordnigerianischen Stadt Kano wird in einem fensterlosen Raum ein 30-jähriger Mann entdeckt, der mit einer eisernen Fußfessel an einen Holzstamm gekettet ist. Der psychisch Erkrankte ist dermaßen abgemagert, dass er nicht mal mehr gehen kann. In einem Flüchtlingscamp in der somalischen Puntland-Region sitzt ein ebenfalls psychisch erkrankter 13-jähriger Junge im Sand, seine Knöchel sind an einen Baum gekettet: „Damit er nicht wegläuft“, erklärt seine Mutter.

In Südafrika gibt es zahlreiche Berichte über Menschen mit psychischen Erkrankungen, denen selbst im Schwellenland oft mit archaischen Methoden begegnet wird. Dies geschieht, weil keine staatliche Hilfe zur Verfügung steht und weil sich Familien für ihre sich merkwürdig verhaltenden Angehörigen schämen.

Fachleute sprechen von einer „Schatten-Epidemie“, die der Ausbreitung des Coronavirus derzeit in Afrika folge. Vor allem Depressionen, die der Einsamkeit während der Lockdowns, dem Tod eines Nahestehenden oder der Angst zuzuschreiben seien, die eigene Familie nicht mehr versorgen zu können. Zigtausende von Afrikanern hätten psychologische oder auch pharmakologische Hilfe nötig, sagen Experten.

Doch für seelische Erkrankungen ist der Kontinent noch schlechter ausgestattet als für den Kampf gegen das Virus. Im 200-Millionen-Einwohner-Staat Nigeria sind lediglich 300 Psychiater registriert, 90 Prozent aller psychisch erkrankten Afrikaner werden nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO niemals adäquat behandelt. Viele suchen bei traditionellen Heilern oder religiösen Einrichtungen Hilfe. Dort werden sie nicht selten schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt.

Nach einem jetzt veröffentlichten Bericht der New Yorker Organisation „Human Rights Watch“ (HRW) werden Tausende von seelisch und psychisch Kranken in zahlreichen Ländern des Kontinents teilweise über Jahre hinweg in Ketten gehalten. Eine Praxis, die nichts anderes als Folter sei.

Die Menschenrechtsorganisation berichtet von Fällen in Kenia, Uganda und Nigeria, wo Erkrankte in Hühnerställen, Garagen oder Massenunterkünften festgehalten werden. Manchmal seien sie aneinandergekettet und müssen zu zweit zur Toilette, in anderen Fällen bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich vor Ort zu erleichtern. HRW-Mitarbeiter sprachen mit 115 Patienten aus neun über den Kontinent verstreuten Städten: „Manche sind jahrelang in einem Käfig oder im Schafstall angekettet, weil sich die Familien nicht zu helfen wissen und die Regierung keine Unterstützung anbietet“, heißt es in dem Bericht der Menschenrechtsaktivisten.

Mangel an Psychopharmaka

Psychische Erkrankungen werden in Afrika auch häufig mit dem Fluch böser Geister in Verbindung gebracht. Dagegen taugen therapeutische oder medikamentöse Behandlungsmittel nicht – ganz abgesehen davon, dass sie in den meisten Fällen auch unerschwinglich teuer sind. Obwohl zehn Prozent der Weltbevölkerung unter seelischen Störungen leiden, stehen für deren Therapie nach HRW-Angaben lediglich zwei Prozent der staatlichen Gesundheitsbudgets zur Verfügung.

Die Pandemie habe das Schicksal psychisch Erkrankter noch verschlimmert, heißt es in einem jüngst veröffentlichten Bericht der WHO. Weil die staatlichen Gesundheitswesen von Entwicklungsländern sämtliche Ressourcen in den Kampf gegen das Virus stecken müssten. In Südafrika sprechen Forscher des „Human Sciences Research Council“ (HRSC) von einer „psychologischen Krise“. Umfragen während des Lockdowns hätten ergeben, dass eine Mehrheit der Bevölkerung unter einem „hohen Grad an psychischem Stress“ litte, der sie anfällig für „Psychosen, Depressionen und sogar Selbstmordversuche“ mache.

Gleichzeitig seien im August mehr als die Hälfte aller üblichen Psychopharmaka in Südafrikas öffentlichem Gesundheitswesen nicht mehr erhältlich gewesen – was teilweise auf die unterbrochenen globalen Lieferwege, teilweise auf das Abzweigen der Ressourcen für den Kampf gegen Corona zurückzuführen sei. Das Absetzen oder der Ersatz von Psychopharmaka kann für Erkrankte verheerende Folgen haben. Sie werden in der Regel in einem langwierigen Prozess auf ein Medikament „eingestellt“, dessen Wegfall das seelische Gleichgewicht des Patienten wieder zunichtemacht. „Ausgerechnet wenn psychische Hilfe am dringendsten gebraucht wird“, klagt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom, „ist sie am wenigsten vorhanden.“

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