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Die Robben-Retterin auf Föhr

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Janine Bahr-van Gemmert mit ihrem Mann, André van Gemmert. privat
Janine Bahr-van Gemmert mit ihrem Mann, André van Gemmert. privat © Privat

Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert kümmert sich um kranke Robben. Dabei muss sie sich gegen den Vorwurf der Wilderei wehren, denn das Retten der Tiere ist illegal.

Wyk auf Föhr – Timo ist längst wieder abgetaucht. Wattwanderer hatten den jungen Seehund im Sommer 2021 auf der Nordseeinsel Föhr entdeckt, ausgehungert, dehydriert und ohne Mutter. Insel-Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert päppelte ihn in ihrem Robbenzentrum auf, wo er auch seinen Namen erhielt. „Bei uns bekommen alle eine Nummer und einen Namen, aber wir haben es lieber mit den Namen zu tun“, sagt die Veterinärin, die aus Lüdenscheid stammt.

Im vergangenen Jahr tummelten sich in den Becken auch Christa und Kurt – die Heuler benannte sie nach ihren Eltern, „die mir geholfen haben, das alles hier aufzubauen“. Neben dem Robbenzentrum Föhr (seit 2010) betreibt die 54-Jährige auch das „Tierhuus“, eine Notaufnahme für Wild- und Fundtiere. Ohne Hilfe wäre Timo in wenigen Stunden an Lungenwürmern verendet, sagt Bahr-van Gemmert. Nach vier Tagen war er wieder so fit, dass er zur Seehundstation Friedrichskoog transportiert werden konnte. Inzwischen ist er wieder ausgewildert.

Illegale Hilfe: Seehund-Retter an der Nordsee bekommen Ärger mit den Behörden

30 bis 40 Tiere landen jährlich im Robbenzentrum Föhr, in den meisten Fällen gelingt die Rettung. Im Fall von Timo war es damit aber nicht getan. Die Tierärztin, ihr Ehemann und ein weiterer Helfer bekamen Post vom schleswig-holsteinischen Landesbetrieb für Küsten, Nationalparks und Meeresschutz (LKN): Bußgeldbescheide über 328,50 bis 478,50 Euro wegen Jagdwilderei. Das Robben-Retten ist nämlich illegal. Seehunde fallen unter das Jagdrecht. Jedes gestrandete Tier ist ein Fall für den „Jagdausübungsberechtigten“ und niemanden sonst. Das sind die rund 40 Seehundjäger:innen an Schleswig-Holsteins Nordseeküste. In aller Regel heiße das, dass sich niemand kümmere oder das Tier erschossen werde, sagt Bahr-van Gemmert.

Ihre Rettungsaktionen wurden bislang geduldet. Kranke Seehunde muss sie binnen 24 Stunden in der Seehundstation Friedrichskoog in Dithmarschen abliefern. Sind die Tiere zu schwach für die dreistündige Fahrt, verstreicht diese Frist schon mal. Bei Timo drückte das LKN dann kein Auge mehr zu. Gegen das Bußgeld legten die drei vermeintlichen Wilder:innen Einspruch ein und die Sache ging vors Amtsgericht Husum. Dort wurde die Tierärztin Ende März freigesprochen, die Verfahren gegen die beiden Männer laufen noch.

Dieser Seehund strandete Anfang April auf der Nachbarinsel Amrum – und starb nach zwei Tagen. privat
Dieser Seehund strandete Anfang April auf der Nachbarinsel Amrum – und starb nach zwei Tagen. © Privat

Tierschutz auf der Nordseeinsel Föhr: Zuständigkeit von Seehund-Jäger:innen wird zum Ärgernis

Bahr-van Gemmert, die sich auch in der Tierschutzpartei engagiert, reicht dieser Freispruch nicht. Sie will „das System ändern“: Tierärztinnen und -ärzte sollen gestrandete Meeressäuger untersuchen müssen, bevor ein Seehundjäger am Drücker ist. Diese seien durch die üblichen vierstündigen Fortbildungsseminare gar nicht qualifiziert für die Begutachtung von Heulern oder kranken Robben. Seit Jahren gibt es diese Forderung und entsprechende Petitionen.

Dagegen verteidigt die Bundesregierung die Rechtslage, wonach die Seehundjäger:innen (in Niedersachsen heißen sie Wattenjagdaufseher:innen) entscheiden über Auffangstation oder Tötung. In der Antwort auf eine kleine Anfrage der AfD-Fraktion hieß es im November 2020, die Fundorte der Tiere seien oft so abgelegen, dass der schnelle Einsatz von Tierärzt:innen unmöglich sei. „Die Entscheidung und damit die Leidenszeit würden so unnötig verlängert.“ Auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) lobte als schleswig-holsteinischer Umweltminister 2016 die Seehundjäger:innen. Dass sie einen guten Job machten, werde durch die Kontrolluntersuchungen von Kadavern an der Tierärztlichen Hochschule Hannover bestätigt.

Streit an der Nordsee: Tierschützer:innen wehren sich gegen alte Regeln der Seehundjagd

Die Seehundjagd ist alt. Sie war ein Gewohnheitsrecht der Küstenfischer, um sich Konkurrenz um die Fische vom Leib zu halten. Außerdem ließen sich Fell, Fleisch und Tran verkaufen. Als im 19. Jahrhundert der Tourismus aufkam, wurde die Jagd zum blutigen Zeitvertreib mancher Gäste – und zum lukrativen Nebenverdienst der Fischerinnen und Fischer. Die Tiere standen vor der Ausrottung, als die Jagd erst eingeschränkt und 1974 schließlich eingestellt wurde. Seitdem haben Seehunde das ganze Jahr Schonzeit. Seehundjäger:innen rücken nur noch aus, wenn es um ein hilfloses Tier geht.

In Schleswig-Holstein war das im Jahr 2020 laut Umweltministerium rund 2300 Mal der Fall. Etwa 1600 Tiere wurden tot geborgen, 441 erschossen, 188 nach Friedrichskoog gebracht, 70 Tieren fehlte nichts. Friedrichskoog ist die einzige vom Land autorisierte Auffangstation in Schleswig-Holstein, das Land Niedersachsen betreibt seine in Norddeich.

Nordsee als Lebensraum für Seehunde: 40.000 Tiere zwischen niederländischer und dänischer Küste

Zwischen den Niederlanden und Dänemark leben heute rund 40.000 Seehunde – so viele wie um das Jahr 1900. Von Staupe- und Influenza-Ausbrüchen 1988, 2002 und 2014 erholte sich die Population. Kegelrobben, die in den 1970ern als ausgestorben galten, haben sich wieder angesiedelt; die größte Kolonie gibt es auf Helgoland.

Allerdings setzt den Tieren die Meeresverschmutzung zu. Robben stehen am Ende der Nahrungskette, deshalb reichern sich in ihnen Schadstoffe an und schwächen ihr Immunsystem. Vor allem Jungtiere sind oft von Lungenwürmern befallen – in dieser Einschätzung sind sich Tierschützende wie Janine Bahr-van Gemmert mit dem Deutschen Jagdverband und dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) einig. Was indes zu tun ist, darüber wird gestritten. Hier trennt die Beteiligten von Natur- und Tierschutz ein tiefer Graben.

Wurmbefall ließe sich in wenigen Tagen kurieren, sagt die Tierärztin. Den Seehunden, die oft in erbärmlichem Zustand gefunden würden, könne gut geholfen werden. Doch stattdessen würden von den Jäger:innen „zu viele ohne Not getötet“, was sie unbegreiflich findet: „Wie kann man da draufschießen? Die Natur hat ihnen nicht umsonst das Kindchenschema gegeben!“

Diskussion um Seehundretter – Nabu: Seehundjäger:innen sind nicht „schießwütig“

Ingo Ludwichowski vom Nabu Schleswig-Holstein weiß, dass er sich keine Freunde macht, wie er sagt. Und für Tierschützerinnen und Tierschützer sei es „emotional extrem schwer zu begreifen“. Aber ihm als Naturschützer gehe nicht um Kuschelfell und Kulleraugen, um Kurt, Christa oder Timo. Ihn interessiere der Bestand: „So lange der in Ordnung ist, wie derzeit trotz Staupe und Influenza, welchen Sinn hat es da, Jungtiere mit höchstem Aufwand zu retten? Wobei das auf den Bestand keinerlei Auswirkung hat?“

Ob das Erschießen kranker Seehunde notwendig sei, dazu will er sich nicht äußern. Aber schießwütig seien die Jäger:innen nicht. „Außerdem wissen die sehr genau, dass sie im Fokus der Öffentlichkeit stehen.“ Der Blick auf „niedliche Kleintiere“ lenke vom Kernproblem ab: „Es geht um den Zustand der Meere. Weniger Abfall- und Nährstoffe, weniger Stellnetze, anderen Fisch kaufen – das sind die wichtigen Forderungen. Auch für Seehunde und Kegelrobben.“

Was für Janine Bahr-van Gemmert nichts an ihrem Selbstverständnis ändert, jedem Tier zu helfen und dafür rund um die Uhr erreichbar zu sein. Sie ist sicher, dass viele Kolleginnen und Kollegen das genau so sehen: „Die halten sich aber zurück, weil sie sehen, was für einen Ärger ich habe.“ (Elisabeth Elling)

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