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Größer, schwerer, aus und vorbei: Um die Figuren zu transportieren, fällten die Menschen auf der Osterinsel auch den letzten Baum. getty
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Größer, schwerer, aus und vorbei: Um die Figuren zu transportieren, fällten die Menschen auf der Osterinsel auch den letzten Baum. getty

Geschichte

Osterinseln: Die Legende als Lehrstück

  • VonBrüggemann
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Die monumentalen Steinköpfe sind nicht nur das Wahrzeichen der Osterinsel – sie sind auch stumme Zeugen der alten Geschichte von der Menschheit, die sich selbst ihre Lebensgrundlage entzieht

Die Weltgeschichte ist voll mit Beispielen von Kulturen, die aufstiegen und untergingen. Das Beispiel des Untergangs der Kultur auf der Osterinsel sollte uns Menschen sehr nachdenklich stimmen: Sie erlitt spätestens ab dem 15. Jahrhundert einen radikalen Niedergang. Ihre Bevölkerung reduzierte sich innerhalb von nur 100 Jahren auf ein Fünftel.

Jared Diamond, Geografieprofessor und Autor zahlreicher Bücher, hat sich in seinem 2006 veröffentlichten Buch „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ damit intensiv beschäftigt. Für ihn liegt der Grund für den Zusammenbruch der Kultur der Osterinsel darin, dass ihre Einwohner alle Bäume auf der Insel gefällt hatten. Ohne Bäume konnten sie keine Fischerboote mehr bauen. Wegen der gefällten Bäume erodierte zudem der Boden. Weil sich die Krise immer weiter verschlimmerte, gab es interne Kriege. In religiöser Übersteigerung wurden immer größere Statuen, die Moai, aufgestellt und deshalb noch mehr Bäume gefällt, die dazu dienten, die Statuen zu bewegen.

Ab dem Ende des 17., spätestens in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, werden die Kultplattformen durch die Insulaner selbst systematisch zerstört und die Statuen umgeworfen. Es kommt zu einem völligen Verfall der tradierten, auf der Ahnenverehrung fußenden Kultur – so ist es bei Wikipedia unter Einbeziehung zahlreicher Quellen nachzulesen.

Letztendlich haben die Bewohner der Osterinsel ihre Rohstoffe ungefähr ab dem 13. Jahrhundert massiv ausgebeutet, zudem ihre Ökosysteme zerstört und damit ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Durch die Überbevölkerung und Abholzung der Wälder wurde diese Fehlentwicklung maßgeblich eingeleitet.

Dazu bemerkte der französische Fotograf, Journalist, Reporter und engagierte Umweltschützer Yann Arthus-Bertrand bereits 2009 in seinem aufrüttelnden Film „Home“: „Das wirkliche Mysterium der Osterinsel ist nicht, wie diese seltsamen Statuen entstanden, sondern weshalb diese Gesellschaft nicht rechtzeitig reagierte. So endete sie in sozialen Unruhen, Aufständen und Hungersnöten. Nur wenige Überlebende entkamen dieser Katastrophe. Gehen wir einem ähnlichen Schicksal entgegen? Warum ziehen wir keine Lehren aus unserer Geschichte?“

Jared Diamond hat in seinem Buch weitere Kulturen analysiert. So etwa die Maya und Babylonier, die ihre Böden auslaugten, oder die Wikinger auf Grönland, die sich nicht an die Abkühlung anpassen konnten. Diese und weitere Kulturen brachen immer aufgrund von ökologischen Krisen oder klimatischen Veränderungen zusammen. Durch die Veränderungen auf der Erde aufgrund der vielfältigen menschlichen Eingriffe und ökologischen Zerstörungen im Anthropozän gibt es nun acht Megatrends (siehe Infobox), die zur Gefährdung der Zukunftsfähigkeit der Weltgesellschaft beitragen. Jeder einzelne Megatrend zeigt Tendenzen, sich weiter negativ zu verstärken.

Die Statuen und die megatrends

Die Steinstatuen der Osterinsel werden „Moai“ genannt, genauer: „Rapanui Moai Maea“, was so viel heißt wie steinerne Figur. Sie sind laut Wikipedia „Bestandteil größerer Zeremonial-anlagen, wie sie ähnlich auch aus anderen Bereichen der polynesischen Kultur bekannt sind“. Wie alt die Figuren sind, darüber stritten die Fachleute lange. Inzwischen scheint sicher, dass sie keinesfalls älter als 1500 Jahre sind. Es soll auf der Insel mehr als 1000 dieser Figuren gegeben haben.

Werner Mittelstaedt beschreibt in seinem Buch acht Megatrends, „die zur Gefährdung der Zukunftsfähigkeit der Weltgesellschaft beitragen“:
1. Megatrend: Der durch Menschen verursachte Klimawandel.
2. Megatrend: Das sechste große Massenaussterben.
3. Megatrend: Starkes Bevölkerungswachstum und der damit einhergehende Naturverbrauch.
4. Megatrend: Ungebremster Verbrauch an erneuerbaren und nicht erneuerbaren Ressourcen.
5. Megatrend: Bodendegradation und Flächenverbrauch.
6. Megatrend: Abnahme der Biodiversität und die Überlastung der Biokapazität der Erde.
7. Megatrend: Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich.
8. Megatrend: Weltweite Militärausgaben und die Produktion von CBRN-Waffen (chemisch, biologisch, radiologisch und nuklear).

Jeder Megatrend kann laut Mittelstaedt „durch das Eintreten von ‚Wild Cards‘ oder sogenannten ‚Schwarzen Schwänen‘ Änderungen erfahren und theoretisch auch eine völlig andere Richtung nehmen“. Aber die Aussage über die Entwicklung der Weltgesellschaft und ihres Lebensraumes wird mit großer Wahrscheinlichkeit bleiben. Deshalb, betont Mittelstaedt, „ist jeder Tag, der nicht dazu beiträgt, die acht Megatrends abzuschwächen, ein verlorener Tag, der zur Verminderung der Zukunftsfähigkeit der Weltgesellschaft beiträgt“. Hingegen sei „jede Aktivität, die auf irgendeine Weise dazu beiträgt, reale Nachhaltigkeit und die globale nachhaltige Entwicklung voranzutreiben, (...) von unschätzbarem Wert“. FR

Der hier abgedruckte Text ist ein gekürztes und bearbeitetes Kapitel aus Mittelstaedts Buch „Anthropozän und Nachhaltigkeit“. FR

Wenn die Weltgesellschaft oder zumindest die meisten Länder des Nordens nicht rasch handeln, um diese Megatrends zumindest abzuschwächen oder bestenfalls total aufzulösen, steuert die globale Zivilisation auf eine unlösbare Megakrise zu. Diese könnte praktisch zum Untergang der globalen Zivilisation führen und nicht, wie bei der Osterinsel, den Maya, Babyloniern oder Wikingern den Untergang von nur jeweils einer Kultur bedeuten.

Das hat tiefgreifende Gründe. Die Megakrise ist eine Häufung von Krisen und Katastrophen für die Weltgesellschaft, die auch unter Einsatz klugen Handelns und größter Disziplin der meisten Menschen nicht mehr zu mildern oder zu lösen wäre. Bei einer Megakrise würde jeder der acht vorhandenen globalen, nicht nachhaltigen Megatrends ein kritisches Stadium erreichen, wo er sich selbst verstärkt. Was also beim globalen Klima durch sogenannte Kipp-Elemente droht, die auch als Kipp-Punkte (Tipping Points) bezeichnet werden, kann auch mit fast allen anderen globalen nicht nachhaltigen Megatrends auftreten – wenn auch in völlig anderen Erscheinungsformen. Wenn durch den bestehenden Klimawandel, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ein Tipping Point eintreten würde, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass in der Folge ein Domino-Effekt entsteht und weitere Tipping Points auftreten, die die Erderwärmung extrem erhöhen würden und für die es keine wirksamen Gegenmaßnahmen durch uns Menschen mehr gibt.

Einen hochaktuellen und ausführlichen Artikel über den Klimawandel und den Kipp-Elementen im globalen Klimasystem lieferte der Wissenschaftsjournalist Klaus Jacob 2019 im Wissenschaftsmagazin „bild der wissenschaft“. Eine Megakrise hätte eine stark sinkende Lebensqualität in allen Ländern aufgrund unbeherrschbarer ökologischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Katastrophen zur Folge. Sie würde zur dramatischen Dezimierung der Menschheit führen. Dies wäre der theoretische Zeitpunkt, an dem die Optionen für eine wünschenswerte Gestaltung des Lebens aller Menschen erloschen wären.

Wenn heute inflationär von der „Rettung der Welt“ gesprochen wird, dann ist damit die globale Zivilisation gemeint. Sie hat sich zu einer hochgradig vernetzten sowie nichtlinear wechselwirkenden und vielfältig untereinander abhängigen Weltgesellschaft formiert. Das sehen wir beispielsweise an den Börsen und Banken: Treten unerwartete Ereignisse irgendwo auf der Welt auf, so können sie große Auswirkungen auf die weltweiten Börsenkurse haben, Banken ruinieren und sogar eine Weltfinanzkrise auslösen, wie zuletzt im Jahr 2009. Die Coronavirus-Pandemie (Covid-19) beweist beispielslos, wie verletzlich und untereinander extrem abhängig die Weltgesellschaft geworden ist.

In der Weltgesellschaft von heute hat das Handeln einer Person, insbesondere wenn sie zu den oberen bis unteren Mittelschichten zählt oder sogar reich ist, Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse von Menschen, Tieren und Ökosystemen, die auch weit entfernt in anderen Kontinenten liegen können. Es sind Auswirkungen, die uns winzig klein und unbedeutsam erscheinen. Sie haben von der Summe der Gesamtheit allen menschlichen Handelns auf der Welt zwar einen extrem kleinen Anteil, aber es sind Auswirkungen, die, insbesondere wenn sie nicht nachhaltiges Handeln beinhalten, am Ende die Zukunft der globalen Zivilisation gefährden. Aufgrund der Vielzahl von Menschen durch die globale Bevölkerungszunahme spätestens seit dem Beginn der „großen Beschleunigung“ sind die Auswirkungen nicht nachhaltigen Handelns inzwischen schon lange messbar. Deshalb ist die Summe der Auswirkungen schon lange Zeit nicht mehr klein, sondern groß.

Die Herausforderung in der näheren Zukunft ist, dass wir Menschen unser Handeln an die Möglichkeiten der Biosphäre und Erdatmosphäre so anpassen, dass sie dadurch nicht geschädigt werden. Das wäre nachhaltiges Handeln. Die Weltgesellschaft benötigt dringend einen ganz großen Impuls zum Umsteuern. Deshalb könnte das Ausrufen des Anthropozäns als neues Erdzeitalter ein deutliches Zeichen setzen, dass die Weltgesellschaft aus den acht nicht nachhaltigen, zukunftsgefährdenden Megatrends lernt und entsprechend handelt und nicht – wie die Kultur der Osterinsel im 15. Jahrhundert – tatenlos auf den Untergang zusteuert.

Werner Mittelstaedt, Jahrgang 1954, ist Autor, Zukunftsforscher und Zukunftsphilosoph sowie Herausgeber der seit 1981 erscheinenden Zeitschrift „Blickpunkt Zukunft“

FR-Grafik
Werner Mittelstaedt: Anthropozän und Nachhaltigkeit. Peter Lang, Berlin et al,

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