_000_Mvd1316371_040820
+
Stoff, aus dem Legenden werden: Angehörige stellen am 27. August 2010 am Eingang der Mine chilenische Fahnen auf.

10 Jahre Minenunglück San José

Die Leere nach dem Drama

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
    schließen

Am 5. August 2010 werden in Chile 33 Bergleute in einem Stollen eingeschlossen. Drei Wochen später: das erste Lebenszeichen aus der Tiefe. Nach 69 Tagen werden schließlich alle Kumpel in einer spektakulären Aktion gerettet. Doch zehn Jahre später fühlen sich die Helden von damals vergessen und verraten

An dem schicksalhaften Tag war Luis Urzúa Schichtleiter in der Mine San José. Er hatte 32 Mann unter sich, als am 5. August 2010 gegen 14.30 Uhr der Stollen in dem Gold- und Kupferbergwerk in der nordchilenischen Atacama-Wüste einstürzte und die Grubenarbeiter verschüttete. „Wir dachten am Anfang, dass es kein Entrinnen aus der Falle gibt, vor allem die vielen jungen Kollegen gerieten in Panik“, erinnert sich Urzúa fast zehn Jahre nach dem Unglück.“ Der Schichtleiter, damals 54 Jahre, hatte einiges an Erfahrung als Bergmann: „Aber die ersten Momente waren chaotisch, niemand wusste, was zu tun war.“

Wie fast alle der Mineros ließ Luis Urzúa den Bergbau nach der erfolgreichen Rettung 69 Tage später hinter sich. Er hält heute Reden, gibt Motivationskurse, erzählt den Menschen von den Erfahrungen damals. Schließlich war er einer der mental Stärksten unter den 33. Luis Urzúa war der Letzte, der am 13. Oktober um 21.55 Uhr in der Fénix-2-Rettungskapsel nach oben gezogen wurde. Und er war der Erste, der damals sprach.

Im Phönix aus der Tiefe: Schichtführer Luis Urzúa reckt die Faust in die Höhe. Wenige Minuten zuvor war er am 13. Oktober als Letzter aus dem Stollen geholt worden. afp

Nach der Rettung wollten die meisten der Kumpel nichts mehr mit Bergwerken zu tun haben, andere ließ man nicht mehr. „Wir 33 galten bei vielen Minenbetreibern nach dem Unfall als nicht vermittelbar, als Männer mit psychologischen Problemen“, erinnert sich Osman Araya im Gespräch.

Mehr als zwei Monate in Dunkelheit und Hitze in fast 700 Metern Tiefe haben die Männer und auch ihre Familien für immer geprägt. Allein die finale Rettungsaktion dauerte 22 Stunden und 37 Minuten. Die Wochen zuvor erhielten die Minenarbeiter per Sonde ihre Nahrung und auch die Betreuung eines Psychologen und den emotionalen Zuspruch der Familie. Parallel dazu brüteten Ingenieure darüber, wie man die Eingeschlossenen herausholen könnte. Je länger die Männer tief in der Erde um ihr Leben bangten, desto mehr nahm die Welt Anteil an ihrem Schicksal im abgelegenen Winkel Südamerikas.

„Sie wurden wie im Zoo vorgeführt“

Aber zehn Jahre später erinnern sich nur noch wenige an die 33. Der Ruhm ist verblasst, die Männer fühlen sich von Politikern und Journalisten ausgenutzt, von Filmproduzenten über den Tisch gezogen: „Wir waren nur die kleinen dummen Mineros damals“, ärgert sich Osman Araya. „Das große Geschäft mit uns haben andere gemacht.“ Etwa Hollywood, das 2015 den Film „69 Tage Hoffnung“ („The 33“ im Original) mit Antonio Banderas und Juliette Binoche herausbrachte. Von den Einnahmen haben die Mineros so gut wie nichts gesehen.

Bild der Zuversicht: Dieses Foto entstand am 17. September 2010, also etwa vier Wochen nachdem das erste Lebenszeichen der 33 Mineros an die Oberfläche gekommen war.

Die 33 verstehen bis heute nicht, wie sie erst so rumgereicht und dann so vergessen werden konnten: „Berühmt waren sie nie wirklich“, urteilt der Psychologe Alberto Iturra. Er betreute die Männer während der langen Wochen des Wartens auf Rettung. „Sie wurden wie im Zoo vorgeführt. Es war eine Art journalistisches Stalking“, sagt Iturra im Gespräch.

Chronologie

Am 5. August 2010 gegen 14 Uhr stürzt in dem Gold- und Kupferbergwerk San José in der nordchilenischen Atacama-Wüste in knapp 700 Meter Tiefe ein Stollen ein. Zu dieser Zeit befinden sich 33 Grubenarbeiter unter Tage. Schon kurz nach dem Einsturz läuft die Bergung über den Wetterschacht der Grube an, muss aber wegen erneuter Felsbrüche abgebrochen werden. Parallel dazu werden die ersten Bohrer in Position gebracht, um einen der Schutzräume oder eine in 400 Metern Tiefe gelegene Werkstatt zu erreichen. 17 Tage später, am frühen Morgen des 22. August, bemerkt ein Arbeiter an einer der Bohrmaschinen, dass sein Bohrer auf keinen Widerstand stößt. Daraufhin werden sämtliche Maschinen abgestellt. Als dann am oberen Ende drei Mal auf das Bohrgestänge geschlagen wird, kommt die Antwort aus der Tiefe umgehend. Der Bohrtrupp beschließt, das 688 Meter lange Gestänge aus dem Schacht zu ziehen. Am unteren Ende finden die Arbeiter eine mit Klebeband fixierte Tüte, darin der berühmte Zettel, auf den mit rotem Filzstift die Worte „Estamos bien en el refugio los 33“ (Uns geht es gut, alle 33 sind wir im Schutzraum) geschrieben sind. Das erste Lebenszeichen von Schichtleiter Luis Urzúa und seinen 32 Kollegen. Am 13. Oktober 2010 kurz nach Mitternacht beginnt schließlich die Bergung der Mineros. Um 21.55 Uhr wird Schichtleiter Luis Urzúa als letzter der Kumpel in der Fénix-2-Rettungskapsel nach oben gezogen. Die finale Rettungsaktion dauert insgesamt 22 Stunden und 37 Minuten. Nach ihrer Rettung berichteten die Bergarbeiter, dass es vor allem Luis Urzúa zu verdanken sei, dass sie 69 Tage im Stollen überleben konnten. Urzúa verteilte Aufgaben und rationierte die Nahrungsmittelvorräte. Nachdem die Rettungsbohrungen den Stollen erreicht hatten, waren die 33 Männer in die Rettungsaktion eingebunden: Sie transportierten Schutt ab oder sicherten umliegende Stollen, damit diese nicht einstürzten. boh

Tatsächlich war der Fall der 33 Mineros von San José ein globales Medienthema mit Live-Schalten, langen Reportagen, Magazin- und Personality-Storys. 69 Tage lang interessierte jeden das Schicksal der Bergmänner, die da am Ende der Welt in einem Stollen in 688 Meter Tiefe eingeschlossen waren.

Denn die Geschichte rührte die Herzen der Welt spätestens nach dem 22. August. An diesem Sonntag lokalisierte eine Sonde die Eingeschlossenen. 17 Tage lang hatte es von Luis Urzúa und seinen Kollegen kein Lebenszeichen gegeben. Aber dann gingen Bilder staubiger und erschöpfter, aber glücklicher Gesichter, die in eine kleine Kamera schauten, um die Welt. „Heute weint ganz Chile vor Freude“, sagte damals Chiles Präsident Sebastián Piñera. Dabei hielt er einen kleinen, mit rotem Filzstift geschriebenen Zettel in die Kameras, auf dem stand: „Uns geht es gut, alle 33 sind wir im Schutzraum“.

Die Rettung

Gut war relativ – bei 35 Grad, 98 Prozent Luftfeuchtigkeit und phasenweise totaler Dunkelheit. Am 13. Oktober dann, kurz nach Mitternacht, wurde der erste Minero mit der Rettungskapsel zurück ins Leben geholt. Das Fernsehen übertrug live. Fast 24 Stunden später war das Wunder der komplexesten Rettung in der Geschichte des Bergbaus vollbracht.

In der Gefangenschaft des Berges verschworen sich die Männer zwischen 19 und 63 Jahren zu einer Notgemeinschaft, die nur ein Ziel kannte: Überleben bis zum Tag der Befreiung. „Sie waren aber nie Freunde“, erinnert sich Psychologe Alberto Iturra. „Die 33 waren verschieden alt, kamen aus unterschiedlichen Regionen des Landes, hatten nicht die gleichen Hintergründe“.

Und so seien die 33 auch „heute sehr distanziert“, weiß Iturra, der damals jeden Tag mit den Männern sprach, sie ermunterte und heute noch zu einigen Kontakt hält. „Alle eint die unendliche Dankbarkeit, dass sie überlebt haben.“ Aber als das Medieninteresse nach einem Jahr einschlief, die Reisen nach Madrid, Manchester, Israel und Disneyworld hinter ihnen lagen, ging jeder seinen Weg. „Manche kamen besser, andere schlechter durch den Alltag.“ Manch einer war mehr als ein Jahr krankgeschrieben. Viele machten Therapie. Fast alle versuchten zu vergessen – oder zu verdrängen. Schließlich mussten sie wieder arbeiten, um ihre Familien zu ernähren.

Die einen arbeiten heute als Mechaniker, andere als Fahrer, einer ist bei der Bergbaubehörde angestellt. Claudio Yáñez ist einer derer, die wieder im Bergbau malochen. Der 44-Jährige war damals in San José unter Tage als Hauer beschäftigt. „Aber nun arbeite ich über Tage und warte Maschinen.“ Die Alpträume lägen hinter ihm, erzählt Yáñez. „Nur manchmal, wenn mich Kollegen nach damals fragen und ich mich erinnere, dann kommen die traurigen Momente zurück.“

Leerfahrt: Im Beisein von Chiles Präsident Sebastián Piñera (4. v. re.) startet am 12. Oktober 2010 der Probelauf der Rettungskapsel.

Geblieben ist auch der Frust darüber, dass sich nach Empfinden der 33 alle an dem Unglück bereichert haben, außer sie selbst. „Wir haben lauter Verträge unterschrieben, die meisten in Englisch, das wir nicht sprechen, aber bekommen haben wir nichts“, sagt Yáñez. Dabei hatten die Männer nach der Rettung, dem Medieninteresse und vielen Einflüsterern davon geträumt, im Handumdrehen reich zu werden.

Dankbar sind alle 33 nur dem chilenischen Milliardär Leonardo Farkas. Er schenkte damals jedem Minero umgerechnet 10 000 Dollar. „Farkas ist der einzige, der für uns was getan hat“, sagt Yáñez.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare