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Protest in Manhattan unter dem Motto „Make Amazon Pay“: Das Foto der Aktion vor dem Haus, in dem Amazon-Chef Jeff Bezos lebt, stammt vom vorigen Freitag.
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Protest in Manhattan unter dem Motto „Make Amazon Pay“: Das Foto der Aktion vor dem Haus, in dem Amazon-Chef Jeff Bezos lebt, stammt vom vorigen Freitag.

Online-Handel

Die Krise als Geschenk

Mag sein, dass am „Black Friday“ die Innenstädte voll waren – die Gewinner der Pandemie sind die Onlinehändler, allen voran Amazon. Wie dessen Gründer Jeff Bezos in Corona-Zeiten agiert, damit befasst sich Johannes Bröckers in seinem neuen Buch. Ein Auszug.

Ich bin in den letzten Wochen tatsächlich ein paar Mal gefragt worden, ob es für mich persönlich – von wegen „Schnauze, Alexa!“ – denn nicht besonders ärgerlich sei, dass nun ausgerechnet Amazon und mein Spezialfreund Jeff Bezos zu den großen Corona-Krisengewinnern zählen. Ärgern ist dafür kein Ausdruck und ein eher schwacher Begriff. Was, bitte schön, soll man von einem Menschen halten, der sein Unternehmen, das gerade seinen 25. Geburtstag gefeiert hat, ursprünglich mal Relentless nennen wollte: also erbarmungs- oder gnadenlos. Das sagt so einiges über Bezos und beschreibt im Kern die Unternehmensphilosophie von Amazon: Gnadenlos gegenüber dem Wettbewerb, gnadenlos zu den eigenen Mitarbeitern und letztlich auch erbarmungslos in Bezug auf uns Konsumenten, selbst wenn für Amazon laut Selbstaussage die Kundenzufriedenheit an erster Stelle steht. (...)

Warum es nicht ausreicht, sich bloß zu ärgern, können die folgenden Zahlen verdeutlichen: Eine kürzlich von Americans for Tax Fairness und dem Institute for Policy Studies vorgelegte Studie hat die Vermögenszuwächse von Amerikas Milliardären während des Corona-Lockdowns untersucht. Danach konnte sich Amerikas Geldelite von Mitte März bis Mitte Mai 2020 über einen Vermögenszuwachs von 434 Milliarden Dollar freuen.

Alleine die Top Five machten ein Plus von 75,5 Milliarden Dollar und natürlich steht auch in diesem Ranking Jeff Bezos auf Platz eins (vor Bill Gates und Mark Zuckerberg) – mit einem Vermögenszuwachs von 35 Milliarden. Von Mitte März bis Anfang Juli verzeichnete das Unternehmen Amazon einen Wertzuwachs von 702 Milliarden Dollar. Und stimmen die Berechnungen von Comparisun, dann könnte Bezos schon 2026 der erste Billionär der Menschheitsgeschichte werden: 1 000 000 000 000 Dollar – so viel haben 2013 ungefähr alle Arbeitnehmer in Deutschland zusammen verdient. Ärgerlich? Nein, obszön! Denn während Bezos & Co. sich ihre Taschen mit für Normalsterbliche absurden Summen vollstopften, starben in den USA zur gleichen Zeit Zehntausende am Virus, mehr als 30 Millionen Amerikaner verloren ihren Job und den meisten von ihnen wird in den kommenden Wochen eine Räumungsklage wegen nicht bezahlter Mieten oder Kredite ins Haus flattern. (...)

Für Amazon war Corona ein Geschenk. Während wir uns auf Kontaktsperren, Abstandsregeln und Maskenpflicht einließen und die Beschneidung unserer Grundrechte akzeptierten, um uns vor einem bislang unbekannten Virus in der Außenwelt zu schützen, wurden wir in unseren Wohnungen und unserem Homeoffice zur idealen Angriffsfläche für das Amazon-Virus, das während des Lockdowns, und weil der stationäre Handel weltweit seine Läden dichtmachen musste, ungehindert Tausende neuer Kunden infizierte. Im ersten Quartal 2020 verzeichnete Amazon Einnahmen in Höhe von 75,5 Milliarden Dollar, 15,8 Milliarden Dollar mehr als im gleichen Quartal des Vorjahres. Die Umsätze stiegen in Nordamerika um 29 Prozent und international um 18 Prozent. Für Abo-Dienste wie Amazon Prime steigerten sich die Umsätze im gleichen Zeitraum um 28 Prozent.

Im zweiten Quartal 2020 explodierte der Umsatz, verglichen mit dem Vorjahreswert, dann um 40 Prozent auf 88,9 Milliarden Dollar. Anhand dieser Zahlen muss man das Amazon-Virus also als äußerst aggressiv klassifizieren und kann von einer entsprechend hohen Zahl an Amazon-Neuinfizierten ausgehen. Das Problem: Auch gegen das Amazon-Virus gibt es bisher keinen Impfstoff und es sind noch nicht mal ansatzweise Schutzmaßnahmen in Sicht, die uns vor einer weiteren Amazonisierung unseres Lebens schützen könnten. Das heißt, es wird sich völlig ungehindert weiter ausbreiten und bei sehr vielen Menschen hartnäckig festsetzen, die nie wieder den Weg in den klassischen stationären Handel zurückfinden werden.

Na und, werden Sie vielleicht jetzt denken, ohne Amazon hätten wir doch die Ladenschließungen gar nicht überstanden. Mag sein, obwohl ich persönlich den Lockdown auch ohne Jeff und ohne einen einzigen Online-Einkauf überlebt habe. Der Lockdown hat jedenfalls auch erstmals deutlich sichtbar werden lassen, wie gefährlich es werden kann, wenn ein einzelnes Unternehmen über eine monopolartige Marktmacht verfügt. Nach Gutsherrenart entschied nämlich plötzlich Amazon, welche Artikel in der Krise relevant sind und welche nicht. Klopapier, Hygieneartikel und Headsets fürs Homeoffice waren krisenrelvant, Bücher aber zum Beispiel nicht. Und wenn Jeff den Daumen senkt, kann man da leider nichts machen. Also wurden die Lieferzeiten für gedruckten Lesestoff einfach auf bis zu vier Wochen nach hinten verschoben, was einem Verkaufsverbot gleichkommt. Deshalb vermutete der Literaturagent Thomas Montasser, dass Amazon die Krise nutze, um die eigenen eBooks im Kindle-Shop beim Kunden populärer zu machen. Ganz sicher nicht zu Unrecht. Schon vor einigen Jahren konfrontierte Bezos amerikanische Verlegerinnen und Verleger mit der Kampfansage, dass „Amazon Verlegern derart begegnen sollte, wie ein Gepard eine kranke Gazelle verfolgt“. Raubtierkapitalismus im Wortsinn von einem Mann, der sein Imperium auf dem Verkauf von Büchern aufgebaut hat. Sentimentalitäten aber sind Jeff Bezos fremd. Für ihn ist jeder Tag day one, seine Philosophie heißt relentless und sein Ziel ist maximum profit.

Auch die Marktplatzhändler bekamen während der Krise Amazons Monopolmacht zu spüren. Händlern, die auch die Amazon-Logistik für ihren Vertrieb nutzen, diktierte Amazon, wann ihre Waren angeliefert werden durften, oder verweigerte schlicht die Lagerung. Zur Geschäftstradition von Amazon gehört es außerdem seit jeher, den Marketplace als kostenloses Forschungs- und Entwicklungslabor zu nutzen. Erfolgsprodukte anderer Händler kopiert Amazon, lässt sie in China zum Billigpreis produzieren und priorisiert sie dann im Prime-Versand und auf den besten Verkaufsplätzen. So zerstört man Mitbewerber.

Und genau wegen solcher Vorwürfe sollten im Juli 2020 Sundar Pichai (Alphabet/Google), Mark Zuckerberg (Facebook), Tim Cook (Apple) und Jeff Bezos (Amazon) bei einer Anhörung vor dem US-Kongress Rede und Antwort stehen. Doch weil sich Demokraten und Republikaner lieber in Wahlkampfgezänk verstrickten, geriet diese Anhörung genauso zur Farce, wie 2018 die Vorladung von Mark Zuckerberg vor das EU-Parlament. Auch damals konnte man den Eindruck gewinnen, dass Selfies mit dem Facebook-Chef wichtiger waren, als dem Typ wegen seines freizügigen Umgangs mit Nutzerdaten mal richtig auf den Zahn zu fühlen. Aktuell soll ja das Bundeskartellamt dem Vorwurf nachgehen, dass Amazon während der Corona-Pandemie eine marktbeherrschende Stellung missbraucht hat. Echt jetzt? „Wir untersuchen derzeit, ob und wie Amazon die Preissetzung der Händler auf dem Marketplace beeinflusst“, wird jedenfalls Amtspräsident Andreas Mundt in der FAZ zitiert. „Andererseits“, so der Behördenchef weiter, „haben wir eine Marktbeherrschung bisher nicht formell festgestellt.“ Klingt eher nach zahnlosem Bürotiger.

Angesichts dieser Zahlen und Zustände war ja mein erster radikaler Gedanke: Okay, wenn das alles so krass ist, dann belegen wir Amazon zunächst mal mit zwei Monaten Verkaufsverbot. Als Unterstützung für den stationären Einzelhandel. Das wäre doch ein fairer und politisch korrekter Vorschlag. Sie schütteln den Kopf? Na klar, für wirtschaftsromantische Vorschläge wie diesen ist in den wenigsten Köpfen Platz. Andererseits haben wir in diesen Pandemiezeiten aus Vernunftsgründen ja so manche Regeln akzeptiert, die für uns zuvor undenkbar waren.

Fest steht: Wir sollten uns sehr ernsthaft überlegen, ob es wirklich eine gute Idee ist, einfach tatenlos zuzuschauen, wie Amazon seine Marktmacht weiter ausbaut, um in absehbarer Zukunft unser Alleinverkäufer zu werden. „Außer für die an einer Hand abzählbaren Digitalkonzerne wird die digitale Ökonomie – so wie wir uns bisher von digitalen Technologien haben treiben lassen – für den Rest der Welt weder mit Wachstum noch mit Wohlstand verbunden sein, sondern für Verluste in mehrere Richtungen sorgen. Das soziale, das kulturelle und auch das wirtschaftliche Leben werden mit und nach den Eingriffen der digitalen Konzerne ärmer sein. Wir können und sollten uns dieser Eingriffe deutlich erwehren“, warnt zum Beispiel Digitalisierungskritikerin Marie-Luise Wolff. Und laut einer Prognose des Handelsverbandes Deutschland ist davon auszugehen, dass in Deutschland rund 50 000 Einzelhändler ihre Geschäfte in Folge der Corona-Krise aufgeben müssen. Und an diesen Läden hängen Arbeitsplätze, verringerte Steuereinnahmen für die Kommunen und eine Verödung unserer Innenstädte.

Zum Bezos-Imperium gehören neben der Online-Plattform samt Marketplace mittlerweile Dutzende von Marken und mehr als 40 Tochterunternehmen wie Audible, Kindle, AmazonFresh, Amazon Prime Video und natürlich die stetig wachsende Alexa-Familie. Die Amazon Web Services (AWS) – auch hier dominiert Amazon den globalen Markt – machten 2019 einen Umsatz von 35 Milliarden Dollar. (...) Mit diesem Firmengeflecht hat sich Bezos ein geniales wie gnadenloses System aufgebaut, das über Quersubventionierung funktioniert. Verluste in einzelnen Sparten werden mit den Gewinnen der anderen Töchter ausgeglichen und subventioniert. Vor allem in seinem Online-Kaufhaus drückt Amazon so die Preise, um mögliche Wettbewerber auszuschalten.

Zudem gehört Amazon noch immer zu den ganz großen globalen Steuervermeidern. Eine Studie von Fair Tax Mark, die das Steuerverhalten der „Silicon Six“ (Amazon, Microsoft, Facebook, Google, Apple, Netflix) untersucht hat, kam zu dem Ergebnis, dass diese Unternehmen allein in den vergangenen zehn Jahren durch aggressive Steuervermeidung 100 Milliarden US-Dollar gespart haben. Durch die Verlagerung ihrer Gewinne in Steuerparadiese wie Luxemburg, Irland oder die Niederlande.

Das Buch:

Johannes Bröckers: Alexa, ich mach Schluss mit dir! Westend Verlag, 96 Seiten, 8,50 Euro.

Konkret heißt das: Wenn Luxemburg pro Jahr 0,4 Milliarden Dollar an zusätzlicher Körperschaftssteuer einnimmt, verlieren andere EU-Mitglieder jährlich zwölf Milliarden Dollar an Steuern. Wenn die Niederlande zwei Milliarden mehr kassieren, verlieren andere EU-Staaten zehn Milliarden. Die größten Verlierer bei diesem kranken Spiel sind Frankreich, Italien und Deutschland, das alleine rund 18 Milliarden Euro durch die Nutzung von Steuerschlupflöchern verliert. Wohlgemerkt – diese Steueroasen befinden sich nicht in der Südsee, sondern innerhalb der EU, die gerade eine erbärmliche Debatte um Hunderte Milliarden an Schulden für Corona-Hilfen und -Kredite führt.

Johannes Bröckers: Alexa, ich mach Schluss mit Dir!

Es dürfte also kaum verwundern, dass Amazon auch im Ranking der größten Steuervermeider unangefochten an der Spitze liegt. In den letzten zehn Jahren bezahlte Amazon in den USA Steuern auf seinen Gewinn in Höhe von 12,7 Prozent, im gleichen Zeitraum lag der durchschnittliche US-Steuersatz für Unternehmen bei 35 Prozent. Alex Cobham, Geschäftsführer des Tax Justice Network, kommt deshalb zu dem Schluss: „Dieser Bericht zeigt, warum wir eine grundlegende Neuprogrammierung des weltweiten Steueransatzes auf der Grundlage einer einheitlichen Besteuerung brauchen. Wenn multinationale Unternehmen ihre steuerliche Verantwortung gegenüber der Gesellschaft missbrauchen.“

Mir ist völlig schleierhaft, warum hier weder die EU noch die deutsche Politik entschieden und regulierend eingreifen. Ach ja, weder Kanzlerin Angela Merkel noch ihr Wirtschaftsminister Peter Altmaier oder Finanzminister Olaf Scholz hatten dafür wahrscheinlich genügend Zeit, weil sie lieber korrupte und inzwischen insolvente Unternehmen wie Wirecard im Ausland promotet haben.

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