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Mit einer Kneipe nach westlichen Vorstellugen haben die „Shebeens“ nichts gemeinsam.
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Mit einer Kneipe nach westlichen Vorstellugen haben die „Shebeens“ nichts gemeinsam.

„Shebeen Queens“

Die Königinnen der Townships

Julia Runge erzählt in einem Fotoband von den „Shebeen Queens“. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem illegalen Ausschank von Alkohol in den Armenvierteln von Namibia. Von Helen Hecker („Deine Korrespondentin“)

Es dauert eine Weile, bis sich die Augen an das schummrige Kerzenlicht im Inneren der Wellblechhütte gewöhnen. In der provisorischen Schänke im Herzen des Townships gibt es keinen Strom. Inmitten der bunten Fassaden wirkt der Eingang von außen wie ein schwarzes Loch. Die Einheimischen nennen eine solche Bar „Shebeen“ – ein Begriff, der sich vom irischen Wort sibín herleitet und der meist illegale Wohnzimmerkneipen meint, in denen alkoholische Getränke ohne Lizenz angeboten werden.

Dass eine „Shebeen“ nichts mit einer Kneipe nach westlichen Vorstellungen zu tun hat, erfuhr die deutsche Fotografin bereits bei ihrem ersten Besuch. Julia Runge war damals Anfang 20 und lebte seit zwei Jahren in Namibias Hauptstadt Windhoek. Dort fand sie den Mut, eine Karriere als Fotografin anzustreben. Das ist elf Jahre her. In der Zwischenzeit absolvierte die heute 30-Jährige ein Studium für Fotografie in Berlin. 2020 veröffentlichte sie einen Fotoband über die „Shebeen Queens“, für den sie die Bronzemedaille des Deutschen Fotobuchpreises erhielt.

Bevor sie das erste Mal eine „Shebeen“ betrat, war Runge skeptisch. „Als weiße westliche Frau ist es nicht üblich, sich alleine in den Townships aufzuhalten. An jenem Abend war ich jedoch mit einheimischen Freunden unterwegs“, erzählt die gebürtige Berlinerin. Da in den offiziellen Bars und Tankstellen in Namibia nach 19 Uhr kein Alkohol mehr verkauft werden darf, fuhren sie zu einer der illegalen „Shebeens“ im Windhoeker Stadtteil Katutura.

„In großen Messbechern wird dann der selbst gebraute Alkohol herumgereicht.“

Einen Tresen gäbe es in den wenigsten Wohnzimmerschänken, berichtet Runge. Stattdessen stehen in der Regel ein paar Plastikstühle im Raum verteilt und Kund:innen sitzen auf Bänken an der Wand. „In großen Messbechern wird dann der selbst gebraute Alkohol herumgereicht. Eine Art kollektiver Vertrauensbeweis.“ Das Erste, was der Deutschen beim Betreten der Bar auffiel, war eine Frau, die als Einzige in einer Gruppe von Männern in der Ecke saß. „Ich hatte damals noch nie etwas von den ‚Shebeen Queens‘ gehört, aber diese Frau umgab eine Aura, bei der man spürte, dass sie etwas zu sagen hatte.“

Im patriarchalisch geprägten Namibia ist es ein Tabu, dass eine Frau vor einem Mann das Wort erhebt. Umso überraschter war Runge, als jene majestätisch dreinblickende Frau ihren Freund:innen antwortete und einen Platz in der Bar anbot. „Gerade in den Townships war ich es gewöhnt, dass der Mann das Sagen hat.“ Die Würde und gleichzeitig mütterliche Herzlichkeit, die von der Hausherrin ausging, fiel Runge auch bei den über 60 anderen Barbesitzerinnen auf, die sie für ihre Reihe in sechs verschiedenen Städten Namibias portraitierte. Anfangs vermutete sie, dass die meisten Frauen ein schwieriges Standing haben: „Fast alle von ihnen sind alleinstehend und haben zumeist uneheliche Kinder. Zudem sind sie mit dem Verkauf von Alkohol in einem Business tätig, das negativ behaftet ist.“ Doch schnell entdeckte die Fotografin, dass die „Shebeen Queens“ in den Townships als feste Stützen der Gemeinschaft gelten. Viele Menschen kämen dorthin, um sich den Frauen anzuvertrauen oder etwas Warmes zu essen.

Corona in Namibia

Die Pandemie und die damit einhergehenden Beschränkungen treffen auch die „Shebeen Queens“ hart. Vielen fehlt mittlerweile das Geld, um Waren oder Zutaten für Bier zu besorgen, wie Julia Runge berichtet. Manche bieten gewöhnlich auch tagsüber Snacks an, was nun auch nicht mehr möglich sei. Zwei Frauen haben der Fotografin anvertraut, dass ihnen nichts anderes übrig bliebe, als sich zu prostituieren, um ihre Kinder zu ernähren. Einige der Frauen seien nicht einmal sicher, ob es Corona wirklich gibt oder die Regierung nur versuche, die ärmere Bevölkerung weiter an den Abgrund zu drängen.

Nach Angaben der Johns-Hopkins-University gibt es in Namibia seit Beginn der Pandemie rund 34.000 Infektionen bei rund 350 Todesfällen. Allerdings infizierte sich rund ein Drittel der Betroffenen erst im Dezember. Pro verkauftem Bildband gehen 4 Euro als Spende an die „Shebeen Queens“.

Eine Spendenmöglichkeit gibt es auch über den Verlag Palmato Publishing: IBAN DE73 2003 0300 0644 1840 00, Verwendungszweck „Shebeen Queens Spende“.

Das Buch: Julia Runge: Shebeen Queens. 104 Seiten, Palmato, 2020. 29,99 Euro.

Allein in Katutura in Windhoek gibt es rund 3200 „Shebeens“. Davon haben nur etwa 200 eine Ausschankgenehmigung. Die Ursprünge der improvisierten Schankwirtschaft reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Damals verkauften europäische Händler in der deutschen Kolonie importierten Alkohol an die ansässigen Volksgruppen. Infolgedessen erließen erst die deutsche Kolonialmacht und später die südafrikanische Verwaltung Gesetze, die die Einheimischen zwangen, sich in häusliche Schlupflöcher zurückzuziehen.

Dort waren es vor allem die Frauen, die begannen, Alkohol selbst herzustellen. So wurden die „Shebeens“ im Zuge des Apartheidregimes zu den einzigen Orten, an denen sich die Menschen frei austauschen konnten, politische Widerstandsbewegungen formierten und sich eine eigene Subkultur entwickelte.

Die Unternehmerinnen sind feste Stützen der Gemeinschaft in den Townships.

Alkoholmissbrauch, aufgrund der Armut ein großes Thema in Namibia, spielt keine signifikante Rolle in den illegalen Bars. „In den ‚Shebeens‘ darf kein Flaschenbier verkauft werden, sondern nur das tägliche Selbstgebraute, das mit gerade einmal 1,6 Prozent eher vergorenem Saft ähnelt. Grundsätzlich geht es also nicht um Besäufnisse, sondern um das gesellige Beisammensein“, sagt Runge.

Doch keine der Frauen, die Runge traf, betreibt eine „Shebeen“ aus purer Freude: Sie seien alle durch eine Notsituation dazu gekommen. Viele hätten ihren Lebensunterhalt vorher anders verdient. Vistolina Simion zum Beispiel arbeitete als Hausangestellte bei einer afrikanischen Familie, um sich mit dem Gehalt ihren Traum von einem Leben als Designerin zu verwirklichen. Allerdings wurde das schnell zum Alptraum. Beinahe täglich peitschte man sie mit einem Gürtel aus, sobald sie etwas falsch machte. Dies schädigte sie physisch so sehr, dass sie nicht mehr in der Lage war, sich um ihre Kinder zu kümmern und sie weggeben musste. Frauen im Rentenalter versuchen dagegen mithilfe einer „Shebeen“, ihre Familie zu ernähren, da es keine Unterstützung vom Staat gibt. Der Mindestlohn einer Hausangestellten liege in Namibia bei umgerechnet 150 Euro – eine Familie lasse sich damit nicht ernähren, so Runge. Mit einer „Shebeen“ würden die Frauen dagegen das Doppelte erwirtschaften und selbständig über das Geld verfügen.

Die wenigsten „Shebeen Queens“ haben einen Partner. „Sobald ein Mann ins Leben kommt, egal ob verheiratet oder nicht, ist er das Oberhaupt der Familie“, weiß Runge. Er habe das Sagen, selbst wenn die Frau sich um das Business kümmert. Viele bevorzugten daher, sich allein mit ihren Kindern durchzuschlagen und das Geld in Babybrei anstatt zum Beispiel in Alkohol zu investieren.

Aktuell belasten neue Präventionsgesetze, die im Zuge der Corona-Krise erlassen wurden, das Leben der „Shebeen Queens“. Ein von der Regierung verhängtes Alkoholverbot und strenge Kontrollen während der Lockdowns haben die Situation verschlimmert: „Fast täglich wurden Militärrazzien und Hausdurchsuchungen gemacht und mitunter alles konfisziert. Zudem sitzen ganze Familien auf engstem Raum in den kleinen Häusern und Wellblechhütten fest. Da gibt es kein Netflix oder Supermärkte im Umkreis von 100 Metern, die sie mit Passierschein erreichen können“, so Runge. Die einzige Hoffnung sei der überwältigende Überlebenswille der Frauen: „Keine von ihnen lässt sich entmutigen oder beklagt sich, sondern kämpft weiter. Dafür verdienen sie ohne Zweifel eine Krone.“

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