Auch die Anti-Mafia-Bewegung muss international agieren, sagt Garavini.
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Auch die Anti-Mafia-Bewegung muss international agieren, sagt Garavini.

Organisiertes Verbrechen

Die Furchtlose

  • vonMathilde Schwabeneder
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Jahrzehntelang war das organisierte Verbrechen in Italien Männersache – ebenso der Kampf dagegen. Inzwischen leistet eine neue Generation Frauen Widerstand gegen die Mafia. Eine von ihnen ist Laura Garavini.

Als sie am Morgen des 15. August 2007 aufwacht, schaltet Laura Garavini wie immer das Radio ein, um sich einen Überblick über die Nachrichtenlage zu verschaffen. Doch an diesem Mittwoch lässt sie sich etwas Zeit. Es ist Ferragosto, der Italiener liebster Feiertag. Und so döst sie noch ein wenig vor sich hin, als sie plötzlich eine Meldung aufhorchen lässt: „Bluttat am Duisburger Hauptbahnhof: Sechs Menschen erschossen“, lautet die Schlagzeile. Doch was sie gänzlich aus dem Schlaf reißt, ist die Zusatzinformation. Alle Opfer sind Männer. Und: Sie sind Italiener.

„Ich war völlig geschockt. Es war erst zwischen sechs und sieben Uhr morgens. Details und Hintergrund der Tat waren noch nicht bekannt“, erzählt Laura Garavini während unseres Gesprächs, das wir im römischen Büro der Senatorin führen. „Trotzdem habe ich sofort kapiert: Hier stimmt etwas nicht. Ein sechsfacher Mord vor einem italienischen Restaurant? Das ist mehr als nur ein normales Gewaltverbrechen.“

Unbehagen und Nervosität steigen an jenem Morgen in ihr hoch. Sie dreht das Radiogerät lauter und verfolgt in den kommenden Stunden jede Wendung, die publik gemacht wird. 18 Jahre lebt sie inzwischen in Deutschland, und der sich langsam bestätigende Verdacht, bei der Bluttat handle es sich um einen Mafia-Anschlag, trifft sie tief ins Herz. Sie denkt an die vielen Landsleute, die unter dem oft geäußerten Generalverdacht „Italiener gleich Mafioso“ leiden und die durch ihr untadeliges Verhalten Tag für Tag dagegen ankämpfen. Doch diesmal geht es nicht um Vorurteile. Diesmal geht es um Fakten. Und die sprechen eine grausame, archaische Sprache. „Das war ein ganz brutales Erwachen“, sagt Garavini. „Denn alle – auch wir Italiener, die wir in Deutschland lebten – mussten sich mit der schrecklichen Erkenntnis auseinandersetzen, dass hier, mitten im Herzen Europas, in einer mittleren und ganz normalen Stadt, das organisierte Verbrechen fest verankert ist. Denn innerhalb nur weniger Stunden war klar: Wir haben es hier mit einem Angriff der ’Ndrangheta zu tun.“

Im Halbstundentakt berichten in- und ausländische Medien über die Tat, die in Deutschland sofort in die Reihe der schwersten Gewaltverbrechen der vergangenen Jahre Eingang findet. Der Begriff „Mafia-Morde von Duisburg“ wird geprägt und geht um die Welt. Die Stadt selbst ist im Ausnahmezustand.

Autorin, Recherche und Prozess

Mathilde Schwabeneder-Hain studierte Romanistik in Rom. Dort leitete sie bis Sommer 2020 als Korrespondentin die ORF-Außenstelle, die für die Berichterstattung aus Italien, dem Vatikan und Malta zuständig ist. 2014 erschien ihr Bestseller „Die Stunde der Patinnen – Frauen an der Spitze der Mafia-Clans“.

Der hier abgedruckte Text ist ein leicht gekürzter Auszug aus Schwabeneders aktuellem Buch „Sie packen aus“. Darin porträtiert sie Frauen, die dem organisierten Verbrechen den Kampf angesagt haben. „Sich gegen die Mafien aufzulehnen, verlangt großen Mut, Selbstverleugnung und manchmal die Bereitschaft, mit dem eigenen Umfeld komplett zu brechen“, schreibt sie im Vorwort. „Immer öfter geraten inzwischen auch die Anti-Mafia-Kämpferinnen ins Visier der Bosse. Sie werden eingeschüchtert, desavouiert und mit dem Tod bedroht. Doch trotz aller Gefahren steigt die Zahl der Aussteigerinnen, die die Fronten wechseln, konstant.“ Allerdings sei es nicht einfach gewesen, sie zu Interviews zu überreden: „Sie tun ihre Arbeit lieber ruhig im Hintergrund. Keine Einzige sieht sich selbst als Heldin oder als besonders couragiert.“

In Düsseldorf hat im Oktober 2020 ein Prozess gegen 14 Angeklagte begonnen, die Mitglieder der ’Ndrangheta und in Drogen- und Waffenhandel verwickelt sein sollen.

Laut Polizeiangaben war es 2.30 Uhr. Eine Fußgängerin hält einen zufällig vorbeifahrenden Streifenwagen auf. Sie habe Schüsse gehört, versichert sie den erstaunten Beamten, die ihr anfangs gar nicht glauben wollen. Nur wenige Minuten später machen die Polizisten jedoch ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs eine furchtbare Entdeckung. Sie stoßen auf zwei Fahrzeuge. Im Inneren eines dunklen VW Golf liegen vier, in einem Opel Kastenwagen zwei Männer. Fünf sind bereits tot, das sechste Opfer stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Männer, berichten die Ermittler, waren unbewaffnet. Die Autos und die Leichname sind jedoch von Dutzenden Kugeln durchsiebt. Eine regelrechte Hinrichtung, an deren Aufklärung sofort mehr als 50 Beamte arbeiten. Von den vermutlich zwei Tätern fehlt jede Spur.

Initiation im Hinterzimmer

Begonnen hat der Abend für die sechs Männer harmlos und fröhlich im Ristorante „Da Bruno“ im Bahnhofsviertel. Der Besitzer, Sebastiano Strangio, stammt aus Kalabrien und lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Fotos im Inneren des Lokals zeigen ihn mit bekannten Gesichtern aus Kunst und Politik. Die Speisekarte führt viele Spezialitäten aus der Heimat des Chefs an. „Da Bruno“ galt als ausgezeichnete Adresse und bürgte für kulinarische Höhepunkte.

Der Anlass des geselligen Zusammenkommens am Vorabend des Ferragosto ist eine Geburtstagsfeier. Der Lehrling Tommaso Venturi wird 18 und feiert mit Freunden seine Volljährigkeit. Mit ihnen stößt auch der Chef des Restaurants auf den neuen Lebensabschnitt des jungen Mannes an. Doch es ist keine normale Geburtstagsfeier, wie sich später herausstellt. Der 39-jährige Sebastiano Strangio wird das mit Abstand älteste Opfer des Anschlags sein.

„Die Ermittler hatten verbrannte santini gefunden – also Heiligenbildchen, die den ‚Beschützer‘ der Clans, den Erzengel Michael, zeigen“, erinnert sich Laura Garavini. „Diese santini sind Teil des Aufnahmerituals in einen Mafia-Clan.“ Und tatsächlich spricht noch am Tag der Tat der damalige italienische Innenminister Giuliano Amato von einem Mafia-Hintergrund.

Das Aufnahmeritual findet in einem Hinterzimmer von Da Bruno statt. Aufgenommen wird der bereits in Deutschland geborene und nun für die Initiation für reif gehaltene Tommaso Venturi. Er muss sich einer Zeremonie unterziehen, für die strengste Regeln gelten. Eine Vorschrift für diese „Taufe“ ist ganz sicher erfüllt: Sie muss im Beisein von mindestens fünf Clan-Mitgliedern stattfinden. Dann schwört der aufgenommene picciotto mit seinem eigenen Blut ewige Treue. Bis in die „siebte Generation“, gelobt er. Nur so könne die Ehre der weisen Meister gewahrt werden. Das Verbrennen der santini ist ein zentraler Teil des Initiationsritus und besitzt einen hohen Symbolwert. Einmal in einen Clan eingetreten, gibt es kein Zurück mehr. Die Organisation betritt man lebend, verlassen kann man sie aber nur tot. (…)

Die Spur der Morde von Duisburg führt also direkt nach Kalabrien. Italienische Ermittler sprechen von einer faida, einer blutigen Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden ’Ndrangheta-Clans im kalabrischen San Luca. Der Ort im Aspromonte-Gebiet ist die Heimat der Familien Nirta-Strangio und Pelle-Vottari-Romeo. Auslöser für die Bluttat in Duisburg soll die Ermordung der Ehefrau eines Clan-Chefs gewesen sein. Die 33-jährige Maria, die junge Frau von Giovanni Nirta, wurde am Weihnachtstag 2006 erschossen. Drei weitere Menschen, darunter ein fünfjähriges Kind, wurden verletzt. Zwei vermummte Männer mit Gewehren hatten das Feuer auf die vor ihrem Haus stehende Gruppe eröffnet. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Anschlag Marias Ehemann gegolten hatte, der jedoch untertauchen konnte. Begonnen hatte die faida bereits 1991. Im Lauf der Jahre kam es zu zahlreichen Mordanschlägen zwischen den beiden Familien. Nun hat die blutige Fehde einen neuen Höhepunkt erreicht.

„Es ist eine beispiellose Abrechnung, auch deshalb, weil sie erstmals im Ausland stattgefunden hat“, zitiert die Nachrichtenagentur ANSA den stellvertretenden Leiter der Polizei von Reggio Calabria, Luigi De Sena. „Die Präsenz von Kalabresen in Deutschland ist sehr stark, aber bislang haben sie versucht, nicht aufzufallen.“ Das war nun vorbei. Und ganz Deutschland wusste: Das Land hat ein bisher verdrängtes Problem. Die brutalste und mächtigste italienische Mafia-Organisation, die ’Ndrangheta, war mitten unter ihnen.

Auch Laura Garavini hat zu diesem Zeitpunkt wenig Ahnung vom tatsächlichen Ausmaß der dunklen Machenschaften des organisierten Verbrechens. „Die Emilia Romagna schien in meiner Jugend ein vom Phänomen Mafia unberührter Landstrich zu sein“, sagt die 1966 in Vignola, einem kleinen Ort nahe Modena, geborene Politikerin. „Ich kannte das organisierte Verbrechen daher nur aus den Medien und aus diversen Studien.“ Doch nach dem spektakulären Mordfall wird ihr klar: Sie muss etwas tun. Sie muss selbst aktiv werden. Und zwar sofort.

Nach Deutschland war die Tochter italienischer Obstbauern kurz nach dem Fall der Berliner Mauer gekommen. (…) Nach ihrem Studium in Bologna geht sie 1989 an die Christian-Albrechts-Universität nach Kiel. Und warum ausgerechnet Politikwissenschaften?, frage ich Laura Garavini. Die Antwort ist einfach und eine Art roter Faden, der sich durch ihr Leben zieht: Zu Hause habe ihre Familie ihr bestimmte Werte vermittelt: soziale Gerechtigkeit, Gemeinwohl und Einsatz für Legalität.

In Deutschland versucht die junge Frau, diese Ideen im realen Leben zu verwirklichen. In Hamburg unterrichtet sie im Auftrag des Generalkonsulats ihres Landes Kinder italienischer Einwanderer. Sieben Jahre nach ihrer Ankunft in Kiel arbeitet sie für ein von der deutschen Bundesregierung finanziertes Integrationsprojekt und geht dafür nach Köln. Später übersiedelt sie nach Berlin, wo sie sich gewerkschaftlich engagiert. Sie wird Leiterin der Sozialberatungsstelle ITAL-UIL beim Deutschen Gewerkschaftsbund in Berlin Brandenburg. In der deutschen Bundeshauptstadt beginnt 2004 auch ihre Tätigkeit für den Verein „Union der Italiener in der Welt“, deren Geschäftsführerin sie später wird.

Laura Garavini hat schon bald nach ihrer Ankunft beschlossen, in Deutschland zu bleiben. „Ich war sehr beeindruckt von den Möglichkeiten, die Deutschland bietet. Dass man zum Beispiel einer jungen Frau aus dem Ausland – eben wie ich eine war – Chancen eröffnet. Ohne dass man auf familiäre Unterstützung, Hilfe durch Freunde oder gar Beziehungen zurückgreifen müsste, wie das in Italien so oft der Fall ist. Das hat mich sehr fasziniert.“ Inzwischen ist Laura Garavini verheiratet, Mutter einer Tochter sowie seit 2003 auch im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft.

Mit Aufklebern gegen die Clans

Nun, im Sommer 2007, sagt sie der Mafia in ihrem neuen Heimatland den Kampf an. „Ich habe mit den Leuten, die in Sizilien die Antimafia-Bewegung addiopizzo gegründet haben, Kontakt aufgenommen. Die Bewegung ist 2004 in Palermo entstanden und machte sich zum Ziel, die Schutzgelderpressungen – das Eintreiben des pizzo – zu bekämpfen. Sie waren in Sizilien sehr erfolgreich und mir schwebte eine ähnliche Aktion vor.“ Laura Garavini kontaktiert gleich nach dem Attentat so viele, wie sie betont seriöse, Betreiber italienischer Restaurants und Pizzerien wie möglich. Unermüdlich klappert sie mit einigen Mitstreitern die Berliner Lokale ab. Denn die Gastwirte sind die ersten, die unter den Folgen des Attentats von Duisburg leiden. Das Image italienischer Betriebe ist stark angeschlagen. Vor allem kleinere, weniger gehobene Restaurants und Pizzerien haben große Probleme. Und die schlagen sich auch wirtschaftlich nieder. Zuvor gutgehende Lokale bleiben leer.

Plötzlich kursiert das Schlagwort: Wo es Pizza gibt, dort ist die Mafia. Es gibt Angst auf allen Seiten. Und so gründet Laura Garavini nur sechs Tage nach den Mafiamorden, am 21. August 2007, in Berlin die Initiative „Mafia? Nein, danke!“. Knapp ein Dutzend Gastronomen sind sofort bereit, sich anzuschließen. „Was mich antrieb, war folgende Überlegung: Wenn die Mafien international agieren, dann muss die Anti-Mafia-Bewegung ebenfalls international werden. Und: Sie muss auch aus der Zivilgesellschaft kommen, also von ganz normalen Bürgern mitgetragen werden.“

Nach dem Vorbild der italienischen Bewegung addiopizzo entwerfen die „Mafia? Nein, danke!“-Aktivisten einen Aufkleber. Darauf steht in deutscher Sprache: „Menschen, die sich der Mafia beugen, sind Menschen ohne Würde“. Diese Aufkleber werden gut sichtbar am Eingang der jeweiligen Restaurants angebracht. Gleichzeitig unterzeichnen die Mitglieder der neuen Anti-Mafia-Initiative einen Pakt. Damit verpflichten sie sich, keine Schutzgelder zu bezahlen. Sie garantieren aber auch, kein Personal einzustellen, das kriminelle Clans ihnen aufzuzwingen versuchen. Ein dritter Punkt betrifft den Ankauf von Waren. Auch hier gilt: Kein Kauf von Lebensmitteln, die von außen aufgenötigt werden. Ein großes Problem, das alle kennen, über das aber niemand offen sprach.

Zu Laura Garavinis großem Erstaunen, wie sie heute sagt, wird „Mafia? Nein danke!“ von der deutschen Presse sofort mit großem Interesse und Wohlwollen aufgenommen. (…) Doch nicht nur die Medien, auch die Sicherheitskräfte in Berlin sind von dieser Kampagne der Zivilgesellschaft begeistert. „Sie haben öffentlich ihre Wertschätzung zum Ausdruck gebracht dafür, dass die italienischen Bürger sich ganz eindeutig von den Taten der Mafia distanzierten.“ Doch ohne die enge Zusammenarbeit mit der Polizei, weiß sie heute, hätte die Initiative keine Chance gehabt. Zu groß sei das Risiko gewesen, dass sich Mafiosi einschleichen, um so die Bewegung zu infiltrieren und von innen kaputtzumachen. Und noch etwas macht ihr damals Kopfzerbrechen. Wie kann sie selbst garantieren, dass die immer größer werdende Zahl der Mitglieder auch sauber ist?

Da ihr die nötigen Mittel zur Überprüfung fehlen, beschränkt sie sich vorerst auf Berlin, geht mit ihrer Idee dann aber auch nach Köln und in kleinere Städte wie Villingen in Baden-Württemberg. Denn dort hat sie „Kontakte zu Gastwirten, für die wir die Hand ins Feuer legen konnten“.

Innerhalb weniger Tage steigt die Zahl der sich anschließenden Gastwirte auf 120. Gemeinsam mit der Polizei organisieren die Betreiber Informationsveranstaltungen. Es gilt, die Menschen zu sensibilisieren, aufzuklären und zu warnen. Die Berliner Polizei stellt aber auch konkrete Hilfe zur Verfügung. Ein Polizist in Zivil macht ab sofort regelmäßig seine Runden durch die italienischen Lokale. Die Gastwirte fühlen sich dadurch sicherer und können auf einen Mann ihres Vertrauens zählen.

Wie wichtig das ist, stellt sich schon bald darauf heraus. Kurz vor dem Weihnachtsfest 2007 kommt es in Berlin zu Schutzgelderpressungen. Die Eintreiber sind bewaffnet und scheuen vor Gewalt nicht zurück. Sie fackeln ein Lokal ab, weil der Besitzer sich weigert, zu bezahlen. Dann sprengen sie das Auto eines anderen Gastwirtes in die Luft. Die Botschaft ist klar. Die Angst der Gastronomen groß. Sie fürchten um ihr Leben.

„Ich verbrachte ganze Nächte mit ihnen“, sagt Laura Garavini. „Ich erinnere mich gut an eine Lokalbetreiberin. Eine junge, alleinerziehende Mutter aus Kampanien. Sie war von dort weggegangen, um nicht von der Camorra erpresst werden zu können. Sie sagte zu mir: ‚Als ich die beiden in mein Lokal kommen sah, wusste ich sofort, was sie wollten.‘ Sie hatte panische Angst um ihre kleine Tochter.“

Die beiden Männer können dank der engen Zusammenarbeit zwischen Gastwirten und Polizei bereits am Jahresende an einer Straßensperre gefasst werden. Sie waren Camorristen und gehörten zu einem mächtigen neapolitanischen Clan. Nach Berlin sind sie mit einem ganz konkreten Auftrag geschickt worden. Sie sollten in der Stadt Fuß fassen und ganze Gebiete für die Camorra „erobern“. (…)

Mathilde Schwabeneder. Sie packen aus - Frauen im Kampf gegen die Mafia.

Die Verhaftung der Camorristen und das mutige Vorgehen von „Mafia? Nein danke!“ führt erneut zu sehr positiven Reaktionen der deutschen Presse. „Sie schrieben: ‚Die Italiener haben den Mut, Nein zu sagen.‘ Das war ein schöner Erfolg.“ Mehr als 40 italienische Restaurantbesitzer haben nach diesen Erpressungsversuchen Anzeige erstattet. Die bisher größte Anti-Schutzgeld-Kampagne außerhalb Italiens schreibt Geschichte. „Mafia? Nein danke!“ wird von der Polizei als „best practice model“ im Kampf gegen das organisierte Verbrechen ausgeschildert. Für Laura Garavini sind das intensive und fordernde Monate, die jedoch ein völlig neues Kapitel in ihrem Leben einläuten.

Ihr Wahlkreis ist Europa

Nach einer verlorenen Vertrauensabstimmung über die Regierung Romano Prodi löst der italienische Staatspräsident, Giorgio Napolitano, im Februar 2008 die beiden Parlamentskammern auf. Nach den Neuwahlen im April zieht auch die Italo-Berlinerin, die für die Demokratische Partei ins Rennen gegangen ist, ins römische Abgeordnetenhaus ein. Eine Premiere und ein Rekord. Die 41-jährige Politologin ist die erste in Deutschland lebende Italienerin, die ins Parlament gewählt wird. Ihr Wahlkreis ist Europa. Denn rund 1,5 Millionen Italiener leben im europäischen Ausland. Sie stellen sechs Abgeordnete und zwei Mitglieder des Senats. Laura Garavini ist mit über 25 000 Vorzugsstimmen – den meisten im Wahlkreis Europa – nun eine von ihnen.

Auch im Parlament steht die Bekämpfung des organisierten Verbrechens ganz oben auf ihrer Liste. Fünf Jahre, bis zum Ende der Legislaturperiode, ist sie die Fraktionsvorsitzende ihrer Partei im Anti-Mafia-Ausschuss des italienischen Parlaments. 2010 gehört sie zu jenen Abgeordneten, die die Einführung eines Anti-Mafia-Ethik-Kodex für die Wahllisten der Parteien fordern. Der Kodex, der saubere Kandidaturen garantieren soll, wird von der Anti-Mafia-Kommission angenommen. Gleichzeitig arbeitet sie weiterhin eng mit den deutschen Behörden zusammen.

Eine nicht immer einfache Zeit, sagt Laura Garavini heute. Sie ist 2018 – wiederum mit einem Vorzugsstimmenrekord – in den Senat gewählt worden. „Als junge Abgeordnete, die sofort in die hoch angesehene Anti-Mafia-Kommission berufen wurde, habe ich in Rom Neid und Missgunst von Kollegen erlebt. Es gab viele Anfeindungen. Aber für mich war es eine wundervolle Gelegenheit, um auf das aufmerksam zu machen, was mir wichtig ist: die Präsenz des organisierten Verbrechens auf internationaler Ebene.“

Immer wieder macht Laura Garavini auf die Gefahr durch die Mafien besonders in Deutschland aufmerksam. Vor allem den ehemaligen Osten sieht sie als Rückzugsgebiet für kriminelle Gruppen wie die kalabrische ’Ndrangheta. Nach dem Fall der Berliner Mauer „hat man nicht so genau hingesehen, woher die Gelder für Investitionen kamen. So konnten die Mafien gezielt in Immobilien, in den Tourismus und in Gastronomiestrukturen investieren“.

Laura Garavini weiß, das organisierte Verbrechen kann man nur grenzüberschreitend und in der EU mit europäischen Gesetzen bekämpfen. Und so setzt sie sich vor allem für den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien ein. Sie bewirkt die Einführung eines Anti-Geldwäsche-Gesetzes sowie die eines Unternehmensregisters samt Anti-Mafia-Normen. Und sie setzt sich für die mögliche Beschlagnahmung von Mafiavermögen außerhalb Italiens ein. „Unsere Erfahrung hat gezeigt“, betont Laura Garavini, „dass die Beschlagnahmung von Gütern das Instrument schlechthin ist, um die Mafien zu bekämpfen. Denn da trifft man sie an ihrer Schwachstelle: Besitz und Vermögen.“

Laura Garavinis Expertise ist besonders 2014 gefragt. Während der turnusmäßigen EU-Ratspräsidentschaft Italiens wird sie im Parlament zur Vorsitzenden der „Kommission zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität auf europäischer und internationaler Ebene“ ernannt. Für ein investigatives Instrument hat sie besonders hart gekämpft. Jahrelang wurde in Italien „die Einrichtung von gemeinsamen und damit länderübergreifenden Ermittlungsgruppen verschleppt“, beklagt sie. Erst im März 2016 setzt das Kabinett Renzi diesen EU-Rahmenbeschluss in nationales Recht um. „Die Verbrechensbekämpfung betrifft meist nicht nur ein Land. Nehmen wir den Drogenhandel. Da kommen die Drogen zum Beispiel im Hafen von Rotterdam an. Dann werden sie in Mailand auf den Markt gebracht und letztlich in Berlin verkauft. Da ist es von äußerster Wichtigkeit, wie eng die Anti-Mafia-Kämpfer miteinander vernetzt sind.“

Und wenn sie heute an ihre eigenen Anfänge zurückdenkt? – Dann fühlt sie sich in ihrer Sorge von damals bestätigt. „Mit den Erkenntnissen von heute kann man sagen, Duisburg war für die Mafia ein strategisch wichtiger Ort. Eine unauffällige Stadt, aber strategisch perfekt gelegen. Luxemburg, Belgien, die Niederlande und Frankreich sind nahe; alles Gebiete, die große Absatzmärkte darstellen und unterschiedliche Rechtssysteme haben.“

Der Auftraggeber für die Mafiamorde von Duisburg ist übrigens sofort über die Grenze nach Amsterdam geflüchtet. Dort wurde Giovanni Strangio eineinhalb Jahre später, im März 2009, von einer internationalen Ermittlergruppe festgenommen. In der niederländischen Hauptstadt hatte er, gemeinsam mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn, in einem gutbürgerlichen Viertel eine Fünfzimmerwohnung bezogen. Das Haus verließ er so gut wie nie. Doch letztlich nützten all die Vorsichtsmaßnahmen einschließlich blond gefärbter Haare nichts: Die Ermittler erkannten den 30-Jährigen auf einem Foto.

Der Prozess gegen Giovanni Strangio zog sich über Jahre. 2011 wurde er vom Gericht im kalabrischen Locri in erster Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt. Sieben Jahre nach seiner Verhaftung in den Niederlanden bestätigte das italienische Kassationsgericht den Urteilsspruch: lebenslang wegen mehrfachen Mordes.

Der Fall des zweiten Killers, der ebenfalls lebenslänglich bekommen hat, ist aber weiterhin nicht abgeschlossen. Die Anwälte von Sebastiano Nirta haben nach seiner Verurteilung am Berufungsgericht von Reggio Calabria im Oktober 2019 den Fall beim Kassationsgericht eingebracht.

„Mafia? Nein danke!“ betrachtet Laura Garavini heute ein wenig als ihr Kind, auch wenn die Politikerin inzwischen nur mehr als Ehrenpräsidentin fungiert. Aus dem ursprünglichen Verein wurde 2009 eine Bewegung. „Jetzt ist eine neue, jüngere Generation am Zug“, sagt die Gründerin, die 2015 vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck als „Brückenbauerin in Europa“ ausgezeichnet worden ist. „Das derzeitige Ziel des Vereins ist nun: Er will sich als beobachtende Organisation etablieren, um die Aktivitäten der organisierten Kriminalität in Deutschland aufzuzeigen.“ Und dabei arbeitet er eng mit ähnlichen Organisationen in anderen Ländern zusammen.

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