Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Schichtbetrieb in der Moschee Omar ben-e-Khtab: Hier unterrichten Kinder und Erwachsene das Lesen, Schreiben und Rechnen.
+
Schichtbetrieb in der Moschee Omar ben-e-Khtab: Hier unterrichten Kinder und Erwachsene das Lesen, Schreiben und Rechnen.

Lernen fürs (Über-)Leben

Afghanistan: Die fliegenden Klassenzimmer

  • VonMarkus Wanzeck
    schließen

In Afghanistan ist Bildung oft lebensgefährlich. Doch der Verein Ofarin gibt nicht nur den Kindern des Landes Hoffnung

Anmerkung der Redaktion: Diese Reportage wurde vor der Machtübernahme der Taliban verfasst und veröffentlicht. Ein aktueller Stand des Projekts ist uns nicht bekannt. Der Verein Ofarin nimmt in seinem aktuellen Rundbrief zu der Situation vor Ort Stellung.

Kabul - Afghanistan? Ein verwunschener Winkel der Welt, von allen guten Geistern verlassen? Wer so denkt, sollte sich aufmachen nach Kalatscha, ärmlicher Stadtteil im Südosten Kabuls, wo die Häuser kleiner werden, drei-, zwei-, einstöckig, und die Betonpiste gesäumt ist von Straßenhändlern und Bergen von Wassermelonen, sollte einem kleinen, müffelnden Wassergraben folgen bis zu einem unscheinbaren Eckhaus mit Türen aus rostigem Blech: der Moschee Omar ben-e-Khtab.

Wer glaubt, Afghanistan sei von allen guten Geistern verlassen, der mag, beim Betreten des Gotteshauses, den eigenen Augen nicht trauen. In dem großen, mit Gebetsteppichen gesäumten Klassenzimmer herrscht gelehriges Gemurmel. Gleich mehrere Klassen parallel werden unterrichtet, jede mit eigener Tafel, abgetrennt voneinander nur durch lange Holztröge, die an Viehtränken erinnern. Es sind die Schuhdepots für Dutzende Jungen und Mädchen, die, auf den Teppichen hockend, lesen und schreiben lernen. Vier Klassen im Erdgeschoss. In der Etage darüber, unter der Moscheekuppel, noch mal sechs. Dieses Haus Allahs ist auch ein Haus des Alphabets.

Neben den Tafeln stehen die guten Geister des Hauses. Die Lehrerinnen, ein Arbeitsblatt in der einen Hand, ein Stückchen Kreide in der anderen, sind kaum älter als manche der Lernenden.

Die Klasse in der Mitte der Moschee, zwischen allen Holztrögen, lernt heute

Alef mad kennen, den 21. Buchstaben im Lehrplan. Damit beherrscht sie fast schon das halbe Dari-Alphabet. Die Lehrerin lässt die Kreide über die Tafel wandern, bis da ein Wort steht, das mit Alef mad beginnt: „Amusesch“.

Auch die zehnjährige Sadaf, ganz vorn, fast zu Füßen der Lehrerin, schreibt es einige Male in ihr Notizbuch, macht sich Buchstabe und Wort mit Bleistiftschwüngen zu eigen.

„Was ist Amusesch?“

Sadaf schaut mit großen Augen auf. „Dass man Alef mad lernt!“, antwortet sie. „Das ist Amusesch!“

Und was ist mit den anderen Buchstaben? Und mit dem Rechnen?

„Ja“, sagt sie, „auch das ist Amusesch!“

Amusesch bedeutet Bildung. Amusesch ist, worum sich hier alles dreht. Außer Schreib- und Lesekursen erhalten die Kinder und Jugendlichen in der Moschee auch Koran- und Matheunterricht.

Kurz darauf weht durch die Fenster Gelächter herein. Die Gasse vor der Moschee ist gesäumt von Kindern mit Rucksäcken. Wartenden. Sobald die erste Schulschicht dieses Morgens endet, wird es einen fliegenden Wechsel geben. Nachmittags folgen weitere Schichten. Es sind Hunderte, die hier in fliegenden, temporären Pop-up-Klassenzimmern unterrichtet werden, wann immer das Gotteshaus nicht für Gebete gebraucht wird.

Die Moschee in Kalatscha ist ein unwahrscheinlicher Ort. Eine kleine Oase, die der Himmel geschickt hat, inmitten einer Bildungswüste. Mehr als die Hälfte der afghanischen Bevölkerung – die offizielle Zahl liegt bei 57 Prozent – kann nicht lesen und schreiben. Bei den Frauen sind es sogar mehr als zwei Drittel.

Afghanistan ist vom Chaos zermürbt, von der Korruption zerfressen

Amusesch ist, was Afghanistan, ein Land, das reich ist an Mangel, womöglich noch notwendiger braucht als alles andere. Ein Land, das nach zwei Jahrzehnten internationalen Militäreinsatzes zu den Armenhäusern der Welt zählt. Ein Land, von Chaos zermürbt, von Korruption zerfressen. Von Stammesrivalitäten zerrüttet, bei denen man den Überblick verlieren kann – 14 ethnische Gruppen sind von der Verfassung offiziell anerkannt. Ebenso viele terroristische Gruppierungen sind laut US-Auslandsgeheimdienst im Land aktiv, von den Taliban über al-Qaida bis zum sogenannten Islamischen Staat.

Zwar gilt die Schulpflicht, aber was heißt das in einem Land wie Afghanistan? Schätzungsweise drei bis vier Millionen Kinder bleiben dem Unterricht fern. Gründe gibt es genug. Abseits der Städte müssen viele ihren Eltern bei der Vieh- und Feldarbeit zur Hand gehen. In konservativen Kreisen hegt man Vorbehalte gegenüber gottlosen weltlichen Schulen. Im Fall der Töchter gilt oft der Schulweg als zu gefährlich. Staatliche Bildungsinstitutionen stehen zudem im Ruf, Horte der Zeitverschwendung zu sein, mit überforderten Lehrern und überfüllten Klassen von 70 Kindern oder mehr. Es kommt vor, dass sie auch nach zwölf Schuljahren nicht richtig lesen können.

Und dann ist da die Angst. Immer wieder kommt es zu Anschlägen auf Schulen. Einer der verheerendsten geschah vor einigen Wochen im Kabuler Stadtteil Dascht-e Bartschi, wo mehr als 80 Menschen, vor allem Schülerinnen zwischen elf und 15 Jahren, starben. In ländlichen Regionen, in denen die Taliban wieder das Sagen haben, wurden in den vergangenen Jahren Hunderte Schulen unter Androhung von Gewalt geschlossen.

Für radikale Islamisten kommt Bildung einer Bedrohung gleich. Denn Bildung eröffnet neue Möglichkeiten. Wissen ist Macht. Nicht ohne Grund nannte die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die 2012 einen Mordanschlag der Taliban überlebte, als wichtigste Waffen gegen Armut und Terrorismus: Bücher und Stifte.

„Ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern“, sagte Yousafzai in einer Rede vor den Vereinten Nationen. „Bildung ist die Lösung.“

Welche Bildungssprünge möglich sind, zwischen gerade einmal zwei Generationen, welche neuen Welten sich dadurch auftun, davon gibt es in der Moschee von Kalatscha viele kleine Geschichten zu erzählen. Geschichten, wie die von Sayed Sharif Sadat, 24. Seine Eltern hatten einst gehört: Wenn du wirklich etwas lernen willst, dann musst du in diese Moschee. Er sagt: „Alles, was ich gelernt habe, habe ich hier gelernt.“ Heute studiert er Recht und Politik.

Derzeit schreibt Sadat seine Abschlussarbeit, darin vergleicht er die Verteidigungsrechte von Afghanistan und anderen Ländern. Sein Vater wird sie nicht lesen. Er kann nicht lesen. Er ist 65, ungefähr, genau weiß er es nicht zu sagen, und arbeitet noch immer auf dem Bau. Auch der Sohn schuftet dort, vom frühen Morgen bis in den Nachmittag, so finanziert er sein Studium. Anschließend, von 17 bis 20 Uhr, besucht er die Uni.

Von den 37 Klassen werden 28 von Frauen unterrichtet

Wie Stifte und Bücher die Welt verändern, selbst wenn sie auf den ersten Blick die alte zu sein scheint? Man kann sich dafür kein besseres Bild vorstellen als eben dies: wenn Sayed Sharif Sadat und sein Vater als Eisenbieger-Team auf einem Hochhausrohbau, elf Stockwerke über Kabul, den Windböen trotzen und gemeinsam Stahlstreben für ein weiteres Stockwerk himmelwärts treiben.

Für den Vater ist es der Brotjob.

Für den Sohn ist es ein Studentenjob.

Er kann sich vorstellen, nach der Uni eine Richterlaufbahn einzuschlagen.

Eine weitere Geschichte ist die der 20-jährigen Asma Sultani. Die junge Frau, Tochter von Analphabeten, deren Uni-Aufnahmeprüfung so gut ausfiel, dass sie kurzerhand entschied, statt Wirtschaft Medizin zu studieren, war einst Schülerin in der Moschee, später Lehrerin. Inzwischen ist sie, das ist ihr Studentenjob, für die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte zuständig. Auch an jenem Morgen, als die kleine Sadaf „Alef mad“ und „Amusesch“ kennenlernt, huscht sie – schwarzes Kopftuch, mintgrünes Kleid, wacher Blick – zwischen den Schulklassen hin und her.

Sayed Sharif Sadat (l.) mit seinem Vater auf der Baustelle. Der junge Mann finanziert sich mit dieser Arbeit sein Jurastudium.

Über die Jahre reiften in der Moschee pädagogische Talente heran, Eigengewächse, die nach und nach den Unterricht übernehmen konnten – die meisten von ihnen Frauen. In der Oase von Kalatscha kann man nicht nur sehen, wie Bildung nach Jahren Früchte trägt. Sie ist auch ein Beispiel für gelungene Graswurzelemanzipation. Anfangs lehrten hier ganz selbstverständlich allein die Herren der Schöpfung. Heute werden 28 der insgesamt 37 Klassen von Frauen unterrichtet.

Die Saat für all das wurde vor rund zwei Jahrzehnten gelegt, von einem Mann, den sie hier alle, auf Englisch, „Doctor Peter“ nennen: Peter Schwittek, 81, promovierter Mathematiker aus dem fernen Deutschland, der Afghanistan seit bald einem halben Jahrhundert eng verbunden ist. In den 70ern lehrte er als Dozent an der Universität Kabul, später wechselte er in die Entwicklungshilfe, leitete eine Zeit lang das Kabul-Büro mehrerer Caritas-Länderorganisationen. Er steht einem kleinen Verein vor, Ofarin heißt er, was auf Dari so viel bedeutet wie „Prima“ oder „Genau richtig“.

Ofarin hat nicht nur die Schulstunden in der Moschee von Kalatscha angestoßen. Wenn man alle Ofarin-Klassen zusammenzählt, in Kabul, in den Provinzen Pandschschir und Logar, dann sind es mehr als 3000 Schülerinnen und Schüler, die derzeit eine kostenlose Grundausbildung in Lesen, Schreiben und Rechnen bekommen: 90 Minuten am Tag – kurz, konzentriert, strukturiert, damit noch Zeit fürs Arbeiten oder fürs Absitzen der staatlichen Schulpflicht bleibt. Mehr als 200 Lehrkräfte sind für Ofarin im Einsatz, alle aus Afghanistan, viele von ihnen sind selbst Ofarin-Alumni. Die Gesamtzahl derer, die das Schulprogramm durchlaufen haben, geht in die Zehntausende.

Seit langem schon haben Peter Schwittek und seine Frau Anne Marie, 78, Diplom-Psychologin, zwei Heimaten, leben abwechselnd in Kabul und im fränkischen Weinörtchen Randersacker.

Hier: Spendengelder ranschaffen. Für ein Land, das schon so viele Hilfsorganisationen in die Verzweiflung getrieben hat.

Dort: Spendengelder ausgeben. So, dass sie möglichst viel und möglichst viele erreichen.

Beides: eine Herausforderung.

Als die Schwitteks Ende Juni, nach eineinhalb Jahren Corona-Exil, frisch geimpft nach Kabul zurückkehren, sitzen sie erst mal im Dunkeln. Stromausfall. Peter Schwittek – praktische Mecki-Stoppelfrisur, afghanisches Männergewand, Sandalen – zuckt mit den Schultern: „Es heißt, die Taliban hätten ein paar Strommasten weggesprengt.“ Na ja, dann halt Abendessen im Schein einer Batteriefunzel. Über die Jahrzehnte hat er sich eine gehörige Gelassenheit angeeignet, was Dinge angeht, die sich eben nicht ändern lassen.

Anne Marie Schwittek hofft auf die Nachhaltigkeit des Schulprojekts.

Weniger gelassen ist Doctor Peter bei allem, was den Ofarin-Unterricht betrifft, Dingen also, die sich ändern, die sich verbessern lassen. Bei seinen ersten Unterrichtsbesuchen nach der Rückkehr spricht er einige Rügen aus – etwa, wenn eine Lehrerin in ein Unterrichtsmuster verfällt, das er als Zeitverschwendung erachtet: erst ein neues Wort an die Tafel schreiben, dann der Reihe nach Schüler nach vorne bitten, um sie es vorlesen zu lassen. Sechsmal. Siebenmal. „Was soll das?“, fragt er dann streng. „Das ist langweilig. So lernen die Kinder doch nichts!“

Geradezu ungehalten, so weit das seinem nüchternen Mathematikernaturell möglich ist, wird Schwittek, wenn er auf die Unsummen zu sprechen kommt, die ausländische Regierungen und Organisationen in den vergangenen Jahren im staatlichen Schulwesen Afghanistans, so sieht er es: versenkt haben. „Das Geld wird hingekippt“, sagt er. „Und es wird nicht geguckt: Was passiert damit? Man geht in die Schulen nicht rein. Wahrscheinlich, weil man ahnt, was da los ist.“

Der Stadtteil Schindowal liegt an einem steil aufragenden Berg am Rand der Kabuler Altstadt. Oben, auf dem baumlosen Gipfel, wächst ein Wald aus Antennentürmen. Darunter, bis zur Halbhöhe, drängen sich Flachdachhäuschen nebeneinander, aneinander, übereinander. Von fern wirkt es, als hätte jemand Unmengen bunter Schuhkartons achtlos in den staubigen Hang gestapelt.

Im Steilhang herrscht Stille, kein Auto kommt hier hoch. Nur ab und an kräht ein Hahn. Aus einigen Häusern klingt ein rhythmisches Klackern und Klopfen. Frauen, die Mandeln knacken. Ihr Lohn sind die Nussschalen. Damit lässt sich der Herd befeuern, die Familie bekochen.

In einem der Hanghäuser aus Baumstämmen, Backsteinen und Lehm stapeln sich Schuhe hinter der Eingangstür. Ein ganzer Haufen, viel zu viele für solch ein kleines Haus, auch für afghanische Verhältnisse. Das Geheimnis der Schuhsammlung wartet hinter einem Vorhang, im Nebenzimmer: Auf einem großen Teppich hocken, dicht an dicht, knapp zwei Dutzend Frauen, die Blicke zur Lehrerin gerichtet. Der rosa getünchte Raum, weit droben über der Hochebene von Kabul, ist ein weiteres fliegendes Ofarin-Klassenzimmer. Beim Blick aus dem Fenster könnte man tatsächlich meinen, es fliege.

Viele Lehrerinnen arbeiten ehrenamtlich

Lehrerin Arezu Abdali, die mit einem abgegriffenen Arbeitsblatt an der Tafel steht, ist ebenfalls ein Eigengewächs. Was die 18-Jährige unterrichtet, hat sie einst selbst in Ofarin-Klassen gelernt. „Bol“, sagt Abdali nun laut, „Flügel“. Kurz darauf: Bulbul. Nachtigall. Ein kleines Diktat. Die Frauen lernen heute ihren fünften Buchstaben. Sie sind blutige Anfängerinnen, auch wenn viele von ihnen schon mit beiden Beinen im Familienleben stehen, sich um Haushalt und Kinder kümmern. Die Altersspanne der Schülerinnen reicht von 16 bis Mitte 40. Keine von ihnen hat die staatliche Schule besucht.

Warum etwas mühsam lernen, ohne das das Leben bisher doch auch funktionierte? „Ich möchte meinen Kindern bei den Schulaufgaben helfen können“, sagt eine der Älteren. Eine andere, 45 Jahre, hellbraunes Kopftuch, fröhliche Augen: „Ich möchte die Schilder von Arztpraxen lesen können. Und die Einladungen für Hochzeiten!“

Lehrerin Abdali arbeitet ehrenamtlich. Nicht als Einzige in Schindowal. 23 offizielle Ofarin-Schulklassen gibt es hier oben – und vier weitere, für die eigentlich kein Geld da ist. Die Lehrerinnen unterrichten trotzdem. Sie wissen nur zu gut, was Lesen und Schreiben bedeutet, haben selbst erlebt, wie befreiend es ist, all diese Zeichen entziffern zu können.

Auch Frauen, die schon mitten im Familienleben stehen, besuchen den Unterricht.

Als Lehrerinnen sind sie geschätzt und geachtet im ganzen Viertel. Aus einer Ecke des rosafarbenen Klassenzimmers blickt der Großvater mütterlicherseits von einem Porträtbild auf Arezu Abdali herunter. Gegenüber: der Großvater väterlicherseits. In diesem Haus hatten stets die Männer das Sagen. Heute ist sie, die Lehrerin, Tochter eines Gelegenheitsarbeiters, der Stolz der Familie.

Dass Ofarin auch in Schindowal aktiv wurde, liegt an einer Bürgerinitiative, die Bewohner des Stadtteils gegründet haben. „Wir wollten die Lebensbedingungen der Menschen verbessern“, sagt Sayed Aman Allah Rezaie, Leiter der Initiative. „Es ging uns um ganz grundlegende Dinge: Treppen. Wasser. Strom. Bildung.“ Wegen der Brunnen wandte man sich ans Rote Kreuz. Wegen der Bildung wandte man sich an Ofarin. Man hatte von unten, aus der Stadt, viel Gutes gehört. Vor 15 Jahren war das.

Um den Schwitteks für dieses Engagement zu danken, hat die Bürgerinitiative in eine kleine Moschee am Fuß des Berges geladen. Der Imam ist da, auch viele Lehrerinnen des Viertels sind gekommen. Reden werden gehalten, die Stimmung ist heiter. Bis plötzlich ein Mann die Moschee betritt, weißes Hemd, grimmiger Blick. Beklommene Stille. Getuschel. Es heißt, er sei von der Geheimpolizei.

„Warum hat niemand im Viertel den ausländischen Besuch gemeldet?“, raunzt er in die Runde. Er telefoniert hektisch.

Ein paar Minuten, dann entspannt sich die Situation, so schnell, wie sie ins Wanken geriet. Der Undercover-Polizist ist lediglich aufgebracht, weil die Bürgerinitiative ein unnötiges Risiko eingegangen sei: „Die Veranstaltung hätte angemeldet werden müssen, damit wir für die Sicherheit der Ausländer sorgen können!“

Keine einfache Sache, mit der Sicherheit, in Afghanistan. Schulen und ausländische Institutionen sind besonders gefährdet. So gesehen macht Ofarin sich doppelt zum Ziel. 2017 stieg Misereor als Geldgeber und Partner aus, weil den Verantwortlichen die Lage im Land zu heikel wurde – Ofarin musste Klassen schließen, die Lehrkräfte bekommen seitdem Notgehälter, die Schwitteks arbeiten ehrenamtlich.

Unauffälligkeit ist in Afghanistan die beste Lebensversicherung

Wachhund und Wachmann, Tag und Nacht, zählen ebenso zum Sicherheitskonzept der Ofarin-Zentrale wie zwei großkalibrige Jagdgewehre. Für die Besuche der Schulklassen und die Auszahlung der Löhne vertrauen sie bei Ofarin auf gewitzte Gefährte, die sicherer sind als jedes Panzerfahrzeug – denn sie sind unsichtbar. „Rostlauben“ nennt Peter Schwittek den kleinen Fuhrpark aus alten Toyotas, die ebenso verbeult sind wie die Abertausenden anderen auf Kabuls Straßen. Unauffälligkeit, das ist hierzulande die beste Lebensversicherung.

In einem der fliegenden Klassenzimmer unterrichtet Lehrerin und Studentin Uria Zaid Issah Derwischi alle Generationen zusammen.

Auch die Klassenzimmer, die temporär in Moscheen und Privathäusern aufpoppen, über Kabul und die Provinzdörfer verteilt, seien ein Sicherheitsvorteil, glaubt Büroleiter Hussein Chavari: „Ich denke, dass unsere Schulen low profile sind. Im Vergleich zu den riesigen staatlichen Schulen sind die Kinder hier besser aufgehoben.“

1. Juli, ein sonniger Donnerstagnachmittag, letzter Arbeitstag der afghanischen Woche. Peter Schwittek sitzt mit seinem Laptop auf dem Balkon des Ofarin-Bürohauses, zufrieden schiebt er die kabellose Computermaus über sein kugelrundes Bäuchlein – sein sehr persönliches Mousepad. Gerade hat er den monatlichen Rundbrief rausgeschickt, mit dem er über aktuelle Entwicklungen im Verein informiert, da bringt Koch Aziz auch schon einen Milchkaffee, wie immer Punkt 14 Uhr. Ein leichter Wind weht. Vögel zwitschern. Wieder und wieder werden sie übertönt vom Knattern großer Militärhubschrauber.

Es sind, das wird sich am nächsten Morgen herausstellen, die letzten Umzugsvorbereitungen der US-Streitkräfte. In der Nacht auf den 2. Juli verlassen sie den Luftwaffenstützpunkt Bagram, ihr Hauptquartier in Afghanistan. So hastig, so heimlich, dass auch ihre verdatterten Verbündeten von der afghanischen Armee erst Stunden danach davon erfahren.

Was nun? Wie weiter mit Ofarin? „Also, die haben uns bis jetzt auch nicht beim Unterricht unterstützt“, sagt Schwittek am Tag darauf, „die da in dem Hubschrauber drinsitzen.“ Er lacht.

Was aber, wenn, wie viele befürchten, die Taliban in den kommenden Monaten auch die verbleibenden Bezirke und die größeren Städte des Landes erobern?

Ofarin-Gründer Peter Schwittek.

Sollte es so kommen, glaubt Schwittek, könne Ofarin trotzdem weitermachen. Er hält das Programm prinzipiell für taliban-kompatibel. Eine Einschätzung, die darauf fußt, dass das mit den Moscheeschulen 1998 seinen Anfang nahm. Zu jener Zeit also, da die Taliban herrschten. Mehr noch: Die Idee dafür war, zu Schwitteks großem Erstaunen, von einem Mullah an ihn herangetragen worden – eine Anekdote, die er gerne und oft erzählt.

Unterm Strich bereiten die Taliban Peter Schwittek weniger Kopfzerbrechen als das lähmende Gefühl, das nun in Deutschland um sich greifen könnte: Hat doch keinen Zweck mit Afghanistan. Ist ja eh von allen guten Geistern verlassen. Die größte Sorge der Schwitteks, sie gilt der drohenden Spendendürre.

Sollte es so kommen, findet Anne Marie Schwittek, wäre es immerhin ein nachhaltiges Hilfsprojekt gewesen: „Wenn ich ein Schulgebäude baue, und das geht kaputt, ist es weg. Aber was die Schüler mal gelernt haben, das können sie.“ Sieht ihr Mann genauso. „Was bleibt“, sagt Doctor Peter, „ist das, was da in den Köppen drin is’.“ (Markus Wanzeck)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare