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Am 25. April ist der Tag des Baumes.
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Am 25. April ist der Tag des Baumes.

Kahlschlag in den Wäldern

Die fatale Gier nach Holz: Zerstörung der Wälder hat in Europa schon vor Jahrhunderten begonnen

  • Uta-Caecilia Nabert
    VonUta-Caecilia Nabert
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Zum Tag des Baumes am 25. April gehen wir in den Wald - wenn wir noch einen finden. Der globale Kahlschlag schreitet beängstigend voran. Aber liegt das Problem wirklich nur an den aktuellen Rodungen? Nein. Es begann schon Jahrhunderte zuvor.

Vor 8000 Jahren hätte sich ein Eichhörnchen von Lissabon bis Moskau von Wipfel zu Wipfel schwingen können, ohne den Boden zu berühren“, sagt der englische Wissenschaftler Neil Roberts. Wälder, so dicht, dass man darin kaum die Hand vor Augen sehen konnte, dominierten die europäische Landmasse. Es war der Wald der Brüder Grimm, in dem sich kleine Kinder verirrten, menschenfressende Hexen versteckten und tödliche Wölfe hinter den Stämmen lauerten. Er war unheimlich. Überwältigend. Beängstigend. Bis heute herrscht eine tief verwurzelte Furcht vor Wäldern. Wer würde schon freiwillig nachts allein in einen Forst hineinlaufen? Mittlerweile jedoch hat der Mensch den Wald das Fürchten gelehrt: Nur noch ein Drittel der einstigen Waldflächen Deutschlands sind vorhanden. In Europa, aber auch weltweit, sind die Wälder nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) um mehr als die Hälfte geschrumpft.

Für den Schwund der Zukunft sorgen derzeit übermannshohe Maschinen in den Dschungeln Südamerikas, Asiens und Afrikas. Besorgt schaut die Welt zu; der WWF beklagt, die Rodungen rund um den Globus hätten in der Corona-Krise um bis zu 150 Prozent zugenommen. Am meisten seien Indonesien, Brasilien und der Kongo betroffen. Jährlich verschwinden im Durchschnitt mindestens 14 Millionen Hektar Wald, besonders in den Tropen.

Wann ist ein Wald ein Wald?

Die Vereinten Nationen definieren eine Fläche ab einem halben Hektar als Wald, wenn sie zu mindestens zehn Prozent von Bäumen bestanden ist, die drei bis sieben Meter hoch wachsen. Bereits in einem solchen sehr lichten Wald bildeten sich Ansätze eines Waldbinnenklimas heraus, das von ausgeglicheneren Temperaturen, geringerer Lichtintensität und höherer Luftfeuchtigkeit geprägt ist als das Offenland. In dem Moment, in dem der Wald genutzt und verändert wird, gilt er als Forst.

Wald in Europa: Durch Rodungen ist die Fläche um mehr als die Hälfte geschrumpft

Doch was heute auf anderen Kontinenten passiert, war im Europa der Vergangenheit gang und gäbe. Hätte es den Buchdruck vor 1450 schon gegeben – was hätten wohl damals die Zeitungen geschrieben? Vielleicht: „Küstenwälder weichen Protz-Palazzi in Venedig“ oder: „Deutsche Eichen fallen, englische Flotte wächst.“ Der Wald verschwand damals nicht für den Anbau von Soja oder die Gewinnung von Grillkohle, aber er verschwand. Sein Schicksal war eng verbunden mit der Geschichte des Sesshaftwerdens des Menschen.

Die Ursprünge des Kahlschlags liegen in den Ursprüngen der menschlichen Zivilisation. So berichtet etwa der Buchautor John Vaillant vom Beginn der Abholzung um 3000 vor Christus in der Wiege dieser Zivilisation, dem heutigen Irak. Von dort breiteten sich Siedlungen und Rodungen gen Westen aus. „Immer schneller – zunächst nach Kleinasien und Europa, erreichten sie später Amerika, wo das Tempo massiv anzog“, schreibt Vaillant in „Am Ende der Wildnis“. Landschaften, die wir heute für selbstverständlich halten, entlarvt der Journalist als menschengemacht. Die libanesische Flagge, die bis heute eine Zeder trägt, sei Zeugnis dessen, dass einst ein Großteil der dortigen Wüste dicht bewaldet war. Die weißen Kalksteinhügel Italiens und Griechenlands, die sich im Urlaub pittoresk gegen das Blau des Mittelmeers abheben, waren einst verborgen unter Mutterboden, gehalten von Zedern- und Eichenwäldern. Auch die Weide-Idyllen Europas, Amerikas und Neuseelands sind die Folgen des Kahlschlags, von Menschenhand gemacht, wenn auch in unterschiedlichen Jahrhunderten.

Nicht nur in Brasilien: Europa hat schon vor Jahrhunderten Wälder gerodet

Zurück nach Europa: Holz, sprich Bäume, standen nicht nur im Weg und mussten dem Hausbau, Ackerbau und der Viehzucht weichen. Schon immer war es auch wichtiger Baustoff: Nach Angaben der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) kannte man vor dem 14. Jahrhundert im mittel- und norddeutschen Raum keinen anderen. Auch war Holz begehrter Brennstoff, nicht nur für die Feuerstellen in den Küchen und Stuben, sondern für die Industrie des Mittelalters: Bergwerke, Glashütten und Salinen. Zum Schmelzen und Sieden verbrauchten sie Unmengen an Holz. Vaillant schreibt: „Bis vor 150 Jahren waren bestimmte Wälder so wertvoll wie heutzutage ein Ölfeld oder eine Uranmine. Die Briten lechzten nach qualitativ hochwertigen Hölzern für ihre mächtige Schiffsflotte und damit dem Ausbau ihres weltweiten Emporiums. In einem Gebiet gerade gewachsener, robuster Pinien sah das Seefahrervolk exquisite Schiffsmasten.“ Die Suche nach dem begehrten Material sei es gewesen, die mit zur Entdeckung neuer Kontinente führte.

Tag des Baumes

Der internationale Tag des Baumes geht auf Aktivitäten des US-Politikers Julius Sterling Morton zurück. 1872 beantragte er bei der Regierung von Nebraska die „Arbor Day Resolution“, die binnen 20 Jahren in allen US-Bundesstaaten angenommen wurde.

In Deutschland wurde der „Tag des Baumes“ erstmals am 25. April 1952 begangen. Er soll die Bedeutung des Waldes sowohl für den Menschen als auch die Wirtschaft im Bewusstsein halten.

Hätte man vor 300 Jahren in Nordamerika eine Drohne aufsteigen lassen, die Bilder hätten dichten, ununterbrochenen Wald gezeigt, vergleichbar mit dem Europa des Mittelalters oder dem heutigen Amazonas. „Ein Teppich“, schreibt Vaillant, „der sich vom Atlantik bis zum Pazifik, vom Golf von Mexiko bis zum Golf von Alaska erstreckte.“ Das war zu einer Zeit, als Europa das Holz schon fast ausgegangen, der Kontinent kahl war.

„Das Klimaproblem wäre geringer, wenn wir in Europa mehr Wälder erhalten hätten“

Was wäre wenn? Was wäre, wenn das Eichhörnchen bei uns noch heute ohne Bodenkontakt vorankäme? Wäre der Klimawandel in unseren Breitengraden dann anders verlaufen? Sandra Hieke von Greenpeace ist sich sicher: „Ja, das Klimaproblem wäre geringer, wenn wir in Europa mehr Wälder erhalten hätten.“ Der schwedische Forscher Gustav Strandberg unterstützt diese Aussage. „Durch die massive Abholzung in Europa in den vergangenen Jahrtausenden ist die Temperatur um rund 0,5 Grad gestiegen, je nach Region und Jahreszeit.“ Er benennt zwei Effekte des Rodens: Zum einen werde CO2 freigesetzt, was zu einer Klimaerwärmung führe. Allerdings wirke sich eine Rodung nicht auf das lokale, sondern auf das globale Klima aus. Strandberg: „Ohne die Entwaldung Europas wäre der globale Temperaturanstieg etwas geringer ausgefallen – auch wenn die Geschehnisse im Amazonas weit größere Auswirkungen haben.“

Die zweite Folge der Entwaldung dagegen habe das lokale Klima sehr wohl beeinflusst. Dahinter steckt unter anderem der sogenannte Albedo-Effekt, von dem auch Christoph Thies von Greenpeace spricht: „Das Problem“, sagt Thies „ist, dass wir seit der Wiederaufforstung sehr viele Nadelbäume in Monokultur auf Flächen haben, auf denen normalerweise Laubbäume stünden.“ Der Biochemiker fährt fort: „Da Nadelbäume dunkler sind, absorbieren sie das Sonnenlicht stärker, und damit ist die Luft über diesen Wäldern wärmer als über Laubwäldern.“ Den Albedo-Effekt kann man sich wie bei einem schwarzen T-Shirt vorstellen, das Licht stark absorbiert und damit wärmer hält als ein weißes, das Licht vor allem reflektiert.

Thies weist darauf hin, dass die verbliebenen 50 Prozent der einstigen Waldfläche Deutschlands heute vor allem zu „Nadelholzäckern“ verkommen seien – ein Umstand, den auch der Baumexperte Conrad Amber kritisiert: „Als vor rund 300 Jahren Erdöl als Heizmittel entdeckt wurde, wurden viele Waldflächen zwar wiederbewaldet, allerdings in Monokultur und mit Fichten und Kiefern.“ Thies bemängelt, dass Europa mit Abstand die intensivste Forstwirtschaft der Erde betreibe. Das bedeute, es werde sehr viel Holz geerntet – weit mehr, als für das Ökosystem gut sei. „Noch nicht mal in den USA und in China wird so viel Wald geschlagen wie bei uns.“

Greenpeace-Experte: In Europa wird mehr Wald geschlagen als in den USA oder China

Aus ökologischer Sicht hinterlässt das Spuren, und so wird Kim Naudts, Forscherin am Max Planck Institut für Meteorologie, im „Deutschlandfunk“ mit den Worten zitiert: „Wir stellten fest, dass es den europäischen Wäldern seit 1750 nicht gelungen ist, mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufzunehmen, als sie selbst freisetzen. Und das liegt am Waldmanagement, also am Einschlag von Holz.“ Einer Greenpeace-Studie zufolge könnte man in Deutschland in den kommenden Jahren doppelt so viel CO2 wie bisher binden, nämlich rund 242 Millionen Tonnen jährlich. Voraussetzung hierfür sei, dass die Forstwirtschaft umweltschonender agiere, etwa ein Drittel weniger Holz geschlagen werde.

Pflanzen statt Roden

Wälder auf einer Fläche so groß wie die USA zu pflanzen, wäre die effektivste Maßnahme gegen den Klimawandel. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Technischen Hochschule Zürich. Demnach gebe es weltweit genügend Regionen, die nicht vom Menschen genutzt würden.

Frauen machen es vor: Die Inderin Saalumarada Thimmakka (90) hat im Laufe ihres Lebens 8000 Bäume gepflanzt. Für ihr Lebenswerk erhielt sie den Padma Shri, eine Auszeichnung der Regierung. Marianna Muntianu, die Leiterin des „Russian Climate Fund“, will in Russland bis 2030 eine Milliarde Bäume pflanzen. Zusammen mit Freiwilligen hatte sie in diesem Rahmen das Äquivalent von 1.350 Fußballfeldern in 24 russischen Regionen aufgeforstet.

Großbritannien hat sich verpflichtet, bis 2022 eine Million Bäume in den Städten der Nation zu pflanzen. Was den Anteil seiner Waldflächen angeht, steht England nach Greenpeace-Angaben bislang schlechter da als Deutschland. Die neuseeländische Regierung unter Premierministerin Jacinda Ardern will bis 2028 eine Milliarde Bäume pflanzen lassen. 70 Prozent der Wälder wurden seit der Ankunft der Maori (1250-1300) und der Europäer (1840) gerodet.

Thies fragt: „Müssen wir wirklich Bäume fällen für Elektroautos, Autobahnen, Windräder oder gar Kohlekraft?“ Er verweist dabei auf die jüngsten Ereignisse in Grünheide bei Berlin sowie im Dannenröder und im Hambacher Forst. Sowohl der Umweltexperte als auch der WWF und viele Forschende plädieren außerdem dafür, weniger auf Monokulturen aus Fichten, Kiefern und Douglasien zu setzen und mehr auf Mischwälder mit hohem Laubbaumanteil. Würde der Mensch nicht eingreifen, wäre übrigens die Buche der am weitesten verbreitete Baum Deutschlands.

Und was Brasilien und die anderen Kahlschlag-Regionen der Erde betrifft, hat Thies seine ganz eigene Meinung dazu: „Früher haben wir selbst gerodet, jetzt lassen wir roden. Wir sind durchaus mitverantwortlich für das, was in diesen Ländern passiert – mit jedem Stück Fleisch aus Massentierhaltung, das wir essen, jedem Sack Grillkohle, den wir kaufen, und jedem Billigmöbel, das in unserer Wohnung steht.“

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