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„Die Arbeitszufriedenheit ist sehr hoch“

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Von: Anne Lemhöfer

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Linienzeichnung auf grünem Hintergrund. Zu sehen ist der Umriss eines Vaters, der ein Kind im Arm hält.
Viele Eltern brauchen Hilfe bei der Pflege ihrer kranken Kinder. Doch die Unterstützung ist knapp. © iStock / Bearbeitung: Saskia Buchen

Ingrid Wiedmayer und Martina Volk kümmern sich im Aschaffenburger Pflegedienst „Wichtelteam“ um schwerkranke Kinder, die zu Hause versorgt werden. Wie geht es ihnen in dem Beruf?

Frau Wiedmayer, Frau Volk, Sie beide sind ausgebildete Kinderkrankenschwestern und pflegen schwer kranke Jungen und Mädchen. Sie erleben dabei Familien, die in Krisen stecken, und sind auch mit viel Leid konfrontiert. Ist das nicht ein sehr schwieriger Beruf, den Sie sich ausgesucht haben?

Ingrid Wiedmayer: Es ist in erster Linie ein wunderbarer Beruf. So einen intensiven Kontakt zu den Kindern und ihren Familien gibt es im Krankenhaus nicht. Ich möchte nichts anderes mehr machen. Wir hetzen nicht von Zimmer zu Zimmer wie in einer Klinik, sondern haben immer nur ein Kind pro Schicht. Man gehört irgendwann ein bisschen zur Familie. Da entstehen tiefe Verbindungen.

Martina Volk: Das geht mir genauso. Ich wusste schon ganz früh, dass ich Kinderkrankenschwester werden möchte. Es ist schade, dass es diese spezialisierte Ausbildung nicht mehr gibt. Ja, manche Situationen sind emotional schwierig und traurig, das stimmt. Die meisten Kinder, denen wir begegnen, sind lebensverkürzt erkrankt. Supervisionen gehören deshalb in unserem Beruf dazu. Man kommt auch immer wieder an seine Grenzen.

Frau Wiedmayer, Sie haben das „Wichtelteam“ vor 15 Jahren gegründet. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Ingrid Wiedmayer: Wir sind heute mit viel mehr Technik konfrontiert als in meinen Anfangsjahren. Es werden viel mehr Kinder von ihren Eltern zu Hause gepflegt, das war früher undenkbar. Vor gar nicht so langer Zeit musste eine Beatmung immer in der Klinik stattfinden. Heute werden die Eltern in der Klinik geschult, und können die Geräte dann zu Hause selbst bedienen. Natürlich brauchen sie Unterstützen. Aber Eltern sind immer die Experten für ihr Kind.

Ingrid Wiedmayer (49) ist seit 1993 als examinierte Kinderkrankenschwester tätig, seit 2000 als Fachkinderkrankenschwester und leitende Pflegefachkraft in der ambulanten Pflege
Ingrid Wiedmayer (49) ist seit 1993 als examinierte Kinderkrankenschwester tätig, seit 2000 als Fachkinderkrankenschwester und leitende Pflegefachkraft in der ambulanten Pflege © Wichtelteam

Die Anforderungen werden also spezieller, die Ausbildung dagegen mehr in Richtung Pflege allgemein. Warum ist das ein Problem?

Martina Volk: Es ist etwas ganz anderes, mit einem Kind zu arbeiten als mit einem Erwachsenen. Bei einem Säugling eine Sonde zu legen, ist nicht leicht. Viele Menschen haben davor erst einmal einen Riesenrespekt. Wir pflegen recht viele ehemalige Frühchen. Die Ernährung ist natürlich bei kleinen Kindern auch ganz anders als bei älteren Menschen. Bei uns arbeiten viele ausgebildete Altenpflegerinnen- und pfleger. Für sie ist erst einmal eine Umstellung.

Ingrid Wiedmayer: Wir haben aber auch ganz tolle Mitarbeiterinnen, die in der Altenpflege gelernt haben, so ist es nicht. Was ein bisschen schade ist: Azubis in der Pflege wechseln oft, eben weil ihre Ausbildung generalisiert ist und viele Bereiche umfasst. Sie machen dann nur ein paar Monate Station bei uns.

Martina Volk (46) arbeitet beim Pflegedienst Wichtelteam als Bereichs- leiterin für Gegenden in Baden-Württhemberg und Bayern. Sie ist ausgebildete Kinderkrankenschwester und hat eine Zusatzausbildung in ambulanter Intensivpflege absolviert.
Martina Volk (46) arbeitet beim Pflegedienst Wichtelteam als Bereichs- leiterin für Gegenden in Baden-Württhemberg und Bayern. Sie ist ausgebildete Kinderkrankenschwester und hat eine Zusatzausbildung in ambulanter Intensivpflege absolviert. © Wichtelteam

Was schätzen die Menschen, die bei Ihnen arbeiten, an ihrer Tätigkeit?

Ingrid Wiedmayer: Die Arbeitszufriedenheit ist sehr hoch. Das hat auch damit zu tun, dass wir wirklich alle Teilzeitmodelle anbieten können und sehr individuelle Lösungen finden, was zum Beispiel für Mitarbeiterinnen mit Kindern sehr interessant ist. Auch die Familien, mit denen wir arbeiten, sind meistens bereit, sich so zu organisieren, dass es passt. Da ist ganz viel möglich. So viel Flexibilität gibt es in einem Krankenhaus oder einer anderen großen Einrichtung nicht.

Wie viele Familien betreut das „Wichtelteam“ zur Zeit?

Ingrid Wiedmayer: Im Moment sind es etwa 50 Familien. Die meisten von ihnen haben etwa drei Bezugspersonen bei uns. Wir könnten locker die doppelte Anzahl versorgen. Der Bedarf ist da. Wir beschäftigen 260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, fast alle auf Teilzeitstellen. Die meisten arbeiten schon lange bei uns. Die Fluktuation ist gering.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Ingrid Wiedmayer: Bei vielen neuen Regelungen in der Pflege werden Kinder gar nicht bedacht. Es gibt keine Lobby für die Pflege, und erst recht keine für die Pflege von schwerkranken Kindern. Es ist gut, dass jetzt ein Tarifvertrag für private Anbieter in der Pflege auf den Weg gebracht wurde. Die Arbeit in der Pflege müsste viel besser bezahlt werden. Ich glaube, dann würden sich noch mehr junge Menschen dafür entscheiden. Denn es ist wirklich ein schöner Beruf.

Interview: Anne Lemhöfer

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